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24. 01. 2002

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Diese Kultur beginnt im Elternhaus"

DIHK-Präsident nimmt die Eltern beim Lernen mehr in die Pflicht

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Ludwig Georg Braun

Forum Bildung: Die PISA-Studie bescheinigt den deutschen Schulen im internationalen Vergleich nur Mittelmaß. Vertreter der Wirtschaft klagen ja schon länger über die "mangelnde Ausbildungsreife" von Schulabgängern. So überraschend kann PISA also eigentlich nicht gewesen sein?

Braun: Tatsächlich haben die PISA-Ergebnisse niemand auf Seiten der Wirtschaft überrascht. Viele Ausbildungsbetriebe müssen seit Jahren feststellen, wie wenig unsere Schulabgänger die einfachsten Kulturtechniken im Lesen, Schreiben und Rechnen beherrschen. Überraschend war für mich aber, dass das schlechte Abschneiden der deutschen Schüler beim OECD-Vergleichstest so erschreckend deutlich ausgefallen ist. Das hätten selbst die ärgsten Pessimisten nicht geglaubt. Ein großer Teil der Jugendlichen erreicht nicht einmal die Mindestanforderungen, die bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz erforderlich sind. Die Chance, am beruflichen und gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, wird ihnen so verbaut.

Forum Bildung: Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) forderte nach Veröffentlichung der Empfehlungen des Forum Bildung mehr Ausgaben für Bildung. Wie sollen höhere Bildungsausgaben finanziert werden?

Braun: Investitionen des Staates in die Bildung zählen zu den besten Investitionen, die mit Steuergeldern zu tätigen sind. Die Prioritäten für staatliche Ausgaben müssen im Hinblick auf ihre volkswirtschaftliche Rentabilität neu bestimmt werden. Es gilt, bei den konsumtiven Ausgaben stärker zu sparen. Andere Länder können das schon seit langem. Im internationalen Vergleich erreicht Deutschland nicht einmal den OECD-Mittelwert der Bildungsausgaben. Die vor einiger Zeit bekannt gewordene Idee der Länderfinanzminister, angesichts künftig sinkender Schülerzahlen an den Bildungsetats zu sparen, gehört endgültig vom Tisch.

Forum Bildung: Eltern sollen sich in Schule und Erziehung mehr einbringen. Was können diese tun?

Braun: Für mich haben die PISA-Ergebnisse eines besonders deutlich gemacht: Wir brauchen in Deutschland eine Lernkultur, einen neue Kultur, die Leistungsbereitschaft fördert und zu Selbständigkeit erzieht. Diese Kultur beginnt im Elternhaus. Eltern müssen ihren Kindern durch eigenes Vorbild und Beispiel vermitteln, dass es Spaß macht zu lernen. Sie müssen täglich vorleben, dass Neugier und Fleiß Tugenden sind, die ein ganzes Leben bereichern können. Und wenn die Kinder dann später in die Schule kommen, müssen die Eltern sie beim Lernen begleiten, sie aufmuntern und neu begeistern. Viel zu häufig wird die Schule als Reparaturbetrieb verstanden, in den die eigenen Kinder nach misslungener Erziehung zur Besserung abgeschoben werden.

Forum Bildung: Welche Chancen bietet der Föderalismus für die Bildungsreform?

Braun: Die Kulturhoheit der Länder ist Kernstück ihrer Eigenstaatlichkeit. Der Bildungsföderalismus ist für mich ein besonderer Motor des Wettbewerbs für neue Ideen in der Schul- und Hochschulpolitik und verhindert, dass in allen Bundesländern gleich schlechte Schulpolitik betrieben würde. Der zweite Teil der PISA-Studie wird dies belegen. Insofern bietet unser föderales System Chancen für eine bessere Bildungspolitik. Es stellt sich jedoch für mich die Frage, ob die Bildungsbürokratie nicht eine der vielen Ursachen des nationalen Debakels ist, das uns PISA aufzeigt. Es sollte keine Tabus geben, wenn man verkrustete Strukturen des föderalen Systems aufbrechen will, um für mehr Vielfalt - eben föderale Vielfalt und Wettbewerb im Schulwesen zu sorgen.

Forum Bildung: Wirtschaftsunternehmen engagieren sich ja immer mehr an Schulen - durch Business-Wettbewerbe und Sponsoring. Inwiefern können "Public Private Partnerships" Modelle für die Zukunft sein?

Braun: Man kann den Staat, die Länder und Gemeinden, nicht aus ihrer Verantwortung für unsere Schulen entlassen. Aber in vielen Fällen ist es sehr hilfreich und innovationsfördernd, wenn mit Hilfe der Wirtschaft vor Ort neue Lehr- und Lernmodelle entstehen, wenn Schulen in die Lage versetzt werden, neue Unterrichtsmedien zu nutzen - und vor allem: wenn Schüler und Lehrer durch Praktika und Unternehmensbesuche den betrieblichen Alltag kennen lernen. Überall in den Regionen und Städten gibt es produktive Kreise der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Schulen; die Industrie- und Handelskammern vor Ort sind aktiv beteiligt. Projekte der Zusammenarbeit zwischen Schulen und Wirtschaftsunternehmen sind Modelle für die Zukunft, - die Vielzahl der Initiativen zeigt, dass hier die Zukunft schon begonnen hat.

Forum Bildung: DIHK und BDA haben an den Empfehlungen des Forum Bildung mitgearbeitet. Ist das eine Form, wie sich die Wirtschaft in die Bildungspolitik einbringen kann?

Braun: Als sich 1999 das Forum Bildung konstituierte, waren Vertreter unserer Organisationen sofort bereit mitzuarbeiten. Sowohl als ständige Mitglieder wie auch als Experten in den einzelnen Arbeitsgruppen des Forums waren Wirtschaftsvertreter mit dabei. Auf diese Weise die Wirtschaft in die Bildungspolitik einzubinden, war eine gute Idee, die auch in anderen Bereichen Schule machen sollte.

Forum Bildung: Die Empfehlungen für eine Bildungsreform liegen nun vor. Jetzt geht es um die Umsetzung. Bestimmte Forderungen sind auch an die Sozialpartner adressiert: Zum Beispiel die berufliche Chancengleichheit von Frauen, Neue Medien in der Schule und die Weiterbildung. Wie wollen Sie das umsetzen?

Braun: Der mit den Empfehlungen des Forums erreichte bildungspolitische Standard darf nicht mehr aufgegeben werden. Die deutsche Wirtschaft hat sich den Empfehlungen des Forums in einer gemeinsamen Stellungnahme ihrer Spitzenverbände weitgehend angeschlossen. Dies gilt insbesondere auch für die frühe und individuelle Förderung, für die Qualitätssicherung der Bildungsangebote und für den Grundsatz des Lebenslangen Lernens. Und auch für die von Ihnen genannten Bereiche. Gemeinsam mit allen in der Bildungspolitik Verantwortlichen werden wir neue Wege finden müssen, die Empfehlungen konkret umzusetzen. Die Ergebnisse von PISA haben den notwendigen Druck erzeugt, neue Bündnisse einzugehen. Wir stellen uns als Partner zu Verfügung. Deutschlands Unternehmen sind sich bewusst, dass Investitionen in den Bildungsstandort gleichzeitig Investitionen für den Wirtschaftsstandort Deutschland sind.

Forum Bildung: Die Umsetzung soll Ihrer Meinung nach durch eine neutrale Stelle begleitet werden. Was sollte bei einer solchen Begleitung beachtet werden?

Braun: Es gibt aus unserer Sicht noch keine Festlegung auf eine bestimmte Institution. Wichtig ist nur, dass in Zukunft eine unabhängige Instanz - z.B. ein Forschungsinstitut - existiert, die regelmäßig die Fortschritte bei der Umsetzung der Empfehlungen des Forums überprüft. Bund und Länder sollten hier eine geeignete Einrichtung finden. Mir haben die Ergebnisse von PISA gezeigt, wie wichtig es ist, kritisch und ohne Rücksicht auf Parteilichkeiten zu evaluieren. Beachtet werden muss unbedingt, dass die regelmäßigen Berichte nicht in den Schubladen der Bürokratie liegen bleiben


 

Autor(in): Udo Löffler
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Datum: 24.01.2002
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