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31. 01. 2002

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Lebenslanges Lernen ist die Realität"

Sportmoderator Ulli Potofski im Interview

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Uli Potofski

Forum Bildung: Die Schulleistungsstudie PISA stellt den deutschen Schülern ein schlechtes Zeugnis aus. Im Fußball sind die ehemaligen Weltmeister auch nur noch Mittelmaß. Was ist los in Deutschland?

Potofski: Viele Eltern machen es ihren Kindern zu einfach. Sie nehmen ihnen alles ab und überschütten sie mit den Wohlstandsattributen. Viele Kinder werden nicht mehr dazu animiert, kreativ zu sein. Das sieht man schon daran, dass kaum noch Kinder Musikinstrumente lernen. Das ist eine Katastrophe für dieses Land und das gilt natürlich genauso für den Fußball: Kinder spielen immer weniger Fußball. Als ich sechs oder sieben war, gab es nichts anderes außer einem Ball. In dieser Zeit haben wir auch die meisten guten Fußballer hervorgebracht. Und das lässt sich wahrscheinlich auch auf alle anderen Bereiche übertragen.

Forum Bildung: Sie kennen sich in der Welt des Fußballs sehr gut aus. Fußballspieler machen allgemein nicht den Eindruck berufliche Qualifikationen aufweisen zu können für das Leben nach ihrer Karriere.

Potofski: Die meisten Profis heute glauben ja, dass sie nach ihrer Karriere irgend etwas mit Fußball machen können. Das ist ein Irrglaube, denn diese Chance haben nur wenige. Schalke zum Beispiel gibt sich Mühe, ehemalige Spieler, die gut sind, auch unterzubringen - so wie Olaf Thon oder Andreas Müller. Es gibt ja auch viele Berufsgruppen im Umfeld eines Fußballvereins - Marketing, Öffentlichkeitsarbeit etc.. Die schnuppern dann erst mal in die einzelnen Bereiche hinein, um zu schauen, was das Richtige für sie ist. Oder machen schon während ihrer aktiven Karriere ein Fernstudium. Das sind aber die Ausnahmen, nämlich die, die eine Aufgabe für danach suchen. Die meisten machen sich da keine Gedanken, denn eigentlich muss man heute als Profi nach zehn Jahren im Geschäft nicht mehr arbeiten, wenn man sich nicht ganz blöd anstellt.

Forum Bildung: Sie haben eine Ausbildung zum Koch gemacht. Heute sind Sie Sportmoderator. Wie kamen Sie denn vom Herd zum Mikrofon?

Potofski: Ich habe schon während meiner Ausbildung gespürt, dass das nichts für mich war. Ich wollte Radiomoderator werden. Die einzige Chance 1969 war - außer den öffentlich-rechtlichen Anstalten - ein "kleiner" Sender namens RTL in Luxemburg, den man in Nordrhein-Westfalen über Mittel- oder Kurzwelle empfangen konnte. Ich habe dort so oft angerufen, bis ich den Programmdirektor dran hatte. Das war damals Frank Elstner. Er lud mich zum Bewerbungsgespräch ein und "warf mich sofort ins kalte Wasser": Ich musste unvorbereitet Interviews führen, Leute während eines fiktiven Staus unterhalten und Nachrichten vorlesen. Aber ab diesem Tag war ich Radiomoderator.

Forum Bildung: Dann hat Frank Elstner offensichtlich ein gutes Händchen gehabt. Heute bräuchten Sie wahrscheinlich Hochschulabschluss, Arbeitsproben und Praktikazeugnisse.

Potofski: Richtig. Ich selbst war ja später als Sportchef von RTL in der seltsamen Situation, dass sich Leute sich bei mir beworben haben. Ich habe die Zeugnisse aber nur überflogen und lieber das Gespräch gesucht: Was bringen die Bewerber mit an Wissen, Begeisterung und Vorwissen. Aufgrund meiner eigenen Biographie habe ich wohl dazu tendiert, Quereinsteigern eher eine Chance gegeben.

Forum Bildung: Schulwissen scheint für Ihre Karriere keinen Ausschlag gegeben zu haben. War Schule trotzdem wichtig für Sie?

Potofski: Die Schulzeit war natürlich sehr wichtig. Man darf aber in meinem Fall nicht vergessen, dass ich aus einer Bergarbeiterfamilie aus Gelsenkirchen stamme. Die Kinder in dieser Gegend waren alle Arbeiterkinder im klassischen Sinne, von denen keines ein Gymnasium besucht hat. Trotzdem war mir immer klar, dass man sich in der Schule engagieren muss. Und so habe ich in der Theatergruppe und bei der Arbeitsgemeinschaft Politische Bildung mitgemacht. Eines ist mir aus der Schulzeit auf jeden Fall geblieben: Die Suche nach den Sachen, die meinen Interessen und Fähigkeiten entsprechen. Ich habe zu dieser Zeit schon mit dem Mikrofon eigene kleine Sendungen für mich gemacht und Leute auf der Straße interviewt. Auch das war eine Form der Bildung, aber das war mir natürlich damals nicht bewusst.

Forum Bildung: Lebenslanges Lernen ist heute ein populäres Schlagwort. Sie selbst sind ja nicht nur Sportmoderator, sondern sind vom Radio zum Fernsehen gewechselt, waren Sportchef bei RTL und haben jetzt neben ihrer Tätigkeit für diesen Sender eine eigene Produktionsfirma.

Potofski: Lebenslanges Lernen ist nicht nur ein Schlagwort, sondern die Realität. Ich merke das zum Beispiel an der Technik: Als ich 1984 anfing Fernsehen zu machen, gab es eine relativ simple Technik, die man nach einer dreitägigen Schulung relativ gut beherrschen konnte. Heute gibt es fast nur noch Computerschnittsysteme, die nichts mit den Schnittplätzen von damals gemein haben. Um diese Geräte zu verstehen, muss man sich permanent aus- und weiterbilden. Ich habe mich nie schulisch weitergebildet, sondern immer in der Praxis. Natürlich hatte ich auch das Glück, Leute zu kennen, bei denen man über die Schulter schauen konnte.

Forum Bildung: Arbeitgeber fordern heute gern den flexiblen und ortsungebundenen Angestellten - den modernen Nomaden. In einem Fragebogen haben Sie mal in der Rubrik "Was ist wichtig für Sie" das Wort "Heimat" angegeben. Das würde in einem Bewerbungsschreiben aber gar nicht gut aussehen...

Potofski: Heimat hat für mich nichts mit dem Ort zu tun, sondern mit Menschen, der Aufgabe und dem Wohlfühlen. Ich habe in 30 Berufsjahren in Luxemburg, Italien, der Schweiz und Holland gelebt und diese Orte waren während meines Aufenthalts auch meine Heimat. Ich würde auch heute noch bei einer entsprechenden Aufgabe nach Hamburg, Berlin oder Nürnberg gehen. Flexibilität ist die Voraussetzung um weiterzukommen.

Forum Bildung: Das hört sich jetzt alles sehr locker und leicht an. Hatten Sie nicht auch mal schwierige berufliche Entscheidungen zu treffen?

Potofski: Sicher. Ich hatte beim WDR bereits meinen Traumjob gefunden: Hörfunksportreporter. Das war genau das, was ich immer schon am allerliebsten machen wollte. Und 1984 kam das Angebot: Willst du Fernsehen machen? Das war eine unglaubliche Herausforderung, weil die damals nur zwei Wellblechhütten bei RTL hatten. Ich habe aber gespürt, dass da etwas Neues im Begriff war zu entstehen und alle enthusiastisch dabei waren. Da habe ich nicht lange überlegt.


 

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 31.01.2002
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