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07. 02. 2002

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Lieber Herr Fischer, ich muss dir was erzählen..."

Erfinder des Dübels beklagt Bildungsklima in Deutschland

Bild

Artur Fischer

Forum Bildung: Als Erfinder und Unternehmer kümmern Sie sich auch um den Nachwuchs, indem Sie Erfinderwettbewerbe ins Leben gerufen haben. Mit der Bildung in Deutschland steht es ja nicht zum Besten. Woran liegt das?

Fischer: Wir haben aber nicht nur eine schlechte Bildung, sondern vor allem ein schlechtes Bildungsklima - und das ist das Entscheidende. Es fehlt der Wille und die Freude an Bildung teilzunehmen. Ich sehe aber nicht nur Probleme, sondern auch die Möglichkeit das zu ändern. Allerdings sollte man dann auch wissen, wie und was man angeht.

Forum Bildung: Wie ist denn das Bildungsklima konkret?

Fischer: Es gib zu wenig Motivation und Engagement. Die Aufgabe von Lehrern und Erziehern besteht ja nicht nur darin, Wissen zu vermitteln, sondern dem Menschen, dem etwas vermittelt werden soll, Freude zu bereiten. Die Kinder sollen verstehen, dass sie nicht für den Lehrer lernen, sondern tatsächlich für das Leben.

Forum Bildung: Über die Schulformen - ob Ganztagesschule oder Gesamtschule - wird auch gestritten. Gehört das auch zum schlechten Bildungsklima?

Fischer: In einem Fall bin ich ganz sicher: Nicht der Schultyp ist entscheidend, sondern der Inhalt. Nicht die Ganztagesschule, sondern die Lehrer gestalten den Unterricht. Aber ich denke, es gehört zu allem ein wenig Idealismus. Und dieser Idealismus hat gehörig gelitten. Falsch ist es, eine Gleichmacherei zu betreiben. Zwar bin ich dafür, dass alle die gleichen Chancen haben, aber ich bin auch dafür, dass die Besten einer Klasse besonders gefördert werden.

Forum Bildung: Sie hatten einen Lehrer in der Volksschule, dem Sie heute noch sehr dankbar sind. Warum?

Fischer: Ja. Mein Rektor unterstützte mich nicht nur in der Schule, sondern auch nachmittags konnte ich seine Werkbank benützen und er stand mir mit Rat und Tat zur Seite. Die Eigenmotivation braucht eben in der Kindheit auch einen Anstoß. Das beste Getriebe bringt nichts, wenn es nicht in Schwung kommt.

Forum Bildung: Sie haben mal geschrieben, Kreativität sei zu ihrer Zeit aus der Not geboren worden, weil sie einfach nicht viel Spielzeug hatten. Ist das ein wehmütiger Blick zurück, wenn sie heute die Kinder mit Gameboys und Playstations sehen?

Fischer: Wir hatten damals nur sehr primitives Spielzeug, aber damit machten wir wichtige Erfahrungen, die heute Kinder kaum noch machen. Ob ich damals ein Wasserrad am Bach gebaut habe oder ein Flugzeug, das nicht flog. Aber in diesem Fall wusste ich wenigstens, dass es so nicht funktioniert. Ich sage auch gar nicht, dass wir uns an dieser Zeit orientieren sollten, aber es würde schon helfen, wenn Eltern darauf bedacht wären, Kindern ein Spielzeug zu geben, das ihre Kreativität fördert. An den Kindern haben wir schließlich die größte Aufgabe, die es für uns überhaupt gibt.

Forum Bildung: Dass Ihr Baukasten "fischertechnik" für kleine Bastler gemacht ist, daran besteht kein Zweifel. Wie beurteilen Sie denn die neue Spielzeuggeneration der Gameboys und Roboter?

Fischer: Ich will kein Spielzeug negativ beurteilen, aber wenn ich von Kreativität spreche, geht es ums Machen. Es geht um Veränderungen: Aus Bausteinen mache ich eine Figur oder eine Maschine. Dieses Spielzeug führt das Kind nicht in eine bestimmte Richtung, sondern es kann selbst steuern und bestimmen. Man muss Kindern die Möglichkeit geben sich in alle Richtungen zu entwickeln und nicht in eine Bahn zu zwingen. Der Aufforderungscharakter für ein Spielzeug ist das Allerwichtigste. Sicher haben auch diese modernen Spielzeuge irgendeinen Nutzen, aber im Allgemeinen fehlt ihnen der Aufforderungscharakter, selbst etwas zu gestalten.

Forum Bildung: "fischertechnik" ist als anspruchsvolles Spielzeug sehr bekannt, war aber ökonomisch gesehen noch nie ein Verkaufsschlager. Glauben Sie noch an den großen Durchbruch?

Fischer: Nach der Zeit der Spielecomputer und Fertigmodelle zeichnet sich erfreulicherweise wieder ein Trend zum Selbermachen ab, der bei "fischertechnik" deutlich spürbar ist. Wir haben an diesem Kasten bislang nicht eine Mark verdient und jedes Jahr kräftig draufgelegt. Aber ich hab mir gesagt, warum soll ich mir nicht ein Spielzeug leisten, an dessen Entwicklung ich selber Freude habe. Schließlich erwirtschaften die anderen Unternehmensbereiche Gewinne.

Forum Bildung: Müssen sich Wirtschaftsunternehmen im Sinne einer gesellschaftlichen Verantwortung für die Schule engagieren?

Fischer: Aber selbstverständlich. Zum Vorteil der Schüler, aber auch im eigenen Interesse. Wir haben zum Beispiel einen Schulbaukasten zusammen mit Pädagogen für den Technikunterricht entwickelt. In diesen Baukasten haben wir sehr viel Geld investiert, aber der Erfolg an den Schulen war nicht berauschend. Das lag zum großen Teil daran, dass die Lehrer sich gar nicht erst mit den sehr vielfältigen Möglichkeiten dieses Produkts befassen wollten. Das alte Lehrbuch zu benutzen kostete weniger Zeit.

Forum Bildung: Haben Sie auch Fanpost von Kindern bekommen?

Fischer: Ja. Ich habe viele Briefe bekommen, die ich auch immer selbst beantwortet habe, weil ich das den Kindern schuldig war. Das waren schöne Erfahrungen und ich musste oft lächeln, weil viele Briefe so anfingen: "Lieber Herr Fischer, jetzt muss ich dir was erzählen...". Ich habe aber auch einiges gelernt: So beschwerte sich ein kleiner Junge, dass ich ihm das Weihnachtsfest verdorben hätte, weil der Baukasten nicht vollständig gewesen sei und er deshalb nicht weiterbauen konnte. Das konnte ich sehr gut nachempfinden.

Forum Bildung: Sie sind 82 Jahre alt. Was fangen Sie mit den Schlagworten der modernen Unternehmensführung an wie Teamwork, soziale Kompetenz etc.?

Fischer: In den Betrieben wird viel über neue Methoden, Teamwork und soziale Kompetenz gesprochen. Was ist soziale Kompetenz? Früher sagte man Hilfsbereitschaft oder einfach Kameradschaft. Wenn in einem Betrieb die Vorgesetzten diese soziale Kompetenz nicht haben und die Menschen untereinander sich gegenseitig nicht achten, dann ist der Berieb eigentlich schon pleite.
Mich hat mal jemand gefragt, ob ich mein Unternehmen nach dem "Harzburger Modell" oder so was ähnlichem führe. Nein, ich führe es nach meinem eigenen System. Wenn ich morgens in den Betrieb gehe, muss ich aus reinem Herzen "Guten Morgen" zu meinen Angestellten sagen können und nicht, weil mir dies das "Harzburger Modell" vorschreibt.

 

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 07.02.2002
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