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21. 02. 2002

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Das Thema Bildung ist immer noch nicht sexy genug"

Zukunftsforscher Horx: Gedämpfter Optimismus für Bildungsreform

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Matthias Horx

Forum Bildung: Trends lassen sich jenseits von Mode- und Musiktrends als tiefe Veränderungen der gesellschaftlichen und sozialen Systeme beschreiben. Haben wir also einen Bildungstrend?

Horx: Wir haben zunächst einmal einen Anpassungsdruck. Unser aktuelles Bildungssystem wurde für eine industrialisierte Gesellschaft entwickelt - eine Gesellschaft mit einer bestimmten Organisation von Arbeit, einer ganz spezifischen Prägung durch Schichten und Klassen. Heute wandelt sich die Gesellschaft rapide. Deshalb muss sich auch das Bildungssystem den veränderten Gegebenheiten anpassen.

Forum Bildung: Was sind die veränderten Gegebenheiten?

Horx: Die 70er Jahre, in denen die letzte große Bildungsreform stattfand, war noch sehr stark von der industriellen Lohnarbeit und dem traditionellen Bürgertum geprägt. Die antiautoritäre Revolte war nichts anderes als der Aufstand der Individuen, des Eigensinns gegen diese Klassen- und Schichtengesellschaft. Heute haben wir eine sehr vielfältige und bunte Mittelstandsgesellschaft, in der bürgerliche Familienmodelle nicht mehr allgemein verbindlich sind und in der das Individuum letztendlich die Gesellschaft prägt. Unser Bildungssystem dagegen stellt nicht das Individuum in den Mittelpunkt, sondern das Curriculum. Das kann nicht aufgehen. Mit diesem System ist ein zentrales Element nicht zu schaffen: Den Einzelnen zum aktiven Lernen zu bringen. Und deshalb muss sich das Menschenbild ändern, das dem Bildungssystem zu Grunde liegt. Und da bin ich beim zweiten großen Megatrend - der Informationsgesellschaft und der Wissensökonomie. Wir wachsen in eine Gesellschaft hinein, in der Wissen flexibel wird, in der Wissen sich lebenslang verändert und das heißt, dass die Metatechniken des Lernens zu Kernqualifikationen der Zukunft werden. Die Modelle des vergangenen Jahrhunderts wie der Frontalunterricht sind nicht in der Lage, diese Aufgabe zu meistern.

Forum Bildung: In der PISA-Studie rangieren die deutschen Schulen im hinteren Mittelfeld. Kann man davon ausgehen, dass die "Gewinner" wie Finnland ein anderes Menschenbild vor Augen haben?

Horx: Natürlich. Man muss sich nur mal vorstellen, dass 71 Prozent der finnischen Jugendlichen eine höhere Ausbildung absolvieren. Natürlich ist dort das universitäre Studium völlig anders als in Deutschland: Kein Elfenbeinturm, wenig elitäre Distanz zur Realität der Gesellschaft. In Skandinavien hat sich die Mittelstandgesellschaft einen Bildungsturbo eingebaut, der für alle da ist - basierend auf einem reinen Gesamtschulsystem. Erst ab der neunten Klasse wird zaghaft in verschiedene Schulmodelle sortiert. Hier zeigt sich die eigentliche Aufgabe: Die Lösung des gordischen ideologischen Knotens, den die Deutschen sich seit dreißig Jahren zumuten.

Forum Bildung: Gordischer Knoten?

Horx: Die Pädagogik in Deutschland ist von einem ideologischen Paradox geprägt: Auf der einen Seite ist Bildung von der Tradition her elitär, weil die Selektion im Vordergrund steht, bei der möglichst über Noten aussortiert wird. Gleichzeitig gibt es aber eine kollektivistische Gegenbewegung. Diese Mischung ist tödlich. Und genau diesen Knoten müssen wir lösen. Es muss uns gelingen, ein leistungsorientiertes und individualistisches Gesamtschulsystem zu schaffen. Oder meinetwegen ein offenes Gymnasialsystem - es geht um die Überwindung der alten Barrieren. Wenn wir uns die Erfahrungen in anderen Ländern anschauen wird klar: Es geht. In Kanada etwa entwickelt man seit vielen Jahren konsequent ein Schulsystem, in dem es in Sachen "Lernen lernen" schnell vorangeht: Dort gibt es neue Fächer im Unterricht wie "Rhetorik" oder "Business Ethics" oder "Selbstrespekt", und in den kanadischen Schulen läuft der Unterricht schon sehr selbstbestimmt ab.

Forum Bildung: Das war ja auch die erschreckende Erkenntnis aus der PISA-Studie: In Deutschland entscheidet auch heute noch die soziale Situation der Kinder maßgeblich über ihren Bildungsweg und -erfolg.

Horx: Eben. Unser System funktioniert nicht mal innerhalb seiner eigenen Kriterien.

Forum Bildung: Sie haben geschrieben, dass die Deutschen "Wandel nicht als Chance" begreifen. Warum tun wir uns so schwer mit Veränderungen?

Horx: Die institutionelle Prägung der Gesellschaft ist in Zentraleuropa, Österreich und der Schweiz sehr viel konservativer als in anderen Gesellschaften. Das hängt einerseits mit unserer Tradition zusammen, aber auch mit einer Traumatisierung aus den beiden Weltkriegen, die auch für den Verlust von Wohlstand und Eigentum stehen. Deshalb neigen die Deutschen dazu, den einmal errungenen Wohlstand festhalten zu wollen und keine Veränderung zuzulassen. Andere Gesellschaften haben mit kontinuierlichem Wandel kein so großes Problem. In Skandinavien, Frankreich und England wachsen die Institutionen immer sehr stark mit der Gesellschaft mit - sowohl in der ökonomischen als auch in der kulturellen und sozialen Entwicklung. In Deutschland dominiert neben der Bürokratie eine kulturelle Ausrichtung, die sich an Normen, nicht an Veränderungen orientiert. Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass die Deutschen, wenn es sein muss, sich sehr schnell verändern können.

Forum Bildung: Wir scheinen ja im Bildungsbereich genau in dieser Phase zu sein. Es gibt viele Modellversuche und "best practice" in Deutschland. Ist das die so genannte "Pionierphase", die jedem Wandlungsprozess vorausgeht?

Horx: Ich bin mit den Nischen-Schulreformmodellen, die ihrer Wurzeln meist in der 68er-Zeit haben, nicht zufrieden, weil sie meistens Antimodelle darstellen, die wieder andere Mängel aufweisen. Sie orientieren sich noch zu sehr gegen etwas.

Forum Bildung: Als Future-Fitness-Trainer bereiten Sie ihre Kunden, hauptsächlich aus der Wirtschaft, auf die Zukunft vor. Verhaltensformen werden eingeübt und Ängste abgebaut. Brauchen Bildungspolitiker auch einen Future-Fitness-Trainer?

Horx: Alle Branchen können ihn gebrauchen. Ich habe aber das Gefühl, dass momentan im Bildungsbereich eine Menge Menschen im Aufbruch sind. Ich bin mir auch sicher, dass in den Think Tanks der Bildungspolitik im Grunde genau die richtigen Sachen diskutiert werden. In der Meinungsbildung sind wir in den letzten Jahren immerhin ein gehöriges Stück weiter gekommen: Die Leute reden wieder über Bildung, das ist schon etwas.

Forum Bildung: Also schauen Sie optimistisch in die Zukunft?

Horx: Ja. Aber nur wenn sich quer zu den institutionellen Systemen eine Art sozial-revolutionärer Bewegung entwickelt. Die Bildungspolitik muss noch sehr viel dynamischer werden. Momentan leidet sie noch darunter, dass das Thema immer noch nicht sexy genug ist.
Außerdem ist der Erfolg einer Bildungsreform von charismatischen Persönlichkeiten abhängig, die ein Thema vertreten, anführen, weitertreiben - die für den Wandel stehen. Und die haben sich zum Thema Bildung bislang noch nicht so richtig herauskristallisiert.


Matthias Horx, Jahrgang 1955, ist Trend- und Zukunftsforscher und Leiter des "Zukunftsinstitutes" bei Frankfurt a.M.. Seine wichtigsten aktuellen Publikationen: "Die Acht Sphären der Zukunft - ein Wegweiser in die Kultur des 21. Jahrhunderts", Signum-Verlag Wien, 2000. "Smart Capitalism - das Ende der Ausbeutung - Eichborn-Verlag 2001. Näheres im Zukunftsinstitut.

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 21.02.2002
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