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06. 03. 2015

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Die Gleichstellung von Frauen und Männern ist eine Schnecke“

Frauen machen weltweit am 8. März mit Veranstaltungen auf noch immer nicht verwirklichte Frauenrechte aufmerksam

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Anja Weusthoff

Seit 104 Jahren feiern wir jedes Jahr am 8. März den Internationalen Frauentag. In den vergangenen hundert Jahren hat sich in Sachen Gleichberechtigung viel getan, doch eine echte Gleichstellung zwischen Frau und Mann ist noch nicht erreicht. Die Online-Redaktion sprach mit Anja Weusthoff vom Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) über bestehende Ungerechtigkeiten und darüber, ob der Frauentag in 50 Jahren noch nötig sein wird.


Online-Redaktion: Der 8. März macht seit über hundert Jahren darauf aufmerksam, dass eine wirkliche Gleichberechtigung noch nicht erreicht ist. Wieso sind Frauen erfolgreich in Schule und Studium, aber nicht im Erwerbsleben?

Weusthoff: Die Ursachen sind vielschichtig: Obwohl der Anteil von Frauen in sogenannten MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) stetig zunimmt, ist das Berufswahlverhalten vieler (junger) Frauen noch immer von Traditionen und veralteten Rollenbildern geprägt. Sie orientieren sich an klassischen Frauenberufen, die häufig schlechter vergütet werden und weniger Aufstiegschancen bieten. Frauen arbeiten in ihren Berufen auf anderen Positionen als ihre männlichen Kollegen, sind häufig in Teilzeit beschäftigt und unterbrechen familienbedingt ihre Erwerbstätigkeit. Hinzu kommt, dass Frauen in Branchen überrepräsentiert sind, die trotz individueller und kollektiver Lohnverhandlungen schlechter bewertet werden und im Niedriglohnsektor zu finden sind. Die Folge des Ursachenbündels: Frauen verdienen fast ein Viertel weniger als Männer und haben damit signifikant schlechtere Chancen, auf dem Arbeitsmarkt ein existenzsicherndes Einkommen zu erzielen.

Online-Redaktion: Welche Forderungen stellt der DGB, damit sich die wirtschaftliche Situation von Frauen in Deutschland verbessert?

Weusthoff: Für die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen brauchen wir eine gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsmarkt, faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen. Der DGB fordert deswegen ein wirksames Entgeltgleichheitsgesetz, das Unternehmen dazu verpflichtet, ihre Entgeltpraxis zu überprüfen und geschlechtergerecht zu gestalten, sowie eine nachhaltige Reform der Minijobs, um die soziale Sicherung ab der ersten Arbeitsstunde zu gewährleisten. Damit Frauen ihre Arbeitszeiten an ihre Lebensphasen anpassen können, braucht es einen Rechtsanspruch auf die Rückkehr aus Teilzeit- in Vollzeitbeschäftigung und einen Rechtsanspruch auf befristete Teilzeit. Außerdem muss dafür gesorgt werden, dass es faire Aufstiegschancen für Frauen durch eine Pflicht zur Aushandlung verbindlicher Ziel- und Zeitvorgaben in den Betrieben und Verwaltungen gibt. Und nichts geht ohne eine bessere Betreuungsinfrastruktur: Damit Frauen den Balanceakt zwischen Beruf und Familie besser meistern können, fordert der DGB den flächendeckenden Ausbau qualitativ hochwertiger Betreuung für Kinder und Pflegebedürftige.

Online-Redaktion: Seit dem 1.1.15 gilt der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde. Wie wichtig war die Einführung des Mindestlohns auf dem Weg zur Gleichberechtigung?

Weusthoff: Mit der Einführung des Mindestlohns steigen insbesondere die Einkommen von Frauen, denn sie arbeiten häufig zu Dumpinglöhnen. Dank der neuen Lohnuntergrenze hat jede vierte erwerbstätige Frau einen Anspruch auf eine Lohnerhöhung. Damit ist ein wichtiger Schritt getan, um die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern zu verringern.
Aber der Mindestlohn muss gesetzeskonform umgesetzt und wirksam kontrolliert werden, besonders in frauendominierten Branchen wie der Gastronomie, dem Hotel- und Reinigungsgewerbe. Nur dann haben Frauen eine echte Chance auf eine eigenständige Existenzsicherung. Dafür setzen die Gewerkschaften am Internationalen Frauentag 2015 ein Zeichen.

Online-Redaktion: In welchen Berufssparten bekommen Frauen weniger Lohn?

Weusthoff: Noch immer verdienen Frauen fast ein Viertel weniger als ihre männlichen Kollegen - daran hat sich die letzten Jahre nichts geändert. Auch 2015 liegt die geschlechtsspezifische Lohnlücke bei 22 Prozent. Zieht man Zahlen vollzeitbeschäftigter Frauen aus dem Jahr 2014 heran, wird schnell deutlich: Es bestehen deutliche Unterschiede zwischen den Berufen. Laut Lohnspiegel des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung verdienen Frauen je nach Beruf zwischen 158 und 1.148 Euro (brutto) im Monat weniger als ihre männlichen Kollegen.
Die größte Lohnlücke besteht bei den Versicherungskaufleuten: Frauen verdienen monatlich 1.148 Euro (brutto) weniger, damit besteht in diesem Beruf eine Entgeltlücke von 28 Prozent. Ähnlich sieht es bei Chemikerinnen aus. Frauen verdienen 4.291 Euro (brutto), Männer dagegen 5.237 Euro. Das macht einen Unterschied von 946 Euro (brutto), sprich 18 Prozent aus. Mit 653 Euro liegen auch die Filialleiterinnen deutlich hinter ihren männlichen Kollegen. Die Frauen in diesem Beruf verdienen durchschnittlich 2.574 Euro im Monat, die Männer hingegen 3.227 Euro. Der Gender Pay Gap beläuft sich auf 20 Prozent. Vergleichsweise gering ist der Verdienstabstand bei den Fachinformatikerinnen, sie verdienen „nur“ 6 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen (2.719 Euro vs. 2.901 Euro).

Online-Redaktion: Wieso gibt es immer noch so wenige Frauen in Führungspositionen? Wie könnte man das ändern?

Weusthoff:
Ganz klar: Hier werden Chancen verpasst, das Potenzial von Frauen durch gute Ausbildung und (Studien-) Abschlüsse zur Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu nutzen. Viel zu oft herrscht der Irrglaube bei Arbeitgebern, der Arbeitsmarkt halte nicht genug kompetente Frauen – insbesondere in den männerdominierten Branchen – bereit.
Doch das Problem geht viel tiefer: Veraltete Rollenbilder und traditionelle Wertvorstellungen führen dazu, dass Frauen sich viel zu oft an der sogenannten gläsernen Decke den Kopf stoßen und ihnen Steine auf den Weg in die oberen Führungsetagen gelegt werden. Deswegen ist es umso wichtiger, dass Frauen in Führungsfunktionen auf allen Hierarchie-Ebenen der Wirtschaft vertreten sind, ob als Vorarbeiterin, Filialleiterin oder Oberärztin, und damit Vorbild für junge Frauen sind. Damit das gelingt, müssen Unternehmen und Verwaltungen verpflichtet werden, gemeinsam mit den Betriebs- und Personalräten dafür zu sorgen, dass Gleichstellungspläne erarbeitet und konsequent umgesetzt werden.

Online-Redaktion: Mit welchen Aktionen unterstützt der DGB den Frauentag?

Weusthoff: Wir machen mit zahlreichen Aktionen und Veranstaltungen auf die Situation von Frauen auf dem Arbeitsmarkt aufmerksam: In Dresden beispielsweise laden wir ein zu einer Diskussion über die Digitalisierung der Arbeit und die Auswirkungen auf (Frauen-)Arbeitsplätze. Im DGB-Bezirk Hessen-Thüringen thematisiert die DGB-Jugend die Lebens- und Arbeitsbedingungen griechischer Frauen.

Online-Redaktion: Wird der Frauentag in 50 Jahren noch nötig sein oder gehen Sie davon aus, dass es bis dahin eine echte Gleichstellung gibt?

Weusthoff: Vergleicht man Deutschland mit anderen Staaten, wird schnell klar, dass wir noch viel zu tun haben: Deutschland hat im europäischen Vergleich eine der höchsten weiblichen Teilzeitquoten, der Gender Pay Gap liegt mit 22 Prozent deutlich über dem EU-Durchschnitt von 16 Prozent und der Gender Pension Gap ist in Deutschland mit knapp 50 Prozent Schlusslicht aller OECD-Staaten. Die Gleichstellung von Frauen und Männern ist eine Schnecke: Sie bewegt sich langsam vorwärts, aber stets mit festem Blick auf ihr Ziel.


Anja Weusthoff, Abteilungsleiterin Frauen, Gleichstellungs- und Familienpolitik, DGB-Bundesvorstand.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 06.03.2015
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