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05. 02. 2015

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Das SchlaU-Projekt

Schulanaloger Unterricht für junge Flüchtlinge

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An der SchlaU-Schule in München werden über 200 junge Flüchtlinge jährlich analog zum Kernfächerkanon der bayerischen Haupt- und Mittelschulen unterrichtet. Eine gezielte, intensive und individuelle Förderung ermöglicht den Jugendlichen bereits nach kurzer Zeit das Erreichen des Mittelschulabschlusses sowie den Einstieg in das Ausbildungssystem oder an eine weiterführende Schule.


Obwohl in Deutschland Schulpflicht herrscht, gilt diese Pflicht nicht für alle junge Menschen. Flüchtlingskinder und -jugendliche haben nicht immer die Möglichkeit, am staatlichen Bildungssystem teilzunehmen. Lange Zeit galt in vielen Bundesländern für Flüchtlingskinder nur das Schulrecht. Das bedeutete, dass Eltern einen Antrag stellen mussten, wenn ihre Kinder zur Schule gehen sollten. Das scheiterte oft schon an fehlenden Deutschkenntnissen. In den vergangenen Jahren haben die Bundesländer zwar die Schulpflicht für Flüchtlingskinder eingeführt, doch heißt das nicht, dass alle Kinder auch wirklich zur Schule gehen. Nicht immer gibt es genügend Plätze in Deutschlernklassen. Auch gilt die Schulpflicht nicht überall für Kinder ausreisepflichtiger Eltern mit Duldung, Grenzübertrittsbescheinigung oder ohne legalen Aufenthaltsstatus. Ihnen wird nur teilweise ein Schulrecht eingeräumt.

Besonders dramatisch ist die Situation für Jugendliche im Alter von 16 bis 21 Jahren, da in vielen Bundesländern die Schulpflicht mit 16 oder 18 Jahren endet. Schulen können die Aufnahme dann leichter ablehnen, Ämter die Kostenübernahme verweigern. Das führt dazu, dass viele Flüchtlinge in diesem Alter – von ihren Erlebnissen in den Herkunftsländern ohnehin schon traumatisiert – orientierungslos, ängstlich und ohne Hoffnung darauf, in Europa ein neues Leben aufbauen zu können, vor sich hinleben.

Die SchlaU-Schule
Auch in Bayern wurde insbesondere unbegleiteten Flüchtlingen im Alter zwischen 16 und 21 Jahren lange Zeit kein Recht auf einen Schulbesuch zugestanden. Um diese Lücke zu füllen und jugendlichen Flüchtlingen die Möglichkeit zu geben, eine Regelschule zu besuchen und einen deutschen Schulabschluss zu erlangen, gründete Michael Stenger im Jahr 2000 mit einigen Mitstreitern aus der Flüchtlingsarbeit den Verein „Trägerkreis zur Förderung von Bildung und Integration von Flüchtlingskindern und -jugendlichen e.V.“ (Heute: „Trägerkreis junge Flüchtlinge e.V.“). Noch im selben Jahr rief dieser das SchlaU-Projekt ins Leben: den schulanalogen Unterricht für unbegleitete, junge Flüchtlinge. Damit wurde europaweit erstmals ein ganzheitliches Schulkonzept für die Zielgruppe der 16- bis 21-Jährigen (in Ausnahmefällen bis 25-Jährigen) entwickelt, das nachhaltig umgesetzt wird.

Seit 2004 ist die SchlaU-Schule vom Bayerischen Kultusministerium als Schule für junge Flüchtlinge anerkannt. Mittlerweile hat das Bayerische Kultusministerium es sogar zum Standard erhoben, dass Flüchtlinge bis 21 Jahre unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus zur Schule gehen dürfen. Seitdem im Jahr 2011 in Bayern die Berufsschulpflicht für junge Flüchtlinge von 16 bis 21 Jahren eingeführt wurde, gibt es heute an vielen bayerischen Berufsschulen das so genannte „Berufsvorbereitungsjahr für Flüchtlinge“ (BVJF).

Finanziert wird die SchlaU-Schule aus öffentlichen Mitteln, Stiftungsmitteln und nicht zweckgebundenen Spenden. In den vergangenen Jahren wurde das Projekt vielfach ausgezeichnet. Es erhielt u.a. 2003 den Förderpreis „Münchner Lichtblicke“, 2009 wurde Schulleiter Michael Stenger zum Ashoka-Fellow ernannt. Er erhielt 2011 die Integrationsmedaille der deutschen Bundesregierung und im Jahr 2014 wurde die SchlaU-Schule als eine von bundesweit fünfzehn Schulen für den Deutschen Schulpreis nominiert und gewann den mit 25.000 Euro dotierten Preis der Jury. Erst im November 2014 erhielt Michael Stenger den Bambi, den Medien- und Fernsehpreis der Hubert Burda Media, für Integration.

Individuelle und sozialpädagogische Betreuung ist nötig
Jedes Jahr erhalten in der SchlaU-Schule rund 200 Schüler/innen in bis zu 15 Klassen Unterricht in der deutschen Sprache und in den Fächern, die sie für den Haupt- und Mittelschulabschluss und für den Übergang in ein Berufsvorbereitungsjahr brauchen. Ein gestaffeltes Kurssystem, kleine Klassen mit durchschnittlich 16 Lernenden und flexible Übertrittmöglichkeiten in andere Kurse verschaffen den Schülerinnen und Schülern so optimale Lernmöglichkeiten, dass in der Regel alle, die zur Prüfung antreten, ihren Schulabschluss erreichen und erfolgreich in eine Ausbildung oder an weiterführende Schulen vermittelt werden können.

Im Mittelpunkt stehen bei SchlaU die Schülerinnen und Schüler selbst. Jeder einzelne wird so gefördert, wie es sein Lernstand und sein Lebenslauf zulassen. Den Lehrkräften der SchlaU-Schule ist es wichtig, dass die Jugendlichen so schnell wie möglich ein selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Leben führen können. Dafür nehmen sie sich viel Zeit für sie, hören ihnen zu, sind für die jungen Menschen da, die ohne Familie in Deutschland sind, zeigen ihnen aber auch Grenzen und Regeln auf. Sie werden nicht selten zur festen Bezugs- und Vertrauensperson. Das ist auch für die Lehrenden nicht immer leicht. Durch den psychischen Druck, unter dem die Jugendlichen stehen, sind die Lehrkräfte ständig gefordert, die Schüler wieder aufzubauen, zu stärken und ihre Lernmotivation aufrechtzuerhalten. Unterstützung bekommen sie durch Fortbildungen sowie von Schulsozialarbeitern und ehrenamtlichen Nachhilfelehrern.

Förderung in den unterschiedlichen SchlaU-Stufen
In der Regel besuchen die Schüler/innen zwei bis drei Jahre die SchlaU-Schule, das hängt von ihrer Vorbildung und ihrer Lernentwicklung ab. Nach Einstufungstests werden sie in die  Alphabetisierungs-, Grund-, Mittel- und Abschlussstufe eingeteilt. Die Alphabetisierungskurse werden seit 2012 fast hauptsächlich von der Partnerschule IsuS „Integration durch Sofortbeschulung und Stabilisierung" durchgeführt. Das Fach Mathematik wird seit September 2013 aus dem Klassenverbund ausgegliedert und in einem begleitenden Kurssystem unterrichtet, da die mathematischen Kenntnisse oft unabhängig vom sonstigen Lernstand sind. Durch das offene Schulsystem können die Schüler/innen auch während des Jahres in andere Klassenstufen wechseln. In der Abschlussstufe werden die Schüler/innen auf die Prüfungen zum Erfolgreichen Mittelschulabschluss (HASA) beziehungsweise auf den Qualifizierenden Mittelschulabschluss (QUALI) vorbereitet, die sie extern an der Mittelschule Sendling am Gotzinger Platz ablegen. Zum erfolgreichen Mittelschulabschluss gehören Deutsch als Zweitsprache, Mathematik, GSE (Geschichte, Sozialkunde, Erdkunde) und AWT (Arbeit, Wirtschaft, Technik); der Qualifizierende Mittelschulabschluss beinhaltet zusätzlich Ethik und die Projektprüfung.

Projekte der Klassen

Ergänzt wird der Unterricht durch vielfältige Projekte. Dazu kooperiert SchlaU mit Partnern, die Lernen auf anderen Ebenen ermöglichen, die Erfahrungswelten der jungen Flüchtlinge bereichern und ihnen dabei helfen, ihre Fähigkeiten und Interessen zu entdecken. Auch wird dadurch früh der Austausch mit Schüler/innen anderer Schulen gefördert.
Ein Dauerprojekt in allen Klassen ist das erlebnispädagogische Klettern. Die Bewegung hilft den Jugendlichen, den Druck auszuhalten, unter dem sie als Flüchtling ohne festen Aufenthaltsstatus stehen. Zugleich lernen sie sich und anderen vertrauen. Im Rahmen des integrativen Medienprojekts „Kontaktlinse“ in der Villa Stuck konnten u.a. Schüler der Grundstufe zusammen mit deutschen Schülern mit Videokunst ihre Ideen verwirklichen und zum Ausdruck bringen, was sie bewegt. Schüler der Abschlussklasse gestalteten im Rahmen von „Spielfeld Klassik” der Münchner Philharmoniker ein Schulkonzert zum Thema „Beethoven und die Freiheit”. Das Projekt fand gemeinsam mit Schülern des Thomas-Mann-Gymnasiums statt. Es wurde 2012 mit großem Erfolg aufgeführt und von der Initiative „Deutschland – Land der Ideen” ausgezeichnet. Und schon einige Male haben einige Lehrkräfte mit ihren Schüler/innen den höchsten Berg Deutschlands, die Zugspitze, erklommen.

Übergang Schule-Beruf
Lange vor dem Abschluss werden die jungen Flüchtlinge auf das Berufsleben vorbereitet. In der „Berufsorientierungs-Woche“ werden verschiedene Berufsfelder vorgestellt, es gibt Betriebsbesichtigungen, Bewerbungstrainings und Praktika. Durch diese umfassende Betreuung der Jugendlichen erreicht die SchlaU-Schule eine jährliche Vermittlungsquote von nahezu hundert Prozent ihrer Absolventen.
Und auch nach dem Abschluss werden die Jugendlichen nicht allein gelassen. 2011 startete das von der Aktion Mensch finanzierte ausbildungsbegleitende Programm „SchlaUzubi“, das in den Räumen der SchlaU-Schule nach Bedarf schulische Nachbetreuung in den einzelnen Berufssparten anbietet.

SchlaU auch als Fortbildung
Das SchlaU-Projekt hilft jungen Flüchtlingen dabei, ihr Menschenrecht auf Bildung und Teilhabe wahrzunehmen. Um die Erfahrungen, das Wissen und die erarbeiteten Materialien des erfolgreichen und einmaligen Bildungskonzepts an andere Bildungsträger weiterzugeben, hat das SchlaU-Team ein zehnteiliges, modulares Fortbildungsprogramm entwickelt, das die wesentlichen Themenbereiche der Bildungsarbeit mit jungen Flüchtlingen umfasst und das man individuell buchen kann. In der Hoffnung, dass es viele – auch staatliche – Nachahmer findet.




Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 05.02.2015
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