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11. 03. 2002

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Versäumnisse werden uns teuer zu stehen kommen"

KMK-Präsidentin Schipanski erklärt Lehrerausbildung zur Chefsache

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Prof. Dr.-Ing. habil. Dagmar Schipanski

Forum Bildung: Sie sind die neue Präsidentin der KMK. Aufgrund des schlechten PISA-Ergebnisses fordern Wirtschaftsverbände nun bundesweite Leistungsstandards und regelmäßige Leistungstests. Können Sie die damit verbundene Kritik am Kulturföderalismus verstehen?

Schipanski: Das relativ schlechte Abschneiden unserer Schülerinnen und Schüler in der PISA-Studie hat vielfältige Ursachen, die es auf der Basis einer sorgfältigen Analyse der Befunde zu ermitteln gilt. Im Föderalismus liegen sie aber ganz gewiss nicht begründet. Vielmehr ist eine Vielfalt, die miteinander in einem Wettbewerb steht, eine unwahrscheinliche Ressource für gute und neue Ideen. Die Kultusministerkonferenz hat wiederholt erklärt, dass sie den Föderalismus als Motor für Qualitätsentwicklung nutzen will. Natürlich kann dies nur auf der Grundlage von verbindlichen Standards sowie einer ergebnisorientierten Evaluation geschehen. Im Übrigen haben wir es mit einem äußerst komplexen Problem zu tun: Jede Verkürzung, jeder eindimensionale Erklärungsversuch und Lösungsvorschlag führt in eine Sackgasse. Diese hat es in der Vergangenheit oft genug gegeben, ohne dass sie irgendwelche Resultate gezeitigt hätten. Die Kultusministerkonferenz hat 1997 die Studie für Deutschland gerade deshalb in Auftrag gegeben, um zu gesicherten Befunden zu kommen und Ansatzpunkte für konstruktive Interventionsmöglichkeiten zu erhalten. Darüber hinaus hat sie eine nationale Ergänzungsstudie in Auftrag gegeben, die weitere Erkenntnisse über die Ergebnisse in den einzelnen Ländern und Schulformen liefern wird.

Forum Bildung: Aber es geht ja nicht nur um Schulformen. In der Schule müssen sich auch die Inhalte ändern. Sie fordern einen "verbindlichen Kanon an Wissen und Kompetenzen" und "Problemlösungen aus dem Wissen heraus zu entwickeln". Was bedeutet das für künftige Unterrichtsgestaltung?

Schipanski: Ich gebe Ihnen recht: Die Diskussion um Inhalte ist viel zu lange vernachlässigt worden zugunsten fruchtloser Strukturdebatten. Eine der wichtigen Schlussfolgerungen, die aus PISA gezogen werden muss, ist die klare Ausrichtung des Unterrichts weg von theoretischer, lebensferner Bildung hin zu einer handlungs- und anwendungsorientierten Kompetenz der Schülerinnen und Schüler. Die praktische Umsetzung einer ergebnisorientierten Lern- und Unterrichtskultur muss Ziel aller Maßnahmen sein. In der Wissensgesellschaft kommt es darauf an, aus der Fülle der zur Verfügung stehenden Informationen diejenigen herauszugreifen, die wichtig sind und mit denen ein spezielles Problem gelöst werden kann. Deshalb ist die Vermittlung von Methodenkompetenz wichtiger als das sture Pauken von Detailkenntnissen.

Forum Bildung: Schulreformen berühren auch die Lehrerausbildung. Welche Veränderungen sind hier dringend notwendig?

Schipanski: Die Schlüsselrolle bei allen Maßnahmen zur Qualitätsverbesserung schulischer Bildung kommt naturgemäß den Lehrerinnen und Lehrern zu. Sie haben im Vermittlungsprozess den unmittelbaren Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern. Schon der im Auftrag der Kultusministerkonferenz erstellte Bericht "Perspektiven der Lehrerbildung" ist zu dem Schluss gekommen, dass sich die Ausbildung an den Universitäten mehr an der Praxis orientieren müsse. Daran wird zur Zeit intensiv gearbeitet, wie Sie Berichten über Modellvorhaben in den einzelnen Ländern entnehmen können. Die Verbesserung der Professionalität der Lehrertätigkeit darf sich aber nicht auf die Erstausbildung beschränken. Vielmehr müssen darüber hinaus im Bereich Weiterbildung gezielte Angebote zur Verbesserung des Unterrichts entwickelt werden mit Verpflichtung zur Teilnahme.

Forum Bildung: Frühe Förderung im Kindergarten, Fremdsprachen in der Grundschule, Chancengerechtigkeit, Öffnung und Vernetzung von Bildungsbereichen - das Terrain Schule ist groß. Was hat für Sie persönlich jetzt Vorrang?

Schipanski: Wie gesagt, haben wir es mit einem vielschichtigen Problem zu tun, das Maßnahmen auf ganz verschiedenen Handlungsfeldern erfordert. Ich halte es für besonders wichtig, sich verstärkt dem vorschulischen Bereich und der Grundschule zu widmen. Hier kann Lernzeit intensiver genutzt werden, insbesondere im Hinblick auf die Förderung von Sprachkompetenz, die grundlegende Voraussetzung für einen Lernerfolg in allen anderen Fächern ist. Das gilt besonders auch für nicht deutschsprachige Kinder. Ich halte aber auch die Vermittlung von Fremdsprachen in der Grundschule für wichtig. Ich glaube nicht, dass die Kinder damit überfordert werden. Andere Länder machen damit gute Erfahrungen, und die Bedeutung von Fremdsprachenkenntnisse nimmt auf dem globaler werdenden Arbeitsmarkt zu. Insgesamt sollte das Wort "Bildung" so früh wie möglich ernst genommen werden.

Forum Bildung: Allerdings geht ihre Amtszeit nur ein Jahr. Für welche Bereiche lassen sich in dieser kurzen Zeitspanne überhaupt Weichen stellen?

Schipanski: Die Qualitätsdebatte bestimmt die Bildungsdiskussion nicht erst seit PISA. Die Kultusministerkonferenz hat bereits 1997 die Qualitätssicherung im deutschen Schulwesen zu einem ihrer zentralen Themen erklärt, und so haben meine Vorgänger schon Weichen gestellt und damit entscheidende Richtungsvorgaben gemacht. Ich komme aus dem Hochschulbereich, und daher wird für mich die Reform der Lehrerausbildung ein Schwerpunkt meiner Arbeit sein. Aber in Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen der anderen Länder werde ich selbstverständlich darum bemüht sein, in allen Bereichen, wo es geboten scheint, zu konstruktiven Lösungen zu kommen, die unser Schulwesen voranbringen. Diese Aufgabe wird aber vermutlich deutlich über meine Amtszeit hinausgehen.

Forum Bildung: Reformen kosten Geld und davon ist keines da. Wie soll das "Megathema" Bildung finanziert werden?

Schipanski: In einem Staat, der - wie die Bundesrepublik - über vergleichsweise wenige natürliche Ressourcen verfügt, ist ein hohes Bildungs- und Ausbildungsniveau auch ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftfaktor. Die Zukunftsfähigkeit Deutschlands und die internationale Wettbewerbsfähigkeit hängen entscheidend davon ab, dass unsere Gesellschaft ein qualitativ hochwertiges Bildungssystem hat. Hierein zu investieren bedeutet, in die Zukunft zu investieren. Versäumnisse auf diesem Gebiet werden uns später teuer zu stehen kommen.

 

 

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 11.03.2002
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