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03. 07. 2014

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Sie sind offen gegenüber Vielfalt“

Inklusion in Kitas

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Prof. Dr. Timm Albers

Die UN-Behindertenrechtskonvention verankert Inklusion als Leitorientierung im Bildungssystem. Für Kindertageseinrichtungen bedeutet dies, dass sie für alle Kinder offen stehen und Bildungsangebote schaffen, die von einer Vielfalt an Bedürfnissen und Fähigkeiten ausgehen. Künftig soll auch jedes Kind mit Behinderung jede Kita besuchen können. Diese Aufgabe stellt hohe Anforderungen an die Professionalität der in diesem Bereich tätigen Fachkräfte. Die Online-Redaktion von „Bildung + Innovation“ sprach mit Prof. Dr. Timm Albers, Professor für Inklusive Pädagogik an der Universität Paderborn, über die Umsetzung der Inklusion in Kindertagesstätten.

Online-Redaktion: Auf welchem Weg sind die Kindertagesstätten?

Albers: Grundsätzlich kann man den meisten Kitas bereits attestieren, dass sie sich auf den Weg zur Inklusion gemacht haben. Anders als viele Schulen sind Kitas offener gegenüber Vielfalt, bei Schulen steht häufig der Selektionsgedanke im Vordergrund.

Online-Redaktion: Wie müssen Kitas sich verändern, um jedes Kind – unabhängig von seinen individuellen Stärken und Schwächen – aufnehmen zu können? Welche Voraussetzungen müssen sie erfüllen?

Albers:
Sie müssen ihre eigene Arbeit reflektieren und sich hinterfragen, wie offen die Einrichtung und die einzelnen Fachkräfte gegenüber Vielfalt sind. Zum Teil sollte auch eine gewisse Barrierefreiheit gewährleistet sein, aber es müssen nicht alle Kindertageseinrichtungen über Wege für Rollstuhlfahrer verfügen oder Aufzüge haben. Barrierefreiheit bezieht sich auch nicht nur auf körperliche und motorische Beeinträchtigungen, sondern auch auf Kommunikation. Die Fachkräfte müssen wissen, dass es außerhalb der sprachlichen auch andere Formen der unterstützenden Kommunikation gibt, wie Talker oder die Gebärdensprache.

Online-Redaktion: Nicht alle Erzieher/innen sind entsprechend ausgebildet. Wie müssen sie in Weiterbildungen geschult werden, was müssen sie können?

Albers: Es gibt Kompetenzkataloge darüber, was Fachkräfte nach Ansicht der Wissenschaft können sollten. Die „Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte“ des Deutschen Jugendinstituts (DJI) hat solche Kompetenzprofile hervorgebracht. So genannte Wegweiser Weiterbildung gibt es für Kinder mit Behinderungen, für Kinder aus Familien in Armutslagen und mit dem Schwerpunkt kulturelle Vielfalt. In den Expertengruppen – ich selbst gehörte der Expertengruppe „Kinder mit Behinderung im Kontext inklusiver Frühpädagogik“ an – ist man sich aber bewusst, dass dies Idealvorstellungen sind, Zielperspektiven. Eine der Kompetenzen ist beispielsweise die Selbstreflexion, sich zu vergewissern, welche Vorurteile man selbst gegenüber kultureller Vielfalt oder Behinderungen hat. Damit sollte man anfangen.

Online-Redaktion: Sollen Weiterbildungen in Zukunft Pflicht werden, oder sollte künftig in jeder Gruppe eine Fachkraft sein, die entsprechendes Know-how hat?

Albers: Das kommt auf die Bedarfe der Kitas an. Auch wenn Inklusion flächendeckend umgesetzt würde, sind ja nicht in jeder Kita Kinder mit Behinderungen oder mit Verhaltensauffälligkeiten. Von daher muss nicht in jeder Einrichtung eine heilpädagogische Fachkraft oder eine Fachkraft, die sich im Studium oder im Rahmen von Weiterbildungen einen Schwerpunkt gebildet hat, vorhanden sein. Das wäre natürlich eine Idealvorstellung, weil diese dann auch präventiv arbeiten könnte. Meistens ist es aber so, dass man sich die fachlichen Hintergründe anschafft, wenn die fachlichen Anforderungen kommen. Anders ist es, wenn schon Bedarfe vorhanden sind oder Einrichtungen in einem sozialen Brennpunkt liegen. Diese Einrichtungen bräuchten von vorneherein eine bessere Ausstattung, zum Beispiel mehr Unterstützung im Bereich der sprachlichen Förderung.

Online-Redaktion: Welche Veränderungsprozesse in Bezug auf Inklusion beobachten Sie in der Praxis?

Albers: Was ich erlebe, ist, dass alle Träger sich des Themas Inklusion annehmen und dass zurzeit sehr viele Fachveranstaltungen und Weiterbildungen stattfinden. Nach der Ratifizierung hat sich eine große Dynamik entwickelt. Einzelne Kitas, die ich begleite, richten sich beispielsweise am Index für Inklusion aus, das ist ein Fragen- und Kriterienkatalog, der zur Selbstreflexion einlädt. Anhand dessen hinterfragen sie sich, was die Stärken in ihrer Einrichtung sind, was in Bezug auf die Umsetzung von Inklusion ausgebaut werden sollte und welche Schwerpunkte sie in Zukunft setzen möchten.

Insgesamt tut sich im Bereich der Frühpädagogik sehr viel. Die meisten Fachkräfte stehen Inklusion sehr positiv gegenüber, sie sehen sie selbstverständlich als Teil ihrer Arbeit an. Einige befürchten, dass Inklusion als Sparmodell genutzt wird und bestimmte Fachkräfte dann nicht mehr in den Einrichtungen tätig sind. Die Frage nach den Rahmenbedingungen wird im Kontext von Inklusion also auch immer kritisch angesprochen.

Online-Redaktion: Es gibt Eltern, die befürchten, dass ihre Kinder, die zurzeit eine integrative Einrichtung oder Gruppe besuchen, dann nicht mehr so ausreichend gefördert werden. Sind diese Ängste berechtigt?

Albers: Integrative Gruppen sollten auf keinen Fall aufgelöst werden, sie sind auf dem besten Weg zur Inklusion. Das, was dort an Rahmenbedingungen vorhanden ist, muss gesichert und weiter gestärkt werden. In integrativen Gruppen arbeitet man schon lange mit Fachpersonal wie Motopäden, Logopäden und/oder Heilpädagogen zusammen, es besteht eine langjährige Erfahrung in der Unterstützung von Kindern mit Behinderungen und ihren Familien. Im Zuge der Inklusion sollte auf diese professionellen Fachkräfte nicht verzichtet werden. Inklusion braucht Professionalität, nur geht es darum, die Hürde nicht so hoch zu setzen und zu sagen, wir brauchen erst einmal in allen Einrichtungen kompetentes, ausgebildetes Fachpersonal, damit Inklusion überhaupt gelingen kann. Wir müssen wegkommen von dem Gedanken, wie einzelne Kinder, bei denen ein Förderbedarf diagnostiziert wurde, zusätzlich gefördert werden können, dahin, dass wir sagen, wir müssen Einrichtungen so ausstatten, dass sie tatsächlich jedes Kind aufnehmen können, und wir dann flexibel mit den Ressourcen umgehen können. Auch integrative Einrichtungen und Sondereinrichtungen müssen sich hinterfragen, wie sie sich für Kinder ohne Behinderung öffnen und weiterentwickeln können. Teilhabe zeigt sich dort, wo Kinder ins gemeinsame Spiel kommen, unabhängig davon, ob sie eine Behinderung haben oder nicht.

Online-Redaktion: Welche Vorteile bietet die inklusive Frühpädagogik gegenüber der integrativen?

Albers: Die Grenzen der Integration zeigen sich zum Beispiel darin, dass man einzelne Kinder identifizieren muss, damit sie zusätzliche Unterstützung bekommen. Man nennt das Etikettierungsressourcendilemma. Also nur wenn ich das Kind mit einem bestimmten Förderbedarf labele, bekommt es auch diese zusätzlichen Ressourcen. Ein großer Vorteil der Inklusion liegt darin, dass man diese Ressourcen, z.B. Fachkraftstunden, flexibel zur Verfügung stellt. Sie kommen dann auch zum Beispiel verhaltensauffälligen Kindern zugute, die offiziell keinen besonderen Unterstützungsbedarf haben. Das ist sehr viel näher an dem pädagogischen Alltag in den Einrichtungen. Meine Hoffnung ist, dass Inklusion zu einem stärker individualisierten Blick auf die Bedürfnisse und Begabungen jedes einzelnen Kindes führt.
Ein anderes Problem von integrativen Einrichtungen ist, dass, auch wenn Eltern sich einen wohnortnahen Kindergarten für ihr Kind mit Behinderung wünschen, es längst nicht sicher ist, dass sie diesen Platz tatsächlich bekommen. Auch integrative Einrichtungen haben nur begrenzte Platzkontingente.

Online-Redaktion: Welche Rolle kommt der inklusiven Frühpädagogik in der Ausbildung zu?

Albers: Es gibt Analysen von Curricula von Fachschulen und Berufsakademien, die darlegen, dass das Thema Inklusion in der Ausbildung an den Fachschulen noch viel zu wenig verankert ist. Dennoch tut sich etwas. Die Fachschulcurricula verändern sich kontinuierlich, und das Thema Inklusion wird kontinuierlich auch ein Thema für die Fachschulausbildung der Erzieher/innen. Bezogen auf die 80 bis 90 Studiengänge, die es deutschlandweit mittlerweile gibt, kann man sagen, das die meisten Inklusion schon im Lehrplan haben, aber in unterschiedlicher Qualität. Manchmal kann man nur ein Modul Inklusion studieren, vielleicht sogar wahlweise als eine Möglichkeit unter mehreren, und das greift natürlich viel zu kurz. Inklusion muss sich als Querschnittlage durch alle Module durchziehen, um fit für die Praxis zu werden. Es gibt aber schon gute Beispiele. Im Curriculum „Profis für Krippen" wird besonders gut herausgearbeitet, wo wirklich alle Module sich an den Prämissen von Inklusion orientieren. Zusammenfassend kann man sagen, je nachdem wie aktuell die Curricula sind, ist Inklusion verankert, und von der Qualität her gibt es von einem Wahlseminar Inklusion bis hin zu Inklusion als Querschnittlage die gesamte Bandbreite.

Online-Redaktion: Wie lange wird es dauern, bis Inklusion gesellschaftlich verankert ist?

Albers: Das ist eine schwere Frage. Italien hat vor langer Zeit, in den 70er Jahren, per Gesetz beschlossen, dass alle Sondereinrichtungen geschlossen werden. Man spürt jetzt bei den Studierenden und auch bei den Lehrkräften und den Fachkräften in den Kindertageseinrichtungen – ich bin mit einer Gastprofessur in Südtirol tätig –, dass im Laufe der Zeit eine Haltung entwickelt wurde, die eine große Selbstverständlichkeit in Bezug auf Inklusion widerspiegelt. Auch Italien ist noch nicht 100-prozentig inklusiv. Aber es gibt einen gesellschaftlichen Konsens darüber, dass Schülerinnen und Schüler unabhängig von Herkunft und Status in Kindergarten und Schule zusammen aufwachsen. In Deutschland ist eher spürbar, dass Eltern von Kindern ohne Behinderung beispielsweise Ängste haben, dass ihre Kinder in der Kita oder Schule nicht genügend Input bekommen, wenn sie mit Kindern mit Behinderung gemeinsam unterrichtet werden. Obwohl alle Forschungsergebnisse eindeutig belegen, dass alle Kinder von einer heterogenen Lerngruppe profitieren.

Es tut sich bildungspolitisch in Deutschland zurzeit Einiges, aber ich bin skeptisch, dass das in der Gesellschaft allzu bald einen breiten Konsens findet. Das betrifft nicht die Fachkräfte, sie sind nahezu alle aufgeschlossen und offen. Aber die meisten Eltern hatten bisher selbst kaum Kontakt zu Kindern mit Behinderungen, deshalb ist es schwierig. Ich denke, wir müssen eher in Zehnjahresschritten denken, ehe der Gedanke der Inklusion auch in der Gesellschaft ankommt und bewusst wird, dass Inklusion Vorteile für alle Kinder und für alle Schülerinnen und Schüler hat.


Timm Albers
ist Professor für Inklusive Pädagogik an der Universität Paderborn. Zuvor war er Juniorprofessor für Frühkindliche Bildung an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe mit positiver Evaluation und der Feststellung habilitationsäquivalenter Leistungen in 2013. Nach dem zweiten Staatsexamen war er zunächst als Lehrkraft, später als Seminarleiter in den Studienseminaren Wolfenbüttel für das Lehramt Sonderpädagogik und Helmstedt für das Lehramt an Grundschulen beschäftigt. Zwischen 2005 und 2010 war er zuletzt als Akademischer Rat an der Leibniz Universität Hannover tätig und leitete dort das Forschungsnetzwerk Frühkindliche Bildung und Entwicklung. Als Gastprofessor der Freien Universität Bozen/Italien lehrt er seit 2009 im Studiengang Bildungswissenschaften für den Primarbereich, Zusatzausbildung zur Befähigung für den Integrationsunterricht in Kindergarten und Grundschule.
Seine Schwerpunkte in Lehre und Forschung liegen in den Bereichen Inklusion in Kindertageseinrichtungen und Grundschulen, Spracherwerb und Sprachliche Bildung bzw. alltagsintegrierte Sprachförderung (Fachkraft-Kind-Interaktion, Peerinteraktion, kommunikative Strategien von Kindern mit geringen Sprachkenntnissen im Deutschen) sowie in der interdisziplinären Frühförderung.





 

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 03.07.2014
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