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28. 05. 2014

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„So viel gemeinsames Lernen wie möglich“

Jakob Muth-Preis für inklusive Schulen

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Jakob Muth-Preis

Unter dem Motto "Gemeinsam lernen - mit und ohne Behinderung" zeichnet der "Jakob Muth-Preis für inklusive Schule" seit 2009 jährlich Schulen aus, in denen Kinder mit und ohne Förderbedarf vorbildlich gemeinsam lernen. Projektträger sind die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, die Bertelsmann Stiftung, die Sinn-Stiftung und die Deutsche UNESCO-Kommission. Der Preis ist benannt nach dem Pädagogen Jakob Muth (1927-1993), Vorkämpfer und Wegbereiter des gemeinsamen Lernens von behinderten und nicht behinderten Kindern.

Der „Jakob Muth-Preis für inklusive Schulen"
Im Jahr 2009 ist in Deutschland die UN-Behindertenrechts-Konvention in Kraft getreten, nach der alle Kinder das Recht auf den Besuch einer Regelschule haben. Seitdem stehen die Bundesländer vor der großen Herausforderung, verstärkt einen gemeinsamen Unterricht an Schulen einzuführen, in dem alle Schüler/innen so gut wie möglich gefördert werden. Die Umsetzung der Inklusion erfolgt dabei in einem recht unterschiedlichen Tempo: Während in Hessen 17,3 Prozent und in Niedersachsen 11,1 Prozent der Förderschüler inklusiv unterrichtet werden, besuchen in Bremen 55,5 Prozent und in Berlin 47,3 Prozent der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine Regelschule. In Schleswig-Holstein sind es 54,1 Prozent, in Hamburg 36,3 Prozent, in Rheinland-Pfalz 23 Prozent und in Nordrhein-Westfalen 19,2 Prozent.

Mit der Auszeichnung "Jakob Muth-Preis für inklusive Schulen" wollen die Projektträger herausragende Beispiele für gemeinsamen Unterricht bekannt machen und zur Nachahmung anregen. Beworben hatten sich für den Jakob Muth-Preis in diesem Jahr über 100 Schulen aller Schulformen. Die Erich-Kästner-Schule in Hamburg, die Brüder-Grimm-Schule in Ingelheim, die Gemeinschaftsschule Wolperath-Schönau in Neunkirchen-Seelscheid und der Verbund Südlicher Bereich des Kreises Schleswig-Flensburg haben die Jury überzeugt. Am 23. Januar 2014 wurden sie in einer öffentlichen Preisverleihung in der Erich-Kästner-Schule in Hamburg geehrt. Die Auszeichnung ist verbunden mit einem Preisgeld von jeweils 3.000 Euro für die Einzelschulen und 5.000 Euro für den Verbund. „Die Gewinner des Preises zeigen, dass Inklusion keine Vision ist, sondern tatsächlich funktioniert. Inklusive Schulen wie diese müssen eine Selbstverständlichkeit werden, damit junge Menschen mit Behinderung überall gemeinsam mit nicht-behinderten Kindern und Jugendlichen lernen können", so der scheidende Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Hubert Hüppe, anlässlich der Preisverleihung. Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, stellte heraus: „Inklusion wird mittelfristig zur Normalität an deutschen Schulen. Die vier Preisträger zeigen eindrucksvoll, dass Inklusion nicht zu Lasten der Qualität geht. Die Schulen können die großen Herausforderungen nur mit gut ausgebildetem Personal bewältigen. Dabei brauchen sie Unterstützung".

„Es ist normal, verschieden zu sein“
Zu den ausgezeichneten Schulen gehört der Verbund Schleswig-Flensburg, dem 26 Schulen aller Schulformen im südlichen Bereich des Kreises Schleswig-Flensburg angehören. Im Mittelpunkt steht das Förderzentrum Schleswig-Kropp. Im Jahr 2006 erklärte sich das Förderzentrum unter der Leitung von Lars Krackert zu einer „Schule ohne Schüler“, d.h. die zum Förderzentrum Schleswig-Kropp gehörenden knapp 50 Lehrkräfte und 330 Schülerinnen und Schüler werden seitdem an die Regelschulen im Einzugsbereich ausgesendet. Alle Kinder des Förderzentrums gehen inklusiv und wohnortnah zur Schule. Das Förderzentrum umfasst die Schwerpunkte Lernen, Sprache sowie soziale und emotionale Entwicklung. Es betreut zurzeit auch zwei geistig behinderte Schüler. Außerdem fördert das Zentrum mit dem Projekt SHiB (Schleswig-Holstein inklusive Begabtenförderung) auch begabte Schüler/innen.
Jede der knapp 50 Lehrkräfte des Förderzentrums versorgt eine bis drei Schulen. Dabei unterrichten sie nicht nur die Kinder mit Förderbedarf, sondern kümmern sich gemeinsam mit den Regelschullehrkräften um alle Schüler. Alle Lehrkräfte sind für die Gestaltung des Unterrichts gleichermaßen verantwortlich. Das Förderzentrum koordiniert den Einsatz der sonderpädagogischen Lehrkräfte im Einzugsgebiet und ist zuständig für ihre Ausbildung, die im Unterricht der Regelschulen erfolgt. Ein kontinuierlicher Austausch im Verbund erfolgt auf Regionalkonferenzen und gemeinsamen Schulentwicklungstagen. „Es ist normal, verschieden zu sein“, ist das Motto des Verbundes. Und das bedeutet, dass nicht nur die 330 Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf, sondern alle Kinder präventiv und bedarfsgerecht begleitet und versorgt werden.

Balance zwischen Individualisierung und gemeinschaftlichem Lernen
Die drei Einzelschul-Preisträger verstehen sich als Lern- und Lebensraum mit Angeboten und offenen Lernformen, die sich über den ganzen Tag erstrecken. Interdisziplinäre Teams aus Lehrkräften, Sonderpädagogen, Sozialpädagogen und Erziehern begleiten die Lerngruppen und schaffen eine Balance zwischen Individualisierung und gemeinschaftlichem Lernen. Von den zurzeit 194 Schülerinnen und Schülern, die an der Gemeinschaftsgrundschule Wolperath-Schönau unterrichtet werden, haben 24 einen ausgewiesenen sonderpädagogischen Förderbedarf. Verbundenheit und Verbindlichkeit zeichnet die Schule aus. Die Lehrkräfte verbringen jeden Tag von 7:30 bis 16:00 Uhr freiwillig in der Schule, zwei-bis dreimal wöchentlich trifft sich das ganze Kollegium vor Unterrichtsbeginn zu kurzen Besprechungen. Der Fachunterricht findet in den verschiedenen Klassen einer Schulstufe parallel statt, so dass die Lehrkräfte den Unterricht gemeinsam vorbereiten und durchführen und z.B. klassenübergreifende Kleingruppen bilden können. Eine enge Zusammenarbeit aller an der Schule mitwirkenden Kräfte zeichnet den Alltag aus: Die Schulleitung besteht aus einer Regelschullehrerin und einer Sonderpädagogin, Lehrkräfte und Mitarbeiterinnen des Nachmittagsbereichs tauschen sich engmaschig aus, zwei Mitarbeiterinnen des offenen Ganztags arbeiten vormittags im Unterricht mit, Lehrkräfte bieten nachmittags Arbeitsgemeinschaften an. Im Unterricht steht immer das individuelle Können im Vordergrund, gleichzeitig spielt das gemeinsame Lernen und Erarbeiten eine große Rolle. Notenzeugnisse werden erst ab Klasse 4 vergeben. Die erreichten Leistungen liegen insgesamt im oberen Mittelfeld und sind besonders im Lesen überdurchschnittlich.

Individualisierung und Kompetenzorientierung
Die Erich-Kästner-Schule in Hamburg (Farmsen-Berne) ist eine gebundene Ganztagsschule. Die fast 1400 Schülerinnen und Schüler können hier von der 1. bis zur 13. Klasse gemeinsam lernen. Über 12 Prozent haben sonderpädagogischen Förderbedarf. Inklusion ist bereits in 39 von 50 Klassen umgesetzt, auch im Schülerrat bzw. -parlament sind Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf selbstverständlich vertreten. Ein Leitgedanke der Erich-Kästner-Schule ist: „So viel gemeinsames Lernen wie möglich – so viel Einzel- und Kleingruppenförderung wie notwendig“. Lernen am Modell spielt dabei eine große Rolle. Bei der Umsetzung dieses Anspruchs hilft ein eigenes schulweites Lernkonzept, das auf Individualisierung und Kompetenzorientierung setzt. Zu den Bausteinen dieses Konzeptes zählen individuelle Lernzeiten in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch, kooperatives Lernen im Projektunterricht und, in den fünften und sechsten Klassen, das Fach „Soziales Lernen“. In der Lernzeit entscheiden die Kinder selbst, an welchen Fächern und Aufgabenstellungen sie arbeiten, und sie bestimmen auch die Reihenfolge selbst. Notenzeugnisse gibt es an der Erich-Kästner-Schule erst ab der 9. Klasse. Alle Inklusionsklassen werden von einem Team aus Regelschullehrern, Sonderpädagogen und Sozialpädagogen bzw. Erzieherinnen geleitet. Der Unterricht wird immer von mindestens zwei Mitgliedern des Teams durchgeführt. Zur Vorbereitung und Koordination stehen feste Funktions- und Teamzeiten zur Verfügung. Auch das Schulleitungsteam setzt sich aus Regel-und sonderpädagogischen Lehrkräften zusammen. So erreichen bspw. über 70 Prozent der Schüler mit dem Förderschwerpunkt Lernen den Hauptschulabschluss. An Hamburger Förderschulen liegt die Quote bei durchschnittlich 18 Prozent.

„Wertschätzung und Förderung aller Kinder“
Auch die Brüder-Grimm-Schule in Ingelheim ist eine Schule für alle. An der Brüder-Grimm-Schule lernen 225 Schülerinnen und Schüler, davon rund 15 Prozent mit ausgewiesenem sonderpädagogischen Förderbedarf, überwiegend im Förderschwerpunkt Lernen. In allen Klassen der Grundschule wird schulweite Inklusion gelebt. Zum Leitgedanken der Schule gehören die „Wertschätzung und Förderung aller Kinder“ und die Wahrnehmung von Unterschiedlichkeiten als Chance. Um auf diese Unterschiedlichkeiten im Unterricht individuell eingehen zu können, wurde an der Brüder-Grimm-Schule eine kompetenzorientierte Unterrichtsform entwickelt, die sich „Atelierarbeit“ nennt. Die Schüler/innen gehen hier aus verschiedenen Perspektiven an ein Thema heran, sie arbeiten allein, zu zweit oder in Gruppen. Ergänzend zu der aktiven und kooperativen Atelierarbeit werden an der Brüder-Grimm-Schule auch Stillarbeitsphasen sichergestellt. Neben dem Ziel der individuellen Förderung aller Kinder im Unterricht spielt auch die Gemeinschaft eine große Rolle. Statt Hausaufgaben gibt es das Prinzip der Lernzeit. Dies bedeutet, dass die Schülerinnen und Schüler im offenen Ganztag oder zu Hause keinen neuen Lernstoff erarbeiten sollen, sondern 45 Minuten daran weiterarbeiten, was sie in der Schule begonnen haben. Obwohl auch an dieser Schule die erreichten Leistungen insgesamt im oberen Mittelfeld liegen und besonders im Lesen überdurchschnittlich sind, entwickelte das Kollegium ein schuleigenes Kompetenzraster für die Fächer Deutsch, Mathematik und Sachunterricht. Statt Zeugnissen werden „Schüler-Eltern-Lehrer-Gespräche“ (S-E-L-G) geführt, in denen die Kompetenzentwicklung und die Stärken der Kinder im Vordergrund stehen.
Der respektvolle Umgang miteinander wird hier - genauso wie an allen anderen ausgezeichneten Schulen – nicht nur von den Schülerinnen und Schülern gefordert, sondern von allen Beteiligten gelebt.



Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 28.05.2014
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