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08. 05. 2014

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Inklusion bedeutet, dass Menschen verschieden sind und dass dies gut ist“

Die Kettelerschule in Bonn gewinnt den Cornelsen Stiftungspreis Zukunft Schule

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Die Cornelsen Stiftung Lehren und Lernen prämierte in diesem Jahr inklusive Schulkonzepte mit dem Stiftungspreis Zukunft Schule. Auf der didacta 2014 in Stuttgart zeichnete sie am 26. März drei Grundschulen, ein Gymnasium und eine Realschule aus, die neue Lösungen für differenzierten Unterricht entwickelt haben. Die Bonner Kettelerschule, eine Grundschule im Stadtteil Dransdorf, erhielt den ersten Platz.


Die Cornelsen Stiftung Lehren und Lernen vergibt seit 2005 alle zwei Jahre den Cornelsen Stiftungspreis Zukunft Schule für innovative Unterrichtsideen. Mit dem Preis sollen gezielt Lehrerinnen und Lehrer aller Schulformen und Fächer gestärkt werden. Der Stiftungspreis ist mit insgesamt 18.000 € dotiert. Gegründet wurde die Stiftung 1978 von Franz Cornelsen. Als gemeinnützige Stiftung wird sie vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft verwaltet. Ein wissenschaftlicher Beirat wählt nach aktuellen gesellschaftlichen und pädagogischen Erfordernissen den jeweiligen Ausschreibungsschwerpunkt. Dieses Jahr stand das Thema „Inklusion“ und seine Umsetzung an Schulen im Fokus. Ausgezeichnet wurden drei Grundschulen, ein Gymnasium und eine Realschule, die beispielhafte Lösungen für inklusive Unterrichtskonzepte entwickelt haben.

Die Kettelerschule in Bonn-Dransdorf
Den ersten Platz erhielt die Bonner Kettelerschule im Stadtteil Dransdorf. Die Grundschule wird von rund 200 Kindern besucht, 50 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Etwa 25 Prozent aller Kinder haben sonderpädagogischen Förderbedarf in den Bereichen Sprache, Lernen, emotionale und geistige Entwicklung, Autismus sowie körperliche und motorische Entwicklung. Schon seit 1993 wird hier gemeinsam unterrichtet und seit 2006 sind die Bemühungen um die Durchsetzung einer entwicklungsfördernden Gestaltung der Inklusion intensiviert worden.

Im Rahmen der umfassenden Schulentwicklung wurden die Klassen auf acht jahrgangsübergreifende Lernfamilien umgestellt. Jeweils 25 Kinder aus allen vier Klassenstufen bilden gemeinsam eine Lernfamilie. Jede Lernfamilie hat ein festes Team aus Förder- und Grundschullehrern/-lehrerinnen sowie einer Erzieherin, die die Schülerinnen und Schüler zu selbstbewussten und eigenverantwortlichen Lernern erziehen. Zu Schuljahresbeginn werden in jeder Lernfamilie etwa fünf Schulneulinge aufgenommen, die mit Hilfe der älteren Kinder eine sehr schnelle und unkomplizierte Eingewöhnung an die Schule erleben. Die Schule kooperiert  mit Ergo- und Sprachheiltherapeuten. Auch Sozialpädagogen, Schulbegleiter und Absolventen des Freiwilligen Sozialen Jahres gehören zur Schulgemeinschaft. Alle Kinder besuchen den Ganztag.

Der Inklusionsgedanke an der Schule

An der Kettelerschule bedeutet Inklusion nicht ausschließlich das gemeinsame Lernen von Menschen mit und ohne Behinderung. Hier ist es normal, verschieden zu sein. Dies bezieht sich auf soziale Unterschiede, auf Religion, auf Sprache, auf ethnische Begebenheiten, aber auch auf Stärken und Schwächen. Alle Menschen, die die Kettelerschule besuchen oder dort arbeiten, bringen zusammen eine große Menge an Fähigkeiten mit, die die Gemeinschaft stärken. Durch diese Vielfalt an Können und Wissen werden die Schwächen, die jeder einzelne hat, ausgeglichen. Erst die Vielfalt macht sie gemeinsam stark. Inklusion bedeutet hier, dass Menschen verschieden sind und dies gut so ist. Trotzdem können sie gut zusammen leben und lernen und dabei gewinnen.

Schwerpunkte der pädagogischen Arbeit

Schwerpunkte der pädagogischen Arbeit sind soziales Lernen, individuelle Förderung sowie die Stärkung der Schulgemeinschaft. Gesunde Ernährung, Sport, Bewegung und Partizipation sind wichtige Themen aller am Schulleben Beteiligten. Die Kinder lernen weitgehend selbsttätig und handlungsorientiert an unterschiedlichen Lernzielen, die dem jeweils nächsten individuellen Entwicklungsschritt entsprechen. Die meisten Lernfamilien haben sich unter Beteiligung der Kinder „Forscherecken“ eingerichtet, in denen sie für den Sachunterricht Modelle bauen, Lernplakate erstellen, Lernspiele und Experimente durchführen oder in Fachbüchern lesen. Regelmäßige Lerngespräche zwischen Schülern und Lehrern, in denen die Kinder ihren Lernstand einschätzen, helfen bei der Sicherung der Lernfortschritte. In Projekten entdecken die Kinder gemeinsam Kultur, Religion, Schrift, Sprache, Spiele und Welten ihrer eigenen 29 Herkunftsländer. Ein rhythmisierter Ablauf bestimmt den Tag. Einen Schulgong gibt es nicht. Ältere Kinder haben die Möglichkeit, sich zum Streithelfer ausbilden zu lassen. In der Pause können die Kinder auf einem großen Gelände, das in verschiedene räumliche Ebenen unterteilt ist, toben, ausruhen oder Fini, die Schulhündin, besuchen. Mit ihr dürfen sie spielen oder spazieren gehen.

Enge Zusammenarbeit mit den Kitas

Ein enger Kontakt und eine intensive Kooperation besteht mit den umliegenden Kitas. Zwischen Februar und Juli 2014 besuchen drei Gruppen benachbarter Einrichtungen mit jeweils acht bis zehn Vorschulkindern zweimal wöchentlich für eine Stunde die Schule. Dort absolvieren sie ein Präventionsprogramm in den Bereichen „Emotionale und soziale Entwicklung“, „Sprache“, „Mathematisches Vorwissen“ und „Allgemeine Kognition“. So soll der Übergang der Kinder aus dem Kindergarten in die Grundschule erleichtert und ein gelungener Schulstart ermöglicht werden. Die Planung, Durchführung und Evaluation der Förderprogramme erfolgt durch Studierende der Universität Köln in der Humanwissenschaftlichen Fakultät unter der Federführung von Prof. Dr. Hennemann, Gino Casale und Annica Elies. Zur Vorbereitung hat die Schule eine ausführliche Eingangsdiagnostik und Lernstandserhebungen durchgeführt. Zwei Lehrerinnen begleiten und unterstützen diese Präventionsbemühungen.

Weitere Kooperationen bieten den Kindern Theatererlebnisse, ein monatliches Kinderrestaurant und zahlreiche Leseprojekte. Seit Februar 2012 realisiert die Schule in Anlehnung an die Trainingsraum-Methode ein „Inselkonzept“. In einem kleinen, durch Schüler gestalteten Raum hilft ein Lehrer oder Erzieher Kindern, die gestritten haben oder wütend geworden sind, ihre  Angelegenheit zu klären und ihr Verhalten zu reflektieren. Dies trägt zusätzlich zur Verbesserung ihres Sozialverhaltens und zur Eigenverantwortlichkeit der Kinder bei.

Der gesamte Schulentwicklungsprozess wird von einer Inklusionsgruppe begleitet. Eltern, Lehrer und Schüler stimmen hier über die jeweiligen notwendigen Schritte und Vorhaben ab und beraten über Möglichkeiten zur Mitwirkung. Die Ganztagsgrundschule wird so auf dem Weg zur inklusiven Schule immer mehr zu einem Lebens- und Lernraum für alle Kinder, Lehrer und Eltern.

Die zweiten und dritten Plätze

Der zweite und dritte Platz des Cornelsen Stiftungspreises Zukunft Schule wurde in diesem Jahr gleich zweimal vergeben. Platz zwei teilten sich die Freie Grundschule Bröbberow in Mecklenburg-Vorpommern und die Grundschule Op de Host, Horst/Holstein in Schleswig-Holstein. Das Team um die pädagogische Leiterin Katharina Drewes an der Freien Grundschule Bröbberow unterrichtet Kinder mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf in altersgemischten Klassen. In dem offenen individualisierten Unterricht ist viel Zeit für erlebnisorientierte Projekte, beispielsweise zum Thema Wasser, Bienen oder Piraten oder ein gemeinsames Tanztheater.
Die Lehrerinnen und Lehrer der Grundschule Op de Host, Horst/Holstein in Schleswig-Holstein wurden für ihr inklusives Unterrichtskonzept unter dem Motto „Heterogenität als gewollte Selbstverständlichkeit“ ausgezeichnet. Als vorbildlich wurden die Lösungen für einen differenzierten Unterricht und die breite Vernetzung innerhalb und außerhalb der Schule gewertet.

Gymnasiallehrerin Anne Sophie Schütte von der Ernst-Reuter-Schule Pattensen, Niedersachsen, erhielt den dritten Platz für ihr Engagement um die Zusammenführung von Schülern ihrer Schule mit Schülern der benachbarten Calenberger Förderschule. In unterschiedlichen Projekten – einem Improvisationstheater, einer Lyrikwerkstatt und einem Theaterstück – erfahren Schüler mit und ohne Behinderungen gemeinsamen Unterricht.
Den weiteren Platz drei bekam das Team Kati Steinecke, Nicole Fischer und Erik Zorn, das an der Gemeinschaftsschule und Erweiterten Realschule Saarbrücken-Bruchwiese Projekte wie das Ernährungsprojekt „Stulle mit Brot“, einen gemeinsamen Schulgarten oder den „Bruchstengel“, eine inklusive Schulzeitung, durchführt, um Schüler gemeinsam zu unterrichten. Das gelebte Miteinander, die mehrjährige Erfahrung und die Vielfalt des Engagements überzeugten die Jury unter Vorsitz von Prof. Dr. Hilbert Meyer.







Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 08.05.2014
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