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24. 04. 2014

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Wir wünschen uns eine nationale Debatte zum Thema Schülermotivation“

Vodafone Stiftung veröffentlicht Studie zur Schülermotivation und richtet Forum ein

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Sebastian Gallander

Eine Studie im Auftrag der Vodafone Stiftung zeigt auf, wie Lehrer verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse nutzen können, um Schüler besser zu motivieren. Die Online-Redaktion von „Bildung + Innovation“ sprach mit Sebastian Gallander, Leiter des Programmbereichs Thinktank der Vodafone Stiftung Deutschland, über die Inhalte der Studie „Schüler richtig motivieren“ und die Webseite „Lehrerdialog“, die die Stiftung eingerichtet hat, damit sich Lehrkräfte über das Thema austauschen können.


Online-Redaktion: Initiativen zur Verbesserung von Bildungschancen konzentrieren sich oft auf strukturelle Änderungen wie die Verlängerung des Schultags, die Abschaffung der Hauptschule oder zusätzliche Angebote im Bereich der frühkindlichen Bildung. Wieso setzt sich die Vodafone Stiftung dafür ein, Erklärungen und Erkenntnisse der Verhaltensforschung für ein besseres Lernen zu nutzen?

Gallander: Strukturelle Fragen sind wichtig, aber unserer Ansicht nach bekommt die Frage der Interaktion zwischen Lehrer und Schüler zurzeit nicht genügend Aufmerksamkeit, vor allem die der Motivation. Hierzu gibt es eine ganze Reihe von Erkenntnissen aus der Verhaltenswissenschaft, die nicht neu sind und in vielen anderen Bereichen schon genutzt werden, aber die auch für den Schul- und Bildungsbereich von großer Bedeutung sind. Besonders drei Faktoren haben einen großen Einfluss auf die Motivation von Schülerinnen und Schülern: das eigene Selbstbild, bestimmte, eingefahrene Denkmuster und das eigentliche Lernumfeld. Wir haben deshalb das Forschungszentrum Royal Society RSA in London gebeten, die bestehenden internationalen Forschungserkenntnisse aus der Verhaltenswissenschaft für diesen Bereich aufzubereiten und in klar umsetzbaren Handlungsanregungen für Lehrer, Schulleiter und Eltern nutzbar zu machen.

Online-Redaktion: Die Studie „Schüler richtig motivieren – Wie verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse im Bildungsbereich genutzt werden können", die das Forschungszentrum der Royal Society RSA im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland erstellt hat, wurde am 11. März 2014 vorgestellt. Wie können danach insbesondere Lehrkräfte und Eltern das Selbstbild der Schüler fördern?

Gallander: Das eigene Selbstbild der Schüler hat große Auswirkungen auf den Lernerfolg, kann aber schon durch kleine Anregungen, die sich auch kostenfrei umsetzen lassen, deutlich verbessert werden. Beispielsweise durch die Art des Feedbacks. Einem Schüler fällt das Lernen deutlich schwerer, wenn er der Überzeugung ist, dass seine geistigen Fähigkeiten von vorneherein festgelegt sind. Er kann viel leichter lernen und auch leichter mit Rückschlägen umgehen, wenn er glaubt, dass seine geistigen Fähigkeiten ähnlich wie beim Sport durch Üben verbessert werden können. Um dieses dynamische Selbstbild im Vergleich zu einem statischen Selbstbild zu fördern, rät die Studie Eltern, Lehrern und Schulleitern dazu, die Schüler nicht für das Ergebnis einer Aufgabe zu loben oder dafür, wie klug sie sind, sondern stets dafür, wie sehr sie sich angestrengt haben. So kann sich bei einem Schüler das Selbstbild verfestigen, dass seine geistigen Fähigkeiten keine Eigenschaften sind, die von vorneherein festgelegt sind, sondern dass es sehr stark auch auf den Fleiß ankommt. Experimente haben gezeigt, dass es Schülern, die für ihre Anstrengung gelobt wurden, viel leichter gefallen ist, auch mit schwereren Aufgaben umzugehen.

Online-Redaktion: Inwiefern behindern eingefahrene Denkmuster den Lernerfolg von Schülern und was kann man dagegen tun?

Gallander: Die meisten Menschen glauben, sie entscheiden und handeln überlegt, besonnen und abgewogen. Die Verhaltensforschung zeigt aber, dass wir alle dazu neigen, bestimmte Verzerrungen beim Denken zu haben. So bewerten wir zum Beispiel Informationen, die wir als erstes erhalten haben, in der Regel über. Das ist der sogenannte Ankereffekt. Es ist sehr schwer, sich von diesen ersten Informationen wieder zu lösen und sie durch andere zu relativieren. Auch suchen wir immer wieder nach Informationen, die das bestätigen, was wir ohnehin schon glauben. Das nennt man in der Verhaltensforschung den sogenannten Bestätigungsfehler. Diese eingefahrenen Denkmuster wollen wir mit den Ergebnissen und Empfehlungen der Studie sichtbar machen. Es geht uns nicht darum, Lehrern oder Eltern Vorwürfe zu machen oder den Zeigefinger zu heben, ganz im Gegenteil, wir alle neigen dazu, so zu denken. Durch die Studie wollen wir erreichen, dass man sich diese Denkmuster bewusst macht, über sie nachdenkt und sie dann vielleicht ein bisschen relativiert. Ein Beispiel, das in der Studie zitiert wird, handelt von dem Nobelpreisträger Daniel Kahneman. Er hat sich dabei ertappt, dass er sich bei der Benotung der Klausuren seiner Studenten sehr davon hat beeinflussen lassen, wie die erste Aufgabe ausgefallen ist. Deshalb ist er dazu übergegangen nicht mehr von Klausur zu Klausur zu korrigieren, sondern Aufgabe für Aufgabe. So wurde die Wertung viel ausbalancierter. Dadurch, dass er sein Verhalten veränderte, gelang es ihm, seine eigenen eingefahrenen Denkmuster zu relativieren.
Im Unterricht könnten Lehrer zum Beispiel Schüler dazu ermuntern, in ihren Aufsätzen und ihren mündlichen Beiträgen darauf zu achten, mehrere Meinungen gelten zu lassen und sie gegeneinander abzuwägen und sie dafür zu loben, wenn sie Gegenargumente mit einbeziehen. Oder sie können sie in Rollenspielen die Position eines anderen einnehmen lassen. Das kann sehr helfen, Denkmuster zu relativieren.

Online-Redaktion: Wie erzielt man durch eine Veränderung der Umwelteinflüsse eine positive Änderung auf das Lernverhalten von Schülern?

Gallander: Die Verhaltenswissenschaft belegt, dass das physische Umfeld, die Gestaltung des Schulgeländes und der Zustand des Schulhauses, tatsächlich Auswirkungen auf die Lernleistung hat. Jede Form von Grün, wie Bäume, Pflanzen etc. fördert die geistige Erholung und senkt gleichzeitig das Aggressionspotenzial. Wenn sich eine Schule offensichtlich in einem schlechten Zustand mit sichtbaren Anzeichen der Verwahrlosung und Vernachlässigung befindet, hat das sichtbare Rückwirkungen auf das Wohlbefinden und das Leistungsniveau der Schüler. Natürlich sollte das eigentlich selbstverständlich sein. Doch dass es hier anscheinend Nachholbedarf gibt, zeigt die Situation in Berlin, wo der Zustand in vielen Schulen vor kurzem sogar schon als unhygienisch bezeichnet werden musste, so dass sich bereits Eltern-Initiativen dagegen gebildet haben. Aber diese Initiativen bilden sich natürlich überwiegend dort, wo die Eltern gut organisiert sind. In den benachteiligten Vierteln, in denen es ohnehin sehr schwer ist, die Eltern zu erreichen, gibt es solche Initiativen eher nicht. Aber natürlich sollte jedes Kind eine gute Schule besuchen können. Das Gute an den Vorschlägen in allen drei Bereichen ist, dass die meisten relativ einfach umzusetzen sind und sie allen Schülern gleichermaßen zugutekommen.

Online-Redaktion: Wurden die Empfehlungen, die in der Studie ausgesprochen werden, getestet?

Gallander: Ja, im Rahmen der Studie wurden die Erkenntnisse mit Lehrern aus ganz unterschiedlichen Schulformen, Unterrichtsfächern und auch Altersgruppen in Fokusgruppen besprochen, um das direkte Feedback der Lehrer einzuholen und die Empfehlungen auf ihre Praxistauglichkeit zu überprüfen. Uns war es wichtig, die Lehrer von vorneherein einzubeziehen und sie danach zu befragen, wie sie die Vorschläge finden und welche Ideen sie selbst haben. Anschließend wurden die Vorschläge wieder überarbeitet. Das war sehr wichtig.

Online-Redaktion: Welche Unterstützung bekommen Lehrkräfte bei der Umsetzung der Erkenntnisse von der Vodafone Stiftung?

Gallander: Wir haben die Webseite „Lehrerdialog“ ins Leben gerufen, mit der wir Lehrern die Möglichkeit geben wollen, sich in einem Forum untereinander zu diesem Thema auszutauschen. Die Lehrer sind natürlich die eigentlichen Profis für Schülermotivation, sie kennen noch viel mehr Tipps und zum Teil vielleicht sogar bessere als die, die in der Studie enthalten sind. Unser Wunsch ist, dass die Webseite „Lehrerdialog“ eine Informations- und Austauschplattform für Lehrer aus ganz Deutschland wird. Über die Seite können sie sich gegenseitig inspirieren, ihre Vorschläge vorstellen und untereinander ins Gespräch kommen.

Auf der Seite enthalten sind natürlich auch die Vorschläge aus der Studie. Wir verstehen die Studie selbst aber „nur“ als Serviceleistung von uns. Sie soll als Sprungbrett bzw. Anschub für eine nationale Debatte zum Thema Schülermotivation dienen. Wir haben der Studie ein Plakat beigelegt, das Schulleiter herunterladen und idealerweise im Lehrerzimmer aufhängen können. So könnte die Lehrerschaft zusätzlich auf das Thema aufmerksam gemacht und zur Diskussion ermuntert werden. Wir hoffen, dass dieser Dialog jetzt richtig los geht und Lehrer ihr Wissen und ihre Tricks untereinander weitergeben. Es macht uns Mut, dass die Studie in der kurzen Zeit seit der Veröffentlichung schon über 7000 Mal heruntergeladen wurde. Wenn die Seite richtig gut läuft und von vielen Lehrern genutzt wird, sammeln wir eventuell noch einmal alle Vorschläge, die dort entstanden sind, und veröffentlichen sie in einem gesonderten Buch – natürlich unter Verweis auf die Quellen.

Online-Redaktion: Wie haben sich die Lehrer bisher geäußert?

Gallander: Grundsätzlich haben wir sehr viel positives Feedback bekommen. Die meisten Lehrer haben während ihres Studiums schon von solchen oder ähnlichen Erkenntnissen der Verhaltensforschung gehört, aber das ist oft schon lange her. Deshalb begrüßen viele es, an diese Möglichkeiten der Motivation erinnert zu werden und sie systematisiert vor sich zu sehen. Wir haben versucht, das Forum technisch möglichst niedrigschwellig einzurichten und hoffen, dass viele Lehrer teilnehmen. Was passiert, wird man sehen, aber das Experiment wollten wir eingehen.



Sebastian Gallander
leitet den Thinktank der Vodafone Stiftung Deutschland, die zur Verbesserung der Bildungschancen von sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen beitragen will. Zuvor war er Fellow der Stiftung, nachdem er sein Studium an der John F. Kennedy School of Government der Harvard University mit einem Master of Public Administration (MPA) abgeschlossen hatte. Vorher war er Senior Berater bei der Kommunikationsagentur Scholz & Friends und arbeitete dort fünf Jahre lang im Auftrag von Bundesministerien, Unternehmen und Nonprofit-Organisationen. Davor studierte er Kommunikationswissenschaft in Berlin und als DAAD-Stipendiat in Seattle.



Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 24.04.2014
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