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03. 04. 2014

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Ich würde mich freuen, wenn jedes Kind bei unseren Projekten mitmachen könnte.“

RADIJOJO! motiviert Kinder dazu, ihre eigenen Werke zu präsentieren

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Thomas Röhlinger

RADIJOJO World Children's Media Network macht spannendes, gewaltfreies und pädagogisch sinnvolles Programm mit Kindern für Kinder. Es ist unabhängig, werbefrei und nicht-kommerziell; ausgezeichnet von UNESCO, UNICEF, Bundesregierung und World Summit Youth Award. Die Themenvielfalt ist unbegrenzt: von Geschichte über Politik bis zur Wirtschaft, von den Naturwissenschaften über Gesundheit bis zum Sport, von der musikalischen Früherziehung bis zum Umgang mit der eigenen und den fremden Sprachen. Kinder aller Altersgruppen von Kita bis Oberschule können mitmachen. Die Online-Redaktion von „Bildung + Innovation“ sprach mit dem Gründer und Chefredakteur von RADIJOJO!, Thomas Röhlinger, über die Ziele und Inhalte seines World Children's Media Network.


Online-Redaktion:
Wie und wann sind Sie darauf gekommen, ein Kinderradio zu gründen?

Röhlinger: Das war im Jahr 2000. Damals habe ich ein MBA (Master of Business Administration) gemacht und war auf der Suche nach neuen Aufgaben. Ich hatte einen kleinen Sohn und habe mich oft darüber geärgert, dass es im Radio kein anständiges Kinderprogramm gab. So habe ich beschlossen, ein eigenes auf die Beine zu stellen. Ich habe meine MBA-Masterarbeit darüber geschrieben, sie im Jahr 2002 abgegeben und 2003 haben wir angefangen zu senden. Mein Ziel war von vorneherein – ich bin von Hause aus Soziologe und habe einen DDR-Bürgerrechtshintergrund –, das Kinderradio gemeinnützig, werbefrei und zivilgesellschaftlich aufzuziehen, entgegen dem, was mir viele Medienmanager geraten haben. Viele Firmen haben von Anfang an versucht, unser Projekt für kommerzielle Zwecke auszunutzen. Das haben wir bis heute verhindert.

Online-Redaktion: Welche Themen stehen bei RADIJOJO! im Vordergrund?

Röhlinger:
Die Themen Kinderrechte und Integration waren mir von Anfang an wichtig, wir haben schon zu Beginn eine Sendung mit einer palästinensischen Schülergruppe gemacht. Auch liegt mir als Musiker die kulturelle Bildung sehr am Herzen. Die kommerziellen Mainstream-Medien schaden Kindern. Sie formatieren eine kulturelle Verarmung, die die Hunderttausende von Kindern auf ihrem ganzen weiteren Lebensweg beeinträchtigt. Das behindert die Entwicklung ihrer sprachlichen und interkulturellen Kompetenz massiv. Auch ist RADIJOJO durch die vielen Anfragen, die wir aus dem Ausland bekommen haben, sehr schnell sehr international geworden, so dass wir uns von vorneherein auf eine konsequente internationale Zusammenarbeit und wirkliches globales Lernen eingelassen haben. Dazu kam, dass ich 2006 auf dem Kindermedienkongress in Mali in Westafrika war. Dort sind wir mit Anfragen aus aller Welt überrannt worden. Das war der Punkt, an dem sich mein Blickwinkel endgültig verändert hat: raus aus Deutschland, hinein in die südlichen Länder. Wir wollten Kindern dort helfen, sie mit einbeziehen und einen wirklichen globalen Austausch von Kindern ermöglichen.

Online-Redaktion: Welche Projekte führen Sie durch?

Röhlinger: Wir machen viele unterschiedliche Sachen. Bei dem Projekt „Wir entdecken die Welt“ geht es um Entwicklungszusammenarbeit. Dann betreuen wir ein globales Projekt rund um das Thema Umwelt und Nachhaltigkeit, das „Global Green Kids“ heißt. Des weiteren führen wir ein Projekt für Kinder in der Euromed-Region (die EU, Nordafrika und der Nahe Osten) durch. Es heißt die „EUROMED KIDS“, das ist gerade vor dem Hintergrund von Migration und Integration ein hoch spannendes Projekt. Wir betreuen ein Projekt namens „Transatlantic School Exchange“, das Kinder und Pädagogen in Deutschland mit Nordamerika verbindet. Und wir haben ein sehr schönes Projekt in Marokko, bei dem auch Kinder aus Deutschland dazu eingeladen sind, mit Kindern in Marokko Kontakt aufzunehmen. Es heißt „We are the future of Morocco“. In Berlin, unserem Sitz in Deutschland, führen wir Feriencamps durch, in denen wir insbesondere benachteiligte Kinder mit Migrationshintergrund fördern. Jedes dieser Projekte wird von einer eigenen medienpädagogischen Gruppe geleitet. Ich als Chefredakteur bin eigentlich nur dazu da, Projekte anzustoßen, neue Anregungen einzubringen und die didaktischen Hintergründe wissenschaftlich zu hinterlegen. Das mache ich meist ehrenamtlich  – neben meiner derzeitigen Projektarbeit in Marokko. U.a. bin ich im Beirat der Global Education Conference und sammle dort Anregungen für die Weiterentwicklung unserer Arbeit.

Online-Redaktion: Wie groß ist Ihr Team?

Röhlinger: Die Kerngruppe in Deutschland besteht aus circa fünfzehn Leuten. Wir sind aber oft mehr, so an die 50, weil wir noch Qualifikationsprogramme für arbeitslose Migranten, arbeitslose Jugendliche und arbeitslose Senioren anbieten. Das sind also Trainingsteilnehmer, die man nur mit Abstrichen als Mitarbeiter ansehen kann. Dazu kommt aber, dass wir weltweit ein riesengroßes Netzwerk von rund 1000 Partnern aufgebaut haben. Die machen nicht immer und nicht jeden Tag mit, aber sie bilden im Grunde das eigentliche RADIJOJO!-Welt-Kinder-Mediennetzwerk, das aus vielen kleinen Netzwerkgruppen weltweit besteht.

Online-Redaktion:
In welchen Formaten produziert RADIJOJO!?

Röhlinger: Es ging alles los mit Radio, was wir ja bis heute machen. Aber unser Angebot hat sich dann schnell auf die Social-Media-Möglichkeiten ausgeweitet. Sie sind für uns eine wichtige Austauschplattform geworden und bieten uns schnelle, einfache Vernetzungsmöglichkeiten, insbesondere mit Pädagogen an Schulen, Kitas und Freunden bei anderen Kindermedien-Redaktionen. So können auch Medien wie Zeichnungen, Lieder, kleine Geschichten und Essays schnell von Kind zu Kind, von Schulklasse zu Schulklasse ausgetauscht werden.

Online-Redaktion: Sind die Beiträge ausschließlich von Kindern?

Röhlinger: Wir haben früher auch Beiträge von Erwachsenen für Kinder gemacht, haben dann aber entschieden, dass bei uns nur Kinder zu hören sein sollen. Auch sollen die Kinder möglichst in die Produktion einbezogen sein. Das klappt mal mehr, mal weniger, aber letztlich werden die Inhalte schon ausschließlich von Kindern präsentiert. Erwachsene können als Experten oder Interviewpartner auftauchen, zum Beispiel haben wir kürzlich Willi Lemke, den UN-Sonderberater für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden interviewt.

Online-Redaktion: Wie können Kinder Kontakt zu Ihnen aufnehmen?

Röhlinger:
Am besten über ihre Schule oder mit ihren Eltern. Wir haben unseren Sitz selbst in einer Schule in Berlin und bieten dort Nachmittags- und Ferienaktivitäten an. Wir besuchen aber auch andere Schulen und halten dort Workshops ab. Schulen können sich bei uns zu einem Workshop anmelden, sie können aber auch jederzeit mit ihren eigenen vorhandenen Mitteln bei uns mitmachen. Wir erklären den Lehrern dann in einer Art Ferntraining, wie es geht. Die ganze Medientechnik ist sehr einfach gehalten. Oder die Kinder besuchen eins unserer Feriencamps.
 
Online-Redaktion: Wie motiviert sind die Kinder und Jugendlichen?

Röhlinger: Es ist faszinierend zu sehen, wie sich ihr Engagement durch die internationale Zusammenarbeit verändert. In dem Moment, indem sie wissen, dass andere Kinder irgendwo auf der Welt ihre Arbeiten erwarten, strengen sie sich viel mehr an. Das ist ein sehr, sehr guter Motivator. Sie sehen ja auch, was die anderen machen, und wollen sich dann auch Mühe geben.

Online-Redaktion: Wo kann man RADIJOJO! hören?

Röhlinger:
Grundsätzlich stehen immer alle Beiträge im Internet zur freien edukativen Verfügung. Unser Angebot ist nach Themen und Regionen geordnet; das wird auf der neuen Website Ende 2014 noch sehr viel besser strukturiert sein. Auch geben wir unsere Beiträge an nicht-kommerzielle Radiosender weiter, wie Radio „Alex“ in Berlin, Radio „Tide“ in Hamburg, oder zum Beispiel an Radio „Acik“ in Istanbul, den einzig freien Sender in der Türkei. Wir sind  Mitglied im Weltverband der nicht-kommerziellen Radios (AMARC) und im europäischen Verband der nicht-kommerziellen Medien (CMFE), alle Mitglieder können kostenfrei auf unsere Inhalte zugreifen und sie für ihre Zwecke verwenden.

Online-Redaktion: Wie viele Länder erreicht RADIJOJO! mit seinen Projekten?

Röhlinger: Ich habe bei hundert Ländern aufgehört zu zählen, die in irgendeiner Form beteiligt sind. Auf allen Kontinenten haben wir Partner, von Kirgistan bis Bolivien, von Tansania bis Dänemark, von den USA bis Australien.

Online-Redaktion: Wie gelingt die internationale Zusammenarbeit?

Röhlinger: Sie ist sehr vielfältig und sehr spannend. Einige Projekte führen wir selber durch, auch im Ausland. Zum Beispiel bin ich selbst gerade die meiste Zeit des Jahres in Marokko und leite dort das medienbasierte Friedensprojekt „We are the future of Marokko“, das im Kontext der Transformationspartnerschaft mit Ländern des arabischen Frühlings steht. Dann gibt es eine Menge Projekte, bei denen wir mit NGOs oder mit Schulen bzw. Schulklassen zusammenarbeiten, so zum Beispiel in Afrika oder in Asien. Wir haben auch feste Partner, zum Beispiel Kindermediengruppen in Spanien und Südamerika, die regelmäßig an einem Projekt arbeiten und mit denen wir einen beständigen Austausch führen. Wir arbeiten auch mit Bürgermedien, etwa zivilgesellschaftlichen Radios wie die Community Radios in Afrika, zusammen. Involviert sind auch Umwelt- und Kulturgruppen oder Universitäten, die mit Kindern arbeiten.

Online-Redaktion: Sie sind sehr gut vernetzt!

Röhlinger:
Deswegen nennen wir uns auch Network. Wir leben diesen ganz konsequenten Netzwerkansatz. Wenn man als „Graswurzel-Organisation“ alleine dasteht, funktioniert das nicht. Erst durch die Summe vieler Netzwerkpartner wird es spannend und sinnvoll. Wir sind immer bereit und offen für Kooperationen, auch für wissenschaftliche. Ich denke darüber nach, selbst eine Doktorarbeit über meine Arbeit bei RADIJOJO! zu verfassen, um das Programm noch mehr in die Forschungs- und Entwicklungsarbeit einzubinden. Wir sind im Praktischen sehr gut und auch im internationalen Maßstab sehr innovativ, aber eine Evaluation kriegen wir finanziell nur selten gestemmt. Wir sehen jedes Mal, wie klasse unsere Projekte sind, können es aber nur in Teilen beweisen. Deshalb wäre es sinnvoll, unsere praktische Arbeit mit einer systematischen, wissenschaftlichen Arbeit zu verbinden. Ich bin mit der Universität Erfurt im Gespräch, die einen Kindermedienstudiengang anbietet, aber gerade auch ein international- pädagogischer Ansatz würde hervorragend passen.

Online-Redaktion: Wie finanziert sich RADIJOJO!?

Röhlinger: Wir sind bis heute nicht-kommerziell und werbefrei. Wir halten das auch aus pädagogischer und gesellschaftlicher Sicht für extrem wichtig. Und mit diesem Modell gelten wir mittlerweile international als Vorbild. Wir finanzieren uns über den „harten Weg“; und der heißt: Anträge schreiben für geförderte Projekte beim Bund, bei den Ländern, bei der EU, bei Stiftungen. Auch sind Spenden immer willkommen. Ein ganz großer Teil, geschätzt rund Dreiviertel der Projekte weltweit, wird mit ehrenamtlicher Arbeit geleistet. Darin besteht die eigentliche Kunst unserer Arbeit, Projekte anzustoßen und Open Educational Resources gemäß den Empfehlungen der UNESCO zu schaffen, die von Schulen und Familien weltweit kostenfrei genutzt werden können. Es ist sehr schön und befriedigend zu sehen, wenn es funktioniert und wenn man morgens in den Spiegel schauen und sagen kann, wow, da haben die Kinder was davon! Wir haben es noch nie erlebt, dass ein Projekt nicht gut angekommen ist. Im Gegenteil, die Nachfrage ist viel größer als wir mit den derzeitigen Kapazitäten leisten können. Deswegen wären wir auch sehr daran interessiert, auf Bundes- oder Länderebene eine Systematik zu finden, wie wir unsere Didaktik und Methodik noch weiter in die Schulen im Bundesgebiet einbringen können. Ich würde mich freuen, wenn jedes Kind, egal ob auf dem Dorf oder in der Stadt, bei unseren national und international vielfach preisgekrönten Projekten mitmachen könnte.

Online-Redaktion: Was wünschen Sie sich noch für die Zukunft?

Röhlinger:
Vielen hervorragenden nicht-kommerziellen Kindermedienprojekten, in Deutschland und weltweit, geht es schlecht. Das liegt daran, dass nicht-kommerzielle Arbeit zu wenig gefördert wird. Wir zum Beispiel kommen nicht an die Rundfunkförderung heran, dort stehen Milliarden zur Verfügung, und ich würde mir wünschen, dass unsere Arbeit dort endlich berücksichtigt wird. Das geht anderen Gruppen national und international ähnlich. Hierfür müssen in Zukunft neue Wege gefunden werden. Wir erleben es so oft, dass es kleine tolle Gruppen ein, zwei Jahre nach ihrer Gründung nicht mehr gibt, weil sie keine Förderung erhalten haben. Hinterher ist das Geschrei immer groß, wenn die Integration nicht gelingt, wenn die Bildungsergebnisse schlecht sind und wenn die interkulturellen Kompetenzen fehlen. Finanziell fördern wäre billiger als hinterher die Scherben zusammenzukehren!


Thomas Röhlinger
ist Gründer und Chefredakteur von RADIJOJO! World Children's Media Network. Er ist Mitglied des Advisory Boards der Global Education Conference. Er gewann den Communication for Sustainable Social Change Award 2012 der University of Massachusetts Amherst, USA. Er ist Diplom-Soziologe, Absolvent der Berliner Journalistenschule und Master of Business Administration in Media Management.
Er berät außerdem Schulen, Bildungseinrichtungen und gemeinnützige Organisationen.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 03.04.2014
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