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07. 03. 2014

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Frauen fühlen sich zerrissen zwischen Kind und Karriere

Studie nimmt Lebenspläne und -verläufe von jungen Frauen ins Visier

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Die Studie „Frauen auf dem Sprung - das Update 2013"; Quelle: BRIGITTE

 

Seit über 100 Jahren wird jedes Jahr am 8. März der Internationale Frauentag gefeiert. Seitdem haben Frauen viel erreicht. Doch sind sie zufrieden damit? Die Studie „Frauen auf dem Sprung - das Update 2013" zeigt: Frauen wollen finanzielle Unabhängigkeit, Beruf und Kinder – von der Politik und den Männern fühlen sie sich dabei zu wenig unterstützt.



Seit sieben Jahren beobachtet die deutsche Frauenzeitschrift BRIGITTE gemeinsam mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und dem Institut für angewandte Sozialwissenschaft (infas) die Lebenspläne und Lebensverläufe von jungen Frauen und Männern. Im Jahr 2008 brachten sie gemeinsam die erste repräsentative Studie „Frauen auf dem Sprung“ heraus. Dafür wurden 2007 über 2.000 Frauen und Männer zwischen 17 und 19 bzw. 27 und 29 Jahren nach ihren Hoffnungen und Plänen befragt. Welche Ziele haben sie, welche Berufswünsche, wie stellen sie sich ihr Leben und ihren Partner vor?

Die Studie ergab, dass junge Frauen selbstbewusst und stark sind. Sie möchten einen Beruf, finanzielle Unabhängigkeit und Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen. 90 Prozent von ihnen wünschen sich Kinder, wollen sich zwischen Job und Familie aber nicht zerreiben lassen. „Diese Frauen werden die Gesellschaft wachrütteln“, war die Soziologin Prof. Dr. Jutta Allmendinger, die Leiterin der Studie, überzeugt.

18 Monate später – zu Zeiten der Finanzkrise – wurden dieselben jungen Frauen und Männer wieder interviewt. Bei der erneuten Befragung ging es darum, wie sie auf die Krise reagieren und ob sie ihre Meinung ändern, wenn sich ihre Lebenssituation verändert. Das Ergebnis war eindeutig. Die Frauen waren noch kompromissloser: Nur noch 17 Prozent würden für den Partner den Beruf wechseln, 2007 waren es noch 37 Prozent. Nur vier Prozent waren dazu bereit, für den Job die eigene Familie zu vernachlässigen. Die meisten Frauen wünschen sich einen gleichwertigen Partner, der sich Zeit für die Familie nimmt, keinen Ernährer. Und trotz der schwierigen Lage auf dem Arbeitsmarkt beurteilten sie ihre Chancen zuversichtlich. Sie wissen, was sie können. Und sie sind verärgert darüber, dass Männer immer noch mehr verdienen als sie, obwohl sie hervorragend ausgebildet sind.

„Frauen auf dem Sprung - das Update 2013“

Heute sind die Befragten 21 bis 34 Jahre alt. 42 Prozent von ihnen haben inzwischen ein Kind bekommen, 80 Prozent sind im Beruf und 51 Prozent leben mit ihrem Partner zusammen. 2012 wurde eine Teilmenge von 501 Menschen zum dritten Mal befragt. Die Frauenzeitschrift BRIGITTE, das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und das Institut für angewandte Sozialwissenschaft (infas) wollten von ihnen erfahren, welche Einstellungen sie heute zu Familie, Arbeit und Leben haben. Wie haben sich ihre Ziele und Hoffnungen entwickelt, welche Pläne haben sie verwirklicht, welche sind geplatzt? Diese dritte Studie „Lebensentwürfe heute. Wie junge Frauen und Männer in Deutschland leben wollen“ erschien als Discussion Paper des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) im September 2013 und wurde wie die beiden Vorgänger von infas, Institut für angewandte Sozialwissenschaft, durchgeführt und teilweise finanziert.

Die Ergebnisse sind deutlich: Der Erwerbswunsch der Frauen ist nahezu selbstverständlich. Für 91 Prozent der befragten Frauen sind Erwerbsarbeit und finanzielle Unabhängigkeit sehr wichtig. Und auch nach der Familiengründung wollen die meisten Frauen nicht aufhören zu arbeiten. Nur fünf Prozent der Frauen sind bereit, darauf zu verzichten. Das entspricht den Erwartungen der Männer. Überraschenderweise wünschen sich 76 Prozent der befragten Männer eine Partnerin, die „sich um den eigenen Unterhalt kümmert.“ 2007 waren es nur 54 Prozent. Hier hat ein enormer Wertewandel stattgefunden.

Kinder oder Karriere?
Doch obgleich der Kinderwunsch bei den Frauen sogar noch gestiegen ist - 93 Prozent der Frauen wünschen sich Nachwuchs -, glauben die wenigsten an eine Vereinbarkeit von Familie und Karriere. Immerhin 53 Prozent der Frauen stimmten 2012 der Aussage zu: „Wer Kinder hat, kann keine wirkliche Karriere machen.“ 2007 waren dies nur 36 Prozent. Diese Frauen sehen zwar, dass Unternehmen durchaus auf die Belange von Eltern eingehen, aber dass nur Vollzeit und lange Anwesenheit zu Erfolg und Anerkennung im Job führen. Und da sie auch von ihren Männern nicht darin bestärkt werden, Kinder zu bekommen - denn auch Männer erleben die Gesellschaft als sehr kinderfeindlich -, schieben sie den Kinderwunsch immer weiter hinaus. Nur 42 Prozent der befragten Frauen haben in den vergangenen Jahren Kinder bekommen. Viele Frauen, die eigentlich mehrere Kinder wollten, bekommen schließlich nur eins. Andere nehmen sogar in Kauf, dass sich ihr Kinderwunsch gar nicht mehr erfüllt.
Doch sie fühlen sich bestätigt, wenn sie hören, dass Frauen, die Kinder bekommen haben, sich beruflich ausrangiert fühlen. „Frauen wissen, dass die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf inzwischen zu schaffen ist, aber Beruf heißt noch lange nicht, eine gute Arbeit zu haben, die einen fordert und anregt. In diesem Sinne müssen sie sich nun zwischen Karriere ohne Kinder oder Kinder ohne Karriere entscheiden. Das ist ein zentrales Thema dieser Generation“, bilanziert Jutta Allmendinger in dem BRIGITTE-Dossier zur dritten Studie. Und sie ergänzt: „Die heute 25- bis 35-Jährigen sind wahrscheinlich die erste Generation von Frauen, der es nicht gelingt, sich einzupendeln. Sie klammern sich mental an den Karrieregedanken und führen, sobald sie Mütter sind, gleichzeitig ein Leben, mit dem sie ihre beruflichen Träume wohl nicht verwirklichen werden. Sie würden weniger leiden, wenn sie mit ihrer Mutterrolle und einer Teilzeitarbeit zufrieden sein könnten. Aber das gelingt ihnen nicht, auch weil Teilzeitarbeit gesellschaftlich nicht wertgeschätzt wird“.

Frauen fühlen sich von der Politik und ihren Männern im Stich gelassen
70 Prozent der befragten Frauen sind wütend, weil so viel an ihnen hängt, weil sie diskriminiert werden, nur selten eine Führungsposition erhalten und für vergleichbare Arbeit schlechter bezahlt werden als männliche Kollegen. Und dass sie neben ihrem Beruf zu Hause weiterhin die meiste Arbeit leisten. „Erwerbsarbeit und unbezahlte Familienarbeit müssen zwischen Frauen und Männern fairer verteilt werden. An der Zeitfrage wird sich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie entscheiden", fordert Allmendinger. Zwar hätten Firmen mit Betriebskindergärten, Homeoffice und Flexibilität sehr viel dazu beigetragen, dass Frauen Kinder und Beruf miteinander in Einklang bringen können, aber „jetzt müssen sie gute Instrumente finden, Frauen in verantwortungsvolle, führende Positionen zu bekommen. Man sollte mit den Frauen über ihre Perspektiven reden, bevor sie schwanger werden, und aufzeigen, wie man mit Müttern so zusammenarbeitet, dass sie mittelfristig die Positionen erhalten, die sie sich wünschen“, so Allmendinger.

Frauen unter Druck
Die Studie zeigt: Frauen und Männer wünschen sich eine gesunde Balance zwischen Beruf und Familie – aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Nach wie vor übernehmen Frauen den größten Teil der zeitaufwändigen Hausarbeit, auch dann, wenn noch keine Kinder im Haushalt leben. Auch Pflege und Kindererziehung bleiben überwiegend Frauensache. Ein Drittel der Männer würde die Erwerbsarbeit nicht für die Kindererziehung unterbrechen, die restlichen Männer nur kurz. Der Anteil der unbezahlten Arbeit bei der Familiengründung steigt für die Frau, der Anteil der bezahlten sinkt. Die Frauen stehen enorm unter Druck. Kind und Karriere, das geht nur mit Mehrfachbetreuung, also mit viel Geld, schlussfolgert Allmendinger. Aber die meisten Frauen können sich das nicht leisten.
Von der Politik erwarten sie, dass die Qualität in der Kinderbetreuung gewährleistet wird und es Ganztagsschulen gibt, in denen sie ihre Kinder nicht so umfangreich unterstützen müssen.
Gefühlte „Verlierer“ gibt es aber auch bei den Männern. Die Studie zeigt, dass diejenigen mit niedriger Bildung weder die Frauen noch die Jobs bekommen, die sie sich wünschen, und sich gesellschaftlich abgehängt fühlen.

 

 

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 07.03.2014
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