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13. 02. 2014

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Man muss auf die schwarzen Schafe achtgeben“

Es gibt gute, aber auch schlechte Materialien zur Verbraucherbildung

Bild

Tatjana Bielke

Für Verbraucherbildung an Schulen gibt es bislang keine offiziellen Schulbücher. Die Lehrkräfte sind auf freie Materialien angewiesen. Das Projekt Materialkompass Verbraucherbildung hat seit dem Jahr 2010 450 Bildungsmedien verschiedener Anbieter und Interessenvertreter untersucht. Die Online-Redaktion von Bildung + Innovation sprach mit Tatjana Bielke, Projektleiterin von Materialkompass Verbraucherbildung, über die Testergebnisse und das Ziel, Verbraucherbildung als Schulfach einzuführen.


Online-Redaktion: Seit wann gibt es den Materialkompass Verbraucherbildung, und wie kam es zu seiner Gründung?

Bielke: Das Projekt, das vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gefördert wird, startete 2010, und der Materialkompass Verbraucherbildung ist 2011 online gegangen. Anlass war, Lehrkräften einen Service zu bieten, um ohne aufwändige Netzrecherche schnell an gutes Unterrichtsmaterial zu gelangen. In unserer Datenbank kann man thematisch filtern und gezielt suchen. Der große Mehrwert des Materialkompass ist aber, dass wir die Unterrichtsmaterialien auch bewerten, d. h. die Lehrkräfte bekommen eine Orientierung über die Qualität der Materialien und deren Einsetzbarkeit im Unterricht. Uns Verbraucherschützern ist es außerdem wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass nicht alle Materialien, die es auf dem freien Markt gibt, gut sind. Es gibt Unterschiede, und man muss auf die schwarzen Schafe achtgeben.

Online-Redaktion: Nach welchen Fragestellungen und Kriterien wurden die Bildungsmedien untersucht? Und wer hat die Untersuchungen durchgeführt?

Bielke: Wir haben ein Bewertungsraster entwickeln lassen, das auf den Ergebnissen des Forschungsprojekts zur „Reform der Ernährungs- und Verbraucherbildung an Schulen“ (REViS) beruht. Hier wurde u. a. ein Referenzrahmen für die Verbraucherbildung entwickelt, der uns als wissenschaftliche Grundlage dient. Das Bewertungsraster selbst wurde von Frau Prof. Schlegel-Matthies, Uni Paderborn, entwickelt und nach einer 1½-jährigen Praxisphase wissenschaftlich von Prof. Engartner, Uni Frankfurt / Main, evaluiert und leicht überarbeitet. Ein Bewertungsteam prüft mit Hilfe dieses Rasters die methodisch-didaktische, die fachliche sowie die gestalterische Qualität der Materialien aus den Bereichen Gesundheit und Ernährung, Medienkompetenz, finanzielle Allgemeinbildung und nachhaltiger Konsum. Das Team setzt sich aus 29 interdisziplinären Expert/inn/en zusammen: Wissenschaftler/innen, Fachdidaktiker/innen, Lehrkräften, die in den Themengebieten der Verbraucherbildung unterrichten, sowie Referent/innen aus den Verbraucherzentralen.

Online-Redaktion: Zu welchen Ergebnissen kamen die Untersuchungen?

Bielke: Erst einmal kann man sagen, dass es viele gute Materialien gibt. Zweidrittel aller Materialien, die wir untersucht haben, sind mit „gut“ oder „sehr gut“ bewertet worden. D. h. Lehrkräfte, die Verbraucherbildung unterrichten, können auf entsprechendes Material zurückgreifen. Dabei fiel auf, dass Materialien aus der öffentlichen Hand und von Institutionen, die staatlich gefördert werden, Verlagsmaterialien und Materialien von Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) überwiegend positiv bewertet wurden.
Bildungsmedien aus der Wirtschaft oder von wirtschaftsnahen Verbänden und Institutionen schnitten dagegen signifikant schlechter ab. Aus dem Bereich Wirtschaft wurden 18 Prozent der Materialien mit mangelhaft bewertet. Das ist sehr viel: Bei der öffentlichen Hand sind es nur 1,2 Prozent und bei den NGOs auch unter zwei Prozent. Ähnlich sieht es bei den Materialien aus, die mit ausreichend bewertet wurden. Bei der Wirtschaft sind dies 20 Prozent, bei der öffentlichen Hand sind es unter fünf und bei den NGOs acht Prozent der Materialien. Das ist schon ein wirklich großer Unterschied.

Online-Redaktion: Wie erklären Sie das?

Bielke: Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen gibt es Unternehmen, die in den Materialien offene Marken- und Produktwerbung betreiben. Diese Materialien werden von uns abgewertet, weil sie mit dem Werbeverbot an Schulen nicht in Einklang zu bringen sind. Zur Abwertung führt auch, wenn die Darstellung der Fachinhalte interessengeleitet oder nicht umfassend genug ist. Manche Herausgeber behaupten zwar fachlich nichts Falsches, stellen das Thema aber nicht unbedingt im richtigen Kontext dar. Sie lassen Sachverhalte weg, die für sie unbequem sind, und argumentieren nur aus einer Perspektive. Unser Anspruch an gutes Unterrichtsmaterial ist, dass Jugendliche verschiedene Positionen kennenlernen und sich dann eine eigene Meinung bilden können. Das ist auch im sogenannten „Beutelsbacher Konsens“ verankert.
Bei den schlecht bewerteten Materialien aus der Wirtschaft wird dieser Konsens nicht eingehalten. Interessanterweise schneiden die Materialien der NGOs insgesamt ziemlich gut ab, obwohl es sich ja auch um Interessenverbände handelt, die eine bestimmte Meinung vertreten. In den Materialien gelingt es ihnen aber weit besser, andere Meinungen zu integrieren und gegenüberzustellen.

Online-Redaktion: Wie werden wirtschaftsnahe Bildungsmedien im Unterricht eingesetzt?

Bielke: Das ist schwer zu beantworten. Ich habe kein Zahlenmaterial darüber, welches Material wirklich im Unterricht ankommt und welches nicht. Aber ich denke, Lehrkräfte werden beim Unterrichten “gesunder Ernährung“ nicht unbedingt auf das Material eines Schokoladenherstellers zurückgreifen, wenn auf jeder zweiten Seite für Schokolade Werbung gemacht wird. Schwieriger ist es bei Materialien, bei denen es nicht so offensichtlich ist, die man erst sehr genau durcharbeiten muss, bevor die Fallstricke sichtbar werden. Die Lehrkräfte haben ja meist keine Ausbildung in Verbraucherbildung. Wenn Deutschlehrer zum Beispiel fachfremd finanzielle Allgemeinbildung unterrichten müssen, ist es für sie besonders schwer, solche Defizite zu erkennen.
Feststellen können wir durch unsere Untersuchungen aber, wie weit der Lobbyismus in den Materialien selbst vorgedrungen ist. Dafür gibt es viele Beispiele. Wenn ein großer europäischer Automobilhersteller zum Beispiel einen Titel „Mobil im Klimaschutz“ herausgibt, dann nur auf Autos und Flugzeuge eingeht, die Nachteile nicht benennt und den öffentlichen Nah- oder den Schienenverkehr nicht thematisiert, kann man nicht von sachgerechter Darstellung der Thematik Mobilität im Klimaschutz sprechen. Oder wenn ein Versicherungsunternehmen vorgibt, in einem Material über Geldanlagen zu informieren, dabei aber verschweigt, dass die Versicherungsvertreter Provisionen erhalten, ist das einseitige Information, die stark von den Interessen des Herausgebers geprägt ist und als Lobbyismus bezeichnet werden kann.

Online-Redaktion: Haben Lehrer/innen ein kritisches Bewusstsein zum Thema „Lobbyismus an Schulen“?

Bielke: Ich glaube schon, dass es dafür eine Sensibilität gibt. 2012 haben wir eine Fokusgruppenbefragung mit Lehrkräften aus den Sekundarstufen I und II durchgeführt. Da haben sich die meisten Lehrer/innen relativ kritisch zu sogenannten „Anbietermaterialien“ geäußert. Ob manche sie trotzdem verwenden, kann ich nicht sagen.

Online-Redaktion: Ihr Ziel ist es, das Fach Verbraucherbildung an den Schulen einzuführen. Wie stellen Sie sich eine Verankerung des Faches an Schulen vor?

Bielke: Wir halten Verbraucherbildung für wichtig, da alle Jugendlichen die Grundzüge des Konsumalphabets lernen sollten, um kompetente Konsumentscheidungen zu fällen. Viele Jugendliche wissen beispielsweise nicht, worauf sie beim Abschluss eines Handyvertrages achten müssen, und glauben, dass es ein Handy für „0 Euro“ tatsächlich gibt. Dass, laut Schuldneratlas 2013, bereits über 200.000 Menschen unter 20 Jahren verschuldet sind, lässt sich u. a. auf eine geringe finanzielle Allgemeinbildung zurückführen. Auch nimmt die Zahl essgestörter Jugendlicher, die unter Adipositas leiden, immer mehr zu. Viele wissen gar nicht, wie sie sich gesund ernähren könnten oder haben dafür kein Bewusstsein ausgebildet. Darum sagen wir: Verbraucherbildung muss an den Schulen als Fach verankert werden, damit alle Kinder diese Kompetenzen erwerben können. Wir gehen sogar so weit zu sagen, dass es prüfungsrelevant werden muss, damit es auch wirklich unterrichtet wird.
Was die Umsetzung angeht: Mit Ernährungsthemen setzt man am besten bereits in der Grundschule an. In der Mittelstufe sollte Verbraucherbildung mindestens über zwei, drei Jahre kontinuierlich unterrichtet werden. Weniger reicht nicht, weil die Themen sonst nicht nachhaltig verankert sind und nur Teilgebiete abgedeckt werden könnten.

Online-Redaktion: Wie relevant erscheint den Lehrer/inne/n die Verankerung von Verbraucherbildung in den Lehrplänen?

Bielke: Bei den Lehrer/inne/n rennen wir damit offene Türen ein. Viele finden die Themen wichtig und sagen, dass sie viel zu kurz kommen. Die Lehrer, die Verbraucherbildung unterrichten, stehen vor dem Problem, dass es keine Schulbücher gibt und sie sich ihre Materialien selber suchen müssen. Auch müssen sie Fortbildungen besuchen, wofür sie eigentlich keine Zeit haben. Wenn Verbraucherbildung ein Fach wäre, gäbe es ein Curriculum, dann wären die Lehrinhalte festgelegt, es gäbe vernünftiges Material, und es würde eine entsprechende Lehreraus- und -fortbildung geben. Unser Anliegen ist es dahin zu kommen. Deshalb sind wir mit den Kultusministerien in Kontakt. In einigen Bundesländern gibt es auch schon viel versprechende Ansätze. Schleswig-Holstein hat Verbraucherbildung bereits als Fach eingeführt, ist also Vorreiter auf dem Gebiet. In Nordrhein-Westfalen gab es gerade eine Anhörung im Landtag zu dem Thema, und auch in Niedersachsen gab es kürzlich eine erste Anhörung im Unterausschuss für Verbraucherschutz. In Berlin wird geplant, einen Lernbereich Verbraucherbildung einzuführen.

Das Prinzip, das Schleswig-Holstein vorgemacht hat, finde ich im Grunde gut. Das Land hat das Fach Hauswirtschaft als Grundlage genommen, dieses modernisiert und um weitere Inhalte ergänzt. Das ist ein guter und möglicher Weg, die Inhalte in den Lehrplänen zu verankern, ohne ein zusätzliches Fach einführen zu müssen.



Tatjana Bielke ist Diplom-Erziehungswissenschaftlerin und Semiotikerin. Sie hat viele Jahre als Online-Redakteurin in Bildungsprojekten und im Schulbuchverlag gearbeitet und ist u. a. Jurymitglied im Wettbewerb „Für’s Leben lehren“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Seit 2010 verantwortet sie als Projektleiterin den Materialkompass Verbraucherbildung im Verbraucherzentrale Bundesverband e.V.





Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 13.02.2014
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