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17. 08. 2000

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Kinder wissen, was sie wollen

Abschied von der klassischen Erziehung im Kindergarten

"Fine, thank you", flüstert der fünfjährige Simon der gleichaltrigen Nathalie zu, die keine Antwort auf die Frage "How are you?" weiß. Der Fragesteller, ein flauschiger Vogel, der auf den Namen "Birdy Bird" hört, ist nicht irgendein sprechender Papagei, sondern eine Handpuppe. Sie begleitet neun Kinder in der Kindertagesstätte unter den Weiden e.V. in Kempen auf ihren ersten Schritten in eine Fremdsprache: ohne Vokabelpauken, Grammatik und Leistungsdruck, sondern mit Spiel und Spaß. Auch der Lehrerin Ceciel Seiffert, die für ein geringes Entgelt ihre Freizeit opfert, freut sich an der Motivation der Kinder. Englischkurse im Kindergarten sind ebenso in Mode wie unter Beschuss, weil viele Eltern sich die oftmals teuren Kurse nicht leisten können und bereits im Kindergarten eine Zwei-Klassengesellschaft fürchten. Der Wunsch vieler Eltern, ihrem Nachwuchs so früh wie möglich die beste Ausbildung angedeihen zu lassen, lockt denn auch große Sprachschulen wie Berlitz an, die einen lukrativen Markt entdecken. Konkurrenz ist noch nicht in Sicht, weil in staatlichen Kindergärten diese Kurse noch die Ausnahme sind. Der Grund: Leere Kassen.

Oftmals "mangelnde Schulfähigkeit" diagnostiziert

Die Bildungsdiskussion hierzulande kreist seit Jahren nur um Schule und Hochschule. Der Kindergarten existierte bislang nicht im Koordinatensystem der Diskussion. Doch die Koordinaten verschieben sich langsam. In einer Gesellschaft, in der die Halbwertzeit von Wissen immer kleiner wird, wandelt sich der Bildungsbegriff. Bildung ist eben kein starres Ergebnis, ein Gipfel, den es zu erklimmen gilt, sondern ein permanenter Prozess, in dem nun auch die Jüngsten einen Platz zugewiesen bekommen. Verantwortlich für das Umdenken ist aber auch der Anteil der Kinder, die wegen "mangelnder Schulfähigkeit" noch nicht die Schulbank drücken dürfen und zurückgestellt werden. Die Startchancen aller Kinder werden nun einmal durch ihre persönlichen Begabungen, ihr soziales Umfeld und die Qualität der Bildungseinrichtungen beeinflusst.

Kinder bilden sich selbst

Das Lernen des Lernens, die Persönlichkeitsentwicklung und Gemeinschaftsfähigkeit sind Schlüsselkompetenzen, die unter keine Altersbeschränkung fallen und deshalb auch schon vor der Schule erworben werden können. Kinder haben eine hohe Motivation, mit denen sie Themen selbständig erschließen können. Mit der bloßen Unterweisung und Belehrung verschenken Pädagogen und Eltern viel Potenzial, denn Kinder bilden und konstruieren sich von Geburt an selbst. Hans-Joachim Laewen, der das Bundesmodellprojekt "infans" leitete, das einen Bildungsauftrag für Kindertageseinrichtungen erarbeitete, schreibt: "Die Bildungsprozesse der Kinder sind Konstruktionsprozesse, mit denen sie eine innere, virtuelle Welt in Kopf und Körper schaffen, die sie in der äußeren Welt handlungsfähig werden lässt." Bildung ist somit Selbstbildung der Kinder und die Erwachsenen müssen die Erziehung als Aktivität verstehen, welche die Kinder begleitet, als "sichere Basis" dient und auch wichtige Themen einfädelt. Das bedeutet, dass Eltern gezwungen sind, ihre Rolle und den Erziehungsbegriff neu zu überdenken. Doch nicht nur sie überfordert die Entdeckung, dass Kleinkinder, noch nicht mal sicher auf zwei Beinen, sehr wissenshungrig sind.

Weiterbildung für ErzieherInnen

Auch ErzieherInnen haben mit einem neuen Rollenverständnis zu tun. Sie sind nun plötzlich ModeratorInnen. Und das ist tatsächlich nicht einfach. In der Kindertagesstätte Unter den Weiden e.V., die schon seit Jahren auf Projektarbeit von und mit den Kindern setzt, fragt öfters eine Erzieherin, wo sie denn bleibe, wenn die Kinder jetzt so viel alleine machen?
Die Mitarbeiter von "infans", die im Rahmen des Modellprojekts dieses Problem hautnah mitbekamen, plädieren denn auch für eine effiziente Fort- und Weiterbildung der Erzieherinnen, denen konkrete Handlungsanleitungen an die Hand gegeben werden müssten. Kommentierte Videofilme zum Beispiel, die veranschaulichen können, was die Themen der Kinder sind, wie man diese erkennt und Selbstbildungsprozesse unterstützt. Kindertagesstätten müssen, so schreibt Laewen, "Forschungs- und Erprobungslabors" sein: Bewegungsfreundlich gestaltet und inhaltlich so offen, dass Kinder ihre Themen umsetzen können. Dabei sollten auch komplexe Ordnungen ins Angebot genommen werden wie klassische Musik und technische Zeichnungen.

Die Projektgruppen in der Kindertagesstätte Unter den Weiden e.V. sind nicht nach Alter, sondern nach Interessen eingeteilt. So lernen die Kleinen auch Verantwortung für andere zu übernehmen. Wie Patrick zum Beispiel, der die jüngere Sabrina im Englischunterricht auslacht, weil sie die falsche Antwort gegeben hat. Die Lehrerin erinnert ihn an das vergangene Jahr: "Vor einem Jahr haben die anderen auch nicht über dich gelacht, als du der Jüngste warst. Versuch lieber ihr zu helfen." Und das tut er dann auch schuldbewusst.

Autor(in): Udo Löffler
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Datum: 17.08.2000
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