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25. 10. 2012

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Ich empfinde viel Dankbarkeit für START“

Das START-Stipendium unterstützt Jugendliche mit Migrationshintergrund auf dem Weg zu einer höheren Schulbildung

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Alexandra Nicolai

Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung fördert seit 2002 begabte und sozial engagierte Kinder aus Zuwandererfamilien. Die Online-Redaktion sprach mit Alexandra Nicolai  - sie war von 2003 bis 2005 START-Stipendiatin – darüber, wie es ihr seitdem ergangen ist und welchen Einfluss das Stipendium auf ihren Werdegang hatte.


Online-Redaktion: Wie sind Sie auf das START-Stipendium aufmerksam geworden?

Nicolai: Ich bin im August 2001 von Moldawien nach Deutschland gekommen. Mein ehemaliger Schulleiter hat meinen Klassenlehrer direkt auf das Stipendium aufmerksam gemacht. Dieser hat mir dann die START-Broschüre gezeigt, damit ich mich dort bewerben kann. Das habe ich im März 2002 auch getan. Allerdings bin ich nicht in der ersten Welle aufgenommen worden, sondern etwas später, als zusätzliche Fördermittel eingerichtet wurden, um noch mehr Jugendlichen mit Migrationshintergrund das Stipendium zu ermöglichen. So konnte ich zusätzlich zum ersten Jahrgang aufgenommen werden.

Online-Redaktion: In welcher Form wurden Sie unterstützt?

Nicolai: Ich habe ein monatliches Bildungsgeld von 100 Euro für Lernmittel und Weiterbildungsmaterialien, aber auch für den Besuch kultureller Veranstaltungen im Rahmen von Klassenausflügen bekommen. Außerdem einen PC. Das war eine tolle Hilfe, weil wir schon oft Hausaufgaben mit dem Computer erledigen mussten und ich keinen hatte. Dazu gab es ein ideelles Förderprogramm. Das heißt, ich konnte an verschiedenen Bildungsseminaren zu Themen wie „Grundgesetz und Grundrechte“, „Lern- und Arbeitsmethodik“, „Moderne Umgangsformen“, „Bewerber-Training“ teilnehmen. In diesen Seminaren wurden wir mit dem deutschen Staat und der deutschen Sprache vertrauter gemacht, wurden schulbegleitend unterstützt und auch auf die berufliche Zukunft vorbereitet.

Online-Redaktion: Haben Sie dadurch leichter den Einstieg in die deutsche Kultur und Ausbildung bekommen?

Nicolai: Auf jeden Fall! Es war ein großes Glück, dass ich diese Förderungen genießen konnte. Gerade am Anfang, als ich noch nicht so gut Deutsch sprach. Ich konnte zwar recht schnell gut lesen und schreiben. Beim Sprechen musste ich mich zunächst aber überwinden, da ich etwas unsicher war. So tat ich mich die erste Zeit in Deutschland in der mündlichen Mitarbeit oder in Diskussionen etwas schwer. Auch um ein Verständnis für das deutsche Staatswesen, die deutsche Kultur und interkulturelle Kompetenzen zu bekommen, war es eine große Unterstützung.

Ich wurde von START von der 11. Klasse bis zum Abitur betreut. Daher war es auch als Wegbereiter für das nachfolgende Studium von Bedeutung. Ich habe von meinen Betreuern zum Beispiel erfahren, welche Förderprogramme es für Studierende gibt. Auch wurden wir über verschiedene Studienfächer und -orte unterrichtet und das war u.a. auch der Grund, warum ich dann an die Universität Passau gegangen bin.

Online-Redaktion: Welche Rolle haben die persönlichen Kontakte gespielt, die Sie über das Stipendium in dieser Zeit geknüpft haben?

Nicolai:
Die Kontakte zu den anderen Stipendiaten waren mir sehr wichtig. Gerade in der ersten Zeit in Deutschland, als ich in der Schule noch nicht viele Freunde hatte, war es für mich sehr wichtig, Freunde bei START zu haben, um mich wohl und willkommen in Deutschland zu fühlen. Es war für mich immer ein großes Ereignis, Menschen, die dieselben Erfahrungen machen, mit denen man über alles sprechen und sich austauschen kann, zu treffen. Wir sind auch viel in andere Städte gereist. Durch START habe ich eine große Horizonterweiterung erfahren. Es war toll, durch die verschiedenen Seminare und Podiumsdiskussionen, Jahrestreffen, Regionalgruppentreffen so viele Leute kennen zu lernen und so viel zu sehen und zu erleben. Ich denke immer noch gerne an diese Zeit zurück. Auch wenn ich heute noch auf meinen Migrationshintergrund angesprochen werde, erwähne ich im gleichen Atemzug immer START und mache sehr stark Werbung dafür, weil ich mich dem Programm sehr verbunden fühle und viel Dankbarkeit für START empfinde.

Online-Redaktion: Haben Sie in dieser Zeit auch START-Freundschaften außerhalb dieser offiziellen Treffen gepflegt?

Nicolai:
Ja, mit Leuten, mit denen man sich besonders gut verstanden hat, hat man sich auch mal so in Frankfurt getroffen. Auch heute habe ich immer noch gute Verbindungen zu ein paar ehemaligen Stipendiaten. Es ist immer wieder schön, sich zu treffen. Mit einer Freundin habe ich mich sogar einmal in Moskau getroffen. Es ist ein sehr gutes und inniges Gefühl, sich schon aus dieser ersten Zeit zu kennen.

Online-Redaktion: Was machen Sie heute beruflich?

Nicolai: Ich habe direkt nach dem Abitur an der Uni Passau Rechtswissenschaften studiert (von Oktober 2005 bis Juli 2010) und dort auch meine erste Staatsprüfung absolviert. Seit Oktober 2010 mache ich mein Referendariat in Nürnberg. Das zweite Staatsexamen habe ich bereits geschrieben, und letzte Woche meine Ergebnisse bekommen. Zurzeit bereite ich mich auf die mündlichen Prüfungen Ende November vor. Damit scheide ich dann aus dem Rechtsreferendariat aus. Ich habe während meines Referendariats viele Stationen besucht ― beim Gericht, bei der Staatsanwaltschaft, der Stadt Nürnberg, beim Rechtsanwalt und der Rechtsabteilung der Siemens AG, dort hat es mir auch sehr gut gefallen.
Jetzt habe ich vor, mich für das Richteramt zu bewerben.

Online-Redaktion:
Kam Ihnen das, was Sie bei START gelernt haben, bei Ihrer Ausbildung zu Gute?

Nicolai:
Auf jeden Fall! Ich weiß natürlich nicht, wie es sonst gekommen wäre, weil ich generell sehr fleißig bin. Aber gerade für meine Entwicklung am Anfang hat es alles sehr verstärkt, beschleunigt und viel angenehmer und schöner gestaltet. Für die Entwicklung meiner Persönlichkeit zähle ich START zu den wichtigsten prägenden Faktoren. Ich war gerade am Anfang sehr zurückhaltend und hatte Schwierigkeiten, mich zu öffnen. Durch START wurde ich viel freier in der Kommunikation und viel offener. Ich wurde selbstbewusster und habe mir mehr zugetraut. Ich habe durch START auch mein Interesse für die Entwicklung der Europäischen Union entdeckt und konnte an vielen Seminaren teilnehmen und im Studium meinen Schwerpunktbereich entsprechend darauf legen. Das war schon sehr wichtig.

Online-Redaktion:
Welche Seminare haben Sie diesbezüglich im Rahmen von START besucht?

Nicolai: Man konnte sich neben den allgemeinen Bildungsseminaren für zusätzliche Begleitseminare bewerben, die oft in Zusammenarbeit mit anderen Stiftungen und Vereinen veranstaltet wurden. Es gab einige zum Thema Europa, für die ich mich beworben habe und in die ich auch aufgenommen wurde. In Berlin fand an der Humboldt-Universität eine Sommerakademie zum Thema Europäische Union statt, an der neben START-Stipendiaten interessierte Schüler aus ganz Deutschland teilgenommen haben. Auch habe ich so eine Europäische Studentenkonferenz zum Thema „Religionen in Europa“ besucht und mit Studenten aus ganz Europa diskutiert. Wenn man sich für ein spezielles Thema interessierte, konnte man sich eben für mehrere Seminare anmelden. Natürlich war es auch klasse, dort Leute aus ganz Europa zu treffen.

Online-Redaktion: Sind Sie heute noch als Alumni aktiv?

Nicolai: Von Passau aus fiel es mir allein aus geographischen Gründen etwas schwer, mich einzubinden, weil das meiste von Frankfurt aus gesteuert wurde. Gegen Ende des Studiums habe ich deshalb die Idee geäußert, ob man nicht eine Regionalgruppe Süd aufbauen könnte. In Baden-Württemberg und Bayern gibt es kein START, weil beide Länder an dem Programm „Talent im Land“ der Robert Bosch Stiftung teilnehmen. Es gibt aber START-Alumni, die hier studieren und die alle das Problem haben, dass sie wegen der Entfernung nicht so aktiv sein können. Wir haben deshalb eine Regionalgruppe Süd gegründet. Ich war die erste Regionalgruppensprecherin und habe zum Beispiel ein Regionalgruppentreffen in Salzburg organisiert, wo eine ehemalige Stipendiatin zurzeit studiert. Eine Zeit lang hat ein anderer Alumnus diese Aufgaben übernommen und Treffen in Mannheim und München ausgerichtet. Nach ihm wurde ich wieder zur Regionalgruppensprecherin gewählt. Ich habe vor, im nächsten Jahr ein Seminar zum Thema „Drittes Reich“ und „Nürnberger Prozesse“ zu veranstalten. Hier in Nürnberg im Justizpalast im Gerichtssaal 600 fanden ja die Nürnberger Prozesse statt. Auch befindet sich hier das Reichsparteitagsgelände mit der Kongresshalle, die original erhalten ist. Da bietet sich eine solche Veranstaltung geradezu an.

Online-Redaktion: Welches wird der nächste Termin im Rahmen von START sein, den Sie wahrnehmen?

Nicolai: Ich fahre zum Alumni-Jahrestreffen, das vom 26. bis 28. Oktober 2012 in Göttingen stattfindet. Darauf freue ich mich schon sehr. An diesem Wochenende findet auch die Mitgliederversammlung statt und es werden der neue Vorstand und neue Regionalgruppenleiter gewählt bzw. bestätigt.




Alexandra Nicolai
(geb. Ganceva) ist in Chisinau, Moldawien, geboren und ist 2001 mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen. Von 2003 bis 2005 war sie START-Stipendiatin und im Schuljahr 2004/2005 START-Stipendiatensprecherin und Redakteurin der Stipendiatenzeitung START life. Ihr Abitur hat sie am Burggymnasium in Friedberg (Hessen) mit 1,0 gemacht. Danach hat sie Rechtswissenschaften an der Universität Passau studiert und dort das Erste Juristische Staatsexamen mit Prädikat abgelegt. Während des Studiums war sie Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung. Nach dem Studium hat sie ihr Rechtsreferendariat in Nürnberg gemacht und dort das Zweite Juristische Staatsexamen geschrieben. Zurzeit bereitet sie sich auf die mündliche Prüfung vor.





Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 25.10.2012
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