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30. 08. 2012

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Es fehlt ein inhaltlich geschärftes Profil“

Neue Studie über das „Reformprojekt Ganztagsschule“

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Prof. Dr. Thomas Rauschenbach; Quelle: DJI

Immer mehr Schulen in Deutschland stellen auf Ganztagsbetrieb um, aber es fehlen übergreifende Konzepte und Qualitätsstandards. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, die das „Reformprojekt Ganztagsschule“ auf den Prüfstand stellt. Die Online-Redaktion sprach mit dem Autor der Studie, Prof. Dr. Thomas Rauschenbach.


Online-Redaktion: Der Ausbau der Ganztagsschulen kommt voran. Das ganztägige Angebot ― ob offen, teilgebunden oder verbindlich ― hat sich in den vergangenen sieben Jahren bundesweit mehr als verdoppelt. Ist das nicht ein Grund zur Freude?

Rauschenbach: Unter quantitativen Gesichtspunkten ja, unter qualitativen Gesichtspunkten gibt es noch deutlich Luft nach oben. Das Hauptproblem liegt darin, dass wir die Ganztagsschule seit Jahren ausbauen, ohne ein klares Ziel vor Augen zu haben, ohne Klarheit darüber, was am Ende erreicht werden soll. Immer noch gibt es zu viele offene Fragen, die beantwortet werden müssen. Allen voran: Worin unterscheiden sich Halbtags- und Ganztagsschule im Kern? Ist es nur der Zeitfaktor, also mehr Zeit in der Schule zu verbringen, oder ist es ein anderes Bildungskonzept, etwa ein neuer Mix von Unterricht und Nicht-Unterricht, von schulischer und außerschulischer Bildung? Unter dem Strich fehlt ein geschärftes Profil, eine neue Identität von Ganztagsschule im Sinne einer neuen, einer anderen Schule. Auch muss geklärt werden, ob die Ganztagsschule zum Regelangebot für alle Kinder in Deutschland werden soll. Zahlenmäßig ist sie jedenfalls auf dem Weg dazu.

Online-Redaktion: Was sind Ihrer Ansicht nach Kriterien für einen guten Ganztag?

Rauschenbach: Meiner Meinung nach sollten wenigstens vier Dimensionen Beachtung finden: erstens eine verstärkte Kooperation mit nicht-schulischen Akteuren, aber auch die Beteiligung von Lehrkräften am nicht-unterrichtlichen Angebot. Es kann nicht sein, dass die Lehrer pünktlich zur Mittagspause die Schule verlassen und dann das Betreuungspersonal für den Nachmittag kommt. Zweitens braucht es eine flexiblere Zeitstruktur ― also weg vom 45-Minuten-Takt. Drittens ist eine Angebotsgestaltung notwendig, die freizeitbezogene Elemente, bei denen Kinder entspannen und Sport treiben können, ebenso enthält wie bildungsergänzende Angebote ― Hausaufgaben, Förderunterricht und all die Themen, die im Unterricht nicht vorkommen ―, aber auch Angebote zur sozialen Bildung, bei denen Heranwachsende sich selbst in konkreter Verantwortungsübernahme erfahren können. Als vierte Dimension einer guten Ganztagsschulphilosophie wäre für mich schließlich der Grad der individuellen Förderung wichtig: Was benötigen einzelne Kinder, wo haben sie Schwächen, wie können sie positiv begeistert werden? Das würde die Lernkultur an der Schule insgesamt verändern. Also bildlich gesprochen: Gelingt es der Ganztagsschule, statt „Bildung von der Stange“ die individuelle Bildung als „Maßanfertigung“ anzubieten?

Online-Redaktion: Ist die Akzeptanz für die Ganztagsschule von Seiten der Eltern und Schüler denn da?

Rauschenbach:
Im Großen und Ganzen, ja. Ähnlich wie bei der frühkindlichen Betreuung bleibt eine Skepsis eher bei den klassischen Mittelschichten, beim Bürger- und Bildungsbürgertum. Es befürchtet auf der einen Seite, dass seine Kinder vom Ganztag weniger profitieren, als wenn es sich selbst um sie kümmert oder ihre Freizeit privat organisiert, z.B. durch den Besuch einer Musik-, Jugendkunst- oder Tanzschule. Auf der anderen Seite spüren vor allem die Eltern, deren Kinder im Ganztag sind, eine deutliche Entlastung in mehrfacher Hinsicht: Durch die bereits erledigten Hausaufgaben entsteht zu Hause weniger Stress; sie nehmen den Ganztag auch als Hilfe in Erziehungsfragen wahr, weil die Kinder soziale Dinge erlernen, die ihnen gut tun; und außerdem erleichtert der Ganztag vielen Müttern den Wiedereinstieg in die Berufstätigkeit.

Online-Redaktion: Schaffen es die Ganztagsschulen zu mehr Chancengerechtigkeit im Bildungssystem beizutragen?

Rauschenbach: Hier muss man differenzieren. Wenn man mit Chancengerechtigkeit meint, ob überhaupt alle Kinder und Jugendlichen die gleiche Chance haben, Ganztagsschulangebote in Anspruch zu nehmen, dann würde ich sagen, ja, wir haben eine relativ gute Entwicklung, was Chancengerechtigkeit anbelangt. Die Ganztagsschule ist weder eine Schule der Benachteiligten, noch eine Schule des Bildungsbürgertums.

Versteht man Chancengerechtigkeit so, dass bildungsbenachteiligten Kindern, die durch den klassischen Unterricht alleine nicht zu den Gewinnern gehören, eine Hilfestellung durch die Ganztagsangebote gegeben wird, zeigen sich in unseren Studien alles in allem auch in dieser Hinsicht leicht positive Effekte. D.h., die Kinder, die eine Ganztagsschule besuchen sind eher sozial integriert, haben weniger Gewaltpotenzial und erbringen alles in allem auch bessere schulische Leistungen. Aber diese positiven Ergebnisse hängen sehr von der Qualität der Angebote ab. Also: Auf die Qualität kommt es an. Wichtig ist, dass die Kinder die Ganztagsschule regelmäßig besuchen und die Schule ein gutes, fundiertes Konzept umsetzt ― dann hat der Ganztag positive Wirkung.

Online-Redaktion:
Spricht das nicht für die Einführung der gebundenen Ganztagsschule?

Rauschenbach:
Gebunden ja ― wenn Verantwortung für die qualitative Gestaltung dieser Zeit übernommen wird. Man kann den Ganztag nicht von vorneherein zu einem Pflichtangebot machen und erst danach über die Qualität der Inhalte nachdenken, sprich: den nicht-unterrichtlichen Teil erst einmal zu einer Art verlängerter Pausenaufsicht verkommen lassen. Das „Mehr an Zeit“ muss mithin so überzeugend gefüllt werden, dass die Kinder am besten von sich aus zu den Eltern sagen: da will ich hin, da gefällt es mir, da werden interessante Dinge gemacht, da sind meine Freunde, und das Ganze macht mir auch noch Spaß. Ansonsten findet man auch nicht die Akzeptanz der Eltern.

Online-Redaktion:
Auf welche Daten bezieht sich die Studie?

Rauschenbach: Die Daten, die den Ausbau betreffen, also den Grad der gebundenen und der offenen Ganztagsschule etc., entstammen der Statistik der Kultusministerkonferenz, die jedes Jahr veröffentlicht wird. Darüber hinaus verfügen wir über Daten aus der „Studie zur Entwicklung der Ganztagsschule“, kurz StEG, in der wir seit 2005 bei 300 bis 400 Schulen bundesweit die Ganztagsschulentwicklung beobachtet haben. Wir haben soeben neue Daten erhoben, deren Ergebnisse derzeit ausgewertet werden. Auf diese Weise können wir die Ganztagsschulentwicklung in Deutschland quantitativ und qualitativ relativ gut beobachten.

Online-Redaktion:
Welche Rolle spielt die Einbettung in die kommunale Bildungslandschaft für das Funktionieren der Ganztagsschulen?

Rauschenbach: Eine immens wichtige. Aber ich habe den Eindruck, dass die Ganztagsschule in der lokalen Bildungslandschaft immer noch nicht richtig angekommen ist. Durch die Länderzuständigkeit für die Schulen werden schulisch relevante Bildungsfragen samt den Inhalten und Konzepten nicht vor Ort auf kommunaler Ebene geregelt, sondern auf Landesebene in den Kultusministerien. Das trägt dazu bei, dass die Debatte um die Ganztagsschule in der lokalen Bildungslandschaft, im kommunalen Raum, von den Kommunen, Kirchen, freien Trägern, Sportvereinen und anderen Akteuren nicht immer so geführt wird, dass es der Sache dienlich wäre. Da würde ich mir mehr Zusammenarbeit wünschen.

Online-Redaktion:
Wie unterschiedlich ist der Ausbau der Ganztagsschulen in den einzelnen Bundesländern?

Rauschenbach: Er hat sich von der Tendenz her angeglichen. Es gab unterschiedliche Startpunkte: Nordrhein-Westfalen hat mit der offenen Ganztagsgrundschule begonnen, und erst in den letzten Jahren die Sekundarschule dazugenommen. Bayern und Baden-Württemberg haben im Kontext der G8-Debatte zunächst die Gymnasien vorangetrieben, weil sie diese ohnehin umbauen mussten; jetzt holen sie in den anderen Bereichen auf. Diese beiden Bundesländer haben bislang auch den geringsten Anteil bei den gebundenen Ganztagsschulen; sie setzen auf mehr Freiheitsspielräume, weil sie es als Eingriff in die elterliche Erziehungsautonomie betrachten.

Es gibt Unterschiede zwischen den Ländern, aber im Großen und Ganzen würde ich sagen, gleicht sich die Lage in den letzten Jahren eher an. Allerdings mit einem wesentlichen Unterschied, dass wir in Ostdeutschland sehr viel weiter sind als in Westdeutschland. Das nicht-unterrichtliche Angebot der ausgebauten Schülerhorte war dort bereits zuvor so groß, dass es organisatorisch sehr viel leichter möglich war, diese zur Ganztagsschule umzubauen. In den westdeutschen Flächenländern musste man erst von Grund auf die entsprechenden Strukturen schaffen. Die Schulen waren als klassische Halbtagsschulen gegründet worden und hatten keine enge Zusammenarbeit mit nicht-schulischen Akteuren, die in der Form im Westen auch gar nicht vorhanden waren.

Online-Redaktion:
Wie soll es weitergehen mit den Ganztagsschulen?

Rauschenbach: Die Qualitätsstandards müssen verbessert werden. Wir können nicht nur auf Masse setzen, sondern es geht eindeutig um „Masse und Klasse“, also nicht um „Masse statt Klasse“. D.h., die Ganztagsschulen sollen weiter ausgebaut werden, da nach wie vor Bedarf vorhanden ist. Wir dürfen dabei aber die Qualität nicht aus dem Auge verlieren. Mit anderen Worten: Es muss für die Eltern, für die Öffentlichkeit, für die Politik und nicht zuletzt für die jungen Menschen eine inhaltlich überzeugende Antwort darauf gefunden werden, was wir mit der Ganztagsschule eigentlich wollen.
Insofern wäre mein Plädoyer, dass sich die Verantwortlichen der Bildungspolitik in Sachen Ganztagsschule endlich zusammensetzen und ernsthaft klären, wo diese 2020 stehen soll: Wollen wir die Ganztagsschule bis dahin als Regelschule flächendeckend einführen, wollen wir sie qualitativ so gut ausbauen, dass wir Eltern, Schülern und Lehrern auch guten Gewissens zumuten können, dass sie dann verpflichtend ist? Wenn wir diese Fragen zufriedenstellend klären, sind wir, glaube ich, auf einem guten Weg.



Prof. Dr. Thomas Rauschenbach ist seit 2002 Vorstandsvorsitzender und Direktor des Deutschen Jugendinstituts e. V., seit 1989 Professor für Sozialpädagogik an der Technischen Universität Dortmund. Leiter des Forschungsverbundes DJI/TU Dortmund und der „Dortmunder Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendhilfestatistik“. Arbeitsschwerpunkte: Bildung im Kindes- und Jugendalter, Kinder- und Jugendarbeit, Ganztagsschulen, soziale Berufe in Ausbildung und Arbeitsmarkt, Ehrenamt, Freiwilligendienste, Theorie der Sozialen Arbeit, Dritter Sektor, Wohlfahrts- und Jugendverbände, Kinder- und Jugendhilfestatistik.




Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 30.08.2012
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