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10. 05. 2012

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Mobilitätshemmnisse sollen überwunden werden

Ergebnisse der Bologna-Nachfolgekonferenz in Bukarest

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In Bukarest fand die Bologna-Nachfolgekonferenz 2012 statt

Am 26. und 27. April 2012 fand die achte Bologna-Ministerkonferenz in Bukarest, Rumänien, statt. Alle 47 beteiligten Bildungsministerinnen und -minister bekannten sich zum Ausbau von Mobilität, einer besseren Qualität von Studium und Lehre und der Öffnung des Studiums für alle sozialen Gruppen.


Wie jedes Jahr steht in Deutschland Anfang Mai alles im Zeichen Europas. Alle Bundesländer feiern rund um den 5. Mai, den Gründungstag des Europarates, sowie den 9. Mai, den Robert- Schuman-Tag, den Ehrentag der Europäischen Union (EU), die Europawoche. Seit 1994 wird diese gemeinsam von den Ländern, der Bundesregierung, der EU-Kommission und dem EU-Parlament ausgerichtet. In diesem Jahr findet sie vom 2. bis zum 14. Mai 2012 statt.

In dieser Zeit bieten Verwaltungen, Vereine, Schulen, Firmen und Initiativen ein vielseitiges Angebot, mit dem sie in der Bevölkerung das europäische Bewusstsein schärfen und den Europagedanken stärken wollen. Angesichts der Finanzkrise stehen Fragen, die die Zukunft der Europäischen Union betreffen, im Mittelpunkt. So wird u.a. Fragen nachgegangen wie „Wie wird sich die Europäische Union unter dem Eindruck der europäischen Schuldenkrise und der Maßnahmen zur Stabilisierung des Euro weiterentwickeln?“ oder „Brauchen wir mehr Europa? Und wenn ja, welches?“.

Ein Höhepunkt der Europawoche ist der EU-Projekttag der Schulen. Er wurde erstmalig 2007 auf Initiative der Bundeskanzlerin anlässlich der deutschen EU-Ratspräsidentschaft durchgeführt. In diesem Jahr wird er am Montag, dem 14. Mai 2012 begangen und bildet den Abschluss der Europawoche. An diesem Tag sind die Lehrkräfte und ihre Schülerinnen und Schüler dazu aufgefordert, sich verstärkt mit dem Thema EU auseinanderzusetzen. An vielen Schulen finden Schulfeste, Diskussionen, Projekte oder Ausstellungen statt, die sich beispielsweise mit der Geschichte der EU beschäftigen oder Zeitabschnitte herausgreifen, wie „Adenauer und die Europäische Integration.“ Ein großes Ereignis ist jedes Jahr der Besuch von Politikerinnen und Politikern aus Landes-, Bundes- und EU-Ebene an verschiedenen Schulen. Sie stellen sich den Fragen der Schülerinnen und Schüler, erklären, wie die EU funktioniert und versuchen, das Interesse am europäischen Projekt zu wecken, das sich in einem fortlaufenden Prozess befindet.

Der Bologna-Prozess
Die Frage, wie es mit der EU weitergeht, hat man sich vor kurzem auch auf ministerieller Ebene gestellt. Am 26. und 27. April 2012 fand die 8. Bologna-Ministerkonferenz statt. Im Jahr 1999 bekannten sich 29 europäische Staaten dazu, bis 2010 einen gemeinsamen Hochschulraum zu schaffen: die damals 15 Staaten der EU, elf Staaten, die zu der Zeit noch Beitrittskandidaten waren und inzwischen Mitglieder sind, sowie die EFTA-Staaten Island, Norwegen und die Schweiz. Weitere Staaten kamen in den Folgejahren hinzu, heute sind es 47. Ziel ist die Einführung eines gestuften Studiensystems mit europaweit vergleichbaren Abschlüssen, die gegenseitig anerkannt werden.
Seitdem werden alle zwei Jahre die Ergebnisse und Fortschritte auf Nachfolge-Ministerkonferenzen diskutiert und neue Zielmarken gesetzt. Nach Prag (2001), Berlin (2003), Bergen (2005), London (2007) und Leuven (2009) sowie einer außerordentlichen Jubiläumskonferenz, die 2010 in Budapest und Wien durchgeführt wurde, fand die Nachfolgekonferenz in diesem Jahr in Bukarest, der Hauptstadt von Rumänien, statt. Auf ihr wurden erste Ergebnisse der zweiten Dekade festgehalten ‒ die erste Dekade der Umsetzung des Bologna-Prozesses endete 2009 ‒ und Ziele sowie Prioritäten für die nächste Umsetzungsphase 2012 bis 2015 festgelegt.

Die Mobilitätsstrategie 2020
Der auf der Konferenz vorgelegte Fortschrittsbericht zeigt, dass alle Länder wesentliche Veränderungen durchgemacht und dazu beigetragen haben, dass sich der europäische Hochschulraum entwickeln konnte. Bachelor- und Masterstudiengänge sind die vorrangigen Abschlüsse.
Trotzdem verbleiben noch zahlreiche Herausforderungen. Die Ausgaben für die Hochschulbildung sind trotz Anerkennung ihrer Bedeutung in vielen Ländern gesunken, mangelhaft ist oft auch noch die Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen. Daraus resultiert, dass zu viele Studentinnen und Studenten davor zurückschrecken, eine Zeit im Ausland zu studieren.

Einer der Kernpunkte von Bukarest war deshalb die Verabschiedung der Mobilitätsstrategie 2020. Alle Minister sprechen sich in dieser nachdrücklich für eine weitere Umsetzung des europäischen Hochschulraums aus und betonen die Bedeutung von Mobilität für größere Zukunftschancen junger Erwachsener in Europa. Ziel der Strategie „Mobility for Better Learning“ ist, dass künftig jede(r) fünfte Studierende am Ende seines Studiums Auslandserfahrung vorweisen kann. „Wir möchten, dass Studierende ins Ausland gehen, sich dort mit einer anderen Kultur auseinandersetzen, die Sprache des Gastlandes lernen und persönliche Kontakte knüpfen“, erläuterte Helge Braun, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, der Bundesbildungsministerin Annette Schavan in Bukarest vertrat. Mobilitätshemmnisse, wie Schwierigkeiten bei der Anerkennung von im Ausland erbrachten Studienleistungen, sollen zusehends abgebaut werden. Braun hob hervor, dass Deutschland diesbezüglich schon viel erreicht habe. So hat sich die Anzahl der deutschen Studierenden im Ausland in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt.

Das Bukarest-Kommuniqué

Weitere wichtige Ziele und Prioritäten für die nächste Umsetzungsphase hielten die Ministerinnen und Minister darüber hinaus im Bukarest-Kommuniqué fest. Sie vereinbarten, sich künftig verstärkt der Qualität von Studium und Lehre zu widmen. Attraktivität, Effektivität und Vereinfachung müssten dabei die wesentlichen Leitziele sein, betonte Marco Tullner, Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft und Wirtschaft in Sachsen-Anhalt, der in Bukarest als Vertreter der Bundesländer anwesend war.

Die Minister befürworteten weiter die Konzentration auf ein studierendenzentriertes Lehren und Lernen sowie die Orientierung an Lernergebnissen. Außerdem soll die Beschäftigungsfähigkeit von Hochschulabsolvent(inn)en verbessert werden. Dafür sollen Hochschulen und Wirtschaft ihre Zusammenarbeit insbesondere bei der Ausarbeitung von Studiengängen intensivieren. Auf deutsche Initiative unterstreicht das Kommuniqué allerdings auch, dass die Hochschulen einen umfassenden Bildungsauftrag haben und neben der Vermittlung von fachlichem Wissen die Entwicklung intellektueller Unabhängigkeit und eigenständiger Urteilskraft ebenso wie die Persönlichkeitsbildung Teil des hochschulischen Bildungsauftrags sind.

Im Kommuniqué wird hervorgehoben, dass der Hochschulzugang zukünftig verstärkt für alle sozialen Gruppen geöffnet werden soll. Mehr junge Menschen aus nicht-akademischen Elternhäusern sollen gefördert und zu einem Studium ermutigt werden.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Finanzkrise haben die Ministerinnen und Minister die Bedeutung der Hochschulbildung zur Überwindung der Krise und zur langfristigen Entwicklung der europäischen Demokratien unterstrichen. Sie bekennen sich dazu, dass gerade in der Bildung die Antwort auf die Finanzkrise liege und deshalb entsprechende Ressourcen bereitgestellt werden müssten.

Reaktionen auf das Bukarest-Kommuniqué

In Deutschland fallen die Reaktionen auf die Ergebnisse der Konferenz unterschiedlich aus. Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) begrüßt die Ziele des Kommuniqués, den Zugang zu höherer Bildung sozial gerecht zu erweitern, ein studierendenzentriertes Lehren und Lernen voranzutreiben und die Übertragbarkeit und Anerkennung von Studienleistungen im europäischen Hochschulraum zu verbessern. Mit der Orientierung an der Beschäftigungsfähigkeit als Hauptziel der hochschulischen Ausbildung ist sie indes nicht einverstanden. Auch zeigt sie sich „enttäuscht“, dass hinsichtlich der öffentlichen Finanzierung der Hochschulen nur ein „Dialog“ verabredet wurde. Sie befürwortet deshalb, dass der Bologna-Prozess 2015 einer Evaluation unterzogen werden soll, hofft aber auf eine Beteiligung ihrer Mitgliedshochschulen an dieser Aufgabe.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert gemeinsam mit dem „freien zusammenschluss von studentInnenschaften“ (fzs) Bund und Länder auf, dem Bukarest-Kommuniqué konkrete Maßnahmen folgen zu lassen. „In der Ministerkonferenz haben sich die Unterzeichnerländer der Bologna-Erklärung verpflichtet, die soziale Dimension des europäischen Hochschulraums zu stärken, den Hochschulzugang zu erweitern sowie die Lern- und Arbeitsbedingungen der Studierenden und Hochschulbeschäftigten zu verbessern. Das sind klare Worte, denen Taten folgen müssen: Die Bologna-Software muss von der entsprechenden Hardware untersetzt werden“, äußern sich Andreas Keller von der GEW und Erik Marquardt vom fzs.
Ihrer Ansicht nach können weder neue Lehr- und Lernmethoden eingeführt, noch die Qualität der Lehre verbessert werden, solange in Deutschland auf einen Hochschullehrer 60 Studierende kommen. Auch können letztere so nicht individuell betreut werden. Bund und Länder sollen die Hochschulen deshalb zügig ausbauen und mehr Lehrende in stabilen Beschäftigungsverhältnissen einstellen. Außerdem fordern sie ein gesetzlich verbrieftes Recht auf freien Masterzugang.

Auf der nächsten Bologna-Nachfolgekonferenz im Jahr 2015 in Armenien wollen die beteiligten Bildungsministerinnen und -minister Bilanz ziehen und prüfen, inwieweit die Ziele erreicht wurden. Dass die Reform aber tatsächlich bis zum Jahr 2020 umgesetzt sein wird, sehen jetzt schon viele skeptisch.

 

Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 10.05.2012
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