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29. 06. 2000

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Die schaffen was, die tun was"

Der Grünen-Politiker Cem Özdemir über die Bildungschancen junger Migranten

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Cem Özdemir

Forum Bildung: Sind Sie als deutscher Politiker ein Beispiel für die erfolgreiche Integration von Kindern ausländischer Mitbürger?

Özdemir: Ob ich ein gelungenes Ergebnis des Integrationsprozesses bin, das weiß ich nicht, aber ich bin auf jeden Fall ein Ergebnis. Mein Werdegang ähnelt eigentlich vielen von der zweiten Generation. Ich hab kein Abitur und praktisch von einer Deutsch fünf bis zu einer Deutsch eins alle Stadien durchwandert und durchlaufen.

Forum Bildung: A propos Deutsch. Die deutschen Sprachkenntnisse bei Kindern von Migranten nehmen immer mehr ab?

Özdemir: Zumindest gehen sie immer stärker auseinander. Wir haben auf der einen Seite welche, die sehr gut Deutsch können, die Deutsch wie ihre Muttersprache beherrschen, sich bestens zurechtfinden, sehr erfolgreich sind und die morgen in und für dieses Land eine Elite darstellen werden. Auf der anderen Seite haben wir aber welche, die durch alle Netze fallen, die ohne vernünftige Schulausbildung, ohne Berufsabschluss ins Arbeitsleben entlassen werden. Und das sind natürlich die Problemfälle von morgen, da ungelernte Arbeitskräfte in dem Maß nicht mehr gebraucht werden.

Forum Bildung: Wo sehen Sie Gründe für die zum Teil schlechten Deutsch-Kenntnisse?

Özdemir: Oft gibt es folgende Situation: Die Familien wohnen in einer rein türkischen Nachbarschaft, schauen nur türkisches Fernsehen, lesen nur türkische Zeitungen, das Kind geht aus irgendwelchen Gründen nicht in den Kindergarten - dann kommt das Kind in die erste Klasse ohne oder nur mit wenig deutschen Sprachkenntnissen. Dieser Nachteil ist auch mit einem noch so guten Lehrerschlüssel kaum mehr aufzuholen. Mein Rezept dagegen ist, dass wir bereits bei den Eltern ansetzen. Ich möchte, dass zukünftig alle, die nach Deutschland kommen, einen Sprach- und Integrationskurs machen, um auch zu lernen, sich in der Gesellschaft zurecht zu finden. Und wer den absolviert hat, ist dann auch in der Lage, sich um seine Kinder anders zu kümmern und Sprachkenntnisse zu vermitteln.
Wenn wir die Menschen nicht auf eine Gesellschaft vorbereiten, die in hohem Maße auf Bildung angewiesen ist, dann werden wir Schiffbruch erleiden.

Forum Bildung: Muss eine bestimmte Gruppe besonders gefördert werden?

Özdemir: Mir ist es sehr wichtig, dass vor allem Mädchen, Migrantinnen, gezielt gefördert werden, da sie doppelte Nachteile haben. Erstens als Migrantin, zweitens noch als Frau oder Mädchen. Es ist sehr wichtig, dass wir klar machen, dass Mädchen gleiche Bildungschancen und gleichen Zugang zum Kindergarten, zur Schule und zur Hochschule bekommen. Das muss man auch den Eltern erklären, die vielleicht anderer Meinung sind.

Forum Bildung: Bestimmte Ausbildungsberufe sind für Kindern ausländischer Mitbürger fast tabu. Ganz schlimm sieht es ja beim Öffentlichen Dienst aus?

Özdemir: Das neue Staatszugehörigkeitsrecht wird helfen, dass Kinder zukünftig als deutsche Staatsbürger gelten und nicht mehr Ausländer sind in ihrem eigenen Land. Bestimmt Berufe, wie die im Öffentlichen Dienst, werden ihnen auch nicht mehr verschlossen sein. Sie können ohne Probleme Lehrer, Polizeibeamte und Richter werden, und das wird schon mal einiges verändern. Auf der anderen Seite ist es auch wichtig, dass wir klar machen, wie wichtig eine Berufsausbildung ist, dass sie sozusagen eine Voraussetzung für Erfolg in der Gesellschaft ist.

Forum Bildung: Leben Deutsche und Migranten nicht in verschiedenen Welten?

Özdemir: Eines unserer größten Probleme ist, dass wir uns zum Teil zumindest in kommunikativen Parallelwelten befinden. Viele Nicht-Deutsche lesen keine deutschen Zeitungen und viele deutsche Medien haben kein Angebot für die hier lebenden Migranten und Migrantinnen. Diese mehr als 7 Millionen Nicht-Deutschen stehen im medialen Abseits. Die Mischung aus beidem ist verhängnisvoll, weil wir uns dadurch nicht gegenseitig erreichen. Eine Bildungsoffensive unter den Migranten halte ich für existenziell. Das ist der Schlüssel zur Lösung des Integrationsproblemes und das wird nicht gegen die Migranten gehen, sondern das wird man nur gemeinsam mit ihnen machen können.

Forum Bildung: Wie kann man überhaupt Kontakte zwischen deutschen und ausländischen Jugendlichen fördern? Untersuchungen zeigen, dass diese Kontakte inzwischen wieder zurückgehen.

Özdemir: Ich hab da kein Patentrezept, aber ich glaube, dass wir da viel wertvolle Zeit verloren haben. Lange Zeit haben wir den Jugendlichen erklärt, sie seien Ausländer und jetzt verhalten sie sich genauso. Es gibt keine Alternative zu dem neuen Staatsangehörigkeitsrecht und zu einer glaubwürdigen Integrationspolitik. Den Jugendlichen muss klar gemacht werden: "Dieses ist euer Land".

Forum Bildung: Da gibt es ja dieses unschöne neue Schlagwort "der Bildungsverlierer"?

Özdemir: Sicher. Wir vererben dadurch auch Armut, wir vererben dadurch Unterschicht, wir vererben dadurch Probleme. Und die Lösung all dessen ist eben, dass man den Stellenwert der Bildung erkennt. Die Schulen haben zukünftig eine wesentlich stärkere kompensatorische Aufgabe, weil wir es zunehmend mit Familien zu tun haben, die überfordert sind. Deshalb müsste eine konsequente Forderung auch die Ganztagesschule sein. Wenn wir so etwas wie Chancengleichheit wirklich realisieren wollen, dann muss in der Schule die Möglichkeit bestehen, dass die Kinder da Hausaufgaben unter Anleitung machen können, dass die Kinder dort essen können und dass es dort Freizeitangebote gibt. Die Schule muss zum Lebens- und Erfahrungsort werden.

Forum Bildung: Welche Botschaft müsste man den Jugendlichen aus der Türkei, Russland oder einem anderen Land vermitteln?

Özdemir: Wir sind gut beraten, wenn wir zum Beispiel die "Role Models" als Vorbilder nutzen. Damit meine ich z. B. einen Fernsehkommissar türkischer Herkunft in einer RTL-Serie, der zeigt, dass jemand nicht-deutscher Herkunft im Fernsehen eben nicht nur den Drogenhändler spielen muss, sondern auch mal Kommissar sein kann. Damit meine ich einen Mustafa Dogan, der zwar nur wenige Sekunden, aber doch immerhin in der deutschen Nationalmannschaft gespielt hat. Also, dass man sieht, hoppla, die bringen´s, die können sich durchsetzen, die schaffen was, die tun was, die haben´s drauf. Um das Bild des Bekannten zu verändern, brauchen wir erfolgreiche Migranten, die sich durchgesetzt haben. Das ist die Botschaft, die wir den Jugendlichen geben müssen.

Forum Bildung: Meinen Sie, dass für die nachwachsende Generation der Bildungszug jetzt schon abgefahren ist?

Özdemir: Das würde ich nicht so pauschal sagen. Lernen ist ja ein lebenslanger Prozess. Und auch Leute, die jetzt in der Schule vielleicht "versagt" haben, darf man nicht abschreiben. Da kann man immer noch was machen. Wir haben ja beispielsweise gesehen, wie wichtig es gewesen wäre, wenn wir die Migranten, die in den 50er und 60er Jahren kamen, in den 70ern weitergebildet hätten. Einer der Gründe, dass es jetzt überdurchschnittlich viel Arbeitslose gibt, liegt neben Sprachschwierigkeiten auch daran, dass die Leute nicht weitergebildet worden sind.

Forum Bildung: Gibt es denn in der Politik Nachwuchs?

Özdemir: Es tut sich langsam was. Ich bin da vielleicht etwas ungeduldig. Wegen mir könnten es noch viel mehr sein. Ich würde mir beispielsweise mehr Frauen, selbstbewusste junge Türkinnen, wünschen, die auch das Rollenverständnis Mann/Frau verändern, das in der "türkischen Community" noch nicht da ist, wo ich es gerne hätte. Darin sehe ich auch meine Aufgabe. Ich hoffe, dass ich einmal von einer jungen Frau abgelöst werde, einer Migrantin, die den Jungs rotzfrech sagt, was sie nicht unbedingt hören wollen - aber hören müssen.
 

Autor(in): Udo Löffler/ Dr. Ursula Münch
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Datum: 29.06.2000
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