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09. 02. 2012

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Man bewegt sich in die richtige Richtung“

Eine Initiative des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes möchte die Bildungschancen von Migranten erhöhen

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Sergio Cortés

Die Initiative „AB In die Zukunft“ hat sich zum Ziel gesetzt, das Thema „Bildungschancen von jungen Menschen mit Migrationshintergrund“ in der Öffentlichkeit bekannter zu machen und die Zahl der Abiturient/innen und Studierenden mit Migrationshintergrund zu erhöhen. Die Online-Redaktion sprach mit Sergio Cortés vom Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband Gesamtverband e. V. über die Absichten und Erfolge der Initiative.


Online-Redaktion: Wie kam es zur Gründung der Bildungsinitiative „AB In die Zukunft“?

Cortés: Den Landesverbänden des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes gehören insgesamt rund 160 Migrantenorganisationen an. Diese haben im Jahr 2008 das Forum der Migrantinnen und Migranten gegründet, um sich intensiv mit der Thematik Bildung bzw. Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu beschäftigen. Im Laufe der Diskussionen entstand immer mehr der Wunsch, von der Öffentlichkeit gehört zu werden und mit Politikern und Wissenschaftlern gemeinsam Lösungsstrategien zu entwerfen. So gründeten sie im Jahr 2009 die Bildungsinitiative „AB In die Zukunft“.

Online-Redaktion: An wen wendet sich die Bildungsinitiative und wie unterstützt sie die einzelnen Zielgruppen?

Cortés: Der Bundesverband richtet sich an Bildungspolitiker, Wissenschaftler und die Fachöffentlichkeit. Er hat sich zur Aufgabe gemacht, das Thema in die Öffentlichkeit zu transportieren und zu diskutieren. Unsere Organisationen vor Ort wenden sich mit vielen verschiedenen Aktivitäten, Projekten und Maßnahmen, wie zum Beispiel Hausaufgabenbetreuung, in der Jugendhilfe u.a. direkt an Jugendliche und an Eltern mit Migrationshintergrund. Außerdem kooperieren sie mit Partnern aus der Bildungslandschaft.

Online-Redaktion: Welche Ziele werden mit der Initiative verfolgt?

Cortés: Ziel der Bildungsinitiative ist es zum einen, den Jugendlichen und Eltern mit Migrationshintergrund eine Stimme zu geben. Die Migrantenorganisationen, die vor Ort tätig sind, stehen in direkten Kontakt mit ihnen und können ihre Sorgen, aber auch Verbesserungsvorschläge nach oben weiterleiten. Zu den weiteren Zielen gehören die Information und Unterstützung der Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die Vernetzung der Akteure vor Ort auf Landesebene und auch auf Bundesebene sowie der Versuch, Sachlichkeit und Fachlichkeit in die Diskussion zu bringen und weitere Diskussionen anzuregen. Diese Ziele spiegeln sich in unseren Tagungen und Publikationen wider.

Online-Redaktion:
Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund einen weit unterdurchschnittlichen Anteil an höheren Bildungsabschlüssen in Deutschland aufweisen?

Cortés: Die Ursachen dafür sind komplex. Für uns gibt es verschiedene Aspekte, die berücksichtigt werden müssen. Zum einen spielt die soziale Lage der Eltern bzw. der Jugendlichen eine große Rolle. Kinder aus einem bildungsfernen Elternhaus müssen sich viermal oder fünfmal mehr anstrengen, um erfolgreich zu werden. Auch die Bildungsmotivation der Eltern sowie der Jugendlichen ist entscheidend. Bildung muss sich lohnen. Wenn die Jugendlichen mit Migrationshintergrund nach ihrer Schullaufbahn Aussicht auf einen Job oder einen Studienplatz hätten, könnte das die Bildungsmotivation der Eltern und Jugendlichen entsprechend erhöhen.

Auch haben Kinder mit Migrationshintergrund eine andere sprachliche Voraussetzung. Das wird unserer Ansicht nach viel zu wenig berücksichtigt. Es reicht nicht, vor der Einschulung einen Sprachtest und eine kurze Sprachförderung durchzuführen. Sprachförderung muss durchgängig von der Kita bis zur Sekundarstufe II stattfinden. Die einzelnen Institutionen ― die Kita, die Grund- und die weiterführenden Schulen ― müssen sich besser absprechen und genau darauf achten, auf welchem Niveau sich die Kinder bewegen und darauf reagieren. Vor allem muss die Bildungssprache in allen Fächern mehr gefördert werden, d.h. dass auch der Mathelehrer ein Sprachlehrer sein muss und fachliche Begriffe immer wieder erklären sollte.

Online-Redaktion: Welche Forderungen stellen Sie an die Bildungspolitik?

Cortés: Wir befürworten die Abschaffung der Mehrgliederung des Bildungssystems. Sie schafft eine soziale Segregation, die nicht mehr haltbar ist. In Hauptschulen beispielsweise sind Kinder mit Migrationshintergrund überrepräsentiert. Deshalb fordern wir, dass man die Schüler nicht länger trennt und dass es auch mehr gemeinsame Lernzeit in der Grundschule gibt.
Wir sind für die flächendeckende Einführung der Ganztagsschulen, und wir halten eine durchgängige Sprachförderung von der Kita bis in die weiterführende Schule für nötig. Auch wünschen wir uns, dass sich die Schulen als Integrationszentren verstehen, die sich für unterschiedliche außerschulische Partnern öffnen. Schulen sind meist sehr in sich geschlossen, dabei könnten gerade Migrantenorganisationen viele Aufgaben an Schulen übernehmen, die sie sowieso schon ausüben und die dadurch verbessert werden könnten: Informationsveranstaltungen für Eltern, Mediation zwischen Schülern und Lehrern, Hausaufgabenbetreuung, Nachmittagsbetreuung. Auch geht es uns darum, die Mitwirkungsmöglichkeiten der Eltern zu verbessern, es gibt verschiedene Ansätze, wie man Eltern effektiv und partizipativ in den Schulalltag integrieren kann.

Online-Redaktion: Welche Erfolge haben Sie bereits erzielt?

Cortés: Wir haben in den vergangenen zwei Jahren viele Migranten und Migrantenorganisationen als Partner gewonnen, und wir konnten unsere Anliegen und Forderungen in verschiedene Veranstaltungen, aber auch in die Medien hineinbringen. Außerdem haben wir eine Studie herausgebracht: „Bildungschancen von Migrantinnen und Migranten. Fakten, Interpretationen, Schlussfolgerungen“, die man im Internet unter www.abindiezukunft.de herunterladen kann. Wir verfolgen die Diskussion sehr nah, wir haben eine eigene Auswertung der statistischen Daten, und wir konnten auch Wissenschaftler dafür gewinnen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Wir bekommen oft Anfragen von Bildungspolitikern, wo wir uns zum Thema positionieren.

Online-Redaktion:
Die Initiative soll vorerst bis 2012 laufen, in Anlehnung an das Ziel der Kultusministerkonferenz (KMK) bis 2012 die Bildungsabschlüsse von Schülerinnen und Schülern mit und ohne Migrationshintergrund anzugleichen. Wie wird es danach weitergehen?

Cortés: Wir ziehen im November 2012 Bilanz, ob das ehrgeizige Ziel der KMK erreicht worden ist und leiten daraus Forderungen für die Zukunft ab. Wir gehen nicht davon aus, dass die KMK ihre Ziele erreicht, obwohl die Entwicklungen in der Bildungspolitik doch zum Teil recht positiv sind. So hat man den Paragraphen 87 Aufenthaltsgesetz geändert, es gibt keine Vermittlungspflicht mehr von Seiten der Bildungsinstitutionen, Sprachförderung und auch das Erlernen der Muttersprache von Kindern mit Migrationshintergrund sind jetzt ein Thema. Beim Integrationsgipfel am 31.1.2012 hat Bundeskanzlerin Angela Merkel den Wert der Muttersprache und ihrer Förderung betont und das verzeichnen wir als positive Entwicklung. Man bewegt sich in die richtige Richtung. Der politische Wille vor allem auf Länderebene muss aber gestärkt werden. Bildung ist nicht nur aus wirtschaftlichen Aspekten wichtig, sondern sie ist ein Menschenrecht und es kann nicht sein, dass so ein reiches Land wie Deutschland große Teile der Bevölkerung benachteiligt.


Sergio Cortés, geboren 1978 in Bogotá, Kolumbien, ist Politologe und Referent für die Zusammenarbeit mit Migrantenorganisationen beim Paritätischen Gesamtverband in Berlin. Sie erreichen ihn unter seiner Mail-Adresse qmo@paritaet.org.

Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 09.02.2012
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