DIPF-Logo

Deutscher Bildungsserver

Innovationsportal

Suche




Hier beginnt der Inhalt:

26. 01. 2012

 

  • Diese Seite posten:
  • Edutags-Logo
  • g+
  • Twitter-Logo
  • Facebook-Logo
  • Delicious-Logo

Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Jeden Morgen, wenn er aufwacht, denkt er an Damaskus.“

Das Online-Migrationsmuseum „Lebenswege“

Bild

Das virtuelle Migrationsmuseum; Quelle: "Lebenswege"

Deutschland hat eine vielfältige Migrationsgeschichte, deren Ereignisse und Menschen das Land maßgeblich geprägt haben.
Um die Erlebnisse, Erfahrungen und Leistungen der Migrantinnen und Migranten zu bewahren und für die Zukunft zu sichern, hat das Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Familie und Frauen Rheinland-Pfalz zusammen mit dem Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur Rheinland-Pfalz und mit Unterstützung der Multimediainitiative des Ministeriums des Innern, für Sport und Infrastruktur Ende 2009 das Online-Migrationsmuseum „Lebenswege“ ins Leben gerufen. „Lebenswege“ ist das erste Migrationsmuseum, das ausschließlich virtuell verfügbar ist. Es will die Geschichte und die Kultur der Migration in Deutschland und in Rheinland-Pfalz sichtbar machen und aufzeigen, dass Menschen mit Migrationshintergrund zum festen und wichtigen Bestandteil unserer Gesellschaft geworden sind.

Dauer- und Sonderausstellungen

In verschiedenen Ausstellungen und Werkstätten kann man sich über die Geschichte der Migration, insbesondere über den Zeitraum von der Erstanwerbung ausländischer Arbeitskräfte in den 1950er Jahren bis zum Anwerbestopp in den 1970ern und über die Lebenswege der zugewanderten Frauen und Männer informieren. Die Dauerausstellung erläutert die Wirtschaftswunderjahre in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg und die Situation in den deutschen Firmen und Unternehmen, die angesichts von Vollbeschäftigung und weiterhin starkem Wirtschaftswachstum dringend zusätzliche Arbeitskräfte benötigten. Sie zeigt auf, wie es zu den ersten Anwerbeabkommen mit Italien im Jahr 1955 kam, beschreibt ausführlich auch die Ausgangssituation in den Herkunftsländern der Gastarbeiter und macht deutlich, wie es 1973 zum Anwerbestopp kam. Vorgestellt werden auch Menschen, die sich um die Betreuung der Einwanderer in ihrer neuen Heimat kümmerten, die ja oft allein kamen und meist kein Deutsch konnten.

Sonderausstellungen beschäftigen sich mit den Anwerbeabkommen mit Spanien, Griechenland und der Türkei, die nach deutsch-italienischem Vorbild geschlossen wurden. Auf beeindruckende Weise wird sichtbar gemacht, wie die Zuwanderer nach Deutschland kamen, mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen hatten, wie sich das Leben für die Frauen und ihre Kinder veränderte und wie das Leben zwischen den Kulturen bewältigt wurde.

Berichte von Zeitzeugen

„Jeden Morgen, wenn er aufwacht, denkt er an Damaskus. Er denkt an die Altstadtgasse seiner Kindheit, in der das Aufwachen nach Mokka und Kardamom schmeckte. Er fragt sich, was seine Schwester wohl gerade tut. Ob sie Kaffee trinkt im Innenhof, mit Freundinnen lacht. Jeden Morgen, seit 36 Jahren.“ So wie der syrische Schriftsteller Rafik Schami, der 1971 nach Deutschland kam, schildern Zeitzeugen in der Ausstellung „Lebenswege“ sehr anschaulich, anregend und lebendig, wie die erste Zeit im fremden Land für sie war. Sie erzählen, welche Hürden sie zu meistern hatten und vor welchen Schwierigkeiten sie standen, aber auch, wie ihnen geholfen wurde, wie sie sich selbst geholfen haben und wie Deutschland und Rheinland-Pfalz schließlich immer mehr zur Heimat für sie geworden sind. Unterlegt werden ihre Erzählungen mit Fotos, Pässen, Arbeitsverträgen oder Aufenthaltserlaubnissen sowie Interviewsequenzen, die in Form von Audiofiles abrufbar sind.

Der „Kulturraum“
Besonders aufschlussreich ist auch der „Kulturraum“ des Museums. Er verweist auf Literatur, Zeitschriften und Filme, die sich mit dem Thema Migration befassen. In dem Buch „Ein Koffer voller Träume“ erzählen zum Beispiel ältere Migrantinnen und Migranten, die vor Jahrzehnten als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, Geschichten aus ihrem Leben. Und Thomas Usleber berichtet in dem Buch „Die Farben unter meiner Haut“, wie er als Sohn eines afroamerikanischen Soldaten und einer deutsch-ungarischen Mutter in ärmlichen Verhältnissen in einer deutschen Kleinstadt aufgewachsen ist und lernen musste, mit Ablehnung und Verbitterung umzugehen. Aufgegriffen werden die Themen Migration und Integration auch in zahlreichen Filmen. Dazu gehören Klassiker wie „Alexis Sorbas“ mit Anthony Quinn oder „Angst essen Seele auf“ von Rainer Maria Fassbinder, aber natürlich auch die beeindruckenden Werke von Fatih Akin, „Solino“ oder „Gegen die Wand“.

Sehr bereichert wird das Migrationsmuseum durch die enge Zusammenarbeit mit dem SWR International. Nachrichten, Berichte und ein Webradio in sechs Sprachen sind unter diesem Menüpunkt abrufbar.

Die „Projekt-Werkstatt“

Da das Migrationsmuseum vor allem auch junge Menschen ansprechen möchte, bekommen diese in der „Projekt-Werkstatt“ die Gelegenheit, Schul- und Hochschulprojekte, die im Rahmen von Workshops, Projektwochen oder Semesterarbeiten die Themen Migration und Integration kreativ bearbeitet haben, zu präsentieren. Zurzeit kann man eine Arbeit der Fachhochschule Koblenz bestaunen. Unter dem Titel „LebensGESCHICHTEn ehemaliger GastarbeiterInnen in Höhr-Grenzhausen” haben Studierende der Fachhochschule 2010 ein umfassendes Projekt auf die Beine gestellt, das in Form von Zeitzeugenporträts, Schülerworkshops und kulturellen Veranstaltungen die Geschichte der Arbeitsmigration in den 1960er und 1970er Jahren dokumentiert.

Zeitzeugen in den Unterricht holen
Ziel der Macher und Initiatoren des Online-Migrationsmuseums ist es auch, das Museum selbst als Handwerkszeug in den Schulen zu etablieren. Es bietet viele Möglichkeiten, sich den Themen Migration und Integration kreativ zu nähern. So könnte es zum Beispiel die Schülerinnen und Schüler dazu inspirieren, eigene Biographiearbeit zu leisten, indem sie nicht nur die Biographien der Einwanderinnen und Einwanderer lesen, sondern sich in herkunftsgemischten Gruppen auch die Geschichten ihrer eigenen Familien erzählen. Dabei lernen sie andere Kulturen kennen und entwickeln Verständnis und Respekt für Menschen aus anderen Kulturkreisen und das Anderssein.

Nachhaltig beeindruckend ist es für die Schülerinnen und Schüler, wenn Zeitzeugen in den Unterricht kommen. Alle Migranten, deren Lebensgeschichte im Migrationsmuseum vorgestellt wird, haben sich dazu bereit erklärt, diese auch in den Schulen vor Ort zu erzählen. Sie gehören alle dem so genannten Pool „Zeitzeugen im Unterricht“ des Pädagogischen Landeszentrums Rheinland-Pfalz an. Um Lehrkräfte bei der Suche nach geeigneten Zeitzeugen, in organisatorischen Fragen und bei der Bereitstellung von Materialien zu unterstützen, hat die Koordinierungsstelle für Zeitzeugengespräche im Unterricht am Pädagogischen Landesinstitut in Bad Kreuznach im Auftrag des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur Rheinland-Pfalz und in Kooperation mit dem rheinland-pfälzischen Landesverband der Geschichtslehrer Deutschlands eine Datenbank mit Informationen zur regionalen Verfügbarkeit von Zeitzeugen und deren Themen eingerichtet, die ständig erweitert wird.

Mitmachen ist gefragt!
Abgerundet wird das reichhaltige Angebot des Online-Migrationsmuseums durch die „Infothek“, in der u. a. Integrationskonzepte, Leitlinien der Integrationspolitik und zahlreiche Adressen von Verbänden, Organisationen oder Beratungsstellen zum Thema Migration und Integration übersichtlich zusammengestellt sind.

Da Migration und Integration laufende und ständiger Veränderung unterworfene Prozesse sind, sind alle Interessierten herzlich zur Mitarbeit eingeladen. Nur so kann sich das Migrationsmuseum „Lebenswege“ auch in Zukunft weiterentwickeln. Menschen mit Migrationshintergrund können ihre Erfahrungsberichte einsenden, Menschen ohne Migrationshintergrund Projekte, an denen sie gearbeitet haben, aber auch interessante Links oder andere Beiträge ihrer Wahl einreichen.

 

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 26.01.2012
© Innovationsportal

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion von Bildung + Innovation erlaubt.

Die Redaktion des Online-Magazins Bildung + Innovation arbeitet journalistisch frei und unabhängig. Die veröffentlichten Beiträge bilden u. a. auch interessante Einzelmeinungen zum Bildungsgeschehen ab; die darin zum Ausdruck gebrachte Meinung entspricht nicht notwendig der Meinung der Redaktion oder des DIPF.

Links zum Thema