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21. 03. 2001

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Motivation als das Wichtigste"

Ernst Ulrich von Weizsäcker über Kernkompetenzen und Besserwisserei in der Bildungspolitik

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Ernst Ulrich von Weizsäcker

Forum Bildung: Herr von Weizsäcker, Sie plädierten schon vor 30 Jahren für mehr Liberalität und Interdisziplinarität in der Bildungspolitik, vor allem in den Hochschulen mit ihrem Baukastensystem. Heute ist Ihr Ansatz immer noch aktuell. Wundert Sie das nicht?

v. Weizsäcker: Ich bin heute bildungspolitisch viel weniger aktiv als damals. Ich wollte damals ein Baukastensystem mit individuellen Studiengängen. Als dann in der Bildungsdiskussion aus Amerika das lateinische Wort Curriculum auftauchte, dachte ich zuerst, diese Leute wollten das Gleiche wie ich, aber sie wollten genau das Gegenteil. Die Curriculum-Leute betrieben nicht die Individualisierung, sondern die Verschulung, die Zerschlagung der Humboldt´schen Freiheit.

Forum Bildung: Ist Verschulung nicht ein Phänomen, das die Bildungsdiskussion schon immer begleitet hat?

v. Weizsäcker: Ja, Verschulung hat es immer wieder gegeben. Anstelle eines im wesentlichen inhaltlich definierten Curriculums sollte man vielleicht besser von Kernkompetenzen sprechen, welche die Sprachfähigkeit, die Fantasie, die Motivation enthalten, und erst abgeleitet solche Dinge wie die Internetnutzung oder die Grundrechenarten. Bei dem Baukastensystem, welches ich Anfang der Siebziger Jahre vorgeschlagen habe, werden auch die technischen Kernkompetenzen vermittelt, aber eher "en passant". Auch Kinder lernen ja die Sprache eher "en passant" als über die Buchstaben. Wenn es nach einem englischen Pädagogen-Curriculum ginge, müßte man Kleinkindern erst einmal die Buchstaben lehren, damit sie die curriculare "Basis" für die Wörter haben.

Forum Bildung: Wenn wir uns auf den Begriff Kernkompetenzen einigen könnten, welche sind das für Sie?

v. Weizsäcker: Zu den Kernkompetenzen gehören außer den oben genannten auch Toleranz, Motivation und die Fähigkeit zur fachübergreifenden Gedankenführung.

Forum Bildung: In welcher Reihenfolge?

v. Weizsäcker: Vielleicht ist die Motivation überhaupt das Wichtigste. Wenn man eine hohe Motivation hat, dann wird man heute selbstverständlich auch das Internet benutzen. Ich räume natürlich ein, dass sich die Internet-Benutzung leichter in Schulnoten ausdrücken lässt als die Motivation - aber Schulnoten bilden eben auch nur einen engen Teil der Wirklichkeit ab.

Forum Bildung: Motivation ist aber nicht bei allen Menschen eine Grundeigenschaft. Wie lassen sich mehr Menschen motivieren?

v. Weizsäcker: Das ist richtig. Eine reformpädagogische Antwort würde lauten: Man muss verhindern, dass ihnen die Motivation ausgetrieben wird. Motivation haben nämlich alle. Autoritäre Eltern fangen aber mit dem Austreiben schon beim Säugling an, mit Redensarten wie "na, Bürschchen, so etwas fangen wir gar nicht erst an!!!". Weiter geht es dann mit einem fehlverstandenen Leistungsprinzip, wo vom Kindergarten ab auf nachprüfbare Leistungen hin erzogen wird.

Forum Bildung: Wie könnte man in Bezug auf Motivation und Leistung eine andere Gewichtung erreichen?

v. Weizsäcker: Natürlich gibt es auch eine Motivation zur Leistung. Aber es gibt auch eine Motivation zur Wahrheit, zum Mitmachen, zu Freundschaften und legitimerweise auch zum Amüsieren. Ich habe den Eindruck, dass die Motivation zum Amüsieren zugleich eine gute Waffe gegen Rauschgiftabhängigkeit sein könnte.

Forum Bildung: Wird mit dem, wie Sie sagen, motivationstötendem Leistungsansatz in den Bildungseinrichtungen dann nicht viel Potenzial vergeudet?

v. Weizsäcker: In der Tat wird durch ein eng geführtes Leistungsdenken viel Motivation verschenkt. Insbesondere in der wichtigen plastischen Phase des Kindes in den ersten ca. acht Lebensjahren ist der ökonomistische Anreiz eigentlich irreführend. Danach hat man es oft mit Kindern mit ruinierter Motivation zu tun, denen man Internet, Französisch oder Physik nur noch einpauken kann.
Forum Bildung: Leistungsdenken und Nachhaltigkeit. Steht das nicht in einem gewissen Widerspruch?

v. Weizsäcker: Ein Leistungsdenken, welches sich ausschließlich am wirtschaftlichen Wachstum ausrichtet, steht naturgemäß im Streit mit der Nachhaltigkeit. Wenn die Kinder in erster Linie zu hohem Konsum erzogen werden, dann ist das Leistungsdenken im Wesentlichen auf das Geldverdienen um des Konsumierens willen ausgerichtet. Bei der Erziehung zur Nachhaltigkeit muss fast das Gegenteil erreicht werden.

Forum Bildung: Ist eine Aufgabe von Bildungspolitik dann, die Freiräume für Motivation zu schaffen?

v. Weizsäcker: Ja. Man muss mit diesem Begriff aber vorsichtig umgehen, um nicht in die Falle der Chaos-Pädagogen von Summerhill zu tappen. Kinder haben auch Spaß an Regeln, wenn sie deren Sinn einsehen. Der Sinn kann auch darin bestehen, dass auch die anderen nicht zu weit aus der Reihe tanzen.

Forum Bildung: Dann plädieren Sie nicht dafür, bestimmte Bildungsziele zu definieren, um eine Nachhaltigkeit, zum Beispiel im Umweltschutz und der Ressourcenproduktivität zu erreichen, die ja der elementare Grundgedanke in ihrem Buch "Faktor Vier" ist?

v. Weizsäcker: Das braucht man nicht. Als der Umweltschutz in Mode kam dachte man, jetzt müssen alle Schüler Feuchtgebiete auswendig lernen. Völlig daneben. Genauso verzweifelt wäre ich, wenn jetzt einer sagen würde, Physiklehrer müssen "Faktor Vier" einpeitschen. Ich bin natürlich dafür, dass es eine zivilisatorische Entwicklung von der alleinigen Betonung der Arbeitsproduktivität zur Ressourcenproduktivität gibt. Ich würde es auch sehr schön finden, wenn das der eine oder andere Ökonomielehrer oder auch Physiklehrer einfließen lässt, aber das ist nachrangig im Vergleich dazu, dass man Situationen schafft, in denen Schülerinnen und Schüler Lebenswirklichkeit wahrnehmen.

Forum Bildung: Trotz des Widerwillens gegen Kernkompetenzen. Sie hatten noch die Toleranz angesprochen?

v. Weizsäcker: Das ist auch unerlässlich, jemanden zu tolerieren, der anders ist. Die Kritik in der aktuellen Diskussion, ob man nun 30.000 Inder "importieren" solle oder nicht, zeugt von der falschen Geisteshaltung. Ich finde die Idee wunderbar. Schauen Sie mal in die USA. So sehr ich auch die Weltpolizistenrolle und die ökonomische Doktrin der Amerikaner kritisiere, so begrüße ich aber die Idee des "Leben-und-Leben-lassens", die man bis ins finsterste Wyoming hinein antrifft, während hier viele Ausländer outcasts sind.

Forum Bildung: Wenn Sie schon das Ausland ansprechen. Gibt es denn in der Bildungspolitik innovativere Tendenzen in anderen Ländern?

v. Weizsäcker: Ich kenne Schulen und Bildungssysteme im Ausland zu wenig, um die Frage solide zu beantworten. Aber in einigen Ländern sind die Schulen sicher innovativer als in Deutschland.

Forum Bildung: Wo?

v. Weizsäcker: In Holland, in Skandinavien und in den USA.

Forum Bildung: In den USA auch?

v. Weizsäcker: In den USA auch. Die Schulen haben da wesentlich mehr Autonomie. Diesen guten Umstand sollte man aber nicht romantisieren. Er hat auch eine schlechte Seite: Die reichen Schulen können sich viel mehr leisten als die armen. Umgekehrt sind die Schulen in Frankreich eher noch schlimmer verschult als in Deutschland, und entsprechend hoch sind auch die Schüler-Selbstmordraten.

Forum Bildung: Man kennt die positiven Beispiele aus dem Ausland, man diskutiert seit Jahren und trotzdem kommt es zu keiner Umsetzung. Woran liegt das?

v. Weizsäcker: Deutschland hat eine Neigung zur Besserwisserei. Jahrzehntelang waren wir der Meinung, wir seien ohnehin besser als die anderen und haben uns gegen das Lernen aus dem Ausland abgeschirmt. In den letzten fünf Jahren sehe ich hier aber starke Zeichen der Besserung.

Autor(in): Udo Löffler/Michael Stolzke
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Datum: 21.03.2001
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