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30. 11. 2011

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Es muss richtig gemacht werden“

Aufrüttelnder Film zum Thema Inklusion

Bild

Marc-Andreas Bochert

Am 2. Dezember 2011 um 20.15 Uhr zeigt der Fernsehsender BR-alpha den Spielfilm „Inklusion – gemeinsam anders.“ In dem Film des Oscar-nominierten Regisseurs Marc-Andreas Bochert und des Bachmannpreis-nominierten Autors Christopher Kloeble werden zwei Jugendliche mit Behinderungen in die 9. Klasse einer Gesamtschule „inkludiert“. Einfühlsam und aufrüttelnd und mit einer großartigen Besetzung wird dargestellt, vor welche Schwierigkeiten Mitschüler, Lehrer, Eltern und die beiden jungen Menschen selbst gestellt werden. Die Online-Redaktion sprach mit dem Regisseur Marc-Andreas Bochert über die Dreharbeiten und darüber, dass die Schulen mit dem Thema Inklusion allein gelassen werden.


Online-Redaktion: Wie haben Sie sich auf den Film vorbereitet?

Bochert: Es war sehr spannend, sich mit dem Thema Inklusion auseinanderzusetzen und einen etwas anderen Blick auf bestimmte Dinge zu bekommen. Ich habe mit Rollstuhlfahrern und anderen Menschen mit Behinderungen gesprochen, um mehr darüber zu erfahren, was es im Alltäglichen bedeutet, mit einer Behinderung zu leben. Außerdem hat uns ein Sonderschullehrer beraten.

Online-Redaktion: Haben Sie bei Ihren Recherchen gemerkt, wie die Einstellung zur Inklusion in Politik und Öffentlichkeit ist?

Bochert: Inklusion wird von den meisten befürwortet. Es gibt kaum jemanden, der wirklich dagegen ist, aber es gibt einen großen Streit darüber, wie sie letztlich umgesetzt werden kann und soll. Ich habe auch einige Diskussionen und Auseinandersetzungen im Berliner Abgeordnetenhaus darüber mitbekommen, in denen deutlich wurde, dass es ohne entsprechende Finanzmittel nicht funktionieren kann.

Online-Redaktion: Diese Thematik haben Sie ja in dem Film dadurch deutlich gemacht, dass der Schulhelfer, der die Klasse unterstützen sollte, nicht gekommen ist. Haben die Schulen das Gefühl, dass sie mit der Umsetzung der Inklusion allein gelassen werden?

Bochert: Auf jeden Fall! Es gibt bisher kein Konzept darüber, wie Inklusion wirklich erfolgreich umgesetzt werden kann. Sie wird zu oft nur unter dem Aspekt der Kostenneutralität betrachtet, und den Schulen wird einfach mehr aufgebürdet, ohne dass die Mittel dafür in gleicher Weise bereit gestellt werden. Inklusion ist ja nichts völlig Neues, es gibt ja schon seit Jahrzehnten Integrationsklassen auch in deutschen Schulen und sehr positive Beispiele, die zeigen, wie gut Integration gelingen kann.
Nur diese Schulen sind auch entsprechend gut ausgestattet. Gerade diesen Schulen droht jetzt, dass sie finanziell heruntergefahren werden, damit andere Schulen mehr bekommen, so dass das, was schon gut funktioniert, eher gefährdet wird und dann alles auf gleich niedrigem Niveau betreut werden würde.

Ähnliches gilt für die Förderschulen, es gibt Überlegungen, diese ganz zu schließen. Es ist aber sehr umstritten und noch nicht abschließend geklärt, ob es sinnvoll ist, alle Menschen mit Behinderungen auf einer Regelschule einzuschulen, oder ob es für einige nicht besser wäre, eine Förderschule zu besuchen. Es gibt sehr begründete Meinungen, die besagen, dass es nicht immer das Beste ist, Schüler mit Behinderungen um jeden Preis in eine Regelschule zu schicken, in der die optimale Betreuung nicht immer gewährleistet werden kann. Und in der sie das Gefühl bekommen können, nur hinterherzuhinken und nicht richtig mitzukommen.

Online-Redaktion: Wie eng haben Sie mit dem Autor Christopher Kloeble zusammengearbeitet?

Bochert: Wir haben das Buch über ein halbes Jahr lang entwickelt und immer wieder überarbeitet und auch immer wieder gegen die aktuelle Diskussion gehalten, die sich zum Thema Inklusion ja auch ständig entwickelt. Man weiß ja nicht wirklich, wie Inklusion tatsächlich umgesetzt wird und ob solche Konstellationen, wie jetzt im Film gezeigt, dann auch überhaupt zustande kommen. Aber diese Freiheit hat man beim Film ja. Den inklusiven Unterricht haben wir aber mit Fachberatern abgestimmt, damit er auf jeden Fall richtig dargestellt wird.

Online-Redaktion: Haben Sie eine besondere Kameraführung benutzt, um die Problematik aufzuzeigen?

Bochert: Wir haben versucht, möglichst nah an den Figuren zu erzählen und ihren Rhythmus aufzunehmen. Wir haben bewusst gezeigt, wie langsam sich Steffi mit ihrem Rollstuhl bewegt, und sie auch immer wieder mit dem Rollstuhl in der Masse der anderen Menschen gezeigt. Man macht sich meist gar nicht so viele Gedanken darüber, was für ein Mensch das ist und wie es ihm mit seiner Behinderung geht. Wir haben es zu unserer Aufgabe gemacht, das zu zeigen.

Online-Redaktion:
Der Film zeigt sehr deutlich, wie unterschiedlich die Erwartungen, Hoffnungen und Befürchtungen zur Frage der Inklusion sind. Wie sind die Schauspieler mit dem Thema umgegangen?

Bochert: Für die Schauspieler selbst stand die politische Diskussion nicht im Vordergrund, sondern die Behinderung glaubwürdig zu verkörpern. Paula Kroh als Steffi hat viel mit dem Rollstuhl trainiert. Bei einzelnen Szenen wurde sie von einer Physiotherapeutin gecoacht, die ihr gezeigt hat, wie die Bewegungen aussehen. Max von der Groeben, der den Paul verkörpert hat, hat sich natürlich Menschen mit geistiger oder Lernbehinderung angeguckt und sich da einiges abgeschaut.

Online-Redaktion: Wieso lässt der Schluss des Films Spielraum für verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten?

Bochert: Uns kam es darauf an zu zeigen, dass Inklusion nicht nur eine schulische Aufgabe ist. Inklusion muss auf allen gesellschaftlichen Ebenen funktionieren. Dass seine Mutter Paul endlich ihrem Freund vorgestellt hat und der mit ihm auch etwas anfangen kann, ist auch Inklusion.

Online-Redaktion: Was hat Ihnen am Dreh besonders gefallen?

Bochert: Ich mag sehr gerne die Atmosphäre in der Schule, die hat mich an meine eigene Schulzeit erinnert. Man hat doch sehr viele Bilder aus der eigenen Schulzeit im Kopf. Bestimmte kurze Momente, die sich im Hintergrund abspielen, konnte ich in die Inszenierung immer mal wieder einfließen lassen. Außerdem war die Arbeit mit den Schauspielern großartig, weil sie sich wirklich toll in die Arbeit mit unserem Coach begeben haben.

Online-Redaktion: Worauf wollen Sie mit dem Film aufmerksam machen?

Bochert: Vor allem will ich wachrütteln für die Situation, in der sich die Schulen befinden. Es hat sich während der Recherchen immer mehr herausgestellt, dass es den Schulen einfach aufgebürdet wird, Inklusion umzusetzen, ohne dass es etwas kosten darf. Natürlich behelfen sich viele Schulen immer wieder sehr einfallsreich, aber viele sind auch frustriert, weil sie ohnehin schon vor vielen Problemen stehen – wie zu wenig Lehrer, zu große Klassen etc. Dann noch die Inklusion, das ist eigentlich gar nicht zu schaffen. Inklusion ist an sich eine gute Sache, aber nicht unter den Voraussetzungen. Es muss richtig gemacht werden, und das bedeutet auch zu investieren.



Marc-Andreas Bochert
wurde 1971 in Hildesheim geboren. Nach Abitur und Zivildienst begann er 1992 sein Studium im Fachbereich Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg, wo er 1998 seinen Abschlussfilm „Kleingeld“ realisierte, der von der Academy of Motion Picture Arts and Sciences mit dem Studenten-OSCAR 1999 ausgezeichnet wurde und 2000 für den OSCAR als bester Kurzfilm nominiert wurde. Seitdem hat Marc-Andreas Bochert bei mehreren Spielfilmen und Serien Regie geführt. Er lebt in Berlin.
Vertreten durch Agentur-Pegasus: www.pegasus-agency.de




Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 30.11.2011
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