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17. 03. 2011

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Integration durch Interaktion

Patenschaften fördern junge Migrantinnen und Migranten

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Staatsministerin Böhmer und Staatssekretär Hoofe starten die "Aktion zusammen wachsen"; Foto: José Giribas

Kinder und Jugendliche aus Zuwandererfamilien zu integrieren, ist eine der wichtigsten Herausforderungen in Deutschland. Dennoch haben junge Migrantinnen und Migranten hierzulande oftmals eine schlechtere Bildung. Als Folge davon sind ihre Berufschancen geringer. Dem kann nicht nur der Staat in Schule und Ausbildung entgegenwirken, sondern auch jeder Einzelne, zum Beispiel als Patin oder Pate in einer neuen Projektinitiative.

Ernüchternde Bildungsbilanz im Zuwanderungsland Deutschland
Mit der „Aktion zusammen wachsen – Bildungspatenschaften stärken, Integration fördern“ fördert das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bestehende Projekte zu Patenschaften und regt die Gründung neuer Projekte an. Dies geschieht in Kooperation mit der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Maria Böhmer, welche die Projektinitiative ins Leben gerufen hat. Gefördert wird die Initiative unter anderem von der Bertelsmann Stiftung, der Körber-Stiftung und der Stiftung Mercator. Zielgruppe sind insbesondere Kinder und Jugendliche aus Zuwandererfamilien, die nach wie vor in ihren Bildungschancen benachteiligt sind. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Während nur knapp zwei Prozent der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund die Schule ohne Ausbildung verlassen, sind es bei den Migrantenkindern 14 Prozent. Auch dadurch ist der Anteil der Migranten ohne beruflichen Abschluss mit mehr als 44 Prozent mehr als doppelt so hoch wie bei Menschen ohne Zuwanderungsgeschichte.

All das ist eine ernüchternde Bilanz und auch Ergebnis bisheriger Politik, die jahrzehntelang die Tatsache negierte, dass Deutschland ein Einwanderungsland war und ist. Dabei haben mittlerweile 15,6 Millionen der rund 82 Millionen Einwohner Deutschlands einen Migrationshintergrund, was einem Anteil von 19 Prozent entspricht. Jeder fünfte Einwohner in Deutschland weist somit eine Zuwanderergeschichte auf. Bildung ist der Schlüssel zur Integration. Und die, so der Gedanke der Projektinitiative, geht auch und vielleicht sogar besser über persönliche Kontakte und Erfahrungsaustausch ― und zwar über Generationen hinweg.

Patenschaften helfen Patenkindern und Paten wie auch der Gesellschaft
Man mag es Mentoring nennen, Coaching oder Patenschaften ― letztlich geht es um dasselbe Prinzip: Eine ältere Person unterstützt eine jüngere auf ehrenamtlicher Basis. Ziel ist es, die Patenkinder in der frühkindlichen und schulischen Entwicklung zu fördern und ihnen auch später bei der beruflichen Orientierung zur Seite zu stehen. Freiwillige Patinnen und Paten engagieren sich als Vorleser für Kleinkinder oder Kinder mit Leseschwächen, helfen bei den Hausaufgaben und stehen Jugendlichen bei der Ausbildungssuche bei. Die Treffen finden in regelmäßigen Abständen statt, meist in Schulen, Kindertagesstätten oder Bibliotheken. Patenschaften sind nicht als Konkurrenz, sondern als sinnvolle Ergänzung zu den Regelangeboten in Kindergarten und Schule zu verstehen. Im besten Fall profitieren alle davon. Einerseits werden die Eltern der Patenkinder sowie die Kindergärten und Schulen in ihrer Arbeit unterstützt, andererseits dienen die Paten mit ihrer Lebens- und Berufserfahrung als Vorbilder für ihre Patenkinder, bekommen von diesen aber auch eine Menge Bestätigung zurück. Bei Patenschaften für Kinder und Jugendliche mit Zuwanderungsgeschichte erhalten die Patinnen und Paten zudem wertvolle Einblicke in einen anderen Kulturkreis. Die Patenkinder wiederum finden eine Bezugsperson, die sie dabei unterstützt, ihre Stärken kennenzulernen, sich neuen Herausforderungen zu stellen und mit Rückschlägen umzugehen.

So ist es für den 30-jährigen Anselm Beier in Heidelberg eine große Bereicherung, für den 8-jährigen Daniel in dem Tandem „Big Brothers Big Sisters“ da sein zu können. Es sei wichtig für Daniel, einen zusätzlichen Ansprechpartner zu haben, mit dem er offen sprechen und dem er sich anvertrauen kann. Daniel schätzt an Anselm, dass er sich nicht aus der Ruhe bringen lässt: „Ich bin nämlich oft zappelig. Aber seit wir uns treffen, bin ich viel ruhiger geworden und kann auch besser mit anderen Kindern spielen.“ Auch Christiane Markmann, Vorleserin der Bürgerstiftung Berlin, sieht die vielen Vorteile ihrer Patenschaft: „Mich erfüllt es mit großer Freude, wenn ich merke, dass ich ein Kind mit meinem Spaß an Sprache und Büchern angesteckt habe.“

Die Patinnen und Paten werden von den Mitarbeitern der jeweiligen Projekte nach bestimmten Kriterien ausgewählt und in ihrer Arbeit begleitet und unterstützt. Sie müssen über keine spezielle pädagogische Ausbildung verfügen, aber Freude am Umgang mit Kindern und Jugendlichen haben und deren Persönlichkeiten wertschätzen. Die Eltern der Patenkinder sind dabei als Ansprechpartner für die Paten besonders gefragt.

Von der Hausaufgabenhilfe bis zum Zoobesuch

Da behaupte noch einmal einer, die Menschen seien in erster Linie Egoisten und ehrenamtliches Engagement eine Seltenheit: Die vielen Patenschaftsprojekte beweisen das Gegenteil. So kommen im Berliner Projekt „Nightingale“ seit 2006 jeweils ein Studierender der Pädagogik und ein Grundschüler mit Zuwanderungsgeschichte zusammen. Sieben Monate lang verbringen sie einmal pro Wochen einen gemeinsamen Nachmittag. Sie besuchen den Fernsehturm, gehen ins Kino, ins Museum, in den Zirkus und kochen gemeinsam. Die Studierenden gewinnen dadurch ganz konkret Einblick in eine Lebenswelt, die ihnen die Universität nur theoretisch vermittelt.

Das Projekt „Agabey-Abla“ (zu Deutsch: Großer Bruder – große Schwester) in Stuttgart zielt auf türkischstämmige Kinder und Jugendliche. Die Arbeit der insgesamt 48 Mentorinnen und Mentoren im Alter von 17 bis 28 Jahren wurde zum Projekt des Monats September 2009 gekürt. Seit Februar 2009 unterstützen türkischstämmige Studierende sowie Gymnasiastinnen und Gymnasiasten an insgesamt vier Stuttgarter Grund- und Hauptschulen türkischstämmige Kinder beim Lernen. Je nach individuellem Bedarf üben sie zusammen in den Kernfächern Mathematik, Deutsch und Englisch. Die erwachsene Esra unterstützt die 13-jährige Seyma als Patin und sieht Erfolge: „Durch meinen eigenen türkischen Migrationshintergrund und meine persönlichen Erfahrungen kann ich mich sehr gut in Şeymas Lage und die ihrer Eltern hineinversetzen. Herausforderungen, die sich aus der Herkunft der Eltern und der deutschen Schulkultur ergeben, können mit meiner Hilfe leichter bewältigt werden.“ Seyma pflichtet dem bei: „Seitdem ich mit Esra arbeite, trau ich mich in der Schule viel mehr. Ich arbeite sehr gerne mit meiner ,Abla’ und unternehme auch gerne etwas mit ihr.“

Das Projekt „Balu und du“ in Köln stellt das gemeinsame Erleben von Kindern im Grundschulalter mit ihren Paten vor den reinen Leistungsgedanken. Auf zwanglose und spielerische Weise sollen Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren ihre sozialen Kompetenzen verbessern. Dafür stehen ihnen engagierte und zuverlässige junge Menschen als Freund und Ratgeber zur Seite. Diese sogenannten „Balus“ verbringen für den Zeitraum eines Jahres einmal pro Woche mehrere Stunden mit ihren Patenkindern – den „Moglis“. Ziel ist es, die Lernfreude der Kinder zu wecken, ihre Kommunikationsfähigkeit zu fördern und ihre kreativen Potenziale zu erschließen. Dies geschieht durch gemeinsame Freizeitaktivitäten, die vom Museums- oder Zoobesuch über sportliche Aktivitäten bis hin zum Stadtbummel reichen können.

In Ludwigshafen hat die Kinder- und Jugendbibliothek einen Geschichtenkoffer geöffnet. Jeden zweiten Donnerstag im Monat stöbern Kinder darin und suchen sich ein oder zwei Bücher mit Geschichten aus aller Herren und Frauen Länder aus. Mütter, vielfach mit Zuwanderungshintergrund, helfen den Fünf- bis Achtjährigen beim „Auspacken“ der Geschichten. Für zwei Stunden tauchen Mütter und Kinder in andere Welten ein. Gespannt lauschen die Kleinen den Geschichten, die ihnen die Erwachsenen erzählen.

Die zentrale Anlaufstelle für alle Fragen zur „Aktion zusammen wachsen“ bildet die Bundesservicestelle mit Sitz in Köln. Sie informiert über Patenschaften, unterstützt und berät Träger und Gründer von Patenschaftsprojekten, organisiert Veranstaltungen und kümmert sich um die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.


Autor(in): Arndt Kremer
Kontakt zur Redaktion
Datum: 17.03.2011
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