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27. 09. 2000

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Eine pädagogische Einrichtung ist keine Fabrik"

Der Vorsitzende vom Verband für Bildung und Erziehung im Interview mit dem Forum Bildung

Forum Bildung: Was muss sich ändern, um die Qualität der Schule zu verbessern?

Eckinger: Wir müssen weg von der kognitiven Betrachtungsweise der Schule und das soziale Lernen wieder mehr in den Vordergrund stellen. Qualität muss sich absetzen von der einseitig ökonomischen Betrachtungsweise. Natürlich müssen wir uns als Schule an der Gesellschaft orientieren. Wir können uns aber nicht von der Wirtschaft vorschreiben lassen, was in der Schule passieren muss. Ich halte wenig davon, die Schule mit Wirtschaftsunternehmen zu vergleichen. Eine pädagogische Einrichtung ist keine Fabrik.

Forum Bildung: Kann die Schule überhaupt auf den rasanten Wandel in Technologie und Gesellschaft reagieren? Stichwort fehlender Nachwuchs im Ingenieurbereich?

Eckinger: Schule sollte immer versuchen, nah an den gesellschaftlichen Entwicklungen dran zu sein. Man muss sich aber schon wundern, dass Hochschulen in die falsche Richtung gesteuert wurden und jetzt die Schule den Schwarzen Peter zugeschoben bekommt.

Forum Bildung: Falsche Richtung?

Eckinger: Informationstechnische Studiengänge wurden vor Jahren gestrichen und reduziert. Man kann jetzt schon voraussagen, dass zum Beispiel in der Physik die Zahlen der Studienanfänger deutlich abnehmen und die Wirtschaft in zehn Jahren verzweifelt nach Physikern sucht. Gleichzeitig haben Unternehmen jahrelang betriebliche Fortbildungsmaßnahmen aus kurzsichtigen Kostengründen wegrationalisiert. Das könnte man jetzt korrigieren, und da würde ich mir wünschen, dass die Bildungspolitik in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft zukunftsorientierter handelt. Die Schule kann auf solche Entwicklungen reagieren, aber sie muss das auch dürfen.

Forum Bildung: Sind die veralteten Lehrpläne in der Schule nicht auch ein großes Hindernis für die Qualität der Bildung an Schulen?

Eckinger: Das ist ein altes Problem der Schule, dass Lehrpläne zu einem Zeitpunkt verabschiedet werden, an dem sie schon veraltet sind. Wir brauchen offene und schlanke Lehrpläne, mit denen eine größere Autonomie der Lehrer gesichert ist.

Forum Bildung: Das wird schon lange gefordert. Warum hapert es mit der Umsetzung?

Eckinger: Das ist deshalb schwierig, weil die Bürokratie sehr mächtig ist. Die Entrümpelung der Lehrpläne ist ja tatsächlich eine alte Forderung. Wir müssen endlich wegkommen von diesem Perfektionsdenken. Mut zur Lücke heißt auch Mut zur Gründlichkeit. Wir müssen in der Schule mehr Freiheiten schaffen. Ich wünsche mir viel mehr Denkdruck statt des Stoff- und Zeitdrucks.

Forum Bildung: In Vergleichen mit dem Ausland schneiden die deutschen Schulen ja eher mittelmäßig ab?

Eckinger: Vergleiche sind wichtig, aber auch schwierig. Die Ausbildungszeiten sind auf jeden Fall zu lang. Wir dürfen nicht glauben, dass Schüler mit dem Abitur das Wissen erworben haben, das man braucht, um sich in der Welt zurechtzufinden. Das kann die Schule nicht leisten - das müssen wir akzeptieren. Wir müssen aber die Zeitspannen der Ausbildung straffen, sowohl in der Schule als auch in der Universität, denn es kann nicht sein, dass zum Beispiel 22jährige englische Juristen 28jährigen deutschen Juristen auf dem Arbeitsmarkt gegenüberstehen.

Forum Bildung: Vergleichstests wie PISA und TIMSS werden ja nicht überall begrüßt?

Eckinger: Wir kommen nicht umhin zu evaluieren. Ich warne aber vor den Auswüchsen der "Testeritis". Natürlich sind wir Lehrer verpflichtet, Rechenschaft über unsere Arbeit abzulegen. Es ist auch keine Frage, dass Wettbewerb und Vergleiche sinnvoll sind. Man sollte aber nicht glauben, dass das der Maßstab für Qualität ist.

Forum Bildung: Was ist der Maßstab für Qualität?

Eckinger: Qualität ermöglicht Bildung und Bildung ist nicht nur Wissen, sondern in einer Schule, wie ich sie mir vorstelle, werden Kinder zum Denken befähigt. Qualität kostet natürlich auch Geld. Investitionen in Bildung sind aber keine Kosten im herkömmlichen Sinne. Die Kultusminister, die oftmals wie Finanzminister agieren, müssten mal aufgeklärt werden, was es heißt, an den Kindern und der Zukunft zu sparen.

Autor(in): Udo Löffler
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Datum: 27.09.2000
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