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03. 02. 2011

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Wichtig ist es jetzt, auf die Qualität zu achten“

„Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ vorgestellt

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Dr. Natalie Fischer

Die „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG) war als Längsschnittstudie mit drei Erhebungswellen in den Jahren 2005, 2007 und 2009 angelegt. 371 Ganztagsschulen wurden auf ihre Entwicklung hin beobachtet. Die Ergebnisse der Studie wurden im November 2010 vorgestellt. Die Online-Redaktion sprach mit der Projektkoordinatorin Dr. Natalie Fischer vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) über die Inhalte und den Verlauf der Untersuchung.


Online-Redaktion: Was gab den Anlass für die „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG) im Jahr 2004?

Fischer: Nach dem unterdurchschnittlichen Abschneiden deutscher Schülerinnen und Schüler bei der PISA-Studie im Jahr 2000 wurde verstärkt über die Einführung von Ganztagsschulen nachgedacht, um die Leistungen der Schülerinnen und Schüler zu verbessern. Es gab zwar in Deutschland schon lange Bemühungen, die Ganztagsschule einzuführen, seit PISA 2000 wurde dies aber auch von Seiten der Politik stärker gewünscht. Das führte dazu, dass der Schulausschuss der Kultusministerkonferenz (KMK) sich Kriterien überlegte, die eine Ganztagsschule erfüllen muss. Zugleich legte der Bund ein Förderprogramm auf, das insbesondere den baulichen Ausbau von Ganztagsschulen beförderte, das so genannte Investitionsprogramm „Zukunft Bildung und Betreuung“ (IZBB-Programm).

Die „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG) wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) auf Basis einer Expertise von Professor Eckhard Klieme und Dr. Falk Radisch vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) initiiert und als Begleitstudie zu dem IZBB-Ausbauprogramm angelegt. Mit der Studie sollte gezeigt werden, wie sich hauptsächlich Ganztagsschulen, die IZBB-Förderung erhalten, entwickeln.

Online-Redaktion: StEG war als Längsschnittstudie mit drei Erhebungswellen angelegt. Welche Schulen und Personengruppen wurden befragt, und unter welchen Gesichtspunkten wurden die Schulen ausgewählt?

Fischer: Bis auf das Saarland und Baden-Württemberg nahmen alle Bundesländer an der Studie teil. Die Länder legten Listen ihrer IZBB-geförderten Ganztagsschulen vor, aus denen 20 Sekundarschulen und 20 Primarschulen pro Bundesland der Größe nach zufällig ausgewählt wurden. In einigen Ländern waren es etwas weniger, weil es zu diesem Zeitpunkt dort noch nicht so viele Ganztagsschulen gab. Manche Länder hatten auch den Wunsch, noch ältere Schulen hinzuzunehmen. Insgesamt wurden Daten an 371 Ganztagsschulen (99 Schulen der Primarstufe und 272 Schulen der Sekundarstufe I) erhoben. Befragt wurden alle Beteiligten, Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrkräfte, das weitere pädagogisch tätige Personal, die Schulleitungen sowie die Kooperationspartner.

Online-Redaktion: Was waren die Schwerpunkte der Befragung?

Fischer: Insgesamt gab es vier Schwerpunkte: Die Einführungs- und Entstehungsbedingungen sowie die pädagogische und organisatorische Angebotsgestaltung auf der Schul- und auf der Angebotsebene, die Konsequenzen und Wirkungen auf die Schülerinnen und Schüler sowohl auf nichtfachliche Leistungen als auch auf Schulleistungen,die Auswirkungen auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und auf die Beziehungen innerhalb der Familie und das Familienklima sowie die Wirkungen auf das regionale Umfeld.

Bei der ersten Untersuchung im Jahr 2005 ging es zunächst darum, repräsentative Daten über die Ganztagsschullandschaft zu sammeln. Man wollte einen Überblick darüber bekommen, wie die Ganztagsschullandschaft im Jahr 2005 aussah. Mit den Wiederholungsbefragungen in den Jahren 2007 und 2009 kann analysiert werden, wie sich die Schulen der StEG-Stichprobe über einen Zeitraum von vier Jahren entwickelt haben – zum Beispiel bezüglich der Organisations- und Unterrichtskultur. Gleichzeitig lassen sich Trends und Entwicklungen bei den Schülerinnen und Schülern nachzeichnen zum Freizeitverhalten, zu Familie, Motivation und sozialen Kompetenzen. Aufgrund der längsschnittlichen Anlage können auch Wirkungen bzw. Bedingungen analysiert werden.

Online-Redaktion: Wer war für die Durchführung verantwortlich?

Fischer: Da es sich um eine sehr komplexe Studie mit vielen Fragestellungen handelte, waren von vorneherein viele Personen an dem Projekt beteiligt. Von Anfang an gab es ein Konsortium unter Federführung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) mit Prof. Dr. Eckhard Klieme und der Projektkoordination. Dazu kamen das Deutsche Jugendinstitut (DJI) in München mit Prof. Dr. Thomas Rauschenbach und das Institut für Schulentwicklungsforschung in Dortmund (IFS) mit Prof. Dr. Heinz Günter Holtappels. Prof. Dr. Ludwig Stecher von der Justus-Liebig-Universität Gießen koordinierte anfangs die Studie hier am DIPF, bis er an die Uni Gießen wechselte. Seit 2008 ist er als viertes Konsortiumsmitglied dabei.

Online-Redaktion: Welche Ergebnisse brachten die drei Erhebungen hinsichtlich der Auswirkungen von Ganztagsschule auf die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen sowie auf das familiäre und das regionale Umfeld?

Fischer: Einleitend muss ich sagen, dass es nicht ganz einfach ist, Effekte einer Ganztagsschule an sich herauszufinden, da Ganztagsschulen ganz verschieden gestaltet sind. Sie arbeiten unterschiedlich, sie gestalten den Ganztag unterschiedlich, sie haben unterschiedliche Angebote, so dass, wie auch in der Schulforschung allgemein, immer mehr die Einzelschule in den Fokus gerückt wird. Um dennoch Effekte zu finden, inwiefern sich der Besuch von Ganztagsschulen auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen auswirkt, haben wir die Schülerinnen und Schüler, die an den Angeboten teilnehmen, mit denen verglichen, die nicht teilnehmen. Die meisten Ganztagsschulen sind ja offene Ganztagsschulen, an denen nicht jedes Kind am Ganztag teilnehmen muss.

Unsere Ergebnisse zeigen, dass Kinder und Jugendliche, die mindestens an zwei unserer drei Messzeitpunkte teilnahmen, Vorteile hinsichtlich ihrer sozialen Entwicklung haben. Insbesondere zeigen sie eine bessere Entwicklung im Hinblick auf abweichendes oder unerwünschtes Sozialverhalten in der Schule. Sie sind nach eigenen Aussagen weniger gewalttätig, randalieren weniger und stören weniger im Unterricht. Es zeigt sich auch, dass Kinder und Jugendliche, die regelmäßig die Ganztagsschule besuchen, weniger sitzen bleiben.

Alle anderen Effekte auf die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen, die wir gefunden haben, hängen sehr stark von der Qualität der Angebote ab. Es ist ausschlaggebend, inwieweit die Kinder und Jugendlichen bei den Angeboten mitbestimmen können, ob sie sich herausgefordert fühlen und ob die Angebotsinhalte zu ihren Fähigkeiten und Interessen passen. Wenn das gegeben ist, dann gibt es auch positive Zusammenhänge mit der Notenentwicklung und der Entwicklung der Lernmotivation sowie Schulfreude. Es stellte sich heraus, dass besonders die Partizipation bei den Angeboten Einfluss auf die Entwicklung des sozialen Engagements und der Verantwortungsübernahme innerhalb der Schule hat.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist das Verhältnis zu den Betreuungspersonen oder zu dem Personal, das die Angebote durchführt. Wenn das Verhältnis der Kinder und Jugendlichen und des Personals insgesamt in der Schule besser wahrgenommen wird, dann hat der Ganztagsbesuch positive Auswirkungen auf die Entwicklung von Motivation und Noten und zusätzlich auch auf die soziale Entwicklung.

Etwas, was man insbesondere in der Grundschule beobachten kann, ist die Tatsache, dass Ganztagsschule die Vereinbarkeit von Familie und Beruf steigert. Eins der wichtigsten Motive am Ganztag teilzunehmen, ist die Berufstätigkeit der Mutter oder beider Eltern. In Familien, in denen die Kinder regelmäßig den Ganztag besuchen, entwickelt sich auch das Familienklima ein bisschen besser. Das kann damit zusammenhängen, das die Eltern sich durch die Ganztagsschule entlastet fühlen, insbesondere durch den Wegfall der Hausaufgaben. Besonders Familien aus bildungsbenachteiligten Schichten fühlen sich sowohl bei den Hausaufgaben als auch bei erzieherischen Problemen unterstützt. Überhaupt sind die Eltern insgesamt recht zufrieden mit dem Angebot, sie wünschen sich allerdings noch etwas mehr individuelle Förderung für ihre Kinder. Allerdings sind Förderangebote schon in allen Schulen recht weit verbreitet. Sie werden nur von den Schülerinnen und Schülern nicht so stark frequentiert wie beispielsweise Freizeitangebote.

Um Auswirkungen auf das regionale Umfeld zu erhalten, haben wir die Kooperationspartner der Schulen befragt, die insgesamt recht zufrieden mit der Zusammenarbeit sind. Im Laufe der Studie ist der Anteil der Schulen mit Kooperationspartnern angestiegen. Auch hat sich die Zahl der Kooperationspartner pro Schule erhöht.

Online-Redaktion: Wie haben sich Ganztagsschulen in den vergangenen Jahren verändert?

Fischer: Dem letzten Bildungsbericht aus dem Jahr 2008 kann man entnehmen, dass sich der Anteil der ganztägigen Schulen seit 2003 verdoppelt hat. 2008 waren es schon über 40 Prozent aller Schulen, die ein Ganztagsangebot anbieten, das von 24 Prozent der Schülerinnen und Schüler genutzt wird. Konzeptuell haben sich die Ganztagsschulen unserer Studie allerdings wenig verändert, zum Beispiel was die zeitliche Rhythmisierung angeht. Auch gebundene Ganztagsschulen, an denen alle Schülerinnen und Schüler teilnehmen, sind in der Regel bei dem herkömmlichen Modell geblieben: morgens Unterricht und nachmittags Angebote. Allerdings haben sich die Schulen ein bisschen stärker nach außen geöffnet. Es gibt heute mehr Kooperationspartner von außen, die in die Schulen kommen. Die Verbindung von Angebot und Unterricht allerdings ist noch verbesserungswürdig.

Online-Redaktion: Inwieweit sind die Zugangschancen und die Nutzung von Ganztagsschulen mit sozialer Selektivität verbunden?

Fischer: In unserer Stichprobe zeigt sich, das sich 2009 in den Sekundarstufen keine sozial selektive Teilnahme zeigt, Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder aus sozial benachteiligten Familien nutzen den Ganztag gleichermaßen wie andere Kinder. In der Grundschule ist es so, dass etwas weniger Kinder mit Migrationshintergrund die Ganztagsangebote besuchen, aber auch hier ist schon ein Anteil von über 50 Prozent vertreten.

Online-Redaktion: Welche Bedingungen bilden die Voraussetzung für eine erfolgreiche Gestaltung ganztägiger Schulen?

Fischer: Ein ganz wichtiger, gar nicht ganztagsschulspezifischer Faktor sind die schulklimatischen Bedingungen. Wenn die Beziehungen untereinander gut sind und die Schülerinnen und Schüler das genauso wahrnehmen wie Lehrer und pädagogische Partner, können Ganztagsschulen die größten Wirkungen und die größte Zufriedenheit erzielen. Von Vorteil für die Schulentwicklung ist es auch, wenn Ziele schriftlich in einem Schulkonzept oder in einem Schulprogramm fixiert sind.

Online-Redaktion: Welche Verbesserungen stehen für die Ganztagsschulen gegenwärtig auf der Tagesordnung?

Fischer: Anfangs war es das Ziel, Ganztagsschulen möglichst in der Breite auszubauen und möglichst viele Angebote zu unterbreiten. Allmählich fangen die Schulen an, mehr Profil zu bilden und darauf zu achten, was nachgefragt wird. Wichtig ist es jetzt, auf die Qualität zu achten. Allerdings stehen dazu noch Forschungsergebnisse zu folgenden Fragen aus: Welche Qualitätskriterien sind wichtig? Wie müssen Angebote gestaltet sein? Was muss die Schule hinsichtlich der Organisationsstrukturen verändern? Welche Vorteile hat die Rhythmisierung? Wie muss die Gruppenzusammensetzung in den Angeboten aussehen? Welche spezifische Qualität macht die Ganztagsangebote – neben der Partizipation - über den Unterricht hinaus wirksam? Das könnten für die Schulen wichtige Hinweise dafür sein, wie sie ihre Qualität noch steigern können.


Dr. Natalie Fischer, Dipl.-Psych., ist seit dem Jahr 2000 in der Pädagogischen Psychologie in Forschung und Lehre tätig und seit 2006 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt StEG, das sie seit 2008 koordiniert. Forschungsschwerpunkt der Habilitandin am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) ist neben der Ganztagsschulforschung die Interventions- und Evaluationsforschung mit Schul- und Unterrichtsbezug unter besonderer Berücksichtigung nicht-kognitiver Lernergebnisse der Schüler/-innen.





Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 03.02.2011
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