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08. 04. 2010

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Integration vor Ort

Lokale Initiativen tragen zur Verbesserung der Berufs- und Ausbildungschancen von Migranten bei

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Robert Bosch Stiftung

Die Robert Bosch Stiftung fördert lokale Initiativen zur Integration junger Migranten in Ausbildung und Beruf, um die Situation von Migranten und Spätaussiedlern zu verbessern. Im Mittelpunkt des Programms „LISA“ stehen insbesondere innovative Netzwerke und Projekte in Kommunen, die einen Schwerpunkt auf den Übergang von Schule und Beruf legen.


Was müssen Migranten in Deutschland können, welche Angebote erhalten sie, welche Chancen haben sie? Es ist noch gar nicht lange her, da lieferten sich der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel eine harsche Kontroverse über Rechte und Pflichten türkischstämmiger Migrantinnen und Migranten. Doch jenseits dieser Dispute auf höherer Ebene gilt es, Initiativen in den Kommunen zu fördern – denn hier, und weniger auf den großen Parketten internationaler Politik, entscheidet sich, ob Integration von Migranten und Spätaussiedlern gelingen kann. Einen wichtigen Beitrag dazu liefert die Robert Bosch Stiftung mit der Förderung von zahlreichen Projektinitiativen für Migranten. Zu ihnen zählt seit 2006 das Programm LISA.

Verbesserung der Ausbildungs- und Berufschancen junger Migranten
LISA steht für „Lokale Initiativen zur Integration junger Migranten in Ausbildung und Beruf“. Das ursprünglich vor allem auf junge Spätaussiedler zielende Programm hilft mittlerweile vor allem jungen Migrantinnen und Migranten, ihre Teilnahme an Bildung und Ausbildung zu verbessern. Es unterstützt jüngere Migranten dabei, ihr Potenzial und ihre Fähigkeiten erfolgreicher für sich und für die Gesellschaft einzubringen. Gefördert werden innovative Netzwerke und Projekte in Kommunen, die einen Schwerpunkt auf den Übergang von Schule und Beruf legen. Besonderes Augenmerk hat dabei die enge Zusammenarbeit mit Unternehmen vor Ort. Dazu zählen Angebote zur Berufsorientierung und -vorbereitung sowie zur Berufsbegleitung. Auch Jugendliche deutscher Herkunft können teilnehmen, wenn dies zum Projekterfolg beiträgt. Seit 2006 hat die Robert Bosch Stiftung 29 lokale Netzwerke mit insgesamt 2,5 Millionen Euro unterstützt. Die Förderungsdauer beträgt in der Regel zwei, bei erwiesener Nachhaltigkeit des Projekts maximal drei Jahre.

Nachhaltige und verlässliche Arbeit in den Kommunen
Nicht die Originalität der Ideen, sondern die konkrete Arbeit vor Ort ist für eine Förderung entscheidend. Durch die geförderten Projekte sollen die Selbstverantwortung junger Migranten gestärkt und deren Kompetenzen zur Geltung gebracht werden. Die Erlernung der deutschen Sprache ist eine der Schlüsselqualifikationen, da nach wie vor viele Bewerbungen von Migranten auch der dritten Generation an mangelnden Sprachkenntnissen des Deutschen scheitern. Dies gelingt nur, wenn Gleichaltrige und Eltern in die Projekte miteinbezogen werden, denn Familie und Freundeskreis haben einen entscheidenden Einfluss auf die Bildungsentwicklung junger Menschen.
Ein Grund für die relativ hohe Prozentzahl von Ausbildungs- und Arbeitssuchenden unter jungen Menschen mit Migrationshintergrund ist aber auch eine unzureichende Informiertheit der Unternehmen. LISA will deshalb die Bereitschaft von Unternehmen erhöhen, Migranten einzustellen. Das Programm soll helfen, Lehrer und Ausbilder für die Arbeit mit Migranten besser zu qualifizieren.

LISA will Migranten so lokal wie möglich integrieren
Der Projektbericht über die erste Projektphase von LISA 2006 bis 2008, die noch vor allem auf junge Spätaussiedler aus Osteuropa zielte, zieht die positive Bilanz: „Der programmatische Ansatz von LISA, über eine gezielte Verbesserung der (Aus-)Bildungschancen zur Verbesserung der beruflichen und sozialen Eingliederung junger Spätaussiedler beizutragen und dafür auf lokaler Ebene Unterstützungsstrukturen zu schaffen bzw. zu befördern, bewährt sich.“ Da seit 2005 die Zahl von Spätaussiedlern jedoch kontinuierlich zurückgegangen ist, hat LISA in der derzeitigen Projektphase von 2008 bis 2010 junge Migranten als Schwerpunktzielgruppe. Zu den laufenden oder erst vor kurzem ausgelaufenen Initiativen von LISA zählen Projekte in Kleinstädten wie Aurich, Erbach und Waldbröl, aber auch in Großstädten wie Berlin, Kassel und Mannheim. Die „Belmer Integrationswerkstatt“ beispielsweise, die noch bis Ende August 2010 läuft, richtet sich an benachteiligte Jugendliche mit Migrationshintergrund und andere Jugendliche mit besonderem Förderbedarf im Alter von 16 bis 20 Jahren mit Wohnsitz im Landkreis Osnabrück. Obwohl die Jugendlichen ihre Schulpflicht erfüllt haben, kommen sie oftmals ohne berufliche Perspektiven in das Projekt, das ihnen dabei hilft, Fuß im ersten Arbeitsmarkt zu fassen, sei es in Ausbildung oder Beschäftigung. „BQN Berlin e.V.: Berufliches Qualifizierungsnetzwerk für Migrantinnen und Migranten in Berlin“ bietet noch bis Ende September 2010 Lehrplan-Qualifizierungen für Lehrerteams aus bis zu sieben Gesamt- und Realschulen, Gymnasien und Oberstufenzentren mit hohem Migrantenanteil an. Im Vordergrund des Schul-Curriculums steht die Berufsorientierung. Projektpartner sind die Senatsverwaltung für Bildung, der Beauftragte für Integration und Migration, Schulen, Arbeitgebervertreter, die Arbeitsagentur und die Institute für Arbeitslehre und Erziehungswissenschaft der TU Berlin.

Den Hauptschulabschluss nachträglich erwerben können Migranten im Alter zwischen 18 und 25 Jahren in dem Göttinger Projekt „PIA – Projekt zur Integration junger Migranten in Ausbildung und Arbeit“, das Ende August 2010 vorerst ausläuft. Während in Groß-Gerau in dem Projekt „ELSA“ Eltern mit Migrationshintergrund bei der Begleitung ihrer Kinder in das Berufsleben gestärkt werden, fördert die Initiative „4Job“ der Stadt Kaufbeuren eine spezielle Schule: 20 Schülerinnen und Schüler der 9. Klassen der Jörg-Lederer-Volksschule, denen die familiäre Unterstützung bei der Ausbildungsplatzsuche fehlt, werden kleinschrittig betreut und begleitet. Die Hälfte der Teilnehmer hat einen Migrationshintergrund. Besonderer Wert wird dabei auf die Zusammenarbeit mit dem Ausländerbeirat und dem Verein türkischer Elternbeiräte gelegt. Ein Projekt der Stadt Mannheim soll helfen, die Übergangsquote junger Migranten von der Hauptschule in die Ausbildung, die 2007 noch bei dramatisch geringen 10,8 Prozent lag, zu erhöhen.

Zentrum oder Peripherie des Problems?
Die Wirksamkeit dieser Initiativen muss erst noch ausgeweitet und in einem weiteren Projektbericht dargestellt werden. Die Idee, die Eingliederung von jungen Migranten vor Ort zu fördern, hat einiges für sich – schließlich leben die Menschen vor allem in der Kommune. Hier vor Ort müssen sich Aufklärung, Bildung, Qualifizierung und interkultureller Dialog gegen Vorurteile, Rassismus und Diskriminierung bewähren.

Es fällt jedoch auf, dass sich in dem umfangreichen Projektkatalog der Robert Bosch Stiftung, zu dem Projekte wie die „Völkerverständigung Mitteleuropa, Südosteuropa, GUS, China“, die Förderung des deutsch-türkischen Filmfestivals „InterForum Kunst&Kultur Nürnberg“, die Wanderausstellung „Türkische Bibliothek in 20 Bänden“, das Programm „Integration junger Migranten“ mit Projektideen zur Eingliederung junger Menschen mit Migrationshintergrund im Kindergarten, in der Schule und in der Freizeit, das „European Programme for Integration and Migration“ oder die geplante Initiative „Integration gemeinsam schaffen“ gehören, keine Förderung wissenschaftlicher Studien zur (In-)Effektivität des föderalen deutschen Schulsystems nach PISA findet. Dazu gehört die in den meisten deutschen Bundesländern frühe Selektierung nach vierjähriger Grundschulzeit ebenso wie das zumeist dreigliedrige System von Gymnasien, Realschulen und Hauptschulen mit der mehr oder minder tolerierten Zwischenlösung Gesamtschule.

All dies ist von vielen internationalen Studien, beispielsweise in einem UN-
Bericht von 2007, als soziale Selektion kritisiert worden – welche die Integration von ohnehin benachteiligten Migranten aus Elternhäusern mit niedrigerem Bildungsstandard eher behindert denn fördert. Nach wie vor landen ganze Jahrgänge von jungen Migranten nur deshalb auf der Hauptschule, weil sie von ihren Eltern nicht gefördert werden können und vom Staat anscheinend nicht gefördert werden sollen, nach wie vor werden dadurch erhebliche intellektuelle Potenziale verschenkt. Dadurch studieren letztlich viel zu wenige Migranten, deshalb ist auch die Zahl von Lehrern, Ingenieuren, Juristen, generell von Bildungsentscheidern mit Migrationshintergrund immer noch gering. Solange sich dies nicht ändert, werden Projekte wie das der Stadt Mannheim, das die extrem geringen Ausbildungschancen von Hauptschülern mit Migrationshintergrund vielleicht um einige wenige Prozentpunkte verbessern hilft, immer nur die Peripherie des Problems berühren. So richtig und wirksam sie im Kleinen auch sind.

 

Autor(in): Arndt Kremer
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Datum: 08.04.2010
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