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28. 01. 2010

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Warten auf Godot“?

Neue Studie über Bildungsgänge am Übergang Schule – Ausbildung

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Berufsvorbereitende Maßnahmen für Jugendliche

Früher viel gelobt, mittlerweile verstärkt in die Kritik geraten: das deutsche Berufsbildungssystem. Ausbildungs- und Lehrstellen sind rar, immer weniger jugendliche Schulabgänger finden nach der Schule eine ihren Fähigkeiten und Wünschen entsprechende Berufsausbildung. Dem versucht ein vielschichtiges System an Übergangsmaßnahmen, die berufliche Grundbildung vermitteln, entgegenzuwirken. Bisher fehlten jedoch gesicherte Informationen über die Zahl der Teilnehmer an diesen Angeboten, über deren zeitlichen Umfang, insbesondere aber über deren Wirksamkeit. Eine repräsentative Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) liefert nun neue Daten und Antworten.


Das lange Warten auf den Ausbildungsvertrag
Godot, die Hauptfigur in Samuel Becketts absurdem Drama „Warten auf Godot“, taucht niemals auf, obwohl während des gesamten Stücks seine baldige Ankunft beständig ersehnt wird. Indes, alles Warten lohnt nicht. Auch für viele Jugendliche in Deutschland hat sich die Suche nach einem Ausbildungsplatz mittlerweile immer mehr zu einem absurden Warten auf Godot entwickelt. Noch bis Ende der 1980er Jahre vollzog sich der Werdegang der meisten Schulabgänger mit Hauptschulabschluss schlicht in drei Schritten: Schule – Ausbildung – Erwerbstätigkeit. Diese „Normalbiografie“ wird jedoch immer seltener, und zwar nicht nur für Absolventen der Hauptschule, sondern auch für Schulabgänger mit mittlerem Bildungsabschluss. Nur 40 bis 50 Prozent von ihnen erreichen innerhalb von drei Monaten eine vollqualifizierende Ausbildung. Die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise verstärkt das Problem. Für das Ausbildungsjahr 2009/2010 fehlen voraussichtlich 50.000 Plätze. Übergangsangebote wie die Berufsvorbereitenden Maßnahmen der Bundesanstalt für Arbeit (BvB), das Schulische Berufsvorbereitungsjahr (BVJ), das Berufsgrundbildungsjahr (BGJ) oder die Teilqualifizierende Berufsfachschule (BFS) sollen die immer größer werdende Kluft zwischen Schulabgangszeugnis und Ausbildungsvertrag überbrücken. Bisher erfolglose Bewerberinnen und Bewerber um einen Ausbildungsplatz können sich in den verschiedenen Bildungsgängen höhere Bildungsabschlüsse erwerben oder teilqualifizieren.

Zwischenlösung: dritte Säule der Berufsausbildung?

Von 1992 bis 2007 hat sich die Zahl der Teilnehmer an diesen Maßnahmen mehr als verdoppelt. Ein Drittel der Schulabgänger nimmt mittlerweile an mindestens einer teilqualifizierenden Bildungsmaßnahme teil. Die Bedeutung dieser Übergangsmaßnahmen ist derart gewachsen, dass sie ein drittes Teilsystem darstellen – neben dem traditionellen dualen System der Berufsausbildung in Betrieben mit begleitendem Berufsschulunterricht einerseits und der Ausbildung in einem gesetzlich anerkannten Betrieb in vollzeitschulischer Form andererseits. Dass ein Übergang keine Lösung, sondern nur eine mehr oder weniger gute Zwischenlösung schaffe, ist von verschiedenen Seiten angemerkt worden. So kritisieren die Autoren der Studie „Berufsbildung im Umbruch: Signale eines überfälligen Aufbruchs“ von 2007, dass es sich beim Übergangssystem „weniger um eine Vorbereitung auf eine voll qualifizierende (insbesondere duale) Ausbildung [handelt], sondern überwiegend um eine Phase der Unsicherheit, die oft von ,Maßnahmekarrieren’ geprägt ist“. Andere Bildungsforscher fordern eine komplette Abschaffung des beruflichen Übergangssystems, da es die Jugendlichen in längere Arbeitslosigkeit überführe und den Erwerb eigenständiger Erwerbstätigkeiten eher verhindere. Diese harsche Kritik an den zahlreichen Übergangsangeboten, die in der Bundesrepublik teilweise bereits in den 1970er Jahren eingeführt wurden, bildete den Ausgangspunkt für die umfangreiche Studie des BIBB „Bildungswege und Berufsbiografie von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Anschluss an allgemein bildende Schulen“, über die im BIBB-Report vom November 2009 berichtet wird. Insgesamt 7.230 Jugendliche im Alter von 18 bis 24 Jahren wurden im Sommer 2006 mittels computergestützter Telefoninterviews durch infas in Bonn rückblickend über ihre Erfahrungen mit Übergangsmaßnahmen befragt.

Über ein Fünftel der Schulabgänger steht auch nach drei Jahren mit leeren Händen da.
In der Berufsvorbereitung im Bereich BvB und BVJ sind Jugendliche mit den schlechtesten schulischen Voraussetzungen vertreten, kommen überwiegend aus bildungs- und sozial schwachen Familien und weisen häufig einen Migrationshintergrund auf. In den anderen Maßnahmen des Übergangssystems wie BFS und BGJ sind die Schulabschlüsse besser. Insgesamt gesehen, bringen jedoch die Jugendlichen, denen der Einstieg in eine vollqualifizierende Ausbildung direkt nach dem Schulabschluss gelingt, bessere Voraussetzungen mit, wozu auch ihr günstigerer familiärer Hintergrund beigetragen haben mag. Je nach Übergangsmaßnahme brechen 12 bis 22 Prozent ihre Teilnahme vorzeitig ab. Dennoch ist die Akzeptanz der Maßnahmen durch die befragten Jugendlichen hoch. Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass „viele Jugendliche das Bedürfnis haben, ihre eigenen berufsbiographischen Erfahrungen möglichst positiv zu deuten“. Immerhin die Hälfte der Befragten hat ein Jahr nach dem Haupt- oder mittleren Bildungsabschluss eine betriebliche Ausbildungsstelle finden können. Maßnahmen der BFS und BGJ weisen jeweils höhere Quoten auf als Angebote der BvB und BVJ. Nach drei Jahren beginnen dann bis zu 81 Prozent (Spitzenwert BGJ) eine betriebliche Lehre, eine außerbetriebliche und schulische Ausbildung oder, nach Weiterqualifizierung, ein Hochschulstudium. Kurze Zeit nach der Teilnahme an einer Übergangsmaßnahme finden nur relativ wenige Jugendliche eine Ausbildungsstelle. Zwar glückt den meisten der Ausbildungseinstieg irgendwann, doch haben „über ein Fünftel selbst nach drei Jahren noch keine Berufsausbildung aufgenommen“. Mit anderen Worten: Zwischen 20 und 30 Prozent der Jugendlichen stehen selbst drei Jahre nach ihrem Schulabgang und trotz aller Weiterqualifizierungen immer noch mit leeren Händen da.

Soziale Gründe für Schwierigkeiten beim Übergang in die Ausbildung
Die Gründe, weshalb viele Jugendliche jahrelang auf eine Ausbildungsstelle warten müssen, ergeben sich teilweise als Konsequenz des sozial selektiven deutschen Schulsystems. Ein Sonderschulstatus oder ein Hauptschulabschluss verringern die Chancen, rasch eine Leerstelle zu finden, ebenso wie ein Wohnort in Ostdeutschland, die Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht und ein Migrationshintergrund. Übergangsmaßnahmen können zwar einen gewissen Teil an berufsschulischer Weiterqualifizierung leisten, aber natürlich keineswegs die Defizite des Schulsystems völlig ausgleichen. Unter den Jugendlichen, denen der Übergang in eine vollqualifizierende Ausbildung nicht gelingt, haben junge Menschen mit Migrationshintergrund mit 42 Prozent einen weit überproportionalen Anteil. Dass also ganze Gruppen Jugendlicher auch nach ihrem Schulabgang weiterhin benachteiligt werden und dann in sozial prekäre Lebenslagen geraten, stellt dem deutschen Ausbildungssystem kein gutes Zeugnis aus. Generelle Verbesserungen werden durch die föderale Bildungs- und Ausbildungsstruktur in Deutschland, die diversifizierende und inflexible Bildungslandschaften produziert, erschwert oder unmöglich gemacht. Jedes Bundesland formt nicht nur die Schulbildung, sondern auch die Übergangsmaßnahmen anders aus. Das heißt nicht, dass Übergangsmaßnahmen insgesamt nicht sinnvoll wären. Die BIBB-Studie zeigt, dass „eine bis zum Ende besuchte Maßnahme positiven Einfluss auf die Übergangschancen hat und diese wiederum umso besser sind, je höher der Schulabschluss bei Beendigung ist“. Unbestritten ist die Teilnahme an einer Übergangsmaßnahme für die jugendlichen Schulabgänger besser und auch psychologisch motivierender, als einfach nur zu Hause zu bleiben. Doch im Zentrum von Wohl und Wehe steht letztlich wieder der Schulabschluss: Zwar erwirbt über die Hälfte der Jugendlichen in teilqualifizierenden Berufsfachschulen am Ende einen höherwertigen Schulabschluss; doch beim Besuch von berufsvorbereitenden Bildungsgängen oder dem Berufsgrundbildungsjahr gelingt dies nur jedem Zehnten.

Verbesserungen sind möglich
Bei Jugendlichen ohne Ausbildungsreife haben die berufsvorbereitenden Bildungsgänge eine wichtige Funktion. Sie stellen für viele die vorerst letzte Möglichkeit dar, das in oder von der Schule Versäumte nachzuholen und einen höherwertigen Bildungsabschluss zu erwerben. Allerdings müsste hier die Förderung von ohnehin sozial Benachteiligten verbessert werden, weshalb der BIBB-Report auch ein „regionales Übergangsmanagement“ vorschlägt, das die verschiedenen Maßnahmen stärker koordiniert. Bei Jugendlichen, die schon nach dem Schulabgang über die erforderlichen Voraussetzungen für eine Ausbildung verfügen, stellen die Übergangsmaßnahmen allerdings eine „Notlösung und verlorene Zeit“ dar. Die Lösung läge laut BIBB-Report nur darin, zusätzliche, öffentlich finanzierte außerbetriebliche Ausbildungsmöglichkeiten zu schaffen. Mittel, die im Übergangssystem eingespart werden könnten, weil falsche Zielgruppen wegfielen, könnten dafür eingesetzt werden.
Die BIBB-Studie stellt das System der Übergangsmaßnahmen in Deutschland insgesamt zwar nicht generell in Frage, mahnt aber Verbesserungen an. Damit bei den jugendlichen Schul- und Übergangsabsolventen Godot am Ende doch noch auftaucht – mit einem Ausbildungsvertrag in der Hand.

 

Autor(in): Arndt Kremer
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Datum: 28.01.2010
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