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22. 10. 2009

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Den Übergang produktiv gestalten“

Das Projekt TransKiGs – Ziele, Erfahrungen und Ergebnisse

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Dr. Jan Hofmann, verantwortlicher Programmkoordinator von TransKiGs

Am 16. November 2009 findet nach fünf Jahren Laufzeit die Abschlusstagung des Verbundprojekts „TransKiGs - Stärkung der Bildungs- und Erziehungsqualität in Kindertageseinrichtungen und Grundschule - Gestaltung des Übergangs“ in Berlin statt. Im Rahmen dieses Verbundprojekts sind fünf Bundesländer in den vergangenen Jahren der Frage nachgegangen, wie man den Übergang zwischen beiden Institutionen effektiver gestalten kann. Die Online-Redaktion sprach mit Dr. Jan Hofmann, verantwortlicher Programmkoordinator von TransKiGs und Direktor des Landesinstituts für Schule und Medien Berlin-Brandenburg, über die Ziele, Erfahrungen und Ergebnisse des Projekts.


Online-Redaktion: Was macht den Übergang von der Kindertageseinrichtung (Kita) in die Grundschule problematisch und welche Ziele sind mit dem Projekt TransKiGs verbunden?

Hofmann: Der Übergang von der Kita in die Schule ist in der deutschen Bildungstradition in vielerlei Hinsicht ein schwieriges Feld. In Deutschland existieren zwei historisch voneinander abgetrennte Systeme, in der unterschiedliche Sichtweisen, unterschiedliche Bezahlungen des Personals sowie unterschiedliche Organisationsstrukturen vorherrschen. Es gibt eine Reihe von Rechtsgrundlagen, die in den beiden Bereichen anders sind. Zusätzlich gibt es mentale Unterschiede: Die Beschäftigten in den jeweiligen Bereichen, also im Elementarbereich und im Grundschulbereich, beobachten sich wechselseitig. Alle gehen davon aus, dass die wirklich komplizierte und schwierige Pädagogik in ihrem Hause stattfindet, so dass ihr Verhältnis durch eine wechselseitige Skepsis geprägt ist. Eine große Rolle spielt auch, dass die Ausbildungsprofile sehr verschieden sind. Grundschullehrer/innen sind anders ausgebildet als Erzieher/innen, die in Kindertageseinrichtungen arbeiten. Das Ziel von TransKiGs war es deshalb zu versuchen, den Übergang strukturell, mental wie auch pragmatisch zu bearbeiten und zu überlegen, was man tun kann, um diese Differenz etwas aufzuheben.

Online-Redaktion: In den fünf beteiligten Ländern Berlin, Brandenburg, Bremen, Nordrhein-Westfalen und Thüringen wurden unterschiedliche Wege eingeschlagen, um die Zielstellungen umzusetzen. Worin unterscheiden sich die Vorhaben in den Bundesländern? Wo gibt es Gemeinsamkeiten?

Hofmann: Die drei Länder Berlin, Bremen und Thüringen haben Schwerpunkte im Bereich der Arbeit mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Kindertageseinrichtungen und in der Grundschule gesetzt. Es sollten Materialien und Konzepte entwickelt und Instrumente ausprobiert werden, mit denen man diese Unterschiede ausgleichen kann. In Nordrhein-Westfalen hat man die Zusammenarbeit des Elementar- und Primarbereichs bei der gemeinsamen Aufgabe der verpflichtenden Sprachstandsfeststellung (Delfin 4) evaluiert. In Brandenburg ist man der Frage nachgegangen, ob es nicht eine fachliche Steuerungsinstanz geben kann, die in beide Systeme hineinstrahlt. Und man ist auf dem Weg – das Projekt ist noch nicht abgeschlossen - genauere Instrumente der Qualitätsmessung im Elementarbereich zu erproben. Gemeinsam ist allen, dass sie über ihre Aufgabenfelder hinaus versucht haben, eine gemeinsame Bildungsphilosophie für beide Bereiche zu erarbeiten und anschlussfähige Beobachtungs- und Dokumentationsformen in Kindertagesbetreuung und Grundschule zu entwickeln.

Online-Redaktion: Gibt es in den übrigen Ländern ähnliche Projekte?

Hofmann: Fast alle Länder arbeiten an diesem Thema. Auch in dem gemeinsamen Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) und der Jugend- und Familienministerkonferenz (JFMK) vom Juni 2009 wurde davon berichtet, den Übergang von den Kindertageseinrichtungen in die Grundschule wirksamer zu gestalten. Die Arbeit von zwei Ländern möchte ich hervorheben. Das eine ist das Bundesland Hessen. Es hat, auf curricularer Ebene, einen institutsübergreifenden Bildungsplan für Hessen entwickelt. Und in Niedersachsen gibt es die Initiative des so genannten Brückenjahres. In diesem Brückenjahr sollen Kita und Grundschule gemeinsam den Übergang bearbeiten.

Online-Redaktion: Wie wurden die Länder des Verbundprojekts TransKiGs bei ihrer Arbeit unterstützt?

Hofmann: Wir haben eine Koordinierungsstelle im Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg eingerichtet, in der sämtliche Koordinierung und Vernetzung zwischen den beteiligten Ländern stattfand. Sie hat auch die Zwischen- und Teilergebnisse in der Öffentlichkeit präsentiert. Außerdem wurden in der gesamten Laufzeit des Projekts sechs bundesweite Fachtagungen ausgerichtet, neun Workshops mit den jeweiligen Projektleitern der Länder organisiert, eine sehr aussagekräftige, redaktionell bearbeitete Homepage für das Projekt geschaffen und dafür gesorgt, dass das Projekt TransKiGs auch in anderen bundesweiten Fachtagungen zu ähnlichen Fragestellungen verankert und vorgestellt wurde.

Online-Redaktion: Haben sich die Länder auch untereinander ausgetauscht?

Hofmann: In den neun Workshops ist deutlich geworden, dass sehr viele bilaterale Verabredungen zwischen den Ländern getroffen wurden. Es hat sich ein sehr tragfähiges Netzwerk entwickelt.

Online-Redaktion: Wie sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Institutionen Kita und Grundschule aufeinander zugegangen und wie sah ihre Kooperation aus?

Hofmann: Als erstes haben die Partner gegenseitige Hospitationen durchgeführt. Darüber konnten die Mitarbeiter der unterschiedlichen Einrichtungen sich und ihre Arbeit kennen lernen und Vorurteile relativieren oder sogar abbauen. Auch gab es gemeinsame pädagogische Angebote. Im gesamten Unternehmen TransKiGs haben sich 42 Tandems entwickelt. Ein Tandem in Berlin hat beispielsweise, inspiriert von der Ausstellung „Mathe-Kings“, einen mathematischen Frühförderungsraum eingerichtet, damit Kinder aus der Kindertageseinrichtung und der Grundschule gemeinsam an mathematischen Grundpositionen arbeiten können. Sie haben zusammen die Finanzen geregelt, einen Raum gefunden und das pädagogische Material erstellt. Daraus hat sich inzwischen eine allgemein akzeptierte Einrichtung entwickelt, die rege genutzt wird. Von diesen Beispielen gibt es viele. Wir werden sie im Abschlussbericht und in unserer Tagung vorstellen.

Online-Redaktion: Auf welche Schwierigkeiten sind die Projektteilnehmenden gestoßen?

Hofmann: Wirkliche Schwierigkeiten sind vor allen Dingen in dem so genannten Bildungsverständnis aufgetreten. Eine gemeinsame Bildungsphilosophie zu erarbeiten ist eine schwierige Aufgabe, bei der mentale Starren und Vorbehalte überwunden werden müssen. Das war nicht ganz leicht. Die vorurteilsfreie Einschätzung der jeweils anderen Berufsgruppe, das berühmte Agieren auf Augenhöhe war eine der großen Schwierigkeiten. Häufig gab es aus der Gruppe der Grundschullehrer/innen doch eine gewisse Überheblichkeit aufgrund ihrer höheren Ausbildungsstandards und von Seiten der Kita-Erzieher/innen trat ein selbst gefühltes Minderwertigkeitsgefühl hervor, allerdings mit dem Wissen, dass man ja auch sehr gute Arbeit im eigenen Bereich leistet. Das auszugleichen hat die größten Schwierigkeiten bereitet, und es war bis zum Schluss noch selbst in der Projektsteuerung von Zeit zu Zeit anzutreffen.

Online-Redaktion: Welche Ergebnisse sind bei TransKiGs erzielt worden und welche sind besonders bedeutsam für den Übergang vom Kindergarten in die Grundschule?

Hofmann: Das Projekt läuft seit fünf Jahren. Es gibt 140 Modellstandorte, insgesamt sind 88 Kindertageseinrichtungen und 49 Grundschulen an dem Projekt beteiligt. Es haben sich 42 Tandems entwickelt, die auch weiter tragfähig sind. Dann haben wir wichtige Unterstützungsfaktoren herausgearbeitet, anhand derer man relativ genau bestimmen kann, welche fördernden Bedingungen man benötigt, um Gemeinsamkeiten zwischen beiden Institutionen zu entwickeln. Dazu gehört zum Beispiel, dass die Leitungen beider Einrichtungen von der Gemeinsamkeit überzeugt sein müssen, von der Notwendigkeit gemeinsamer regelmäßiger Fortbildungen, und dass an die gemeinsame Arbeit praxisorientierte Anforderungen gestellt werden, wie zum Beispiel die der Materialentwicklung und der Prozessdokumentation.

Online-Redaktion: Sprechen die Erfahrungen mit TransKiGs dafür, dass es möglich ist, den „Bruch“ zwischen Kindergarten und Grundschule zu überwinden?

Hofmann: Ich bin nicht bereit von einem Bruch zu sprechen, weil ich glaube, dass Übergänge ganz allgemein im Leben immer eine Bedeutung haben. Sie bieten auch eine Chance, neues Lerngelingen zu organisieren. Die Erfahrungen von TransKiGs zeigen, dass es darum gehen muss, eine Balance zu finden zwischen einer Art kontinuierlichen Entwicklung des Kindes auf der einen Seite und dem Diskontinuitätsprinzip, das an einer Schwelle des Übergangs sichtbar wird. Eine Balance, in der diese Diskontinuität auch dazu genutzt wird, um neue Alltagserfahrungen zu sammeln und die Kinder zu bewegen, sich aufgrund dieses Übergangs mit neuen Fragen zu beschäftigen. Insofern geht es nicht darum, die gesamten institutionellen Bedingungen zu destabilisieren, so dass man den institutionellen Unterschied gar nicht mehr erkennt, sondern vielmehr darum, diesen Übergang produktiv zu nutzen, um nach dieser Diskontinuität auch wieder in eine Phase der Kontinuität hineinzugeraten.

Online-Redaktion: Welche Kooperationsformen halten Sie dafür für am ehesten geeignet?

Hofmann: Wir haben in den 42 Tandems viele Kooperationsformen gefunden; in jedem Tandem gibt es andere Lösungen und andere Vorgehensweisen. Gemeinsam ist allen der Wille, diesen Übergang so zu gestalten, dass beide Pädagogenteams tatsächlich auf Augenhöhe verabreden, wie für jedes einzelne Kind der Übergang in die neue Form am besten gestaltet werden kann. Die Ergebnisse, die auf der Abschlusstagung am 16. November 2009 der Öffentlichkeit präsentiert werden, unterstützen den Transfer der Erfahrungen aus TransKiGs durch zwei Typen von praxisnahen Materialien. Der eine reflektiert mehr die Beispiele und Dokumentationen aus der Praxis der 42 Teams, der andere wird mehr darüber aussagen, was eine gemeinsame Bildungsverantwortung, eine gemeinsame Bildungsphilosophie eigentlich ist und welche Qualitätskriterien und Gelingensbedingungen geschaffen werden müssen, um sie zu organisieren.

Online-Redaktion: Wie können einzelne Instrumente und Strategien von TransKiGs nach Abschluss des Projekts übernommen werden?

Hofmann: Wir haben vier wichtige Transferelemente, die zur Übergangsgestaltung beitragen können, herausgearbeitet. Einige sind auch in den gemeinsamen Beschluss der KMK und der JFMK vom Juni 2009 eingeflossen. Das eine ist die gesamte Arbeit zum Bereich der Motivation der Akteure selber. Das heißt: wie kann man den so genannten innovativen Mehrwert durch Fortbildung, Qualifizierung, Verbreitung von guter Praxis usw. erzeugen, indem man an der Motivationsstruktur der Akteure selber ansetzt. Das zweite Element ist: wie kann man aktiv bildungspolitisch oder bildungsplanerisch Einfluss in den Ländern nehmen, um solche Innovationen zu befördern. Das bedeutet Abstimmung zwischen den Ressourcen im Jugend- und Schulbereich in der Steuerungsebene, bis hin in die Ministerialebene. Der dritte Bereich betrifft die Entstehung einer gemeinsamen Bildungsphilosophie und das vierte Element handelt davon, welche Zeit und Unterstützung von außen gebraucht wird, um ein solches Projekt zum Erfolg zu führen.

Online-Redaktion: Werden die Tandems zukünftig weiter zusammenarbeiten?

Hofmann: Vermutlich nicht mehr in dieser Intensität, wie es im Rahmen des Projektes stattgefunden hat, aber ich denke, das Netzwerk, das entstanden ist, wird auch in den nächsten Jahren weiter bestehen und auch als Andockstelle für Initiativen anderer Bundesländer zur Verfügung stehen. Durch die Einstellung der erarbeiteten Materialen auf dem Innovationsportal beim Deutschen Bildungsserver werden die Grundelemente weiter erhalten bleiben und die Materialien dauerhaft verfügbar sein und ich hoffe sehr, dass dieses auch genutzt wird.


Dr. phil. Jan Hofmann: Studium der Pädagogik und Philosophie in Berlin, Promotion Wissenschaftsphilosophie an der HUB, 1990 – 1992 Referatsleiter und Abteilungsleiter im Ministerium für Bildung, Jugend und Sport im Land Brandenburg, 1992 - 2002 Direktor des Pädagogischen Landesinstitutes Brandenburg (PLIB), 2003 – 2006 Direktor des Landesinstituts für Schule und Medien Brandenburg (LISUM Bbg), seit 2007 Direktor des Landesinstitutes für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM);
Dr. Jan Hofmann ist langjähriges Mitglied der Projektgruppe „Innovationen im Bildungswesen“ der ehemaligen Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung, stellvertretender Vorsitzender der Akademie für Bildungsreform, Mitglied der Steuerungsgruppe „Gemeinsame Projekte der KMK“, Länderkoordinator des Innovationsportals am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung Frankfurt a. M. und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Leibniz-Instituts für Pädagogik der Naturwissenschaften an der Universität Kiel.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 22.10.2009
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