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16. 07. 2009

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Sie hätten ihren Weg auch in der Grundschule gemacht“

Wie lange sollen Grundschüler gemeinsam lernen?

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Auch in Hamburg soll die Grundschulzeit auf sechs Jahre verlängert werden.

Nachdem die sechsjährige Grundschule in Brandenburg und Berlin schon länger praktiziert wird, hat jetzt auch der Senat in Hamburg beschlossen, seine Schülerinnen und Schüler künftig sechs Jahre gemeinsam lernen zu lassen. Man erhofft sich dadurch eine bessere Bildung für alle und mehr Bildungsgerechtigkeit. Immerhin verlassen mehr als zehn Prozent der Hamburger Schüler die Schule ohne Abschluss. Ein Teil der Bürger begleitet das Vorgehen der Politik mit Protesten und Demonstrationen. Diese Eltern fürchten, dass ihre Kinder in einer sechsjährigen Grundschule nicht genügend Förderung erhalten.
Eine neue Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung (MPIB) in Berlin hingegen zeigt, dass längeres gemeinsames Lernen auch für leistungsstarke Kinder keine Nachteile haben muss.

Leistungsentwicklung unterscheidet sich nicht
Der Direktor des MPIB Jürgen Baumert und sein Team haben in Berlin untersucht, ob Schülerinnen und Schüler, die eine sechsjährige Grundschule bereits nach der 4. Klasse verlassen und auf ein grundständiges Gymnasium wechseln, höhere Lernzuwächse im Leseverständnis und in Mathematik erreichen. Auf der Grundlage von Daten der im Frühling 2008 erschienenen ELEMENT-Studie (Erhebung zum Lese- und Mathematikverständnis – Entwicklungen in den Jahrgangsstufen 4 bis 6) wurde die Leistungsentwicklung von rund 5000 Schülerinnen und Schülern aus Berliner grundständigen Gymnasien und Grundschulen während der 5. und 6. Jahrgangsstufe ermittelt. In Berlin wechseln derzeit sieben bis acht Prozent der leistungsstärksten Grundschüler vorzeitig auf so genannte grundständige Gymnasien, die entweder ein altsprachliches oder bilinguales Programm oder einen musikalischen oder sportlichen Schwerpunkt anbieten, weil die Eltern hoffen, dass ihre Kinder dort besser gefördert werden als in der sechsjährigen Grundschule.

Die Studie zeigt, dass sich bei vergleichbaren Schülern die Entwicklung der Lesekompetenz und der mathematischen Fähigkeiten an den Grundschulen und den grundständigen Gymnasien keineswegs unterscheidet. In keinem Leistungsbereich seien „generelle Förderwirkungen des grundständigen Gymnasiums nachweisbar“, heißt es in dem Beitrag, der in der Juni-Ausgabe der Zeitschrift für Erziehungswissenschaft erschienen ist. „Die Schüler hätten ihren Weg auch in der Grundschule gemacht.“ Die Befunde seien „ein Kompliment für die Grundschule“, heißt es in dem Forschungsbericht weiter. Demnach muss die auf sechs Jahre ausgedehnte Grundschulzeit nicht zum Nachteil besonders leistungsstarker Schüler sein. Vor allem beim Lesen und Textverständnis, so die Studie, spreche viel dafür, dass der Entwicklungsprozess „von den Vorleistungen der Schüler und des Elternhauses lebt“. Die grundständigen Gymnasien würden diese Entwicklung selbst nicht oder kaum aktiv fördern. „Generell ist fraglich, ob die Gymnasien die Förderung der Lesekompetenz als akademische Aufgabe aller Fächer bislang überhaupt entdeckt haben.“ Ausdrücklich weisen Baumert und sein Forschungsteam in ihrer Studie darauf hin, dass die Befunde nichts darüber aussagen, wie die Gymnasien ihren „spezifischen Bildungsauftrag“ erfüllen, also beispielsweise in Latein oder einem musikalischen Schwerpunkt.

Höhere Leistungszuwächse an Gymnasien
Der Leiter der ELEMENT-Studie, Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Rainer Lehmann von der Humboldt-Universität, kam vor gut einem Jahr zu anderen Schlussfolgerungen. Die Berliner Schulbehörde hatte ihn im Jahr 2003 damit beauftragt, die so genannte ELEMENT-Studie über einen Zeitraum von fünf Jahren in Berlin durchzuführen. Seine Untersuchungen, die er im April 2008 vorstellte, ergaben, dass leistungsstarke Schülerinnen und Schüler zwar in beiden Schulformen gut gefördert werden, aber in den grundständigen Gymnasien höhere Leistungszuwächse erreichen. In einem Interview mit der Wochenzeitung DIE ZEIT im April 2008 sagte er: „Selbst wenn man sich Schüler mit vergleichbarem Elternhaus, Bildungs- und Migrationshintergrund anschaut, gilt: Die Gymnasiasten haben sich am Ende der sechsten Klasse so stark abgesetzt, dass sie zwei Jahre Lernvorsprung haben.“ Und er ergänzt: „Der Lernfortschritt an Gymnasien ist übrigens nicht nur im oberen Drittel höher, sondern in allen Leistungsgruppen. Vom offenbar anspruchsvolleren Lernklima dort profitieren selbst die wenigen vorhandenen Lernschwächeren.“ Im Gegensatz dazu wird für diesen Leistungsvorsprung in der Expertise unter Leitung von Baumert allein der familiäre Hintergrund der Frühwechsler verantwortlich gemacht, nicht aber die Schulform. Es handele sich bei diesen Gymnasiasten um eine „hoch ausgelesene Schülergruppe“, so Baumert.

Auch die Hoffnung, mit einer längeren Grundschulzeit soziale Disparitäten abzubauen, sieht Lehmann nicht. Ganz im Gegenteil: Für die sechsjährige Grundschule stellte sich heraus: „Im Untersuchungszeitraum ist der statistische Zusammenhang zwischen Leistung und Herkunft gestiegen.“

Nach wie vor offene Fragen
Die Interpretation der Daten von Lehmann überraschte, zeigte die Studie doch auch, dass beide Schulformen nahezu identische Leistungszuwächse aufweisen und sich beide Gruppen im Fach Deutsch sogar annähern. Bildungssenator Prof. Dr. E. Jürgen Zöllner äußerte dazu: „Eine Schere zwischen Grundschulen und grundständigen Gymnasien öffnet sich nicht. Im Gegenteil: Bei den Leistungsschwächeren scheint die Grundschule im großen Umfang Bildungsnachteile zu kompensieren. Die Untersuchung zeigt aber, dass auch die Leistungsstärkeren adäquat gefördert werden.“ Vielleicht nicht adäquat genug? Die Frage nach den Vor- und Nachteilen des längeren gemeinsamen Lernens scheint zumindest auch nach Vorlage der Ergebnisse von Baumert nicht geklärt. Nach Ansicht des Bundesvorsitzenden des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, überzeuge der Versuch Baumerts, die Ergebnisse zu relativieren, indem man nach außerunterrichtlichen Erklärungsfaktoren wie Grundintelligenz, Motivation, sozialer Herkunft und kulturellen Gütern im Haushalt suche, bis diese Differenz auf Null heruntergerechnet ist, insbesondere die Eltern nicht, die ihren Kindern ein gymnasiales Bildungsangebot ab der 5. Klasse ermöglichen wollen. Das Gymnasium hat seiner Ansicht nach nie den Anspruch erhoben, für alle Kinder das beste schulische Angebot zu bieten. Für begabte und leistungswillige Schüler verfüge es aber mit seinen erhöhten Anforderungen, der früh einsetzenden zweiten Fremdsprache, typisch gymnasialen Fächern wie Latein und dem beeindruckenden musischen Angebot über die besten Förderungsmöglichkeiten.

Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 16.07.2009
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