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09. 07. 2009

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Es geht voran!

Das Projekt FörMig unterstützt die Sprachbildung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund

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Prof. Dr. Ingrid Gogolin

Nach fünf Jahren Laufzeit geht das von der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) geförderte Programm „Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund – FÖRMIG“ in diesem Jahr zu Ende. Zehn Bundesländer haben sich seit dem 1. September 2004 in verschiedenen Teilprojekten darauf konzentriert, die Sprachbildung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu verbessern. Das Institut für International und Interkulturell Vergleichende Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg hat mit der Programmträgerschaft die wissenschaftliche Begleitung des Modellprogramms FörMig übernommen. Die Online-Redaktion sprach mit der Sprecherin des Programmträgers, Prof. Dr. Ingrid Gogolin, über Ergebnisse und Transfermöglichkeiten des Projekts.


Bildung und Innovation: Mitte Juni 2009 fand die Abschlusstagung zum BLK-Programm FörMig statt. Was waren die wichtigsten Anliegen des Projektes?

Gogolin: Die wichtigsten Anliegen bezogen sich auf die Frage, wie man die Sprachbildung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund so betreiben kann, dass sie in allen Fächern und allen Lernbereichen stattfindet, und zwar kontinuierlich über die Bildungsbiographie hinweg, nicht unterbrochen durch den Wechsel der Bildungsinstitutionen.

Bildung und Innovation: Was gehört alles zur Sprachförderung bzw. Sprachbildung?

Gogolin: Unser wichtigstes Thema ist die „durchgängige Sprachbildung“. Zu den Schwachstellen im deutschen Bildungssystem gehören die Übergänge: vom Kindergarten in die Grundschule, von der Grundschule in die weiterführende Schule und von der weiterführenden Schule in die Berufsausbildung. Deshalb konzentrieren wir uns bei FörMig auf diese Phasen. Die Kinder und Jugendlichen sollen eine durchgängige Sprachbildung erhalten, die an ihrer Bildungsbiographie entlang geht. Außerdem sollen in die Sprachbildung nicht nur einzelne Erzieher/innen und Lehrkräfte einbezogen werden, sondern die Bildungsinstitution als Ganze sowie das Umfeld. Spracherziehung findet ja auch außerhalb der Schule statt – im Elternhaus, durch außerschulische Bildungseinrichtungen und andere Partner, z.B. Ehrenamtliche, Bibliotheken und so weiter.

Bildung und Innovation: Welche Bilanz konnte die Tagung ziehen?

Gogolin: FörMig konnte sehr erfreut auf einen wirklichen Aufbruch zurückblicken. Wir haben es geschafft, eine Veränderung der Grundauffassung darüber in Gang zu setzen, was sprachliche Bildung eigentlich bedeutet. Wir konnten deutlich machen, dass wir in der Bundesrepublik Deutschland in den Schulen eine neue Sprachbildungskultur benötigen, die an den Ressourcen, den Fähigkeiten der Kinder ansetzt. Die Zweisprachigkeit der Kinder mit Migrationshintergrund zum Beispiel ist eine wertvolle Quelle für die Sprachbildung, nicht ein Hindernis. Durchgängige Sprachbildung benötigen alle Kinder, nicht nur Kinder mit Migrationshintergrund. Diese Kinder stellen durch ihre Zweisprachigkeit die Bildungsinstitutionen vor besondere Herausforderungen. Anders gesagt: Sie leiden besonders darunter, wenn Sprachbildung nicht förderlich vonstatten geht. Aber auch andere Kinder, die aus bildungsfernen Elternhäusern stammen, haben ganz ähnliche Schwierigkeiten in Bezug auf ihre sprachliche Entwicklung. Eine wichtige Entwicklung von FörMig war auch, dass wir die beteiligten Pädagoginnen und Pädagogen davon überzeugen konnten, dass Sprachbildung auf einer adäquaten Diagnostik aufbauen muss. Diese muss Informationen für diejenigen liefern, die die Förderung gestalten. Deshalb ist es auch am besten, wenn diese Personen selbst die Diagnostik kompetent durchführen können.

Bildung und Innovation: Wie funktionierte die Zusammenarbeit des Programmträgers mit den teilnehmenden Ländern?

Gogolin: Auf der Arbeitsebene hat sie großartig funktioniert. Wir sind in bester Weise zusammengewachsen, es gab sehr viel Engagement über das Erwartbare hinaus. Es war toll, vor Ort zu merken, wie es vorangeht, dass sich etwas entwickelt. Das hat man auch bei der Abschlusstagung gemerkt. Es herrschte eine großartige Aufbruchstimmung, und es wird in unterschiedlichen Formen in den Ländern weitergehen.

Bildung und Innovation: An FörMig nahmen zehn Länder mit unterschiedlichen Teilprojekten zur Sprachförderung teil. In welchen Bereichen konnten die meisten Fortschritte erreicht werden?

Gogolin: Die prozessbegleitende Sprachdiagnostik hat in allen beteiligten Projekten eine große Rolle gespielt. Es sind etliche Instrumente entstanden, teilweise auch wissenschaftlich geprüft worden. Einige Ansätze sind noch im Entstehen und werden auch weiterhin evaluiert. Die FörMig-Testinstrumente sind dazu geeignet, dass man von den Kindern eine Sprachprofilanalyse erstellen kann. Die Instrumente, die wir entwickelt haben, legen die Frage zugrunde, wie ein Kind sich bildungssprachliche Kompetenz aneignet. Dieser Ansatz ist für Deutschland etwas Neues. Neu ist auch, dass wir wenigstens für zwei Sprachen außer dem Deutschen Instrumente entwickeln konnten, mit denen die Diagnose bei bilingualen Kindern in beiden Sprachen durchgeführt werden kann. Es wurden darüber hinaus Instrumente entwickelt, die sich eignen, den Sprachentwicklungsprozess der Kinder zu beobachten und zu begleiten. Mit Hilfe dieser Instrumente können die Lehrkräfte sprachliche Handlungen beobachten und auf dieser Grundlage gemeinsam und fächerübergreifend darüber entscheiden, welche Förderung in welchem Unterricht ein Kind braucht. Auch das ist neu in Deutschland.
Neu ist auch die Praxis kooperativer Sprachbildung: Sie findet in jedem Lernbereich oder Fach statt. FörMig hat ganz stark auf Kooperation gesetzt, und die Kooperation der Lehrkräfte ist ein wesentlicher Bestandteil der Ansätze.

Bildung und Innovation: Was hat sich durch FörMig in der Befähigung der Lehrkräfte bzw. der Erzieherinnen und Erzieher noch geändert?

Gogolin: Im Laufe des Programms hat sich gezeigt, wie wichtig es ist, dass Lehrkräfte nicht nur in Form von einzelnen Veranstaltungen oder der klassischen Lehrerfortbildung fortgebildet werden, sondern in einer Prozessbegleitung. Wir haben sehr positive Erfahrungen damit gemacht, wenn Projektteilnehmer über einen längeren Zeitraum miteinander kooperieren. Wir konnten sie in ihrem Entwicklungsprozess begleiten. Hierzu gehört auch die Entwicklung von Konzepten von Institutionen übergreifenden Ansätzen der Sprachbildung. Gute Erfahrungen gab es insbesondere am Übergang von der Elementarstufe in die Grundschule und am Anfang der Sekundarstufe I. An einem besonderen Experiment zum Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe waren sieben Schulen beteiligt. Sie haben für die Fünft- bis Siebtklässler durchgängige Sprachbildung im Sinne von Sprachbildung in allen Fächern experimentell entwickelt. Schon nach kurzer Zeit zeigte sich: In besonders erfolgreichen Projekten findet eine ganz enge Kooperation zwischen den – gut qualifizierten – Lehrkräften statt. Im Laufe des Experiments konnte erreicht werden, dass sich die Einrichtungen auf ein Konzept verständigten, das sie mit Unterstützung der Schulleitungen gemeinsam bearbeitet haben. Durch die Expertise von außen, durch prozessbegleitende Qualifizierung der Beteiligten, wurden die Prozesse unterstützt. Das ist ein Modell für eine vernünftige und erfolgsträchtige Schulentwicklung.

Bildung und Innovation: Welche Ergebnisse und Erfahrungen des Projektes werden in der Sprachförderung auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen? Werden einzelne Projekte von einzelnen Bundesländern weitergeführt?

Gogolin: Alles, was ich genannt habe, wird weiterhin eine große Rolle spielen. Weitergeführt wird gewiss der Grundsatz: von der Diagnose zur Förderung. Auch die Erkenntnis, dass man sich auf die durchgängige Förderung bildungssprachlicher Fähigkeiten konzentriert, wird sicher nicht verlorengehen. Es gibt Transferprojekte in allen beteiligten Bundesländern. Auch wird es weiterhin eine länderübergreifende Initiative geben. Hier ist hilfreich, dass die Freie und Hansestadt Hamburg eine Anschubfinanzierung gegeben hat; damit kann an der Universität Hamburg eine Forschungstransferstelle eingerichtet werden, die eine Basis für die weitere Begleitung des Transfers in den Bundesländern bildet. Die Länder, die Transferprojekte durchführen werden, richten sie so aus, dass sie auf ihre spezifische Situation zugeschnitten sind. Das ist ganz in unserem Sinne. Außerdem werden Länder, die in der ersten Runde bereits dabei waren, mit Ländern, die neu hinzukommen, Partnerschaften zu gleichen Problemstellungen bilden - beispielsweise zur frühkindlichen Sprachförderung. Auch die Bildung von regionalen Sprachbildungsnetzwerken, ebenfalls in engem Bezug auf die Bedarfslage vor Ort, wird vorankommen. Hier werden Ressourcen gebündelt, Erfahrungen ausgetauscht, und für spezielle Bedarfslagen wird Expertise bereitgestellt.

Bildung und Innovation: Welche Strukturen sind in den teilnehmenden Ländern entstanden, damit FörMig weitergehen kann?

Gogolin: Das ist ganz unterschiedlich. In den Großstädten wie Berlin oder Hamburg gibt es Stadtteilentwicklungsinitiativen. Hier werden alle im Stadtteil vorhandenen Bildungs-, Sozial- und Kultureinrichtungen einbezogen. So können Synergien entstehen und Ressourcen zusammenkommen, die in einer Schule alleine gar nicht vorgehalten werden können. In Flächenländern wie Sachsen, wo weniger Kinder mit Migrationshintergrund in den Schulen sind, wird eine andere systematische Transfersituation geschaffen. Dazu gehört z.B., dass die Experten und Bildungseinrichtungen, die jetzt bereits am Projekt FörMig beteiligt sind, Patenschaften für neu hinzukommende Einrichtungen übernehmen. Gemeinsam entwickeln sie die Angebote, die in der hinzukommenden Region angemessen sind.


Ingrid Gogolin ist Professorin für International Vergleichende und Interkulturelle Bildungsforschung an der Universität Hamburg (www.ingrid-gogolin.eu)

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 09.07.2009
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