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02. 10. 2008

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Brauchen wir eine Reform der Reform?

DHV fordert die Umstellung auf Bachelor und Master vorläufig auszusetzen

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DHV-Präsident Kempen: „Wir brauchen eine Reform der Bologna-Reformen“. Quelle: DHV

In zwei Jahren ist es soweit. Bis dahin sollen die vereinbarten Reformen der nationalen Hochschulsysteme im europäischen Kontext umgesetzt sein. Vertreter von 29 europäischen Staaten haben am Ende des vergangenen Jahrhunderts beschlossen, bis zum Jahre 2010 einen wettbewerbsfähigen und wissensbasierten europäischen Hochschulraum zu schaffen, in dem das Studium vergleichbarer, praxisnäher, effizienter und schneller wird. Kernelement ist dabei die Einführung eines gestuften Studiensystems aus Bachelor und Master mit europaweit vergleichbaren Abschlüssen, mit dem die internationale Mobilität gefördert und die internationale Anerkennung der Abschlüsse erleichtert werden soll.

Acht Jahre später ist der 46. Staat dem sog. Bologna-Prozess beigetreten, und die Reformbemühungen laufen auf Hochtouren. Flächendeckend haben die deutschen Universitäten und Fachhochschulen ihre Abschlüsse umgestellt. Im Sommersemester 2007 wurden an 338 Hochschulen bereits über 5.660 Bachelor- und Masterstudiengänge – konkret: 3377 Bachelor und 2283 Master – angeboten. Dies sind mehr als 45 Prozent des Studienangebots an deutschen Hochschulen. Die traditionellen Diplom- und Magisterabschlüsse sind Auslaufmodelle.

„Massiv gegensteuern“
Doch zwei Jahre bevor der neue Studiengang abschließend eingeführt sein soll, fordert der Deutsche Hochschulverband (DHV) eine umgehende „Reform der Bologna-Reformen“. Seiner Ansicht nach ist es verantwortungslos, die vielfältigen Probleme, die durch die Umstellung auf Bachelor- und Master-Studiengänge entstehen, zu verharmlosen und als „Kinderkrankheiten“ abzutun. „Der Bologna-Prozess in Deutschland ist nur noch zu retten, wenn massiv gegengesteuert wird. Mit einem bloßen Nachsteuern ist es nicht getan“, erklärt der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Professor Dr. Bernhard Kempen. Eines der Hauptprobleme sieht der DHV, der rund 23.000 Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter vertritt, in der enormen Spezialisierung der Studiengänge. Die neuen Studiengänge sind häufig so auf Einmaligkeit hin konzipiert, dass ein Studienortwechsel während des Bachelor-Studiums im In- wie Ausland nahezu unmöglich wird. Das schränkt die Mobilität der Studierenden erheblich ein. „Damit wird das Ziel, einen europäischen Hochschulraum zu schaffen, konterkariert“, betont Kempen. Auch von einem suggerierten Automatismus bei der gegenseitigen Anerkennung von Studienleistungen sei man weiter entfernt als vor der Reform, da das ECTS-Kreditpunktesystem von Land zu Land unterschiedlich gehandhabt würde und Leistungen kaum noch vergleichbar seien. Von dem Ziel, die Studenten mobiler zu machen und die Abbrecherzahlen zu senken, sei man weit entfernt.

Forderungen des DHV
Der DHV schlägt deshalb vor, die Umstellung auf Bachelor und Master zu stoppen und den Master zum Regelabschluss des universitären Studiums zu machen. „Das schließt nicht aus, dass der Bachelor einen ersten berufsqualifizierenden Abschluss darstellen kann“, erläuterte Kempen in einer Stellungnahme des DHV. Entsprechend dem Willen der Betroffenen müssten aber 70 bis 80 Prozent und nicht wie bisher 20 bis 30 Prozent der Studierenden mit dem Master abschließen können und dürfen. International anerkannte Markennamen wie der „Diplom-Ingenieur“ sollten erhalten bleiben. Von der flächendeckenden Einführung gestufter Studienmodelle in Jura, Medizin und Theologie müsse solange abgesehen werden, bis der Nachweis erbracht sei, dass die neuen Studiengänge den herkömmlichen überlegen seien. Kempen regt weiterhin an, ein Bundesprogramm zur Förderung von studentischer Mobilität über bi- oder multilaterale Absprachen mehrerer Hochschulen ins Leben zu rufen. „Diese Vereinbarungen und die konkrete Harmonisierung unterschiedlicher Curricula könnten durch ein Bundesprogramm prämiert werden“, erklärt er. Auch befürwortet er die Idee, dass Bund und Länder gemeinsam eine Prämie für jeden Hochschulabsolventen ausloben sollten, der nach dem Studium eine studiengangsspezifische oder studiengangsnahe Erstanstellung außerhalb der Universität erhalte. Dadurch könnten Hochschulen ein noch stärkeres Interesse am Berufseinstieg ihrer Absolventen und an der Qualität der Hochschulausbildung entwickeln.

Studie bescheinigt schlechtes Image des Bachelor bei den Studierenden
Tatsächlich verschlechtert sich das Bild vom Bachelor in der Studierendenschaft seit dem Jahr 2001 zunehmend. Der 10. Studierendensurvey, die aktuelle Studie zur „Studiensituation und studentischen Orientierung“, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung im August 2008 veröffentlichte, zeigt, dass die Studierenden dem Bachelor immer skeptischer gegenüberstehen. Die Erhebung wird von Forschern der Universität Konstanz durchgeführt und bietet seit 25 Jahren in dreijährigem Abstand Daten zum sozialen Profil der Studierenden, ihren Studienerwartungen und -strategien bis hin zu den beruflichen Aussichten und Arbeitsmarktreaktionen. Die Ergebnisse des 10. Studierendensurveys basieren auf Antworten von rund 8.350 Studierenden von Universitäten und Fachhochschulen, die sich im Wintersemester 2006/2007 an der Befragung beteiligten.

Besonders auffällig ist, dass immer mehr Studierende dem Studiengang seine wissenschaftliche Qualität aberkennen. Viele fühlen sich in ihrer Studiengestaltung eingeengt und möchten noch einen Master „draufsetzen“. Mehr als die Hälfte der Studierenden ist der Meinung, der Bachelor führe bestenfalls zu Akademikern zweiter Klasse. Wenig Zustimmung findet auch die Erwartung, es bestünden „gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt für Bachelor-Absolventen“: Bereits 2001 hielten dies gerade einmal 25 Prozent der Studierenden für zutreffend; 2007 glauben nur noch 12 Prozent daran.

Jeder Vierte gibt auf
Da die Bachelor-Curricula oft hoffnungslos überladen sind und die Studiengänge meist nur als Vollzeitstudiengänge angeboten werden, kommt bei vielen Frust auf. Für zwei Drittel der Studierenden, die neben dem Studium jobben müssen, ist dies nur schwer zu bewältigen. Die Folge davon ist, dass Studentinnen und Studenten ihr Studium häufiger abbrechen als früher. Laut dem aktuellen Bildungsbericht von Bund und Ländern gibt jeder vierte Bachelor-Studierende sein Studium vorzeitig auf, an den Fachhochschulen sind es sogar 39 Prozent.

Wirtschaft und HRK gegen Blockadehaltung des DHV
Die Wirtschaft tritt der Forderung des DHV, den Bologna-Prozess weitgehend rückgängig zu machen, massiv entgegen und unterstützt ausdrücklich die weiteren Reformanstrengungen an den Hochschulen. Wirtschaftsverbände, Stifterverband und Hochschulrektorenkonferenz (HRK) fordern, den Bologna-Prozess weiterzuentwickeln und nicht zu blockieren.

Der Arbeitskreis Hochschule/Wirtschaft von Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und Hochschulrektorenkonferenz (HRK) verurteilt in einer gemeinsamen Erklärung mit dem Stifterverband das „fahrlässige Gerede“ über die angeblich schlechten Arbeitsmarktchancen von Bachelor-Absolventen. Dies entspreche in keiner Weise der Realität. Die Befürchtungen der Studentinnen und Studenten seien völlig unbegründet. Ganz im Gegenteil: Die Wirtschaft mache immer wieder deutlich, dass die Bachelor-Absolventen in den Unternehmen willkommen seien. „Eine steigende Zahl von Bachelor-Absolventen ist in den Unternehmen beschäftigt, meistert erfolgreich den Berufseinstieg und nimmt hervorragende berufliche Entwicklungsmöglichkeiten wahr“, so Thomas Sattelberger, Personalvorstand der Deutschen Telekom AG und Vorsitzender des gemeinsamen Arbeitskreises. „Die Forderung, den Master zum Regelabschluss zu machen oder mit dem alten Diplom-Abschluss gleichzusetzen, gehört in die Mottenkiste der Geschichte. Ein Zurückdrehen der Reformen wird es nicht geben.“

Informationskampagne gegen Verunsicherung der Studierenden
Auch HRK-Präsidentin Margret Wintermantel wehrt sich gegen eine pauschale Verurteilung des zweistufigen Studiensystems, räumt aber ein, dass es Probleme bei der Umsetzung von Bachelor und Master gebe. Sie plädiert für eine Überarbeitung der Studiengänge, an der sich alle beteiligen sollen. „Wo übermäßig spezialisierte Studienangebote entstanden sind, müssen sie überarbeitet werden. Wo Studiengänge überfrachtet wurden, so dass die Anforderungen kaum zu bewältigen sind und Studierende deshalb ihr Studium aufgeben, müssen Anpassungen vorgenommen werden. Wo wichtige Praxis- und Auslandssemester ermöglicht werden sollen, sind auch sieben- oder achtsemestrige Bachelors zu erwägen“, hebt sie hervor.

Eine Informationskampagne des Bologna-Zentrums der HRK soll helfen, Befürchtungen und Vorurteile verunsicherter Studentinnen und Studenten abzubauen. Unter dem Motto „Bachelor und Master – das neue Studium“ werden ein Faltblatt und ein Poster an alle Universitäten und Fachhochschulen verteilt. Ziele, Inhalte und Chancen des Bologna-Prozesses sollen dadurch deutlicher werden.

Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 02.10.2008
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