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29. 08. 2008

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Der Austausch von Erfahrungen ist am wichtigsten“

Anfang Oktober treffen sich 1500 Bildungserneuerer am Bodensee zum Kongress „Treibhäuser & Co 2008“

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Reinhard Kahl

Das „Archiv der Zukunft – Netzwerk“ veranstaltet vom 2. bis zum 5.Oktober 2008 unter dem Titel „Herausforderungen“ seinen „II. Kongress der Schulerneuerer, Lernaufwiegler und Bildungsreformer“. Erwartet werden im Festspielhaus Bregenz 1500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Praxis, Wissenschaft und Politik. Die Online-Redaktion sprach mit Reinhard Kahl, dem Gründer des Netzwerks, über die Themen des Kongresses, Geschichten vom Gelingen und darüber, wie gute Schulen aussehen.

Online-Redaktion: Das Netzwerk Archiv der Zukunft hat sich mit seinem zweiten Kongress „Herausforderungen“ viel vorgenommen. Was ist das „Archiv der Zukunft“?

Kahl: Das „Archiv der Zukunft – Netzwerk“ ist aus meiner journalistischen Arbeit hervorgegangen. Meine Filmproduktion heißt schon länger „Archiv der Zukunft“. Der Film „Treibhäuser der Zukunft - Wie in Deutschland Schulen gelingen“ hatte eine enorme Resonanz, die uns völlig überraschte und für eine Zeit alle Kräfte gebunden hat. Dieser Ansturm stellte uns vor die Frage, dies abzuwürgen oder daraus etwas anderes entstehen zu lassen. So haben wir im Sommer 2007 das gemeinnützige Netzwerk „Archiv der Zukunft - Die Intelligenz der Pädagogischen Praxis“ gegründet. Was vorher nur journalistisch dokumentiert wurde, sollte im lebendigen Austausch der Akteure aktiv betrieben werden. Der Auftakt war vor einem Jahr der erste Kongress „Treibhäuser & Co.“ in der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg, an dem nur 450 Menschen teilnehmen konnten. Fast 900 wollten, aber mehr passten nicht in den größten Raum der Hochschule. Dieser Kongress wurde von vielen als beglückend erlebt. Der Austausch wurde genossen. Hartmut von Hentig schrieb anschließend, das habe die Wirkung eines Befreiungsschlages.

Online-Redaktion: Worum geht es auf dem zweiten Kongress „Treibhäuser& Co 2008“?

Kahl: Der zweite Treibhäuser-Kongress hat den Titel „Herausforderungen“. Es geht erstens um die frühen Jahre – das ist die erste Chance. Zweitens um die Pubertät – das ist die zweite Chance. Und das Dritte klingt vielleicht etwas geheimnisvoll: Das Zwischen. Das betrifft die Choreographie des Lernens, die Art wie Räume aussehen, wie die Zeiten rhythmisiert werden, all das Atmosphärische, das so schwer zu fassen, aber eigentlich das Entscheidende beim Lernen ist.

Online-Redaktion: Welche Referenten haben Sie eingeladen?

Kahl: Hartmut von Hentig, der Nestor der Reformpädagogen, ist wieder dabei. Es kommen Neurobiologen wie die Professoren Manfred Spitzer und Gerald Hüther, der dänische Autor und Therapeut Jesper Juul, die Schulleiterinnen Enja Riegel und Ulrike Kegler sowie der Künstler Royston Maldoom, bekannt als Choreograph aus dem Film „Rhythm Is It“.

Es wird jede Menge Gelegenheiten zum Austausch in Workshops und Klausuren geben. Die rund 1500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer - ob Erzieherinnen, Lehrer, Wissenschaftler, Architekten oder Hirnforscher - haben sich viel zu erzählen. Wenn sie damit anfangen, werden sie immer neugieriger aufeinander. Der Kongress verteilt sich nach dem Einführungstag im Festspielhaus Bregenz auf zwölf Orte rund um den Bodensee zu Klausuren, in denen intensiv gearbeitet und diskutiert wird.

Online-Redaktion: Der Titel des Kongresses heißt „Herausforderungen.“ Das zielt besonders auf die Zeit der Pubertät. Wie sollte die Schule denn aussehen, damit Jugendliche eine zweite Chance haben?

Kahl: Offen für neue Lernformen. Die Erwachsenen, die dort tätig sind, müssen das Lernen auch zu ihrem eigenen Projekt machen. Eine Klasse der Max-Brauer-Schule in Hamburg schließt jetzt ein dreijähriges Projekt mit dem Titel: „Sansibar oder der letzte Grund“, nach der berühmten Novelle von Alfred Andersch, ab. Die Schülerinnen und Schüler haben das Buch durchgearbeitet, sie haben Skulpturen geschaffen, die darin beschrieben sind, und haben sie wie in der Novelle mit einem Binnenschiff nach Güstrow gebracht. Jetzt fahren sie sechs Wochen auf der Ostsee, unter anderem nach Schweden. Das Projekt geht am Tag vor dem Kongress zu Ende. Auf dem Kongress wird dann davon berichtet werden.

Online-Redaktion: Ein Einzelfall?

Kahl: Nein. Die Reformschule Winterhude in Hamburg wird ein anderes Projekt vorstellen, das sie selbst auch „Herausforderungen“ nennt: Im September sind die Schüler im Pubertätsalter drei Wochen unterwegs. Im vergangenen Jahr fuhr eine Gruppe mit dem Fahrrad von Hamburg zur Zugspitze. Dieses Jahr wandert eine Gruppe drei Wochen über die Alpen. Die Jugendlichen wissen nicht, wo sie am nächsten Tag schlafen. Sie müssen mit sieben Euro am Tag auskommen. Wer da mitgemacht hat, ist anschließend einen Kopf größer. Das sind nur zwei von 20 Angeboten.

Online-Redaktion: Entsteht da eine Herausforderungspädagogik?

Kahl: Die brauchen wir doch. „Herausfordern“ heißt natürlich, Leute, geht aus euch heraus! Die andere Seite ist, man kann nur etwas von Kindern und Jugendlichen „herausfordern“, wenn man auch glaubt, dass etwas Gutes in ihnen steckt. Wenn Erwachsene meinen, in den Köpfen der Kinder sei vor allem Stroh, dann kann man nichts „herausfordern“, dann wird man ihnen beweisen, dass sie nichts können. Das findet leider häufig statt. „Herausfordern“ meint schließlich, Kindern und Jugendlichen etwas zuzumuten, ihnen zu sagen, ihr könnt eigentlich viel mehr als ihr glaubt. Schulen sollten die Kinder und Jugendlichen in die Welt einladen. Sie müssen ihnen Vertrauen und Zutrauen geben. Dazu müssen sich auch die Lehrer mehr zutrauen. Wenn Lehrer sich auf ihren Lehrplan berufen und den Kindern und Jugendlichen gegenüber auftreten wie Untermieter in der Welt, in der sie selbst nicht handeln, dann können sie reden und durchnehmen, was sie wollen, dann wird dieser Untermieterhabitus die Lektion ihres Unterrichts sein.

Online-Redaktion: Wie kann daran ein Kongress etwas ändern?

Kahl: Von denen, die etwas tun, geht, wenn sie zusammenkommen, eine Verstärkung aus. Man kann all dieses nicht allein machen. Aber, wenn Schulen souverän werden, wenn sie selbst lernen und als Schulen ihre Biographien haben, also über sich entscheiden, dann verbreitet sich tatsächlich diese „ansteckende Gesundheit“. Das war ja auch der Effekt des Films „Treibhäuser der Zukunft“. Zeigen, wie etwas gelingt, ist die schärfste Kritik an der Normalverwahrlosung.

Online-Redaktion: Das „Archiv der Zukunft – Netzwerk“ sammelt „Geschichten vom Gelingen“. Gibt es mehr der guten Beispiele? Verändert sich das Denken und Handeln in der Bildungslandschaft?

Kahl: Diejenigen, die wollen, dass das Lernen ihre eigene Sache wird, erfahren, wie viel wirksamer sie dabei werden. Schulen, in denen es nicht nur um sture Lehrplanerfüllung geht, sondern in denen man sich auch zum Leben und Experimentieren verabredet, wie beispielsweise die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, die Max-Brauer-Schule in Hamburg oder die staatliche Montessori-Gesamtschule in Potsdam sind ja auch nach Maßstäben der PISA-Studie erfolgreiche Schulen. Diese Schulen sind natürlich bei unserem Kongress vertreten.

Online-Redaktion: Wie sieht nach Ihrer Ansicht eine gute Schule aus?

Kahl: Eine gute Schule ist eine, die morgens schon geöffnet hat, bevor es losgeht. Sie ist eine Art Gasthaus des Lernens. Lehrer sind Gastgeber. Konkret: Kinder, deren Eltern früh zur Arbeit müssen, sollten schon willkommen sein und sich nicht an der Straßenecke herumdrücken. Eine gute Schule ist ein interessanter Ort. Sie wird zur Lernwerkstatt. Es gibt Beispiele. Etwa einer unserer Klausurorte, Romanhorn auf der Schweizer Seite des Bodensees. Dort gibt es im Haus des Lernens für Schüler Arbeitsplätze mit dem Laptop, kleinere Tische, an denen vier, fünf Schüler zusammenarbeiten und große, runde Tische an denen ein „Input“ stattfindet. Eine gute Schule ist auch eine, in der die Unterschiedlichkeit der Schülerinnen und Schüler positiv bewertet wird, in der Kinder und Jugendliche unterschiedlichen Alters ganz selbstverständlich miteinander und voneinander lernen. Schulen sollten Orte sein, an denen man mit Vorfreude auf sich selbst an seiner Biographie arbeitet. Dort sind Umwege möglich. Man kann Fehler machen und daraus lernen. Man ist begeistert von dem, was gelingt. Und auch aus Leiden könnte man ja Leidenschaft machen, statt Frust! So entsteht ein Heimatgefühl für Bewohner dieser Welt.

Online-Redaktion: Was halten Sie von den derzeitigen strukturellen Veränderungen: Gemeinschaftsschule, sechsjährige Grundschule, Abschaffung der Hauptschule. Gehen diese Bemühungen in die richtige Richtung?

Kahl: All das gehört mit dazu. Aber so wichtig die Strukturen auch sind, mit der Abschaffung der Hauptschule und der Einführung der Gemeinschaftsschule allein ist es noch nicht getan. Es braucht einen anderen Geist. Die Schulen müssen so etwas wie Atmosphärenpolitik betreiben. Sie müssen wegkommen von der Verbreitung dieser Gifte wie Beschämung und Entwertung, durch die sich so viele, wenn sie die Schule verlassen, schlechter, schwächer und unfähiger fühlen, als sie es waren, bevor sie in die Schule gekommen sind. Was ist da passiert?

Online-Redaktion: Welches sind die nächsten Pläne des Netzwerks?

Kahl: Die Arbeit im Internet spielt eine große Rolle. Die Homepage, auf der wir Geschichten vom Gelingen erzählen und auf der auch Austausch stattfindet, soll ausgebaut werden. Wir werden im nächsten Jahr auch regionale Veranstaltungen durchführen, um die Interessierten vor Ort zusammenzubringen. Wie wäre es, sich in seiner Stadt ein Café auszusuchen, in dem beispielsweise jeden Freitag ein Jour Fix stattfindet? Da könnten sich diejenigen, die über die Erneuerung in der Bildung nachdenken, kennenlernen und ins Gespräch kommen. Dann wollen wir zu einzelnen Themen, wie etwa dem selbstständigen Lernen und der Kooperation und der Umstrukturierung von Tagesabläufen in Schulen arbeiten. Wir wollen auch die guten „alten Indianer“ zusammenbringen, Pädagogen mit Erfahrung, die trotz Ruhestand Lust haben, etwas zu machen und weiterzugeben. Der Austausch von Erfahrungen ist am wichtigsten.


Reinhard Kahl, Jahrgang 1948, Studium der Erziehungswissenschaften, Philosophie, Soziologie und Psychologie in Frankfurt a. M. und Hamburg. Er arbeitet als Journalist, Autor, Regisseur und Produzent von Fernseh- und Videodokumentationen.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 29.08.2008
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