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26. 06. 2008

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Neue Wege für Jungs“

Eine bundesweite Initiative sucht und findet Auswege aus der Jungenkrise

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Logo "Neue Wege für Jungs"

Was ist bloß mit den Jungs los? Viele sind orientierungslos, erscheinen immer gewaltbereiter und haben schlechtere Schulnoten als Mädchen. Eine in Europa einmalige Initiative will darauf innovative Antworten geben und neue Richtungen in der Jungenpädagogik weisen. „Neue Wege für Jungs“ heißt sie und unterstützt bundesweit jungengerechte Angebote zur Berufs- und Lebensplanung für Schüler der Klassen 5 bis 10. Das im Februar 2005 ins Leben gerufene Programm wird von dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie dem Europäischen Sozialfond gefördert. Es hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt.

„Männlichkeit in der Krise“ und „Jungenkatastrophe“?
„Männlichkeit in der Krise“, „Jungenkatastrophe“ „Junge Helden in Not“ – so die dramatischen Titel in den Medien, besonders seit die PISA-Studie von 2000 ein schlechteres Abschneiden der männlichen Schüler in der Bundesrepublik festgestellt hatte. Das mögen reißerische Schlagworte in Berichten sein, die oftmals übersehen, dass junge Frauen im Berufsleben immer noch benachteiligt werden, in Führungspositionen unterrepräsentiert sind und auch heutzutage weitgehend die Haus-, Kinderarbeit und Altenpflege übernehmen. Aber sie zeigen doch ein Problem auf, das zunehmend ins gesellschaftliche Bewusstsein rückt: Jungen in der heutigen Zeit haben traditionelle Muster von Identität verloren und müssen sich sozusagen neu erfinden. Oft erzogen und sozialisiert mit alten Rollenbildern, die sich erstaunlich hartnäckig halten, müssen sie doch auf veränderte Anforderungen in Beruf und Privatleben reagieren. „Sehr viele Männer fühlen sich verunsichert und wissen nicht, wie sie ihr Mann-Sein in einer Welt der Massenarbeitslosigkeit, der schnellen Transformationen auf dem Arbeitsmarkt, der selbstsicheren Frauen und der sich wandelnden sexuellen Kodierungen leben sollen.“, heißt es in der hauseigenen Studie des Projekts. „Neue Wege für Jungs“ setzt genau hier an.

Stereotype in Berufs- und Rollenbildern aufbrechen
Nach dem Erfolg des jährlich stattfindenden „Girls’ Day – Mädchen-Zukunftstages“, mit dem Mädchen zum Beispiel ihr Interesse an männerdominierten Berufen entdecken, wollte man eine ähnliche Initiative für Jungen etablieren. Daraus entstand vor fast zweieinhalb Jahren dann das Projekt „Neue Wege für Jungs“. Dessen Service-Büro in Bielefeld und eine eigene Website dienen als Anlaufstelle und Plattform für Dialog und Vernetzung. Das Projekt richtet sich an Lehrkräfte, soziale Fachleute, Fachkräfte der Jungenarbeit, Berufsberaterinnen und Berufsberater sowie Eltern. Jungenspezifische Angebote können unter anderem Praktika in geschlechtsuntypischen Berufsfeldern, Arbeitgemeinschaften und Workshops zu Geschlechterrollenbildern, Selbstbehauptungs- und Konflikttrainings oder auch erlebnispädagogische Einheiten sein. 

Die Initiative hat drei Themenschwerpunkte und Hauptziele. Erstens soll das Spektrum der Berufswahl von Jungen erweitert werden, das gegenwärtig immer noch sehr geschlechtsstereotypisch geprägt ist. Der Übergang von der Schule in den Beruf ist nach wie vor bestimmt von gesellschaftlichen Rollenbildern und eindimensionalen Berufsvorstellungen. Immer noch ist der Kfz-Mechaniker der beliebteste Ausbildungsberuf für Jungen; durch die sozial bedingte Scheu vor eher frauentypischen Berufen verbauen sich Jungen jedoch wichtige Berufschancen auf einem Arbeitsmarkt, der zunehmend Flexibilität fordert. Zweites wichtiges Anliegen der Initiative „Neue Wege für Jungs“ ist es deshalb, für festgefahrene Rollenbilder in den Lebensvorstellungen von Jungen passende Alternativen aufzuzeigen. Denn während der zukünftige Beruf im Leben vieler männlicher Jugendlicher von zentraler Bedeutung ist, finden die Bereiche Haus- und Familienarbeit kaum Berücksichtigung. Das schlägt sich in der tatsächlichen Rollenverteilung nieder.

In Zeiten, in denen unbefristete Erwerbsarbeit knapp wird, ist die Wahl vor allem von Frauen, für eine Zeitlang oder dauerhaft die Hausfrauen- und Mutterrolle zu übernehmen, gesellschaftlich anerkannt. Dies ist häufig mit finanziellen und sozialen Benachteiligungen und Abhängigkeiten verbunden, bleibt aber nichtsdestoweniger ein alternativer Lebensentwurf. Männliche Jugendliche fühlen sich hingegen durch die aktive Ausübung der Vater- und Hausmannrolle in ihrem Konzept von Männlichkeit in Frage gestellt. „Jungen halten an ihren Rollenbildern fest“, sagt Miguel Diaz, der in Bielefeld das Projektbüro von „Neue Wege für Jungs“ leitet, in der Zeitung „Hessische Allgemeine“. „Sie wissen, dass diese ausgedient haben, wissen aber nicht, woran sie sich sonst orientieren sollen.“

Das dritte Ziel des Projekts ist die Stärkung sozialer Kompetenzen wie Team- und Konfliktfähigkeit, Einfühlungsvermögen, Kommunikationsstärke. Wichtig waren diese so genannten „Soft Skills“ im Privaten schon immer. Irgendwann haben sie dann auch die sich gerne „Human Ressourcer“ nennenden Personalchefs in den Betrieben entdeckt. Gesellschaftliche Rollenbilder schreiben diese Eigenschaften vor allem Frauen zu: Der Mann ist durchsetzungsfähig, die Frau mitfühlend. „Neue Wege für Jungs“ will solche Klischees hinterfragen und aufbrechen.

Ein Füllhorn „guter Beispiele“
Die zahlreichen Angebote in den Ländern beweisen, dass die Initiative längst ihre Wege in die Gesellschaft gefunden hat. „Neue Wege für Jungs“ verfügt über eine umfassende Datenbank, in der „gute Beispiele“ für jungenspezifische Angebote dargestellt sind.

Im „Boys’ Days“ beschäftigen sich Schüler einer 7. Klasse in Bielefeld an drei aufeinander folgenden Tagen mit ihren Berufs- und Lebensperspektiven und hinterfragen ihre männliche Rolle. Höhepunkt ist der Praxistag, an dem sie – ganz ähnlich wie beim „Girls’ Day“ die Mädchen – Einblicke in Berufsbilder gewinnen, die für das andere Geschlecht reserviert scheinen. Zu den deutschlandweit 100 Netzwerkpartnern gehört in Kaiserlautern der „Berufliche Einstieg am Arbeitsmarkt e.V.“ (B.E.A.), der ebenfalls einen „Boys´Day“ etabliert hat.

Einen Tag im Monat ist „Power-Day“ in der Klasse 6b der Martinsschule in Sindelfingen. Dann wird kraftvoll diskutiert. Die Jungs sind unter sich. Das jeweilige Thema suchen sich die Schüler selbst aus, die Lehrer begleiten und beobachten nur. An einem solchen Tag lassen sich dann auch intime Fragen stellen, ohne dass es peinlich sein muss. Die Schüler sollen Alltagssituationen besser verstehen und meistern lernen. Schwelende Konflikte werden aufgelöst – mit dem Wort und ohne Faust.

„Wir sind nicht von gestern“ ist ein Projekt für Schüler der Klassen 8 bis 10 der Hauptschule Dorum in Cuxhaven. Die Projektgruppe befasst sich in Diskussionen, Interviews und historischen Vergleichen mit typischen Männerrollen und Frauenberufen. Die Jungen können einen Nachmittag in einem Unternehmen verbringen und mit Männern sprechen, die in eher von Frauen dominierten Berufen arbeiten. Die klassische Unterscheidung in „Männersache“ wie Reparatur und „Frauensache“ wie Kochen wird kritisch beleuchtet, Workshops vermitteln praktische Fertigkeiten wie Kochen und Waschen.

Hier setzt auch ein Projekt in Berlin an. Eingebettet in den schulischen Stundenplan der Jens-Nydahl-Grundschule und in Kooperation mit KIKÜ - Die Kinderküche e.V. – lernen Jungen in einer Koch-AG fortlaufend unterrichtsbegleitend Arbeitsbereiche und Tätigkeiten im Haushalt kennen, die sie selber eher Frauen zuschreiben. Die zu verrichtenden Tätigkeiten beim Kochen (Vor- und Zubereitung des Essens, Spülen, Tisch decken, Aufräumen) werden sowohl zur Vermittlung von Fertigkeiten im Haushalt als auch zur Reflexion der Rollenbilder genutzt.

Nicht mehr Junge, noch nicht Mann ... oder doch schon ... wann ist ein Mann ein Mann? Diesen Fragen stellen sich 12 Jungen in einem einwöchigen theaterpädagogischen Seminar in Eberswalde. Die Jungen im Alter von 14 bis 17 Jahren spielen mit Gefühlen, erzählen von bewegenden Momenten, rezitieren erste Liebeslyrik und präsentieren sich auf der Bühne. Die Seminargruppe trifft sich seit 2000 für jeweils eine Woche im Sommer. Schwerpunkt des Seminars 2006 war die Arbeit am Facettenreichtum Mann. Im Zentrum stand die Frage, wie werden und sind Männer?

Diese und viele andere Beispiele zeigen: Hier wird am Mann-Sein gearbeitet, oft in einem Alter wie der Pubertät, in dem sich Rollenbilder verfestigen – oder eben erweitert werden können. Projektkoordinator Miguel Diaz weiß aber auch, dass noch zahlreiche Tabus und Stereotype aufzubrechen sind, weshalb das Projekt fortgeführt und weiter ausgebaut werden soll. „Vor uns liegt noch viel Feld, das wir bearbeiten müssen.“

Autor(in): Arndt Kremer
Kontakt zur Redaktion
Datum: 26.06.2008
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