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21. 05. 2008

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Vielschichtig und verworren: Studienfinanzierung in Deutschland

Studierende stehen schnell vor der Frage: Wie finanziere ich mein Studium?

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Im Schnitt stehen jedem deutschen Studierenden 770 Euro monatlich zur Verfügung. In Deutschland studierende Ausländer müssen mit 654 Euro auskommen. Hauptfinanzierungsquellen sind die Eltern, Nebenjobs und das staatlich gewährte BAföG. Einerseits beurteilt die Mehrheit der deutschen Studentinnen und Studenten nach einer repräsentativen Befragung der Universität Potsdam und des Hochschulinformationssystems (HIS) vom März 2008 ihre finanzielle Situation als ausgeglichen. Andererseits gaben 20 Prozent der Befragten an, eine Finanzierungslücke zu haben. Bei Studierenden aus einkommensschwachen Familien war dies jeder Dritte, da die Eltern sie nicht oder nicht ausreichend unterstützen könnten. Professor Rolf Dobischat, Präsident des Deutschen Studentenwerkes (DSW) bezeichnete deshalb die Studienfinanzierung als „neuralgischen Punkt in vielen Familien“. Laut einer Sozialerhebung des HIS von 2006 würden 90 Prozent der Studierenden von ihren Eltern mit durchschnittlich 448 Euro im Monat unterstützt, was in einigen Städten gerade einmal die Mietkosten abdeckt. Der berühmte studentische Nebenjob, auf den sich ganze Branchen und Vermittlungsbörsen spezialisiert haben, ist nach wie vor bedeutend. Eigene Arbeit neben dem Studium für im Durchschnitt ca. 300 Euro trägt bei 60 Prozent der angehenden Akademiker zur Studienfinanzierung bei.

Eltern zahlen immer mehr – und haben damit immer mehr Probleme
Der Anteil der elterlichen Unterstützung bei der Studienfinanzierung steigt seit Jahren, und es scheint, dass dies zur Belastung in einkommensschwachen Familien wird. Dobischat fordert die Bildungs- und Hochschulpolitiker auf, nicht nur die institutionellen Ausgaben bei der Studienfinanzierung, sondern auch die individuellen Kosten in den Herkunftsfamilien der Studierenden zu berücksichtigen: „Wir brauchen mehr begabte junge Menschen aus hochschulfernen, einkommensschwächeren Familien. Die tatsächlichen Kosten spielen gerade in diesen Familien die Schlüsselrolle bei der Entscheidung für der gegen ein Studium.“ Das BAföG, das Studierenden aus einkommensschwachen Familien gewährt wird, kann dieses Problem nur teilweise lösen. Zwar ist der Anteil der BAföG-Bezieher nach dem Tiefstand in der Amtszeit von Helmut Kohl im Jahre 1998 von 15 Prozent auf wieder 25 Prozent im Jahre 2003 angestiegen. Doch erhalten erstens nur wenige den Höchstsatz von derzeit 585 Euro, und zweitens endet die teils rückzahlungspflichtige Unterstützung meist mit dem Ende der Regelstudienzeit, also spätestens nach zehn Semestern. Danach stehen viele Studierende vor dem finanziellen Nichts. Bei einer eigenen Kleinfamilie wird die Situation noch problematischer. Studierende mit Kind müssen Studium, Kinderbetreuung und Job meistern, weshalb sie ihr Studium viermal häufiger unterbrechen als ihre kinderlosen Kommilitoninnen. Nach der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierten 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks hielten lediglich 60 Prozent der befragten studentischen Eltern Studium und Kind prinzipiell für vereinbar. 

Reichlich, aber unausgewogen und untransparent
Deutschland nimmt bei der Studienfinanzierung in vielfacher Hinsicht eine Sonderrolle in Europa ein, wie eine weitere Studie des HIW zeigt, die Vergleiche mit anderen europäischen Ländern erlaubt. Im Zeitraum 2007/2008 wurden gemeinsam mit fünf Partnerinstitutionen aus den Niederlanden, England, Norwegen, der tschechischen Republik und Spanien öffentliche Unterstützungsleistungen fürs Studium untersucht. Das Ergebnis: Der deutsche Staat fördert durch direkte oder indirekte Hilfen jeden Studierenden im Schnitt mit 5000 Euro jährlich – eine Summe, die in keinem anderen der untersuchten Länder Europas erreicht wird. Relativiert wird dies jedoch durch den Umstand, dass in Deutschland Studentinnen und Studenten aus vermögenden Familien paradoxerweise fast ebensoviel von staatlichen Hilfen profitieren wie ihre Kommilitonen aus finanzschwachen Elternhäusern. Dies ist möglich, weil es neben den direkten Leistungen wie BAföG, Stipendien oder dem bis zum 25. Lebensjahr gezahltem Kindergeld auch viele indirekte Förderungen gibt, vor allem Steuervergünstigungen durch Freibeträge, von denen reichere Eltern besonders profitieren. Auch die staatlich geförderten Mensamahlzeiten sowie verbilligte Bus- und Bahnfahrten zählen zu diesen indirekten Leistungen, die jeder Student erhalten kann, ganz egal, wie leer oder voll sein Geldbeutel von Haus aus ist. Die staatliche Vorgabe, in erster Linie Studierende aus ärmeren Familien zu unterstützen, geht also an der Realität vorbei. Da viele Eltern und Studierende diese indirekten Leistungen zur Studienfinanzierung gar nicht als solche erkennen und die Förderungen zudem von Bundesland zu Bundesland, ja, selbst von Kommune zu Kommune unterschiedlich ausfallen, fehlt es dem deutschen Studienfinanzierungssystem völlig an Transparenz. „In keinem anderen Land ist die Studienfinanzierung so kompliziert wie in Deutschland“, fasst der HIS-Geschäftsführer Professor Martin Leitner zusammen. Es bleibt zudem problematisch, dass ein großer Teil der staatlichen Gelder nicht direkt an die Studierenden fließt, sondern an deren Eltern. Die Abhängigkeit von 20-Jährigen bis teils über 30-Jährigen von ihren Herkunftsfamilien wächst dadurch, soziale Spannungen sind geradezu vorprogrammiert.

Studienkredite – eine passable Lösung?
Die bittere Pille von Studiengebühren, die Studierende neben der Verwaltungsgebühr des Semesterbeitrags seit Sommer 2007 in Bayern, Baden-Württemberg, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Saarland entrichten müssen, sollte ihnen durch das Angebot von Studienkrediten versüßt werden. Hierbei wird dem Studierenden für die Dauer seines Studiums ein Bankdarlehen gewährt, was allerdings nicht staatlich gefördert und begrenzt ist wie das BAföG-Darlehen, wo eine Obergrenze von 10 000 Euro Rückzahlungspflicht besteht. Die Angst, in eine Schuldenfalle zu geraten, falls nach dem Studium kein fester Job folgt, sitzt bei vielen Studentinnen und Studenten offenbar tief. Knapp ein Drittel lehnt eine Kreditfinanzierung grundsätzlich ab, wie der HISBUS-Projektbericht „Kredite zur Studienfinanzierung“ festhält. Studierende aus einkommensschwachen Familien hegen die Befürchtung, den Kredit nach dem Ende des Studiums nicht zurückzahlen zu können, weitaus häufiger als jene aus höheren sozialen Schichten. 68 Prozent der Befragten haben überhaupt noch nicht darüber nachgedacht, ihr Studium mit Hilfe eines Kredits zu finanzieren. Die restlichen 32 Prozent meinen, dass die Darlehen ihnen mehr Zeit für das Studium verschaffen würden, da sie dann auf Nebenjobs verzichten könnten. Und lediglich die Hälfte dieser Kreditbefürworter nimmt ihn dann tatsächlich auch in Anspruch. Kurzum: Das Modell Studienkredite ist in Deutschland, anders als etwa in Australien, noch nicht wirklich etabliert.     

Stipendien als elegante Alternative
Die Möglichkeit, das Studium über ein Stipendium zu finanzieren, unterschätzen viele Studierende und Graduierte. Zwar werden, wie die Bundesregierung in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage im Bundestag im März 2007 bekanntgab, derzeit nur 14 000 Studierende über Begabtenförderungswerke finanziert oder mitfinanziert – eine bei ca. 1,2 Millionen Studierenden an deutschen Universitäten und Fachhochschulen nicht gerade beeindruckende Zahl. Doch sind zahlreiche Stipendienangebote auch gar nicht bekannt oder werden nicht wahrgenommen, weil eine Bewerbung vielen – zu Unrecht – als aussichtslos erscheint. Die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung paritätisch unterstützten parteinahen Stiftungen verlangen zwar oft eine grundsätzliche Zustimmung zu den jeweiligen politischen Idealen bzw. Programmen, doch werden auch Stipendiaten aufgenommen, die sich eine parteipolitisch offene Haltung bewahren wollen. Daneben existieren zahlreiche allgemeine Stipendien ohne kirchliche oder parteiliche Ausrichtung. Wichtig sind neben der studentischen oder – bei Doktoranden – wissenschaftlichen Qualifikation soziales, gesellschaftliches und/oder politisches Engagement. Wird der Kandidat ausgewählt, erhält er in der Regel eine am BAföG-Satz orientierte monatliche Förderung, Büchergeld, Zuschläge zu Auslandsaufenthalten und unter Umständen Zuschüsse zu Krankenversicherungen und zinslose Darlehen bei Bedürftigkeit. Der Vorteil von Stipendien gegenüber BAföG und Krediten liegt auf der Hand: Sie müssen nicht zurückgezahlt werden. Zum Massenphänomen taugen sie dennoch nicht und sind in Deutschland auch nicht darauf angelegt, eine Mehrheit der Studierenden zu unterstützen. Hier müssen Bund und die sehr um ihre bildungspolitischen Exklusivrechte bedachten Länder wieder verstärkt darauf setzen, gerade Studierenden aus einkommensschwachen Familien die Angst vor einem finanziell ungesicherten Studium zu nehmen.

Autor(in): Arndt Kremer
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Datum: 21.05.2008
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