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29. 04. 2008

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Entdecken und Erinnern: Schulpartnerschaften zwischen Israel und Deutschland

Das Austauschprogramm des Pädagogischen Austauschdienstes hilft, eine neue Perspektive auf das andere Land zu gewinnen

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Der israelische Lehrer Gilat Amit

Wer heute in Israel mit jungen Menschen über Deutschland spricht, der bekommt oft zu hören, wie spannend und „in“ Berlin sei. Der erfährt, dass die Goethe-Institute in Tel Aviv und Jerusalem regen Zulauf haben von Interessenten, die Deutsch lernen wollen. Der liest, wie intensiv die politischen und wirtschaftlichen Kontakte zwischen Israel und Deutschland mittlerweile sind. Aber spätestens, wenn am 1. Mai der „Iom Ha Shoa“, der „Holocaust-Tag“ in Israel mit einer Schweigeminute im ganzen Land begangen wird, ist offensichtlich: Das deutsch-israelische Verhältnis wird immer ein besonderes bleiben, weil das düstere Kapitel der massenhaften Judenvernichtung durch Deutsche ein Teil des gemeinsamen Gedächtnisses bleibt – und bleiben muss. Eine Initiative, die viel dazu beiträgt, aktuelle Stereotype und Klischees über Deutsche in Israel und Israelis in Deutschland abzubauen, ohne dabei die Vergangenheit zu vergessen, ist das Programm deutsch-israelischer Schulpartnerschaften des deutschen Pädagogischen Austauschdienstes (PAD).

Die Schulpartnerschaften des Pädagogischen Austauschdienstes
Der Pädagogische Austauschdienst, eine 1951 gegründete Organisation der Kultusministerkonferenz der Länder (KMK), initiiert und unterstützt Partnerschaften zwischen deutschen und ausländischen Schulen. Während „Comenius“, das Schulprogramm der Europäischen Union, die Zusammenarbeit von Schulen und Schulstufen speziell innerhalb der EU fördert, ist durch die Initiative des PAD ein Austausch auch mit nichteuropäischen Schulen möglich. Gefördert werden aus Mitteln des Auswärtigen Amtes ausschließlich die ausländischen Gäste, beispielsweise durch Zuschüsse bei den Anreise- und Vorbereitungskosten. Ein wichtiger Teil des Programms sind Schulpartnerschaften mit Israel und den Gebieten der Palästinensischen Autonomiebehörde. Deutsch-israelische Austausche führt der PAD in enger Kooperation mit dem Israel Youth Exchange Council durch. Mindestanforderungen sind, dass die Schulen in beiden Ländern eine langfristige und gegenseitige Partnerschaft anstreben. Zudem müssen mindestens zehn Schülerinnen und Schüler mit einer Lehrkraft in das jeweilige Gastland anreisen und zehn Tage oder länger bleiben. Indem sich Schülergruppen aus zwei unterschiedlichen Ländern begegnen, gewinnen die Teilnehmer neue Kenntnisse über das Leben und die Kultur des jeweiligen Partners. Durch Hospitationen, gemeinsame Projektarbeiten, Kurzpraktika in der Arbeitswelt und Exkursionen lernen die Besucher den Alltag in der Partnerschule kennen. Die geforderte Integration kann auch dadurch erreicht werden, dass die deutschen, israelischen oder palästinensischen Schülerinnen und Schüler zumeist in Gastfamilien untergebracht sind, also auch den familiären Alltag von Kindern und Jugendlichen ihres Alters miterleben. Das führt im Idealfall nicht nur zu einer Erweiterung des Horizontes, sondern auch zum Abbau von Vorurteilen.

Ausgelassene und traurige Momente
Gilat Amit, ein 32-jähriger Lehrer an der Givat Gonen High School Jerusalem, die eine Partnerschaft mit der Max-Planck-Oberschule Berlin-Mitte pflegt, weiß von der letzten Fahrt seiner Schüler nach Berlin 2007 viel Positives zu berichten: „Die Idee dieses Programms ist gut und richtig. Man kann nicht aufhören, Vorurteile und falsche Meinungen über Fremdes und Fremde zu haben, ohne eben diesem Fremdem zu begegnen. Das geht einfach nicht allein übers Internet, sondern nur im direkten Austausch. Anfangs waren meine Schüler noch überrascht und dachten zum Beispiel, die Deutschen seien kalt und unnahbar. Am Ende aber waren sie begeistert und wollten die deutschen Freunde auch nach der Heimfahrt nach Israel unbedingt wiedersehen.“ Der Austausch bedeutet immer auch eine Begegnung mit dem Judentum und Christentum, ganz konkret schon dadurch, dass viele deutsche Jugendliche zum ersten Mal eine Synagoge von innen sehen, während für viele Israelis der Besuch einer christlichen Kirche Neuland ist. Natürlich sei den Schülern wichtig, gemeinsam Spaß zu haben, ausgelassen sein zu können, wie Gilat Amit betont, der Kommunikation an der mit 370 Schülern noch recht übersichtlichen Schule im Südwesten Jerusalems unterrichtet. Deutsche und israelische Jugendliche unterscheiden sich da nicht. Es gab jedoch auch sehr traurige, besinnliche Momente, beispielsweise beim Besuch des KZ Sachsenhausen. „Für uns Juden ist die Shoa ein einschneidendes Erlebnis unserer Geschichte. Wir haben eine Gedenkzeremonie in Sachsenhausen gemacht. In manchen Augenblicken während unseres Besuchs in Deutschland haben einige der Schüler geweint.“ Ein anderer wichtiger Programmpunkt war der Besuch des Reichstages. „Wir standen vor diesem Gebäude und dachten: So viel Geschichte. Alles ist gerade einmal sechzig Jahre her.“ Das Interesse an einer Fahrt nach Deutschland sei steigend, so Amit. So hätten sich für die Interviews, durch die er und seine Kollegin Mika Piritzky Shoshany geeignete Schülerinnen und Schüler ausgewählt hatten, ganze dreißig Jugendliche beworben – und damit fünf mehr als im Jahr zuvor.

Soziales und Historisches
Gute Erfahrungen mit dem Austauschprogramm hat auch die Beit Hinuch School im Jerusalemer Stadtteil Katamon gemacht. Die Schule, an der nach der meist sechsjährigen Grundschule in Israel 600 Kinder und Jugendliche bei 100 Lehrkräften lernen und nach fünf Jahren ihr dem deutschen Abitur äquivalentes „Bagrut“ ablegen, pflegt eine rege Partnerschaft mit der Freiher-vom-Stein-Schule in Gladenbach. Im Juni 2007 kamen zehn Schüler aus Gladenbach nach Jerusalem, während nur einen Monat später der Besuch von 14 Israelis im Alter zwischen 15 und 16 Jahren in Hessen und im Hochsauerlandkreis folgte. Dieser zeitlich nahe Austausch sollte die Bindungen der Jugendlichen zueinander intensivieren. „Wir kannten die deutsche Gruppe, trotzdem waren unsere Schüler am Anfang ziemlich nervös“, weiß Gili David zu berichten. Die 39-jährige Englischlehrerin aus Jerusalem hatte die israelische Gruppe zusammen mit einem Kollegen begleitet. Zwar haben manche Israelis deutsche Vorfahren – so wie bei einem der besuchenden Schüler, für den die Reise eine noch persönlichere Erfahrung bedeutete, wie Gili David erzählt. Doch vor dem obligatorisch langen Militärdienst, nach dem viele Israelis ein Jahr lang herumreisen und einige auch Berlin besuchen, kommen nur wenige direkt mit der Bundesrepublik in Kontakt. Trotzdem ist Deutschland durch die Vergangenheit immer präsent. Das Austausch-Programm versucht insofern beiden Aspekten – dem Sozialen und dem Historischen – Rechnung zu tragen.

„Die Deutschen sind ja wie wir“
Die Schüler aus der Beit Hinuch School Jerusalem übernachteten bei deutschen Gastfamilien wie auch in einem Kloster in Meschede. Eine Stadttour durch Berlin stand ebenso auf dem Programm wie ein Besuch des KZ Bergen-Belsen. David erinnert sich: „Die unterschiedlichen Aspekte in dem Besuchsprogramm waren so intensiv wie interessant. Man hatte Spaß, aber es kam auch immer wieder die Frage zwischen den deutschen und israelischen Jugendlichen und Lehrern auf: Wie sprechen wir über die Vergangenheit? Wir wollten gar nicht, dass sich die Deutschen entschuldigen, sondern einfach eine Atmosphäre haben, in der es möglich ist, über dieses Thema miteinander zu reden.“ Noch sehr zurückhaltend hatten sich die deutschen Schülerinnen und Schüler bei ihrem Besuch in Israel im Hinblick auf Fragen zum aktuellen israelisch-palästinensischen Konflikt gezeigt, der ja ein zentrales Thema in den deutschen Medien ist und das nicht immer differenzierte Bild von Israel entscheidend prägt. „Wir Lehrer haben viel darüber gesprochen, haben auch eine kritische Meinung dazu. Aber die Schüler haben das Thema von sich aus eher vermieden.“ Vielleicht ist es gerade darum so wichtig, dass das Programm des PAD auch den Austausch mit Schulen im Gebiet der palästinensischen Autonomiebehörde ermöglicht. Eines der wichtigsten Ziele des Programms deutsch-israelischer Schulpartnerschaften – das jeweils andere Land besser kennenzulernen und dadurch Klischees abzubauen – hat der Besuch der Israelis in Deutschland schon erreicht, erzählt Gili David: „Viele haben in Stereotypen gedacht und Witze über die sauberen deutschen Straßen gemacht. Aber ab einem bestimmten Punkt kamen die Schüler zu mir und meinten: ,Die Deutschen sind ja wie wir.’ Am Ende hatten viele ein neues Bild von Deutschland.“

Autor(in): Arndt Kremer
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Datum: 29.04.2008
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