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11. 10. 2007

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Eine Schule für alle?

Sollen Kinder bei uns länger gemeinsam lernen?

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Hauptschule

Gemeinschaftsschule, Stadtteilschule oder Sekundarschule - deutschlandweit entstehen gegenwärtig neue Modelle eines zweigliedrigen Schulsystems. Die Probleme an den Hauptschulen, die von immer weniger Eltern akzeptiert werden, weil ihre Kinder, mit oder ohne Abschluss, kaum noch eine Chance auf einen Ausbildungsplatz haben, zwingen die Länder dazu, auch über Strukturveränderungen des Schulwesens nachzudenken. Im internationalen Vergleich hat die PISA-Studie deutlich gemacht, dass integrative Bildungssysteme und eine möglichst lange gemeinsame Beschulung weitaus erfolgreicher sind als das starre dreigliedrige System. Sollten Kinder deshalb auch bei uns länger gemeinsam lernen? Und wenn ja, in welcher Form? Es gibt zwei schulpolitische Lager, von denen das eine für den Erhalt des Gymnasiums auch in der Sekundarstufe I streitet. Das andere strebt eine Schule für alle Kinder an, die mit Behinderungen eingeschlossen, in der es bis zum Mittleren Abschluss kein Einsortieren in unterschiedlich anspruchsvolle Bildungsgänge mehr geben soll, in der aber auch der Anspruch auf Allgemeinbildung im Vergleich mit dem Gymnasium ungeschmälert gilt. Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen dienen hier als Vorbilder. Drei Länder, die nach der Wende nicht bereit waren, die vollständige Anpassung an das Schulsystem im Westen zu vollziehen und bei PISA 2003 die eigentlichen Sieger im innerdeutschen Vergleich waren, sowohl was das Problem der "Risikogruppe" als auch der sozialen Auslese betraf.

Erste Schritte in Schleswig-Holstein
Den Diskussionen zwischen Schulen, Schulträgern und Elterninitiativen in allen Bundesländern über neue pädagogische Konzepte für längeres gemeinsames Lernen folgen erste Taten. So rechnet die Bildungsgewerkschaft GEW damit, dass im nächsten Schuljahr die ersten integrativen Schulversuche in Baden-Württemberg gestartet werden. In Bonn soll es ab nächstem Schuljahr eine sogenannte Sekundarschule geben. Es wäre die erste dieser Art in Nordrhein-Westfalen. "Die Stadt Bonn will mit dem Schulmodell schulpolitisch und pädagogisch einen neuen Weg gehen, um Kinder besser zu fördern", lässt die Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann verlauten.

Erste konkrete Schlussfolgerungen hat Schleswig-Holstein gezogen. Seit dem 9. Februar 2007 gibt es dort neben dem Gymnasium die "Gemeinschaftsschule" als eine für alle Kinder, auch die mit Behinderungen, offene Schule und zusätzlich die "Regionalschule" als fusionierte Haupt- und Realschule mit integriertem Unterricht bis Ende Klasse 6. Bei dem von Ernst Rösner vom Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der Uni Dortmund für Schleswig-Holstein entwickeltem Modell der "Gemeinschaftsschule" bleibt die Integrierte Gesamtschule unter dem Namen "Gemeinschaftsschule" erhalten. Auf der Insel Fehmarn sogar unter Einschluss des Gymnasiums, wie das für das Schuljahr 2007/2008 bereits beschlossene Sache ist.

Das Modell der Stadtteilschule in Hamburg
Anders als Schleswig-Holstein, wo drei Schulformen zu einem Mittleren Abschluss führen und mit dem gleichen Anspruch auf Allgemeinbildung an die gymnasiale Oberstufe anschlussfähig bleiben, plant Hamburg das Zwei-Wege-Modell, bei dem zehnjährige Kinder auf zwei unterschiedliche Bildungskonzepte festgelegt werden sollen. Neben dem Gymnasium ist nur noch eine Schulform vorgesehen, die "Stadtteilschule". In dieser Stadtteilschule sollen die nichtgymnasialen Schulformen - Hauptschule, Integrierte Haupt- und Realschule, Realschule und Gesamtschule - aufgehen. Die Eltern können nach einem Test am Ende der Grundschule und einem Beratungsgespräch mit den Lehrer/innen der Grundschule entscheiden, ob sie ihr Kind an einem Gymnasium oder einer Stadtteilschule anmelden. Bis Ende der Klasse 6 besteht für die  Schüler/innen die Möglichkeit, zwischen beiden Schulformen zu wechseln. Dann entscheidet das Gymnasium für sich, wer bleiben darf oder in eine Stadtteilschule gehen muss. In beiden Schulformen gibt es am Ende der Sekundarstufe I zwei Abschlüsse: nach Klasse 9 den Ersten Bildungsabschluss und nach Klasse 10 den Mittleren Abschluss. In der Stadtteilschule, in die auch die beruflichen Gymnasien und die Abendgymnasien integriert werden sollen, kann man am Ende von Klasse 12 die Fachhochschulreife erlangen und nach Klasse 13 das Abitur ablegen. Das Gymnasium führt bereits nach Klasse 12 zum Abitur. Zudem wird in der Stadtteilschule das Sitzenbleiben abgeschafft.

Das Modell beruht auf dem Konzept von Klaus Hurrelmann, Professor für Sozial- und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld. Sein Motiv für die Zweigliederung ist, das Elend der Hauptschule, an der der Anteil der sozial benachteiligten Schüler/innen, darunter viele mit Migrationshintergrund, ständig steigt, zu beseitigen. Seiner Ansicht nach werden der Hauptschule soziale, ethnische, religiöse und geschlechtsspezifische Integrationsleistungen abverlangt, die sie mit ihren heutigen Strukturen nicht bewältigen können. Das Resultat ist ein oft resigniertes Lehrerkollegium, eine frustrierte Schülerschaft und eine schwindende Akzeptanz dieser Schulform in der Elternschaft.

Positive Reaktionen, wie die des Bildungshistorikers Heinz-Elmar Tenorth, sehen in dem Hamburger Modell die Chance, die Mehrgliedrigkeit abzumildern, und zwar deshalb, weil die Stadtteilschule die Möglichkeit zum Abitur eröffnet ohne das Gymnasium abzuschaffen. Problematisch hingegen ist, dass der Übergang von der Stadtteilschule mit einem "berufsorientierten" Curriculum auf die "wissenschaftsorientierte" gymnasiale Oberstufe kaum noch möglich sein wird. Anne Ratzki, ehemalige Leiterin einer Integrierten Gesamtschule, befürchtet, dass die Stadtteilschulen weiterhin zuständig sein werden für Kinder aus sozial schwachen Familien, für Kinder mit Migrationshintergrund, mit schlechten Deutschkenntnissen sowie für die Integration von Lernbehinderten und Verhaltensschwierigen. "Man kann davon ausgehen, dass die Stadtteilschule bald ähnliche Akzeptanzprobleme bekommen wird wie heute die Hauptschule. Das bedeutet, dass Eltern alles daran setzen werden, ihr Kind auf das Gymnasium zu schicken und damit den Niedergang der Stadtteilschule noch befördern werden", ist sie überzeugt.

Valentin Merkelbach, emeritierter Professor für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main sieht das große Handicap des Modells ähnlich. Die integriert arbeitende Stadtteilschule sei keine Schule für alle Kinder und muss mit der frühen Auslese nach Klasse 4 leben, bei der die leistungsstarken Schüler/innen aus bildungsorientierten Elternhäusern weiterhin auf die "höhere Schule" gehen werden und dadurch das Anregungsniveau der Lerngruppen an der Stadtteilschule gesenkt wird.

Die Schule für alle?
In den meisten Ländern befürwortet die SPD die Einführung der "Schule für alle", der "Gemeinschaftsschule" oder der "Gesamtschule". Wie die Schulform heißt sei dabei nicht wesentlich. Wichtig sei nur, dass das Gymnasium in dieser neuen Schulform enthalten sein muss und die Möglichkeit eines Erwerbs der Studienberechtigung, sonst sei diese Schule keine Schule für alle.

Doch wird es schwierig sein, dies durchzusetzen. Das Gymnasium ist so beliebt wie nie zuvor, der "eigentliche Gewinner der Strukturreformen der letzten 40 Jahre" .Es wird sich mit anderen Schulformen nicht so leicht kombinieren lassen. Ausnahme bleibt da wohl Fehmarn.

In Hessen jedenfalls hat Kultusministerin Karin Wolff auf dem Gymnasialtag 2007 des Hessischen Philologenverbandes zum Thema "Das Gymnasium profilieren - Voraussetzungen für eine eigenverantwortliche Gestaltung der Schule" der Einheitsschule eine eindeutige Absage erteilt: "Die Gymnasien in Hessen sind bei Eltern beliebt wie noch nie zuvor, und die hohen Anmeldezahlen sind ein klares Votum gegen die Einheitsschule."

Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 11.10.2007
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