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16. 08. 2007

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Ein notwendiges Ermutigungsinstrument"

ProfilPASS zeigt persönliche Stärken auf

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Dr. Harry Neß

Bund und Länder haben gemeinsam den ProfilPASS entwickelt. Er dient der Ermittlung und Dokumentation eigener Fähigkeiten und Kompetenzen und regt dazu an, sich mit dem eigenen Handeln intensiv auseinanderzusetzen. Bildung PLUS sprach mit Dr. Harry Neß vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung, einem der Koordinatoren des Projektes, über die Chancen und Herausforderungen für die Nutzerinnen und Nutzer des marktreifen Instruments.


Bildung PLUS: Wie entstand die Idee zur Erstellung des ProfilPASSes?

Neß: Die Idee zum ProfilPASS ist vor über fünf Jahren in der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung entstanden. Anlässe waren die zunehmende Bedeutung des lebenslangen Lernens, EU-Aktivitäten wie das Memorandum zum lebenslangen Lernen und die Grundsätze zur Validierung von informellem Lernen sowie die Existenz von circa 50 Weiterbildungspässen mit unterschiedlichem Gesicht für unterschiedliche Zielgruppen. Daneben standen die zentralen Fragen, wie das informelle Lernen in Familie, Ehrenamt und Beruf zu erkennen, zu dokumentieren, anzuerkennen und zu bewerten ist. Daraus entstand das Projekt "Weiterbildungspass mit Zertifizierung informellen Lernens", aus dem das ProfilPASS-System mit verschiedenen Instrumenten und Beratungsstrukturen hervorgegangen ist.

Bildung PLUS: Wie funktioniert der ProfilPASS?

Neß: Der ProfilPASS dient der Selbstbilanzierung, Selbsteinschätzung und Selbstbewertung. Seine Nutzerinnen und Nutzer müssen sich mit ihren Fähigkeiten und den oft nicht bewusst vorhandenen Kompetenzen auseinandersetzen. Der ProfilPASS-Ordner ist so aufgebaut, dass der Einzelne durch seine Bearbeitung zunächst einen Überblick über seine bereits erbrachten Tätigkeiten und ihre Zusammenhänge in Beruf und Freizeit gewinnt, dann seine Tätigkeitsfelder verbunden mit den dazugehörigen Fähigkeiten und Kompetenzen dokumentiert und sie schließlich anhand von vier Niveaustufen in einer Bilanz zusammenzieht. Ergänzend werden in einem weiteren Schritt Überlegungen dazu gefordert, welche eigenen Ziele vorhanden sind und wie diese erreicht werden sollen.

Auf Wunsch der Nutzerinnen und Nutzer wurde noch der ProfilPASS Plus entwickelt, der Teil des ProfilPASS-Ordners ist. Er ergänzt den Pass, unter anderem um Hilfestellungen für Bewerbungen und Personalgespräche sowie Fremdeinschätzungen in Form von Zeugnissen, Weiterbildungsbescheinigungen, Testaten usw. Beide Teile sind unterfüttert durch Hinweise und ein Glossar, die im Internet abrufbar sind: der ProfilPASS Plus von A bis Z. Dort finden die unterschiedlichen Nutzergruppen zu verschiedenen Begriffen wie Arbeitszeugnis oder Assessment vertiefende Informationen, die bei der Umsetzung ihrer Ziele, der Selbststeuerung der eigenen Berufs- und Bildungsplanung unterstützen. Jeder kann den ProfilPASS kaufen und bearbeiten. Das Entscheidende ist, dass der Pass einen Stärkenansatz hat und keinen Defizitansatz verfolgt. Es soll erreicht werden, dass der Einzelne zu einer Reflexionskompetenz kommt, seine Selbststeuerung in Bezug auf die eigene Weiterbildung und berufliche Laufbahnplanung objektiviert. Dazu haben wir ein bundesweites Beratungssystem aufgebaut, das fakultativ in Anspruch genommen werden kann.

Bildung PLUS: Welche Chancen und Herausforderungen sind für den Nutzer mit dem ProfilPASS verbunden?

Neß: Der ProfilPASS hat seinen Hintergrund in der Philosophie des lebenslangen Lernens. Die Praxis zeigt, dass er unterhalb der ordnungspolitischen Ebene vor allem in Übergangssituationen Anwendung findet, wie in der Zeit vom Beruf zum Studium oder bei der Rückkehr aus der Familientätigkeit in den Beruf. In diesen Phasen der Neuorientierung können die Nutzer mit dem ProfilPASS ihr Wissen erweitern, erkennen, wo ihre Stärken sind, wie sich begonnene Wege weiter ausbauen lassen und wo neue entstehen können. Er dient als Wegweiser für individuelle Entscheidungen. Die Nutzer müssen lernen, ihre Lernaktivitäten zu dokumentieren, denn den lebenslangen Beruf gibt es heute nicht mehr. Der Modernisierungsdruck wird größer, die betrieblichen Hierarchien werden flacher und zum Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit wird Mobilitätsbereitschaft erwartet. Für Unternehmer erwächst daraus bei Neueinstellungen, Umsetzungen und Umschulungen von Mitarbeitern der Vorteil, dass sie im Personal- und Wissensmanagement gemeinsam mit ihnen auf gleicher Augenhöhe über die Wege zur Realisierung von Zielen entscheiden können.

Bildung PLUS: Wie wurde der ProfilPASS erprobt? Wer war für seine Entwicklung und Evaluation verantwortlich?

Neß: Der ProfilPASS ist vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und den Ländern unter der Federführung des Saarlandes entwickelt worden, finanziert vom Bund und dem Europäischen Sozialfonds. Der Pass hat drei Phasen seiner Entwicklung durchlaufen, die in einer Machbarkeitsstudie, in einer Entwicklungs- und Evaluationsstudie sowie in einer Dokumentation der Implementationsphase veröffentlicht sind. Verantwortlich zeichneten drei Wissenschafts- und Serviceinstitute: das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung in Bonn (DIE), das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt (DIPF) und das Institut für Entwicklungsplanung und Strukturforschung in Hannover (IES).
In der Evaluationsphase wurde der Pass von seinen Nutzerinnen und Nutzern überwiegend positiv, als nützlich und für andere empfehlenswert bewertet. Auch bei den damals 65 Beraterinnen und Beratern war der Trend der Beurteilung mehrheitlich positiv. Im Tenor bewährte sich der ProfilPASS als "ein notwendiges Ermutigungsinstrument", um sich im Prozess des lebenslangen Lernens und dem Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit individuell zu behaupten. Um die erreichte Qualität des ProfilPASS-Systems zu erhalten und zu verbessern wurde in der dritten Phase, der Implementationsphase ein Qualitätsmanual entwickelt, mit dem die Servicestelle und die Dialogzentren den Stand, die Qualität und die Weiterentwicklung des Systems zukünftig evaluieren können.

Bildung PLUS: Gibt es noch Verbesserungsbedarf?

Neß: Beim DIE in Bonn ist eine zentrale Servicestelle eingerichtet worden, die immer wieder auch Modifikationen und Modernisierungen vornehmen wird. Was auf Seiten der Forschung und Entwicklung noch gemacht werden muss, ist die Herstellung der internationalen und supranationalen Kompatibilität des Instruments. Es wurde zwar untersucht, ob andere europäische Länder ähnliche Instrumente der Erfassung informellen und nonformalen Lernens haben, aber nicht, ob sie sich wie der Europass und der ProfilPASS ergänzen und gegenseitig über einen Innovationstransfer verfügbar machen lassen. Ebenso zu untersuchen sind die Konvergenzen und Kohärenzen mit anderen Instrumenten in Deutschland, die meist eine eingeschränkte Zielgruppe haben und einer eingeschränkten Aufgabenstellung folgen, z.B. der Jobnavigator, der Kompetenznachweis Lernen im sozialen Umfeld, der Qualipass, der Kompetenznachweis Kultur oder der Berufswahlpass. Verbesserungen wird es sicherlich auch im Bereich Jugendliche mit besonderem Förderbedarf geben müssen. Zwar liegt der Pass für junge Menschen nun vor, aber man wird noch kreative Formen zu entwickeln haben, wie die oft schulmüden Jugendlichen an eine Bestätigung ihrer vorhandenen Fähigkeiten herangeführt werden können. Als wichtige Optimierung des Systems wird zu prüfen sein, ob ein internetbasierter Zugang zu dem ProfilPASS von unterschiedlichen Nutzergruppen angenommen wird und wie er dafür gestaltet werden sollte.

Bildung PLUS: Seit Mai 2006 ist der ProfilPASS offiziell im Umlauf. Wie ist das Feedback?

Neß: Sehr gut, ein Beirat aus Vertretern des Bundes, der Wissenschaft und der Länder hat durch seine Entwicklungsunterstützung für eine größere Verbreitung gesorgt. Es wurden ungefähr 10.000 Pässe verkauft, circa 1.000 Beraterinnen und Berater ausgebildet und es gibt 80 Multiplikatoren, die die Beraterinnen und Berater ausbilden. Insgesamt scheint das ProfilPASS-System eine Erfolgsgeschichte zu sein. Das hat ganz sicher auch damit zu tun, dass der W. Bertelsmann-Verlag den Druck, den Vertrieb und das Marketing beider Pässe übernommen und professionalisiert hat.

Bildung PLUS: Der ProfilPASS für junge Menschen ist seit dem 9. Mai 2007 auf dem Markt. Worin unterscheiden sich die beiden Pässe?

Neß: Der zusätzliche ProfilPASS für junge Menschen war ein Ergebnis der Evaluation des Referenzmodells ProfilPASS I. Dieser war noch ungeeignet für Jugendliche, die wenig Erfahrung mit biographischem Arbeiten haben, vor der Berufswahl stehen und noch sehr unsicher bezüglich ihrer eigenen Identität sind. Der neu entwickelte ProfilPASS für diese Nutzergruppe ab 14 Jahren stieß auf eine große Nachfrage. Der Pass ist zwar erst seit Mai auf dem Markt, es sind aber bereits 2.000 Exemplare abgesetzt worden. Er ist sowohl für Jugendliche mit und ohne Ausbildung, für Migranten, aber auch für Abiturienten sehr interessant. Der ProfilPASS für junge Menschen ist kleinteiliger angelegt. Er fragt, was kann ich, was sind meine Wünsche, was sind meine Stärken, was tue ich gerade, tue ich es regelmäßig, welche Eigenschaften habe ich, wie sehen mich andere Menschen? Daraus können die eigenen Interessen, Ziele und Wünsche abgeleitet werden. Es ist wichtig, Jugendliche erst einmal in einen Prozess der Selbstreflexion und Selbststeuerung einzuführen, damit sie ein Gespür für den Umgang mit sich selbst und für die eigenen Stärken bekommen.

Für die Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf, aber nicht nur für sie, weckt allerdings selbst die besonders auf sie zugeschnittene, schriftlich zu bearbeitende Form des Ordners Widerstände. Aus dem Grund hat das DIPF gemeinsam mit dem W. Bertelsmann Verlag das zielgruppengerechte Würfelspiel "Pfade finden und Profil bilden" entwickelt, das aber noch nicht auf dem Markt ist. Ziel ist der Aufbau eines Lebensentwurfs auf der Basis eines Persönlichkeitsprofils. Den Jugendlichen soll durch entsprechende Ereigniskarten deutlich werden, dass auf einem zu entwickelnden Lebensweg erworbene Kompetenzen nicht verloren gehen und dass sie sich immer wieder im praktischen Leben bewähren müssen. Wenn sie dafür in ihren Entscheidungen offener werden, leiten sich daraus mehr Chancen und Mut ab. Sie beherrschen dann den Aspekt der Selbststeuerung besser, sie entwickeln ein positiveres Selbstbild, sie erkennen ihre Ecken und Kanten: Es wird ihnen klarer, was sie im Bildungs- und Beschäftigungssystem zukünftig wollen.


Dr. Harry Neß, Experte für berufliche Aus- und Weiterbildung am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt. Er war neben anderen maßgeblich an der Entwicklung des ProfilPASS-Systems und an den begleitenden Studien beteiligt.

 

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 16.08.2007
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