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30. 08. 2001

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Es müssen mehr Zeichen gesetzt werden"

Bildungskanon für Siebenjährige nimmt die Eltern in die Pflicht

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Donata Elschenbroich: Autorin des Buches "Weltwissen für Siebenjährige"

Forum Bildung: Sie haben einen Wissenskanon für Siebenjährige aufgestellt. Müssen Kinder denn schon so früh in gelenkten Bahnen lernen?

Elschenbroich: Sie müssen nicht in gelenkten Bahnen lernen. Der Wissenskanon ist ein offener Kanon und will den Horizont erweitern anhand von konkreten Bildern, Situationen und Handlungsanlässen. Der Bildungsanspruch soll konkretisiert werden; keine dieser Anregungen sollte für ein Kind von vornherein ausgeschlossen sein.

Forum Bildung: Ihr Wissenskanon enthält viele alltäglichen, kommunikativen und sozialen Erfahrungen wie zum Beispiel in einen Bach zu fallen oder eine Sammlung anzulegen. Aber warum muss ein Kind Blindenschrift lesen oder ein chinesisches Schriftzeichen malen können?

Elschenbroich: "Müssen" ist nicht der Gestus dieses Kanons. Allerdings sollte ein Kind erfahren haben, dass es Blinde und Gehörlose gibt, die einen Sinn durch einen anderen ersetzen müssen. Das chinesische Schriftszeichen ist ein Lieblingsbeispiel von mir für eine frühe Bildungsgelegenheit, weil Erwachsene oft meinen, China sei für Kinder zu weit weg. Aber die Pokémon-Welle letztes Jahr hat gezeigt, dass Kinder in einer globalisierten Alltagskultur leben. Und einfache chinesische Zeichen, zum Beispiel für manche Zahlen, sind viel sinnfälliger und leicher zu begreifen als etwa die arabischen Ziffern.

Forum Bildung: Was ist mit dem Sachwissen?

Elschenbroich: Bleiben wir bei den chinesischen Zeichen: Wenn man diese Zeichen schreibt, lernt die Hand - und das Gehirn - etwas über Pinsel, Malen, Materialeigenschaften. Und ein wichtiges Element von "preliteracy" : eine Ahnung davon, daß andere Kulturen ihre Stimme auf andere Weise aufs Papier wandern lassen. Und wenn das Kind den Globus dreht, um China zu finden, entdeckt es die Welt, die Weiträumigkeit der Kontinente. In den frühen Jahren kann Sachwissen geradezu ideal beim Handeln von Kindern aufgebaut werden.

Forum Bildung: Sie bezeichnen Kinder als die geborenen Lerner. Spätestens in der Schule verlieren diese ihre Neugier. Warum?

Elschenbroich: Na ja, hoffentlich nicht ganz. Was sagen dazu diese immer noch neugierigen und erwartungsvollen Jugendlichen. Aber, keine Frage, die Schule dämpft. Die Schule wie sie ist hat nicht die besten Voraussetzungen, den leidenschaftlichen Weltwissen-Erwerb der Vorschuljahre fortzusetzen. Der Fächerkanon, Noten, Stundentakt, Zeitdruck - das trägt alles nicht dazu bei, die Geistesgegenwart von Kindern zu steigern.

Forum Bildung: Ihr Wissenskanon fordert ja auch von den Eltern einiges. Fühlen sich diese nicht überfordert?

Elschenbroich: Der Kanon ist verstanden als Hilfe zu einer Selbstverpflichtung der Eltern. Von ihnen gehen einfach so viel entscheidende Bildungsanstöße aus. Mit dem Kanon können sie ihren Horizont neu aufmachen, aufmerksamer werden für alltägliche Bildungsmöglichkeiten, beim Werkeln zuhause, im Gespräch mit den Kindern. Viele Anregungen auf der Liste stammen ja von Eltern selbst, Eltern aus allen Schichten. Da war ich in den Gesprächen oft beeindruckt von der Energie und den Ideen, mit denen sie den Kindern helfen, sich in der Welt einzuwohnen.

Forum Bildung: Aber auch in den Kindertagesstätten muss sich einiges ändern. Sie schreiben, dass in den 80er Jahren der Kindergarten zu einem Dienstleistungsbetrieb wurde, weil sich das Interesse von den Kindern auf die Frauen verlagerte. Dreht sich heute auch noch alles um die Öffnungszeiten?

Elschenbroich: Kindergärten müssen heute so organisiert sein, dass Frauen, Eltern, nicht von Arbeit oder Beruf abgedrängt werden. Aber Kinder sind nicht nur ein Organisationsproblem. Sie verbringen rund viertausend Stunden ihres Lebens in einem Kindergarten. Davon könnten einige die lebendigsten und unvergesslichsten ihres Lebens sein. Dafür ist in den letzten Jahren ein neues Bewußstein entstanden - Stichwort: Bildungsauftrag des Kindergartens..

Forum Bildung: Sie kritisieren die Ausbildung der Erzieherinnen, die fern von Kunst und Wissenschaft sei. Folglich können Erzieher den Bildungsauftrag von Kindertagesstätten, der seit 1996 gesetzlich verankert ist, überhaupt nicht umsetzen. Was muss sich in der Ausbildung ändern?

Elschenbroich: Deutschland und Österreich bilden, was den Status der Erzieherausbildung angeht, das Schlusslicht in Europa. Erzieher haben in Deutschland ein niedriges berufliches Ansehen und entsprechend wenig Selbstbewußtsein als "Bildungs-Begleiter" der Kinder. Kinder lernen aber von Menschen, das Bildungssystem ihres Landes begegnet ihnen erstmals in den Erzieherinnen im Kindergarten. Eine akademische Ausbildung verändert nicht ruckartig alles zum Besseren. Aber es wäre ein nötiges Signal der Anerkennung dieser Berufsgruppe. Deshalb muß das Niveau und das Ansehen der Ausbildung angehoben werden. Und es muss eine Fortbildungspflicht für Erzieher geben, finanziert von den Trägern.

Forum Bildung: In Japan genießt der Erzieherberuf das gleiche Ansehen wie der eines Uni-Professors...

Elschenbroich: In Japan wird die Kindheit als Bildungsphase sehr hoch geschätzt. Die Erzieherinnen haben sämtlich Abitur, eine College-Ausbildung und das Angebot an Fort- und Weiterbildung ist exzellent. Auffallend ist in Japan außerdem der geringe Qualitätsunterschied zwischen Kindergärten in Stadt und Land und zwischen wohlhabenderen und ärmeren Regionen. Das liegt dort wohl nicht nur an der anspruchsvolleren Ausbildung der Erzieher, sondern auch an einer gebildeten jungen Elternschaft, die an sich selbst und die Kindergärten hohe Ansprüche stellt. In Deutschland dagegen haben wir dieses Gefälle zwischen vorzüglichen Kindergärten und recht öden Einrichtungen, das erschreckt mich oft.

Forum Bildung: Sie kritisieren die fehlende Internationalisierung der Elementarpädagogik - der berühmte Blick über den Tellerrand. Was können wir denn vom Ausland lernen?

Elschenbroich: Die Elementarpädagogik in Deutschland wird bisher auf niedrigster Flamme gehalten - eine Handvoll Lehrstühle gibt es nur für dieses faszinierende Bildungsphase. Für die Besetzung von Gastprofessuren mit ausgezeichneten Fachleuten aus verschiedenen Ländern könnte ich sofort Vorschläge machen. Ich selbst versuche mit einer Reihe von Filmen der Ausbildung und Fortbildung von Erziehern den Anschluß an Forschung und an Beispiele guter Praxis in anderen Ländern herzustellen. Diese Filmreihe "Wissen und Bindung" wird am Deutschen Jugendinstitut produziert und gefördert vom Bildungsministerium. Wir arbeiten gerade an einem Film mit dem Titel "Erzieherporträts", der am Beispiel von vier Erziehern in den Ländern USA, Schweden, Frankreich und Italien zeigt, wie gute Elementarpädagogik aussehen kann. Was man in Deutschland von anderen Ländern lernen könnte? In den USA vielleicht den unbefangeneren Umgang mit den Naturwissenschaften in der vorschulischen Erziehung. In Ungarn lernen vom hohen Niveau der frühen musikalischen Grundbildung. Und in Italien werden wir in unserem Film Studenten beobachten, wie sie ihr Studium angehen - dort werden nämlich seit zwei Jahren Elementarpädagogen und Grundschulpädagogen gemeinsam an Hochschulen ausgebildet.

Forum Bildung: In Ihrem Buch zitieren Sie einen Geheimtipp unter japanischen Führungskrüften: Kindergarten und Grundschule in Japan, Gymnasium in Deutschland und Studium in den USA. Ist das eine Bankrotterklärung des deutschen Bildungssystems, wenn man bedenkt, dass nach der Pisa- und Timss-Untersuchung deutsche Gymnasien im unteren Mittelfeld rangieren?

Elschenbroich: Die Aufregung über das Leistungsniveau der deutschen Fünfzehnjährigen kam hier merkwürdig spät : die Third International Math and Science Study war ja schon die dritte internationale Vergleichsuntersuchung, im Ergebnis kaum anders als die vorangegangenen. Das heißt, man hätte schon früher aufmerken müssen: offensichtlich werden in den asiatischen Erziehungskulturen in frühen Jahren Grundlagen gelegt, die das "Problemlösen" begünstigen. Das lernt man ja nicht nur durch eine bessere Didaktik der Schulfächer. In Japan bauen Kinder im Kindergarten mit viel Zeit und Nachsicht Grundhaltungen auf für eine geistesgegenwärtige Lebensführung. Vielleicht sollte man einmal international untersuchen, wie gebildet Siebenjährige in verschiedenen Ländern sind.

Forum Bildung: Und würden die deutschen Kinder wieder so schlecht abschneiden?

Elschenbroich: Das ist auch eine Frage der Vergleichskategorien. Deutsche Siebenjährige, vermute ich, haben im Vergleich zu den japanischen Kindern eine komplexere Sicht auf die Welt, und sie sind zweifellos selbständiger im Alltag. Da werden unsere Kinder reichlich gefordert. Aber diese freundliche, sorgfältige Begleitung ihres Wissensaufbaus und ihrer Grundhaltung gegenüber dem Lernen, das erfahren in Deutschland nur wenige Kinder .

Forum Bildung: Ihre Schilderungen der liebevollen Kinderziehung in Japan passen gar nicht zu dem Leistungsdruck-Klischee, für das Japan ja schon berüchtigt ist?

Elschenbroich: Der Leistungsdruck in der japanischen Schule ist enorm ab der späten Grundschule bis zur Eintrittsprüfung an die Universität. Davon ist in Deutschland nichts zu lernen. Aber offensichtlich überleben die positiven Grundeinstellungen zum Lernen diese traumatische Phase in den meisten japanischen Bildungsbiographien. Japan ist das Land mit der weltweit höchsten Quote von Erwachsenenbildung bis ins hohe Alter.

Forum Bildung: Die Politiker haben den Kindergarten sehr spät als Bildungseinrichtung anerkannt. Normalerweise drehen sich die Diskussionen um die Hochschulen und Gymnasien. Haben Sie das Gefühl, dass sich da wirklich etwas ändert oder sind dies nur Lippenbekenntnisse?

Elschenbroich: Es ändert sich schon dadurch etwas, dass es jetzt Thema ist. Faktisch ist noch nicht viel passiert. Da müssen mehr Zeichen gesetzt werden. Von der Ausbildung war schon die Rede, und von Gastprofessuren. Und Erzieherinnen sollten Auslandspraktika machen können - warum bisher nur Studenten? Und Preise ausloben für Projekte guter Bildungsarbeit in Kindergärten - der Kindergarten als Werkstatt, als Atelier, als Labor, als Wald ! Und immer wieder: sich in anderen Ländern umschauen nach Anregungen. Städtepartnerschaften: sollen da nur die Bürgermeister auf Reisen geschickt werden? Warum nicht das Team von einem Kindergarten entsenden: als Beobachter und Botschafter von "guter Praxis" mit Kindern anderswo.


Die Autorin:
Donata Elschenbroich arbeitet am Deutschen Jugendinstitut auf dem Gebiet der international vergleichenden Kindheitsforschung und gilt als Expertin für Bildung in frühen Jahren.

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 30.08.2001
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