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22. 03. 2007

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Austausch zwischen Politik und Wissenschaft fördern

Fachtagung über evidenzbasierte Bildungspolitik

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Dr. Sieglinde Jornitz

Das Büro für Internationale Kooperation in der Bildungsforschung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt am Main veranstaltet vom 28. bis 30. März 2007 die Fachtagung "Wissen für Handeln - Forschungsstrategien für eine evidenzbasierte Bildungspolitik". Bildung PLUS sprach mit Dr. Sieglinde Jornitz, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Büros, über die Konsequenzen, die evidenzbasierte Ansätze für die Bildungsforschung und für die Bildungspolitik haben.


Bildung Plus: Was sind die Ziele der Tagung und wer nimmt an der Konferenz teil?

Jornitz: Die Konferenz will den Austausch zwischen Politik und Wissenschaft ermöglichen und unterstützen - und zwar in internationalem Umfeld. Es soll eine länderübergreifende Diskussion darüber entstehen, wie die beiden Bereiche - Politik und Wissenschaft - kommunizieren, zusammenhängen und zusammenarbeiten.
Die Konferenz wird vom Büro für Internationale Kooperation in der Bildungsforschung des DIPF im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und der Europäischen Kommission organisiert. Eingeladen wurden die Mitgliedstaaten der Europäischen Union und des Europarates sowie die Länder mit Beobachterstatus beim Europarat. Jedes Land konnte vier Experten nominieren, zwei davon sollten aus der Bildungspolitik und -administration kommen und zwei aus der Bildungsforschung.

Bildung PLUS: Was genau bedeutet evidenzbasierte Bildungspolitik und was kann sie leisten?

Jornitz: Eine evidenzbasierte Bildungspolitik bezieht in ihr politisches Handeln wissenschaftliche Erkenntnisse mit ein. Sie rezipiert wissenschaftliche Ergebnisse und richtet - im weitestgehenden Sinne - politische Entscheidungen nach ihnen aus.
Wie dieser Prozess zwischen Bildungspolitik und Bildungsforschung herbeigeführt oder verbessert werden kann, wird derzeit in vielen Ländern diskutiert. Deshalb ist ein Austausch so wichtig, denn in den europäischen Ländern wird dies ganz unterschiedlich geregelt und angegangen.

Bildung PLUS: In welchen europäischen Ländern ist Bildungspolitik evidenzbasiert? Was kann Deutschland von ihnen lernen?

Jornitz: Beispiele lassen sich in Großbritannien und den Niederlanden, aber auch in Deutschland selbst finden.
Großbritannien z. B. hat ein ausgeprägtes und systematisches Bildungsmonitoring von der frühkindlichen Erziehung an entwickelt, auch die Evaluierung einzelner Bildungsbereiche und Bildungsinstitutionen ist sehr weit fortgeschritten. In den Niederlanden wiederum hat man innerhalb des Parlaments ein Büro eingerichtet, an das jeder Politiker Anfragen hinsichtlich des wissenschaftlichen State of the Art stellen kann: Es trägt daraufhin wissenschaftliche Ergebnisse zusammen und erstellt ein Exposé.
Aber auch Deutschland hat ja bereits damit begonnen, seine Bildungspolitik evidenzbasiert auszurichten. Gerade mit der Bildungsberichterstattung ist etwas in Gang gesetzt worden, wodurch Bildung als lebenslanger Entwicklungsprozess angesehen wird. Es wird seitdem versucht, nicht nur zufällig und singulär, sondern dauerhaft und regelmäßig Daten zu erhalten, die wiederum als Grundlage für politische Prozesse verwendet werden können. Damit ist Deutschland in Europa gar nicht schlecht aufgestellt.
Wir veranstalten die Konferenz, weil es interessant und wichtig ist zu erfahren, wie andere Staaten das Problem der Umsetzung von politikrelevanten Informationen aus der Wissenschaft lösen.

Bildung PLUS: Welche Konsequenzen haben die evidenzbasierten Ansätze für die Bildungsforschung, welche für die Bildungspolitik?

Jornitz: Wenn die Bildungsforschung damit rechnet, dass ihre Befunde für bildungspolitische Entscheidungen verwendet werden, dann bedeutet das zum einen, dass sie gegebenenfalls ihre Forschungsergebnisse in politikrelevante Informationen umsetzen muss, d. h. in solche, die auch für die Politik lesbar und rezipierbar sind. Und sie muss längere Entscheidungswege akzeptieren.
Politische Entscheidungen wiederum sollten keine Ad-hoc-Entscheidungen sein, sie brauchen eine gewisse Grundlage und Stabilität. Eine Konsequenz für die Bildungspolitik ist, dafür Sorge zu tragen, dass die Bildungsforschung die Infrastruktur bekommt, die sie braucht, um politikrelevante Daten liefern zu können.

Bildung PLUS: Führen die Output-Orientierung und der Anspruch der Messbarkeit zu vereinfachten Fragestellungen in der Forschung? Kann die Bildungspolitik stärker in die Pflicht genommen werden? Was sind die Erwartungen?

Jornitz: Mit Output-Orientierung und Kompetenzmessung ist immer nur ein Teil der Bildungsforschung befasst. Jedoch erhobene Daten haben - wie in allen Bereichen - eine ganz eigene Dignität und Überzeugungskraft.
Ich bin der Meinung, dass diese Form der wissenschaftlichen Erhebungen um Fallanalysen ergänzt werden muss, die stärker am Einzelfall arbeiten und damit eine Brücke zur Praxis schlagen.
Wenn Bildungspolitik verstärkt wissenschaftliche Ergebnisse in ihre Entscheidungen einbeziehen will, dann ist damit auch verbunden, dass sie über diese nicht mehr einfach hinweggehen kann. Durch die Veröffentlichung von Daten und (statistischen) Erhebungen entsteht eine breitere Öffentlichkeit, die dazu führen kann, dass Bürgerinnen und Bürger stärker von der Politik etwas einfordern.

Bildung PLUS: Sind Untersuchungen und Daten verschiedener Länder und Systeme vergleichbar? Wie wird mit den Unterschieden umgegangen?

Jornitz: Es ist kompliziert, Daten unterschiedlicher Länder miteinander zu vergleichen, weil jedes Land nicht nur ein eigenes Bildungssystem hat, sondern auch ein anderes kulturelles Umfeld, das sich notwendigerweise in den Institutionen widerspiegelt. Gleichzeitig kann man beobachten, dass international vergleichende Studien wie PISA bei jeder Erhebung ihr Instrumentarium sukzessive verbessert haben und weiter verbessern. Die Messmethoden werden differenzierter, so dass die Ergebnisse eine größere Vergleichbarkeit zulassen. Um aber auch den kulturellen Unterschieden gerecht zu werden, müssten meiner Ansicht nach die Messerhebungen über ergänzende Studien gestützt werden, die genau dieses kulturelle Eingebundensein in den Blick nehmen.

Bildung PLUS: Seit wann gibt es das Büro für Internationale Kooperation in der Bildungsforschung am DIPF? Was sind seine Aufgaben und was kann man in Zukunft von ihm erwarten?

Jornitz: Das Büro für Internationale Kooperation ist ein seit Frühjahr 2006 vom BMBF gefördertes Projekt. Ziel ist es, deutsche Bildungsforscherinnen und -forscher darin zu unterstützen, internationale Kooperationen zu lancieren, europäische Förderfonds in Anspruch zu nehmen oder einfach ihre Forschungsergebnisse auch in anderen Ländern stärker publik zu machen. Wir organisieren außerdem Workshops in "Academic Writing in English" für den wissenschaftlichen Nachwuchs, um die Schwelle zu verringern, in englischsprachigen Journalen zu publizieren.
Wir werden sicher demnächst auch den einen oder anderen Workshop ausrichten, der ausländische Bildungsforscherinnen und -forscher nach Deutschland einlädt. Darüber hinaus können wir uns vorstellen, auch an Universitäten unterstützend zu wirken, etwa wenn diese vorhaben, ein Doktoranden-Kolloquium aufzubauen und sich für ausländische Studierende zu öffnen.


Dr. Sieglinde Jornitz, Jahrgang 1971, Studium der Pädagogik, Philosophie und deutschen Literatur an den Universitäten in Köln, Bochum und Rostock, Promotion 2000 in Essen, Ausbildung zur Bibliothekarin für wissenschaftliche Bibliotheken (1999-2001). Seit 2001 am Informationszentrum Bildung des DIPF mit dem Aufbau des Fachportals Pädagogik befasst und seit 2006 Mitarbeiterin im Büro für Internationale Kooperation in der Bildungsforschung.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 22.03.2007
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