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10. 09. 2001

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Ich halte die Langzeitstudiengebühren für richtig"

Der baden-württembergische Wissenschaftsminister Frankenberg im Interview

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Der baden-württembergische Wissenschaftsminister Frankenberg

Forum Bildung: Baden-Württemberg gilt in der Hochschulpolitik als sehr reformfreudig. Die Studiengebühren für Studierende, die länger als 13 Semester studieren, sind allerdings sehr umstritten. GEW und das Deutsche Studentenwerk kritisieren, dass diese Regelung die Falschen trifft und vor allem an den Ursachen für lange Studienzeiten nichts ändere. Was sagen Sie zu den Vorwürfen?

Frankenberg:
Erst jüngst ist uns vom Bundesverwaltungsgericht bestätigt worden, dass die Langzeitstudiengebühren völlig rechtens sind. Das Gericht begründet sein Urteil auch damit, dass es für die Studierenden kein Recht auf ein kostenfreies Hochschulstudium gibt. Ich halte die Langzeitstudiengebühren für richtig. Sie haben dazu geführt, dass die Zahl der Langzeitstudierenden deutlich zurückgegangen ist. An einigen Universitäten sind die Examenszahlen gestiegen, und insgesamt sind in Baden-Württemberg die Erstsemesterzahlen besonders stark angestiegen. Der Vorwurf, eine solche Gebühr würde vom Studium abschrecken, stimmt also offensichtlich nicht. Wichtig ist auch, dass fast alle Scheinimmatrikulierten verschwunden sind. Das mag man als statistisches Problem abtun, aber es war für das Ansehen der Hochschule ein gravierendes Problem, weil die Scheinimmatrikulierten die Studienzeiten statistisch erheblich verlängert haben.

Außerdem ist der Vorwurf, es treffe die Falschen, nicht richtig: Wir haben die Möglichkeit zu Teilzeitstudiengängen geschaffen ebenso wie Härtefall- und Ausnahmeregelungen für die Langzeitgebühren. Eigentlich ist nicht einzusehen, warum die Regelstudienzeit plus 4 Karenzsemester nicht eine für alle akzeptable Studiendauer sein soll. Der Allgemeinheit ist es nicht zuzumuten, ein unbegrenztes Studium zu finanzieren. Und es gibt auch kein Recht auf beliebig viele Studien.

Forum Bildung: Nach einer Studie des Wissenschaftsrates klaffen die Studienzeiten beim gleichen Fach von Uni zu Uni extrem auseinander. Die Ursachen liegen laut dieser Studie nicht an den Studierenden, sondern an der schlechten Qualität, Organisation und Betreuung der Universitäten?

Frankenberg: Die vier zusätzlichen Semester sind genau dafür gemacht: Als Ausgleich für unterschiedliche Studienzeiten, welche die Studierenden nicht zu vertreten haben. In Baden-Württemberg differieren die Studienzeiten zwischen den Unis allerdings kaum, nur zwischen den einzelnen Fächern.

Forum Bildung:
. Bleibt die kostenlose Erstausbildung bestehen oder müssen wir uns in absehbarer Zukunft generell auf Studiengebühren einstellen?

Frankenberg:
Die Langzeitstudiengebühren sind eine Einrichtung für sich, um die Studiendauer zu senken, das Studierverhalten effektiver zu machen und das Lehrangebot an den Hochschulen zu verbessern. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Langzeitstudiengebühren und allgemeinen Studiengebühren. Ich denke aber, dass wir die Option für Studiengebühren offen halten sollten. Es darf kein generelles Verbot von Studiengebühren geben. Die Einführung allgemeiner Studiengebühren hat bei uns allerdings keine Priorität und es gibt zur Zeit auch keine Überlegungen, diese einzuführen.

Forum Bildung:
Auch in Ihrer Partei haben viele beim Thema Studiengebühren noch Bauchschmerzen, zum Beispiel auch Ihr bayerischer CSU-Kollege Zehetmair. Können Sie das verstehen?

Frankenberg: Wie bei allen Dingen gibt es Argumente dafür und dagegen. Bei einer eventuellen Einführung von Studiengebühren muss gewährleistet sein, dass niemand, der studieren will, aufgrund des Einkommens seiner Eltern vom Studium abgehalten wird. Außerdem dürfen auf keinen Fall die staatlichen Mittel reduziert werden, diese müssten den Hochschulen zusätzlich zur Verfügung stehen. Ich glaube, wenn diese beiden Fragen geregelt wären, wäre die Zahl der Gegner von Studiengebühren deutlich geringer als sie vielleicht jetzt noch ist.

Forum Bildung: Wenn Studiengebühren salonfähig werden, müssen aber auch neue Finanzierungsmodelle geschaffen werden. Sonst ist es um den Grundsatz der Chancengleichheit schlecht bestellt. Die Palette der Vorschläge reicht von Darlehen über Stipendien bis hin zu Bildungsschecks in den verschiedensten Schattierungen. Was favorisieren Sie?

Frankenberg: Ein wichtiger Aspekt für die Studierenden ist natürlich die Finanzierung des Lebensunterhaltes, was für sozial schlechter gestellte Studierende das Bafög leistet. Wir sehen aber, dass das Bafög dies eben nur unzureichend tut. Denn die Zahl der Studierenden aus sozial schwächeren Schichten ist nicht gestiegen, sondern geht zurück - und das hat ja offensichtlich nichts mit Studiengebühren zu tun. Eigentlich kommen nur Modelle in Frage, welche sich nicht nach dem Elterneinkommen richten, sondern nach dem späteren Einkommen. Dieses ist durch ein akademisches Studium in der Regel höher und sicherer. Im Falle von Studiengebühren kommen für die Finanzierung also eher nachlaufende Gebühren in Frage, weil dann viele Probleme der sozialen Auslese nicht gegeben sind.

Forum Bildung: Mehr Autonomie für die Hochschule bedeutet auch, dass die Universitäten die Studierenden selbst auswählen können. Die ZVS steht diesem Wunsch nach Autonomie im Wege. Ist das der Grund, warum Sie diese Einrichtung deshalb am liebsten abschaffen wollen?

Frankenberg: Hochschulen sind Einrichtungen der Qualität in Lehre und Forschung. Zu dieser Qualität gehört die Auswahl der Professorinnen und Professoren und dazu gehört auch, dass man die Studierfähigen aussuchen kann - entsprechend dem Profil und der Anforderungen der Hochschule. Dabei muss eine Vielfalt von Anforderungen geschaffen werden, denn wir müssen Breiten- mit Elitenausbildung verknüpfen. Die Hochschulen brauchen das Recht auf Auswahl erstens um ihrer eigenen Qualität zu genügen und zweitens haben auch die Studierenden das Recht, dass ihre Studierfähigkeit sorgfältig überprüft wird. Schließlich geht es um ihre Lebenszeit, die bei einer falschen Ausbildung verloren ist.

Das Abitur wird weiterhin eine Rolle spielen, aber es darf nicht mehr als genereller und rechtlich verbindlicher Hochschulzugang gelten. Es ist in seiner Qualität bundesweit einfach zu unterschiedlich. Das Abitur würde gewinnen, wenn beim Hochschulzugang nicht mehr nur die Note zählen würde, sondern auch die allgemeinbildenden Inhalte. Vor allem die sachfremden Kriterien der ZVS müssen ausgeschaltet werden: Es kann nicht sein, dass eine renommierte Fakultät geeignete Kandidaten nur deshalb nicht bekommt, weil diese zu weit entfernt wohnen oder weil sie zu jung sind. Die ZVS wird sich in eine Service-Agentur umwandeln, die sich um die Verteilung derer kümmert, die in den Aufnahmeverfahren nicht akzeptiert worden sind.

 

Autor(in): Udo Löffler
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Datum: 10.09.2001
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