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02. 11. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

An Computern führt kein Weg vorbei

Die Waldpädagogik steht vor neuen Herausforderungen

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Christoph Rullmann, Geschäftsführer der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald

Bildung PLUS: Im nächsten Jahr feiert die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) ihr 60-jähriges Bestehen. Welchen Stellenwert hatte in diesen Jahren die Waldpädagogik?

Rullmann: Ein Fokus unserer Arbeit lag schon immer auf der Waldpädagogik. Es fing eigentlich bald nach der Gründung der SDW an, indem Schulwälder eingerichtet wurden. Kinder gehen in ein speziell für sie ausgesuchtes Stück Wald, den Schulwald einer Schule, und erfahren, wie das Ökosystem Wald und wie Forstwirtschaft funktionieren. Diese Initiative ist in Schleswig-Holstein entstanden und hat sich mittlerweile im ganzen Bundesgebiet ausgebreitet.

Bildung PLUS: Die meisten Kinder und Jugendlichen leben in Städten und haben wenig Zugang zum Wald. Wie können auch diese Kinder für einen nachhaltigen Umgang mit der Natur interessiert werden?

Rullmann: Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder, auch wenn sie einen Wald in der Nähe haben, sich wenig dort aufhalten. Die SDW will mit verschiedenen Aktionen die Kinder motivieren, in den Wald zu gehen. Solche Initiativen sind z. B. die Walderlebnistage oder die Waldjugendspiele oder andere Initiativen, die mit Partnerorganisationen angeboten werden. Damit soll Kindern das Abenteuer Wald nähergebracht werden. Natürlich muss man die Kinder da abholen, wo sie stehen und das ist im Moment eben die multimediale Gesellschaft. Deshalb haben wir uns vorgenommen, unser Internet-Angebot auszubauen, um darüber das Interesse und die Lust der Kinder zu wecken, den Wald zu erleben.
Nachhaltiges und ökologisches Denken kann man Kindern aber auch auf Brachflächen in der Stadt vermitteln und nicht nur im Wald. Es gibt Industrieflächen, die offen gelassen werden, oder alte Sandgruben. Diese sind für Kinder oftmals interessanter und wecken die Abenteuerlust mehr als dieses meist "perfekte" Ökosystem des Waldes. Auf diesen Flächen kann man auf Umweltaspekte ebenso gut eingehen, auch wenn sie vom Naturschutz her gar nicht so interessant sind.

Bildung PLUS: Wer sind Ihre wichtigsten Partner in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen?

Rullmann: In den einzelnen Ländern ist das ganz unterschiedlich. Der große Partner sind immer die Forstverwaltungen. Es gibt eine enge Verbindung der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald mit den staatlichen Forstverwaltungen. Das ist historisch gewachsen. Gemeinsam bieten wir verschiedene Aktionen an. Darüber hinaus gibt es natürlich viele andere Institutionen, seien es andere Verbände wie z. B. die Naturschutzorganisation NABU, die eigene Angebote haben und zugleich Partner der SDW sind.

Bildung PLUS: Heute führt ja kein Weg vorbei an Computern und Internet. Welche Überlegungen gibt es, diese Medien für die Waldpädagogik zu nutzen?

Rullmann: Wir sind gegenwärtig dabei, Inhalte aufzuarbeiten, damit Kinder dieses Thema verstehen und Lust bekommen, sich damit zu beschäftigen. Es ist schon sehr schwierig, zumal man mit Computerspielen konkurriert, die es im Internet massenweise gibt. Da muss man versuchen, ein gleichwertiges Angebot zu bieten. Es gibt Pilotprojekte, die von einzelnen Landesverbänden gemacht wurden, wo es kleine Waldspiele und Rätsel gab, die auf dem Rechner liefen. Das ist sehr gut angenommen worden. Darauf wollen wir aufbauen und grundlegende Inhalte zum Thema Wald für Kinder begreifbar machen.

Bildung PLUS: Die SDW bietet schon seit vielen Jahren waldpädagogische Aktivitäten. Dazu zählen die Waldkindergärten. Worin unterscheiden sich die Waldkindergärten von anderen Kitas?

Rullmann: Die Kinder sind in diesen Waldkindergärten tatsächlich den ganzen Tag draußen im Wald. Sie haben eine Forsthütte oder einen Bauwagen, die sie als Standort nutzen, wenn es regnet. Ansonsten erleben sie ganztägig die Natur, machen Spiele und alles, was sich draußen anbietet.
In diesen Waldkindergärten, die meist auf Initiative von Eltern entstanden sind, arbeiten Erzieherinnen und Erzieher, die eine Zusatzausbildung oder Fortbildung im Bereich Umwelt und Naturpädagogik absolviert haben. Das ist auch wichtig für die Genehmigung und Anerkennung als Waldkindergarten durch die zuständigen Behörden. Die Qualifizierung des erzieherischen Personals ist dort genauso gegeben wie in einem herkömmlichen Kindergarten.

Bildung PLUS: Die naturverbundene Entwicklung von Kindern ist auch nach dem Besuch des Kindergartens wichtig. Welche Möglichkeiten gibt es, das Programm der Waldkindergärten in der Grundschule weiterzuführen?

Rullmann: Wenn das gewachsene Gruppen sind, wo sich die Eltern schon lange kennen, dann wollen die Eltern auch, dass die Kinder nach dem Kindergarten etwas qualitativ Ähnliches geboten bekommen. Dort gibt es Möglichkeiten, dass die Kinder nach der Schule eine entsprechende Betreuung besuchen können, die auch wieder vor allem im Wald stattfindet. Dafür wird dann besonderes Personal eingestellt. Das läuft meist parallel zu einem Waldkindergarten. Allerdings ist das gerade im Entstehen und es existieren erst ein paar Einrichtungen.

Bildung PLUS: Die Ganztagsschulen bieten mit ihrem Mehr an Zeit zusätzliche Möglichkeiten, die Waldpädagogik zu etablieren. Gibt es bereits Kooperationen der SDW mit Ganztagsschulen?

Rullmann: Bisher gibt es nur Einzelbeispiele, wo im Programm der Ganztagsschule die Waldpädagogik berücksichtigt wird, ähnlich wie bei der Grundschulbetreuung.

Bildung PLUS: Neben den Waldkindergärten bietet die SDW weitere Aktivitäten für Kinder und Jugendliche. Welche sind besonders erfolgreich?

Rullmann: Da wären die Waldjugendspiele zu nennen, die von der SDW in Kooperation mit den Forstverwaltungen organisiert werden. Jedes Jahr nehmen bundesweit 300.000 Kinder und Jugendliche daran teil.
Daneben gibt es die Waldschulheime, die man mit den Jugendherbergen vergleichen könnte. Kinder und Jugendliche erleben dort für eine Woche den Wald und andere Umweltthemen. Diese Waldschulheime, die für Schulklassen konzipiert sind, laufen ebenfalls sehr gut.

Eine neue Initiative der SDW ist der Wald-Profi-Pass, eine Art Sportabzeichen für den Wald, der für das ganze Bundesgebiet vorgesehen ist. Dieser Pass ist in der Nachfolge des Waldläuferbriefes zu sehen, den man als Kind erhalten konnte, wenn bestimmte Stationen zum Thema Wald absolviert wurden. Das gibt es jetzt moderner als Wald-Profi-Pass. Zunächst wird man Wald-Profi, dann Wald-Experte. In Baden-Württemberg, wo es diesen Pass schon gibt, sind innerhalb eines Jahres 30.000 Pässe verschickt worden.
In unserer Jugendorganisation, der Waldjugend, wird die Beschäftigung mit dem Thema Wald auch im jungen Erwachsenenalter fortgesetzt. Die Waldjugend kümmert sich um Aufforstungen und andere notwendige Arbeiten im Wald.

Bildung PLUS: Auf der Tagung der SDW im Juni dieses Jahres ging es auch um die Waldpädagogik von morgen. Wie soll die aussehen?

Rullmann: Es ist das das Ziel der SDW, dass jedes Kind mindesten einen Tag im Jahr im Wald verbringen kann.
Darüber hinaus wollen wir, dass die Waldpädagogik als gleichwertige pädagogische Richtung anerkannt wird. Momentan sind z. B. die Walkindergärten Initiativen, die sich meist selbst finanzieren. Wichtig wäre, dass diese ebenso unterstützt würden wie herkömmliche Kindergärten. Diese Anerkennung ist ein schwieriger Weg, der geduldige Lobbyarbeit verlangt. Unsere Partner dabei sind der Bundesverband der Waldkindergärten und forstliche Verbände, die sich in diesem Bereich engagieren.
Wir treten dafür ein, dass sich die Waldpädagogik öffnet und unkonventionelle Formen der Beschäftigung mit dem Wald findet, Kinder den Wald allein erleben oder einfach nur toben lässt, ganz losgelöst von einem pädagogischen Ansatz.


Christoph Rullmann, 33 Jahre, ist Diplomforstwirt. Er hat in München studiert und war dort an der Universität beschäftigt. Danach hat er beim Bayerischen Waldbesitzerverband gearbeitet und ist seit Anfang 2006 Geschäftsführer der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald.

Autor(in): Ursula Münch
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Datum: 02.11.2006
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