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27. 09. 2001

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Bildung im Kindergartenalter ist Selbstbildung"

Der brandenburgische Bildungsminister Reiche im Interview

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Der brandenburgische Bildungsminister Steffen Reiche

Forum Bildung: Frühkindliche Förderung ist ein in Wissenschaft, Forschung und Politik lange vernachlässigtes Thema in der BRD. In der aktuellen Debatte findet es, wie auch in der Arbeit des Forum Bildung, neue Beachtung. Wie wichtig ist Ihnen Bildung im Kindergartenalter?

Reiche: Bildungs- und Erziehungsprozesse im Kindergartenalter haben in Brandenburg schon immer eine große Rolle gespielt. Das war in DDR-Zeiten so und das ist auch jetzt so. Wir sind hier weiter als viele andere Bundesländer und wollen das in Zukunft noch ausbauen. Beispiel dafür ist die Durchführung des Modellprojekts "Zum Bildungsauftrag von Kindertageseinrichtungen" mit INFANS und den Bundesländern Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt. Mir geht es darum, nicht nur den Erziehungsauftrag von Kitas, sondern auch ihren Bildungsauftrag zu betonen.

Forum Bildung: Und was bedeutet Ihrer Meinung nach Bildung im Kindergartenalter?

Reiche: Bei Bildung im Kindergartenalter geht es nicht um eine kindliche oder kindgemäße Belehrung, sondern darum, ein Umfeld zu organisieren, in dem Kinder selber lernen können. Kinder sollen sich mit Hilfe Erwachsener selber bilden und auch aus ihren Fehlern lernen dürfen. Bildung im Kindergartenalter ist also vielmehr ein Selbstbildungsprozess. Das war auch das Wichtigste, was wir in der Untersuchung INFANS herausbekommen haben, dass Bildung nie dort stattfindet, wo Kindern etwas gelehrt wird, sondern dass die Bildung, die wirklich bleibt, immer die Bildung ist, die sich Kinder in einer für sie gut geschaffenen Umwelt selber geben.

Forum Bildung: Wie können Kindergärten und Kindertagesstätten diesen Selbstbildungsprozess unterstützen?

Reiche: Ein guter Kindergarten zeichnet sich genau wie eine gute Schule, eine gute Hochschule, eine gute Berufsbildung, sprich, ein gutes Leben dadurch aus, dass man die notwendige Gelassenheit besitzt, aus den Fehlern, die wir immer wieder machen, zu lernen. Also, wenn ein Kindergarten dies ermöglicht, Fähigkeiten zu entwickeln, Kompetenzen zu stärken, aber eben auch Fehler, die man selber oder andere machen als Anlass für situationsbezogene Lernprozesse und das heißt Selbstbildungsprozesse zu nutzen, dann ist der Bildungs- und Erziehungsauftrag von Kindergärten erfüllt.

Forum Bildung: Welche Möglichkeiten haben Erzieher/innen, diesen Prozess zu initiieren?

Reiche: Indem sie Kinder als Kinder ernst nehmen und auf ihre Fragen, auf ihre Probleme so eingehen, dass sie sie nutzen, um mit ihnen bestimmte Fähigkeiten und Kompetenzen zu entwickeln. Dass sie mit ihnen ganz bewusst an verschiedene Lernorte gehen, in den Wald, in einen Betrieb oder in einen Supermarkt. Aber auch dadurch, dass sie schon vor der Schule mit ihnen eine Schule besuchen. Ich bin nicht dafür, dass wir ein flächendeckendes Vorschulsystem entwickeln, aber ich bin sehr wohl dafür, dass wir auch den Vormittagsbildungs- und Erziehungsauftrag des Kindergartenalters, also von drei bis sechs Jahren, in einem längeren Schrittverfahren gebührenfrei stellen.
Aber wie gesagt: es darf nicht umkippen zu einer Vorschule, denn Kindergartenkinder sind keine Kleinschüler, sind keine kleinen Erwachsenen.

Forum Bildung: Was halten Sie von der Überlegung, Erzieher/innen an einer Hochschule auszubilden?

Reiche: Das halte ich nicht für notwendig. Aber natürlich ist der Beruf der Erzieherin - leider gibt es ja viel zu wenig Kindergartenmänner - besonders verantwortungsvoll, weil Kinder in diesem Alter so sehr viel lernen.
Wichtig finde ich vielmehr, dass es gelingt, die Eltern mit einzubeziehen, auch in die öffentlich geförderten Kitas.

Forum Bildung: Wie stellen Sie sich die Einbindung der Eltern in die Kitas und Kindergärten konkret vor?

Reiche: Man sollte Eltern die Möglichkeit geben, ganz selbstverständlich mit dabei zu sein. Eltern sind der ungehobene Schatz von Kindergarten und Schule. Wäre ich Kindergartenmann, ich würde mit meinen Kindern aus meiner Gruppe versuchen, die Eltern alle in den Zusammenhängen zu besuchen, in denen sie arbeiten. Jeder Vater, jede Mutter arbeitet - und wenn er/sie zu Hause ist mit dem Kind, ist das eine sehr verantwortungsvolle Arbeit. Das sind Situationen, in denen Kinder etwas lernen können und fürs lebenslange Lernen motiviert werden.

Forum Bildung: In der Grundschule treffen ja dann Kinder unterschiedlicher Vorbildung aufeinander.

Reiche: Was eine notwendige Chance ist! Deshalb haben ja zum Glück alle Länder zumindest eine vierjährige gemeinsame Grundschule und sortieren nicht schon in der Grundschule die Kinder in die guten, die schlechten, die begabten und weniger begabten. Wir in Brandenburg leisten uns zum Glück eine sechsjährige Grundschule.

Forum Bildung: Worin sehen Sie die Vorteile einer sechsjährigen Grundschule?

Reiche: Ich glaube, die Kinder sind gut vorbereitet durch die sechsjährige Grundschule. Die Grundschulzeit ist ein langer, gemeinsamer, integrativer Lernprozess. Die Schüler werden erst zu einem Zeitpunkt, wo es ihnen besser gelingt, Bildungsziele genauer und verlässlicher zu definieren, vor diese Entscheidungen gestellt. Sie wissen mit zwölf oder dreizehn mehr, was sie schaffen können und was nicht.

Forum Bildung: Wie sieht eine gute Grundschule aus?

Reiche: Das Wichtigste ist, dass eine Schule nicht ein Bild hat, dem sie nacheifert, sondern auch Schule sich in einem dauerhaften Lernprozess befindet. Deshalb will ich nicht sagen, wie eine gute Schule aussieht oder zu sein hat. Eine gute Schule ist genau dort, wo sie das Gleiche macht, wie ihre Schüler, nämlich lernen. Denn das schönste Geschenk für lernende Schulen und lernende Lehrer sind lernende Schüler. Dort, wo eine Schule mit ihren Lehrern in einem Lernprozess ist, dort ist auch der Schüler bereit, zu lernen, weil er selber sieht: mein Lehrer, die Schule machen auch Fehler und deshalb darf ich auch Fehler machen.
In diesem Sinne versuchen wir natürlich auch an einigen Stellen Rahmenbedingungen zu geben, damit Schule sich verbessern kann, damit Schule lernt. Wichtig ist, dass wir die Selbständigkeit von Schule ermöglichen.

Forum Bildung: Wie selbständig sind die Grundschulen in Brandenburg?

Reiche: Wir haben in den letzten Jahren aufgrund des starken Geburtenrückgangs viele Grundschulen schließen müssen. Daraus hat bei den bestehenden ein starker Wettbewerb um Schüler eingesetzt. Und dieses sich beweisen müssen, dieses sich durchsetzen, dieser Wettbewerb war für die Grundschulen hilfreich. Das hat ihre Kreativität und Innovationsfähigkeit enorm gesteigert. Und dadurch, dass wir ihnen die Möglichkeit gegeben haben, sich selbständig zu entwickeln, haben sie Profile bzw. ein Schulprogramm entworfen. Es gibt viele Grundschulen, die jetzt in der dritten Klasse die Begegnungssprache einführen. Einige vollziehen diesen Schritt schon in der ersten, andere in der zweiten. Dass sie das so entscheiden, ist ein Ausdruck ihrer Selbständigkeit.

Forum Bildung: Brandenburg reagiert auf den Geburtenrückgang mit der Einführung "Kleiner Grundschulen". Welche Erfahrungen haben Sie bislang damit gemacht?

Reiche: Das ist eine besonders gute, innovative Form. Die kleinen Grundschulen arbeiten jahrgangsstufenübergreifend. Schüler lernen mit Schülern, sie unterstützen sich beim Lernen. Unsere Erfahrung ist, dass das weder den guten und erst recht nicht den schlechteren schadet. Darum wollen wir das System der kleinen Grundschulen mit jahrgangsübergreifendem Unterricht auch auf die erste und zweite Klasse ausdehnen.
Allerdings sind die beiden ersten Klassen eine Art Orientierungsstufe. Es gibt keine Noten. Zusammen mit den Eltern wollen wir überlegen, ob man dieses System um weitere Jahre verlängert oder bereits in der zweiten Klasse Noten einführt.

Forum Bildung: Erfordert das jahrgangsstufenübergreifende Lernen in den "Kleinen Grundschulen" nicht eine erweiterte Lehrerausbildung?

Reiche: Das passiert. Gerade die Grundschullehrer wussten, dass das auf sie zukommt, weil die Einstufungszahlen bereits 1995 dramatisch zurückgegangen sind. Und deshalb haben die Schulleiter zeitig ihre Kollegen zu Fortbildungen geschickt, um den Bestand ihrer Schule zu retten. Wir haben alle Schulen und Kollegien verpflichtet, mindestens 16 Stunden im Jahr schulinterne Fortbildungen zu absolvieren.

Forum Bildung: Sie erwähnten die Einbindung der Eltern in Entscheidungsprozesse. Wie stark ist die Rolle der Eltern in der Grundschule?

Reiche: So stark wie möglich. Eine Gruppe wünsche ich mir in den Grundschulen allerdings viel stärker vertreten. Die Väter. In den meisten Schulen ist der einzige Mann oft der Hausmeister. Alle anderen sind Frauen. Und das ist eine ganz schwierige Situation für Kinder, für Jungen aber auch für Mädchen, die eventuell bei der Mutter oder Großmutter aufwachsen und keine Orientierung an männlichen Leitbildern haben. Die Balance sich als Junge oder Mädchen zu bestimmen bzw. zu definieren wird dadurch bedeutend schwieriger. Und deshalb wünsche ich mir, dass wir mehr Grundschullehrer und Väter gewinnen.

Forum Bildung: Und wie lassen sich die Väter mobilisieren?

Reiche: Ich denke, die Lehrerinnen müssen mehr auf die Väter zugehen, sie stärker einbeziehen. Eltern bringen sich ein, wenn sie gefragt werden, wenn Schule sich für sie öffnet. Die meisten Menschen sind dazu bereit, sich ehrenamtlich zu engagieren, wenn man sie darum bittet. Jeder will gebeten werden, das geht mir übrigens genauso. Als Minister besuche ich alle Schulen dieses Landes, weil sie mich eingeladen haben. Als Vater bin ich noch nie eingeladen worden.

Forum Bildung: Welches sind die Bildungsziele, die heute in der Grundschule zukunftsweisend sind?

Reiche: Die Grundschule hat die Aufgabe, die Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen ebenso zu vermitteln wie Medienkompetenz. Insofern freue ich mich über jede Schule, in der schon in der ersten Klasse im Computerkabinett das Schreiben geübt wird. Sehr wichtig aber ist mir auch das Erlernen von Sozialkompetenz. Ich finde, jedes Kind sollte in der Grundschule üben, vor einer Klasse selber etwas zu machen oder Sitzungen zu leiten bzw. die Sitzung einer Gruppe vorzubereiten. Das ist ein ganz entscheidender Lernprozess der Wahrnehmung von Verantwortung für sich selbst und für andere.
Einführen möchte ich weiterhin die erste Fremdsprache bereits ab Klasse drei. Das soll dann passieren, wenn in allen Grundschulen die Begegnungssprache ab Klasse drei praktiziert wird und die Erfahrungswerte positiv sind. Wir setzen dann die erste Fremdsprache in Klasse drei ein und unterrichten die Begegnungssprache bereits ab Klasse eins.
Dann gehören aber auch bestimmte Grundkompetenzen dazu. Ich bin dafür, dass man ein Kerncurriculum für die Grundschule verabschiedet, in dem festgehalten wird, welche Fähigkeiten und Kenntnisse ein Schüler nach der sechsten Jahrgangsstufe haben sollte. Bestimmte Dinge muss man als bekannt voraussetzen können. Zum Beispiel, was er bis zu seinem Abschluss gelesen haben sollte. Letzten Endes geht es auch um den Erhalt einer Kultur. Ich muss mich auch in Deutschland im 21. Jahrhundert darauf verlassen können, dass man Märchen wie Dornröschen oder das Rumpelstilzchen kennt oder den Faust gelesen hat.
Aus diesem Grund befürworte ich auch die Einführung von Vergleichsarbeiten in der Grundschule. Schulen sollen sich untereinander vergleichen, um ihren Wissenstand zu überprüfen. Wie hat der Mathe- oder Deutschlehrer im Vergleich zu dem oder dem gearbeitet. In Brandenburg gibt es deshalb ab diesem Schuljahr erstmals eine Vergleichsarbeit in Klasse fünf.


Forum Bildung: Selbständigkeit spielt in den Lernprozessen also eine große Rolle.

Reiche: Eines der wichtigsten Ziele von Schule ist es, kreative, selbständige Menschen auszubilden. Eine Schule, die nicht selber selbständig ist, kann keine selbständigen Menschen ausbilden und kann auch nicht Kreativität ausbilden.
Deshalb ist es auch eine große Chance, dass es heute ein anderes Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern gibt. Lehrer lernen heute auch, anders als früher, von den Schülern. Auf diese Weise kommen ganz andere Lernprozesse zustande.

Forum Bildung: Von den Schülern zu lernen, das fällt doch einigen Lehrern bestimmt schwer.

Reiche: Ja, aber viele haben die notwendige Souveränität. Der Coach einer Fußballmannschaft ist auch nicht der, der alles vormachen kann. Aber er war mal ein guter Fußballspieler. Der Lehrer war auch einmal ein guter Lerner und ist es noch. Er trainiert seine Schüler so, dass sie selber lernen. Und da sind die vier Vormittagsstunden zwar wichtig, aber wichtiger noch ist, dass in der Schule Lernprozesse angestiftet werden, die die Kinder zuhause dann weiterführen.


Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 27.09.2001
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