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03. 07. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Raus aus dem sprachlichen Abseits

Das Projekt "Die Welt spricht Fußball" will Kindern mit Migrationshintergrund die deutsche Sprache näher bringen

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Projektteilnehmer von "Die Welt spricht Fußball"

Die Fußballfreunde aus aller Welt sind vor den Großbild-Leinwänden, auf den Fanmeilen und in Kneipen allgegenwärtig. Nicht zu letzt die bunten Fahnen- und Farbenmeere in den Stadien verdeutlichen den völkerverbindenden Charakter des allseits beliebten Sports, der Menschen aus aller Welt zusammenführt. Ähnlich multikulturell geht es auch auf den Pausenhöfen des Landes zu. Bis zu zwanzig Nationen an einer Schule sind im Einwanderungsland Deutschland längst keine Seltenheit mehr.

Ein solcher Schmelztiegel ist auch die Scharrerschule in Nürnberg, hier treffen sogar dreißig Herkunftssprachen aufeinander. Und doch unterscheidet sich die Nürnberger Grund- und Hauptschule erheblich vom Nürnberger WM-Stadion. Statt völkerverbindender Integration ist an der Brennpunktschule mit einem Migranten-Anteil von rund 60 Prozent die herkunftsbedingte Isolation an der Tagesordnung. Der Rückzug in das muttersprachliche Refugium ist ein Phänomen, das sich vielerorts beobachten lässt, denn dem für alle Schüler gleichen Deutschunterricht gelingt es meist nicht, die heterogene Sprachkompetenz der Migranten-Kinder auszugleichen. Hier setzt der Dortmunder Germanist Dr. Uwe Wiemann mit seinem Projekt "Die Welt spricht Fußball" an, mit dem er Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund vor dieser "Abseitsfalle" bewahren will.

Ernüchterung vor dem Anpfiff
Um die Schüler für den Umgang mit der ungeliebten Grammatik und für die aktive Auseinandersetzung mit der deutschen Sprache zu gewinnen, setzt Wiemann auf zusätzlichen Förderunterricht und die Hilfe von König Fußball. Der Euphorie der Weltmeisterschaft können sich nämlich auch die Sportmuffel nicht gänzlich entziehen und viele Schüler mit Migrationshintergrund kicken in der großen Pause selbst auf dem Schulhof und träumen davon, der nächste Zinedine Zidane zu werden. Ein Traum, den auch die jungen Kicker von der Scharrerschule träumen. 

Hier ist "Die Welt spricht Fußball" im März dieses Jahres angelaufen. Das Pilotprojekt wurde gemeinsam mit dem Verein zur Förderung von Bildung und Ausbildung e.V. (VBA Nürnberg) durchgeführt und vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge der Stadt Nürnberg, der Deutschen Akademie für Fußballkultur und weiteren Partnern unterstützt. Für den dreizehnwöchigen Förderkurs wurden zweiundzwanzig Schüler mit insgesamt neun verschiedenen Herkunftssprachen ausgewählt, die einmal pro Woche ein zweistündiges Training mit Ball und Worten absolvierten.

Aus 200 Fünft- und Sechstklässlern wurden nach einem Eingangstest bewusst die zwanzig schwächsten Schülerinnen und Schüler ausgewählt. Um die Effektivität der Förderung zu erhöhen, sah das Konzept die Anpassung der Deutsch-Trainingseinheiten an die individuellen Defizite der Gruppe vor. Doch mit der Auswertung der Testergebnisse kam die große Ernüchterung. "Die Analyse war erschreckend", erinnert sich Ulla Marx vom VBA. "In jedem grammatischen Kapitel gab es große Probleme."

So sei keine einheitliche Groß- und Kleinschreibung zu erkennen gewesen und Wort- und Satzgrenzen hätten teilweise komplett gefehlt. "Ich habe mir die Problematik an den deutschen Hauptschulen schlimm vorgestellt, aber nicht so schlimm", sagt Marx. "Wir wussten gar nicht, wo wir anfangen sollten." Die diplomierte Germanistin arbeitet seit 25 Jahren als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache und hat gemeinsam mit ihren Kollegen Karl-Heinz Schoppelrey und Klaus Kranz das Projekt an der Scharrerschule Nürnberg betreut.

Der Ball ist rund und das Spiel wird groß geschrieben
Eine wichtige Aufgabe des Fußballtrainers ist es, seine Mannschaft richtig aufzustellen, um auch gegen überlegene Gegner zum Erfolg zu kommen. Auch an der Scharrerschule mussten taktische Wechsel vorgenommen werden, denn das ursprüngliche Material, dass einen ganzheitlichen Ansatz vorsah, vertrug sich nicht mit den Ergebnissen des Tests. "Wir hatten Präpositionen, ein bisschen Dativ, ein bisschen Akkusativ", beschreibt Ulla Marx die Unterrichtsmaterialien, die sich bis dato bewährt hatten. Die Organisatoren sahen sich aber mit viel grundlegenderen Defiziten konfrontiert. Statt Verästelungen der deutschen Sprache wurden Nomen, Verben, Adjektive und Satzzeichen auf den Trainingsplan gesetzt. Die neuen Übungen hatten natürlich noch immer den direkten Bezug zum Fußball. So haben die Schüler beispielsweise mit einer Magnettafel und 17 bunten Pins die Namen aller WM-Teilnehmer gelernt und begeistert die Fußballgeschichte "Ein Zwilling kickt selten allein" von Christian Tielmann gelesen.

Auch die Idee, Deutschunterricht und Fußball eng miteinander zu verzahnen, musste über Bord geworfen werden, als sich herausstellte, dass die Probleme der Schüler fast ausschließlich im schriftsprachlichen Bereich angesiedelt waren. In der gesprochenen Sprache waren bis auf leichte Akzente wenig Fehler ausfindig zu machen. "Die Kinder müssen sich in erster Linie hinsetzen und schreiben" sagt Ulla Marx, und so wurde ihnen in fast jeder Stunde ein kleines Diktat verordnet. Um die nötige Konzentration nach sechs Stunden Unterricht zu gewährleisten, wurde auf das dynamische Wechselspiel von Fußball und Deutsch verzichtet.

In Anlehnung an den Profifußball erfolgte der Einstieg in den Kurs, indem die Kinder ihre Verträge unterzeichneten, ganz wie es die großen Fußballstars machen. Zu Beginn der ersten Übungsstunde wurden sie in zwei Mannschaften aufgeteilt, bekamen ihre Trikots und schon konnte das erste Aufwärmtraining mit Sportlehrer Igor Weber beginnen. Danach folgte in den Seminarräumen der Deutschunterricht bei den VBA-Experten. Im letzten Drittel durfte dann endlich gebolzt und an verschiedenen Stationen geübt werden. Cheftrainer Weber, der selbst ein Migrant ist und an der VBA Deutsch als Fremdsprache gelernt hat, kennt die Situation der Kinder aus eigener Erfahrung und hat einen professionellen Trainingsplan ausgearbeitet, von Ballannahme bis zur Dribbling-Übung war alles dabei.

Der Einsatz außerschulischer "Lehrer", die sich auf Deutsch als Fremdsprache spezialisiert haben, öffnet das Feld für neue Herangehensweisen an die Sprache, die der reguläre Unterricht nicht zu leisten vermag. "Die Kinder bräuchten einen ausdrücklichen Fremdsprachenunterricht in Deutsch", attestiert Ulla Marx. "Die haben im normalen Unterricht keine Chance".

Wenn Sprache Spaß macht
Ein Problem sieht Ulla Marx in den vielen Fehlzeiten ; so waren aus der ersten Gruppe nur zwei Schüler von elf immer dabei. Hauptgrund für ungewöhnlich hohe Fehlzeiten ist nach Frau Marx, dass in vielen Elternhäusern die Einsicht in die Notwendigkeit des zusätzlichen Angebotes gefehlt hat, zum Teil auch deshalb, weil "Die Welt spricht Fußball" nur auf das Kicken reduziert wurde. Die Kinder selbst seien jedoch sehr gerne gekommen. "Sie haben gemerkt, dass es auch Spaß machen kann, sich mit Sprache zu beschäftigen." Mit dem Spaß kommen auch die Erfolge: Alle Teilnehmer haben ihre Fähigkeiten etwas verbessert und ihre Fehlerquote in den während des Projektes bearbeiteten Bereichen um bis zu 80 Prozent gesenkt. Im Vergleich zum Eingangstest wurden Nomen nur noch vereinzelt klein geschrieben. Die Kinder haben angefangen, über die Sprache nachzudenken. "Ein Schüler hat gesagt, dass er die Wörter jetzt nicht mehr `einfach so´ hinschreibt", so Ulla Marx. Ein zweiter hat seine Fehleranzahl im Diktat von dreißig auf drei gesenkt - statt einer Fünf stand plötzlich eine Eins im Heft und die Freude war groß beim neuen "Star der Hauptschule".

"Ein Ausnahmefall" relativiert Ulla Marx den temporären Überflieger. "Es ist fraglich, ob die Schüler durch das Projekt am Ende bessere Noten haben". Die Ergebnisse des Abschlusstestes werden noch von der Universität Dortmund ausgewertet. Danach wird entschieden, wie es mit dem Projekt weitergeht. Die Stadt Nürnberg hat jedoch schon Interesse bekundet, den Fußball-Sprachkurs auch an anderen Hauptschulen anbieten zu wollen. Beim nächsten Mal sollen allerdings die Klassenlehrer mit einbezogen werden, denn Ulla Marx wünscht sich den direkten Draht ins Klassenzimmer. Etwas mehr Nachspielzeit hätten sich die Betreuer allerdings schon gewünscht. "Eigentlich müssten wir nach diesen dreizehn Wochen noch weiter machen, bis bei den Kindern insgesamt eine Verbesserung der Sprache eintritt", bekräftig Ulla Marx und spricht sich für die frühe Förderung aus. "Ich würde mir wünschen, dass die Kinder schon im Kindergarten und in der Grundschule parallel zum Deutschunterricht gefördert werden".

Autor(in): Matthias Denke
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Datum: 03.07.2006
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