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26. 06. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Zweite Chance

Alphabetisierungsprojekte nutzen die Chancen Neuer Medien

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Zielmarke, Quelle: Photocase

Experten gehen davon aus, dass es bundesweit etwa vier Millionen funktionale Analphabeten gibt. Das heißt, dass sie in Grundzügen des Lesens und Schreibens mächtig sein können, dass sie aber - so eine Definition - "die gesellschaftlichen Mindestanforderungen an die Beherrschung der Schriftsprache, deren Erfüllung Voraussetzung zur Teilnahme an schriftlicher Kommunikation in allen Arbeits- und Lebensbereichen ist", unterschreiten.

Im Zuge der PISA-Studie ist klar geworden, dass in Bezug auf funktionalen Analphabetismus mehr und zu einem früheren Zeitpunkt gehandelt werden muss: "Das gilt für die Arbeit in der Schule genauso wie für die kompensatorische Erwachsenenbildung", so das Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Problem erkannt, doch nicht gebannt
Bereits in den 70er und 80er Jahren wurde zunehmend deutlich, dass unzureichende Lese- und Schreibkompetenzen immer mehr Menschen zu Verlierern auf den Arbeitsmarkt machen. Es entwickelte sich ein bildungspolitisches Problembewusstsein. Seitdem ist vieles passiert: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung gab Studien und Projekte in Auftrag, welche die Entstehung von Analphabetismus in Deutschland untersuchen sollten. Zudem wurden Konzepte für den Unterricht und die Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern erarbeitet. 

Die Kurse zur Alphabetisierung beziehungsweise zur Grundbildung werden zu circa 80 Prozent von Volkshochschulen angeboten. Laut Monika Tröster, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung, gibt es zwar zahlreiche VHS-Angebote und Projekte, doch nicht mit nachhaltiger Wirkung oder gar grundlegenden Änderungen im Bildungssystem. Öffentliche Gelder für den Ausbau einer bundesweiten Infrastruktur für die Alphabetisierung von Erwachsenen stehen dem Volkshochschulverband nicht mehr zu Verfügung. "Der Bund fördert immer wieder einzelne Modellprojekte, doch für die Rahmenbedingungen der Lese- und Schreibkurse sind vor allem die Länder zuständig. Nicht jeder Erwachsene, der Mut gefasst hat und einen Kurs besuchen will, findet derzeit in erreichbarerer Nähe ein entsprechendes Angebot", heißt es einer Pressemitteilung des Bundesverbands für Alphabetisierung vom November 2005. An dieser Stelle können E-Learning-Angebote die Situation lindern. Zwar können E-Learning-Portale zur Alphabetisierung nicht die Qualität eines lebendigen persönlichen Unterrichtes bieten, doch sie besitzen ihre eigenen Chancen und Vorteile.

Zwei Kulturtechniken im Zusammenwirken
Bis vor kurzem gab es in Deutschland nur vereinzelt Versuche, Neue Medien in die Grundbildung beziehungsweise Alphabetisierung einzubinden. Ein Grund dafür ist, dass die notwendigen Rahmenbedingungen, wie etwa entsprechend ausgestatte PC-Räume, häufig nicht gegeben sind. Dabei gilt Medienkompetenz neben Lesen, Schreiben und Rechnen mittlerweile als vierte "Kulturtechnik". Wer in der schnelllebigen Medienlandschaft nicht über diese Kompetenz verfügt, wird schnell erfahren, was es heißt "ausgegrenzt zu sein". "Interessante Veränderungen sind mit den Neuen Medien verbunden, die als ein Motor gesellschaftlicher Entwicklung auch Bewegung in den Bereich Alphabetisierung/Grundbildung brachten", so Monika Tröster. Daher förderte das Bundesministerium für Bildung und Forschung zwei innovative Projekte, die Neue Medien in die Alphabetisierung einbinden: Das Projekt "@lpha" im Zeitraum von Oktober 2001 bis November 2004 und das Projekt "Apoll" vom Oktober 2002 bis September 2005.

"@lpha" schuf Lernsoftware für Weiterbildungseinrichtungen
Das Projekt @lpha wurde vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung durchgeführt und strebte an, Modelle für Weiterbildungseinrichtungen für Multimedia-Software zu entwickeln. "Dabei wurde ein partizipativer Ansatz verfolgt: Die Lernenden waren am Entstehungsprozess beteiligt. Das ermöglicht eine stärkere Identifikation mit den Inhalten und fördert insgesamt die Motivation", berichtet Monika Tröster, die das Projekt begleitete.

Aus diesem Ansatz entstanden zwei lebens- und arbeitsweltorientierte Lernsoftware-Produkte: "Durch Kraut und Rüben. Lesen und Schreiben für Beschäftigte in Küche und Kantine" (berami. Berufliche Integration e.V., Frankfurt) und "Die bunte Welt der Salate. Eine Auswahl für das Salatbuffet". "Berami" wurde als Lernsoftware mit dem "Europäischen Sprachensiegel 2004" ausgezeichnet. Die beiden Beispiele für Lernsoftware sind als CD-Rom erhältlich. Eine gekürzte Fassung ist im Internet (www.die-alpha.de) unter dem Menüpunkt "Produkte" zu finden. Außerdem entwickelte das IB-Technik-Zentrum für Mädchen und Frauen die Software "Was kostet das Leben?" und die JVA Wiesbaden "Mathematik am Spieltisch. Medienbasierte Grundbildung in der Berufsvorbereitung und Ausbildung jugendlicher Strafgefangener".

Bei der Entwicklung wurde mit einem Autorenprogramm gearbeitet, das die Erstellung von Lernprogrammen erleichtert, da keine Programmierarbeit notwendig ist. Auch können erarbeitete Lernmodule jederzeit weiterentwickelt werden "eine wichtige Vorraussetzung für das Arbeiten mit der Zielgruppe und ihren individuellen Bedürfnissen und Möglichkeiten", wie Monika Tröster betont. Die Projektpublikation "Neue Medien bewegen die Grundbildung. Lernprogramme - Konzepte - Erfahrungen" beschreibt die Vorraussetzungen des Entwickelns multimedialer Lernprogramme.  Hier findet der Interessierte praktische und handlungsorientierte Anregungen.

"Zweite Chance Online" schafft Perspektiven
Auch die Weltalphabetisierungsdekade der Vereinten Nationen zielt vorrangig darauf ab, das Analphabetentum zu reduzieren, bekämpft parallel aber auch den so genannten "digital divide", das heißt die Spaltung der Welt in "Onliner" und "Offliner" , indem benachteiligten Regionen ein besserer Zugang zur Nutzung digitaler Techniken eröffnet werden soll. Am 8. September 2004, dem UN-Weltalphabetisierungstag, ging "ich-will-schreiben-lernen.de" online. Es unterstützt sowohl das anonyme Lernen von zu Hause aus als auch das Lernen im Lese- und Schreibkurs. Der Deutsche Volkshochschul-Verband e.V. und der Bundesverband Alphabetisierung hat mit Unterstützung des BMBF im Rahmen des Projektes Apoll von 2002 bis 2005 das Lernportal "ich-will-schreiben-lernen.de" ins Leben gerufen. Besucher der Seite mit unterschiedlichen Lernniveaus erhalten zugeschnittene Lernpakete mit verschiedenen Übungseinheiten. Die Verständlichkeit der Aufgaben wird durch auditive Elemente und durch zahlreiche Bilder, Symbole und Animationen erleichtert. So unterstützt das Projekt zugleich die Kursarbeit, bietet Lernenden eine niedrigschwellige, orts- und zeitunabhängige Lernumgebung und nutzt auf diese Weise optimal Chancen der neuen Medien.

Ein weiteres Internetportal zur Unterstützung funktionaler Analphabeten ist "Zweite Chance Online", das aus dem Projekt "Apoll" (Portal Literacy Learning) hervorgeht. Dieses Jahr wurde "Zweite Chance Online" auf der Didacta vorgestellt. Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Beim Folgeprojekt "Portal Zweite Chance Online" können die Initiatoren auf die Erfahrungen und Ergebnisse des Projektes Apoll zurückgreifen. Die einzelnen E-Learning-Module des Portals werden im Praxiseinsatz ständig erprobt und verbessert. Dabei zielen sie darauf, das Lernportal weiterzuentwickeln sowie zusätzliche Lernwelten zu erschließen und aufzubauen. So wird sowohl Lesen, Schreiben und Rechnen als auch Englisch im Internet erlernbar.

Die schon mit "Apoll" Lernenden können hier eine weitere Perspektive entwickeln. Sie werden mit Hilfe eines Kurses auf die Erlangung des Schulabschlusses vorbereitet. Auch ist es Ziel der Initiatoren, die Zielgruppe um Erwachsene zu erweitern, die bereits lesen und schreiben können, jedoch keinen Schulabschluss haben und von Arbeitslosigkeit bedroht oder betroffen sind. Des Weiteren wird das Lernportal durch ein Informationsportal begleitet werden, das mit bereits existierenden Datenbanken wie dem "Good practice Center Benachteiligtenförderung" des BiBB vernetzt werden soll. Hier können Interessierte allgemeine und spezielle Informationen zum Nachholen von Schulabschlüssen sowie Beratungs- und Weiterbildungsangebote in der Region recherchieren.

Bereits jetzt können für den Bereich Volkshochschulen über das Portal Apoll Kurse und Ansprechpartner gefunden werden, ein Service, der gerne genutzt und noch weiter ausgebaut wird. Außerdem stehen zahlreiche Daten und Fakten oder auch Ansprechpartner zum Thema "Nachholen von Grundqualifikation und Schulabschlüssen im Erwachsenenalter" für Journalisten und die allgemeine Öffentlichkeit zum Abruf bereit. Derzeit lernen cirka 5400 Personen anonym regelmäßig mit Hilfe des Portals "Apoll" und werden dabei von Online-Tutoren betreut. Außerdem nehmen etwa 750 Menschen an VHS-Kursen teil, die mit der Unterstützung von 250 Kursleiterinnen und Kursleitern am Computer lernen. Die rege Nachfrage verrät, die Vorteile des E-Learnings liegen auf der Hand: Die oft von Analphabeten oder Menschen mit Defiziten in der Grundbildung gewünschte Anonymität wird gewahrt. Das zeit- und ortsunabhängige Lernen macht es den Berufstätigen oder sogar Doppelbelasteten leichter. Schließlich werden auf diese Weise zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen - die Lernenden trainieren sowohl herkömmliche Kulturtechniken als auch ihre Medienkompetenz.      

Autor(in): Katja Haug
Kontakt zur Redaktion
Datum: 26.06.2006
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