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12. 06. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Wie wissenschaftlich sind die Neuen?

Wege der Germanistik im Zuge der Bachelor- und Masterstudienreform

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Universität zu Bonn

Mit dem Mut der Verzweiflung retten sich manche Studentinnen und Studenten in die Sicherheit altbewährter Studiengänge, hat der Marburger Erziehungswissenschaftler Rainer Brämer beobachtet. Da stellt der Arbeitgeber später keine dummen Fragen über die Bedeutung des Abschlusses und man kann sich bei der Studienplanung noch auf den Rat älterer Semester stützen. Die Wissenschaftlichkeit von Magister- und Diplomstudien wird zumindest nicht angezweifelt. Bachelor- und Masterstudierende hingegen werden nicht selten als "Schmalspurstudenten" betitelt.    

Vom Ausverkauf der Bildung im Zuge der Bachelorstudien ist die Rede oder plakativ von der McDonaldisierung der Bildung. McDonaldisierung, weil beim Bachelor - und Masterstudiengang die Studiengänge in Module aufgegliedert werden, für die es europäisch einheitlich anerkannte Leistungspunkte gibt. Bildungshäppchen statt Weltwissen. Verwertbarkeit des Studiums anstelle der Freiheit von Lehre und Forschung, lautet die hinter diesem Slogan stehende Befürchtung.

Viele halten die Reform der Studiengänge allerdings für sinnvoll und nötig: Damit soll die für Deutschland typische hohe Anzahl an Studienabbrechern gesenkt und die Studienabgänger besser auf den weltweiten Arbeitsmarkt vorbereitet (Employability) werden. Der mit der Umstellung verbundene Zeitdruck war den Philosophen und Wissenschaftlern im neunzehnten Jahrhundert fremd, auf die sich manche Universität noch im Namen beruft.

Vom Studium mit Umwegen zum Studium ohne Umwege
"Jeder Mensch hat durch Erfahrung, durch Betrachtung des sich darbietenden Einzelnen, ein Wissen um mancherlei Dinge erlangt: aber nur wer sich die Aufgabe macht, über irgendein eine Art von Gegenständen vollständige Erkenntnis in abstracto zu erlangen, strebt nach Wissenschaft", soweit das Wissenschaftsverständnis des Philosophen Arthur Schopenhauer um 1820. Nach der aktuellen Reform der Studienlandschaft fragt sich, wer noch Zeit, Muße und Geld hat, um eine "vollständige Erkenntnis" auch nur im eng umzirkelten Feld seiner Spezialwissenschaft zu erlangen. 

Der wissenschaftliche Anspruch des Bachelorstudiengangs ist weiterhin gewährleistet - so der Standpunkt der HRK. Auch wenn sie bestätigt, dass ein sechssemestriges Studium im Vergleich zum neunsemestrigen Diplom oder Magisterstudiengang inhaltlich verkürzt ist. Die Hochschulrektoren vertreten die Ansicht: "Auch im Bachelor-Studium lernen die Studierenden die Wissenschaft ihres Faches oder Ihrer Fächer gründlich kennen." Alle wichtigen Theorien und Inhalte, Forschungsmethoden und Methoden wissenschaftlichen Arbeitens würden vermittelt. Insgesamt bereitet der Gesichtspunkt der Wissenschaftlichkeit im Zusammenhang mit der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge der HRK kein großes Kopfzerbrechen. Im Moment dominieren organisatorische Fragestellungen: Wie hoch ist der Anteil der umgestellten Bachelor- und Masterstudiengänge? Wie verändert die gestufte Studienreform die Lehrerbildung? 

Der Teufel steckt im Detail, gerade im Bologna-Prozess, einem ungeheuer komplexes Reformwerk, bei dem noch niemand genau absehen kann, was es bewirkt. Das weiß auch Karlheinz Fingerhut, Germanist an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, der in seinem Vortrag "Bachelor und Masterstudiengänge für künftige Lehrer im Fach Deutsch" zeigt, welche Chancen und Risiken in der Umstellung der alten Studienmodelle auf die neuen stecken. Bei der Modularisierung des Bachelor- und Masterstudiums müsse sich, so der Tenor seiner Ausführungen, die Einstellung der Hochschullehrenden zum Teil grundlegend ändern, damit die Studienreform nicht ins Leere läuft und lediglich alter Wein in neue Schläuche gegossen wird. 

Die große Bologna-Reform gelingt nur, wenn neben den organisatorischen Herausforderungen, die gewaltig seien, auch ein Mentalitätswandel bei Professoren stattfindet. Sie müssten "lernen, die Gegenstände des Faches neu zu sehen, sie auch anders als man es bisher gewohnt ist zu beforschen", urteilt Karlheinz Fingerhut. Dabei geht es nicht so sehr um die Vermittlung "vollständiger Erkenntnis", sondern darum, die Lese- und Lerngewohnheiten der Studentinnen und Studenten bei der Festlegung der Modulinhalte zu berücksichtigen und weniger die wissenschaftlichen Steckenpferde der Professoren.  

Module sind die neuen Bausteine des Studiums. "Im Modulsystem sind die Lehrveranstaltungen zu thematisch zusammenhängenden Veranstaltungsblöcken zusammengefasst, für die jeweils eine Gesamtnote vergeben wird", so die Definition der HRK. Im Fach Germanistik, so Karlheinz Fingerhut, werde sich nach der Modularisierung beim Bachelor das Spektrum der wissenschaftlichen Tätigkeiten erweitern. Fingerhut hält selbst Klausuren nach dem Strickmuster von PISA-Aufgaben an Hochschulen für möglich. Neben klassischen Klausuren und Referaten würden sich Arbeitsformen wie Textkommentare, Schreibübungen, Präsentationen oder Multiple-Choice-Tests etablieren. "Zeit für Umwege", wie es die alte Studienordnung erlaubte, werde es nicht mehr geben: "Und das ist der Stachel des Effektivitätszwangs." 

Wie Bologna die Germanistik verändert
Beim Masterstudiengang werde der Perspektivenwechsel, der von den Hochschullehrern erwartet wird, noch deutlicher, so Germanist Fingerhut. Unter Freiheit von Forschung und Lehre verstand der Professor: "Er wählt sein Thema, er akzentuiert und strukturiert den Gang der Lehrveranstaltung, er legt die Themen der Referate fest." Der für die Haupt- und Oberseminare verantwortliche Lehrstuhlinhaber plane mehr für sich als für seine Studierenden. In Zukunft muss der Professor seinen Gaul, die Wissenschaft, anders herum aufzäumen. Bologna bringt ihn dazu, jede Lehrveranstaltung aus dem Blickwinkel seiner Klientel, den Studierenden zu konzipieren. "Sag mir, wie im Zielfeld mit den hier studierten Fachgegenständen gearbeitet wird − und ich sage dir, ob sie im Masterstudienmodul einen Platz haben", meint Fingerhut. Die Lehrenden müssten sich in Zukunft genauso sehr Gedanken über die Lehrtätigkeit machen wie über die Praxisfelder, auf dem das Gelernte gebraucht wird. 

Die "Entrümpelung" des Curriculums im Fach Germanistik richte sich nach der Nachfrage der Studierenden, die eine professionalisierte Ausbildung erwarten, und nach dem Schulfach Deutsch am Gymnasium. Der Germanist erwartet daher, dass die "im Deutschunterricht wichtigen Gegenstandsfächer auch wichtige Studienfelder werden: "Kafka und der Expressionismus werden diese Akzentuierung besser überleben als Thomas Mann und der Ästhetizismus. Epochenumbrüche werden eher modulkonstituierend sein als die traditionell in Hauptseminaren verhandelten Spezialfragen", prognostiziert Karlheinz Fingerhut. 

Voraussetzungen für das Gelingen der Studienreform: Verstärkte Kooperationen und Absprachen zwischen Dozenten, neue Arbeitsformen und die Einbeziehung von Studierenden in die Lehre und neue Profilbildungen bei den Studieninhalten seien Voraussetzungen. 

Lehrerbildung − fünftes Rad am Wagen der Wissenschaft
Bei der Lehrerbildung wird die Wissenschaftlichkeit praktisch - berufspraktisch. Erkenntnisse der Lernpsychologie und Entwicklungspsychologie gepaart mit Aspekten der Schulforschung münden in die Qualifizierung des angehenden Lehrers, einem "Experten für das Lernen". Immer bedeutender wird vor diesem Hintergrund die Lehrerbildung als Bildungswissenschaft, die sich nicht mehr so sehr auf die traditionell geisteswissenschaftliche Grundlegung verlässt, sondern auch empirische Forschung betreibt. 

Es gibt keine grundlegende Bildungsreform ohne die Reform der Lehrerbildung, behauptet Ludwig Eckinger, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE). Doch er sieht nicht, dass im Zuge des Bologna-Prozesses auch die Lehrerbildung grundlegend reformiert würde, was sie allerdings müsste. Internationale Schulleistungsstudien haben das zur Genüge untermauert. Bisher, so Eckinger, sei die Lehrerbildung innerhalb der Hochschulen als "fünftes Rad am Wagen der Wissenschaft" behandelt worden.

Dabei würden die Grundlagen jeden wissenschaftlichen Arbeitens in der Schule gelegt. Eckinger sieht zwei neue Typen von Hochschullehrern heraufziehen: den Lehrprofessor, mit weniger wissenschaftlichem Renommee und den Forschungsprofessor, der die Lorbeeren erntet. Die meisten Lehrenden wollen sich natürlich in die Riege der Forschungsprofessoren einreihen. Der VBE lehnt daher auch eine daraus folgende Unterscheidung nach "niederen und höheren Lehrämtern ab, die unter dem "Bologna-Deckmantel" eingeführt werden könnten.

Die Lehrerbildung müsse vom Kopf auf die Füße gestellt werden: Sie bräuchte einen festen Ort an der Universität. Die Lehramtsstudierenden wünschten sich eine wissenschaftliche "Heimat" an der Universität. Diese hätten derzeit nur wenige Universitäten mit Lehrerbildungszentren eingerichtet. Die Lehrerbildung bräuchte den Status einer Berufswissenschaft und Lehrende müssten zu Experten im Arrangement von Lernprozessen ausgebildet werden. Deutschland müsse den Weg in eine "problemorientierte Lehrerbildung" finden.

Zudem würden im deutschen Schulsystem Leistung und Auslese miteinander verwechselt. Die traditionelle Lehrerbildung habe sich dieser Verwechslung untergeordnet, kritisiert Ludwig Eckinger. Der Umstrukturierung der Lehrerbildung in Bachelor- und Masterstudiengänge dürfe nicht dazu missbraucht werden, die Vorstellung der Selektion aufzupolieren und Abschlüsse für Billiglehrer bereitzuhalten. Der Verband fordert daher für alle Lehrämter einen Masterabschluss und macht sich Sorgen über den drohenden Qualitätsverlust der wissenschaftlichen Ausbildung im Zuge des Bologna-Prozesses, weil er nicht sieht, dass die Bundesländer nennenswert mehr Mittel für die Betreuung der Studierenden einplanen wollen. 

"Eine moderne Interpretation der akademischen Ausbildung"
Niemand bestreitet, dass zumindest das Bachelorstudium deutlich gestraffter als die traditionellen Studiengänge ist. Die Trias von Wissenschaftlichkeit, Methodenwissen und Berufsorientierung wird in drei Jahren untergebracht. Nicht wenige haben deswegen Bedenken. So bezweifelt Erziehungswissenschaftler Rainer Brämer, dass die Balance zwischen den Theorieanteilen und den Praxisanteilen so hergestellt wird, dass eine Verbesserung der Qualität wissenschaftlicher Ausbildung die Folge ist. Bei den gestuften Studiengängen würde "unentwegt geprüft", aber die Wissenschaftlichkeit werde dabei nicht gestärkt.

Anders Lars Hüning vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Er sieht im Bachelor- und Mastersystem eine "Chance auf eine moderne Interpretation der akademischen Ausbildung". Man müsse beim Bachelor zwar "Abstriche beim Fachwissen" machen. Aber gelungene Bachelor-Konzepte führten dazu, dass die Absolventen die wesentlichen Grundlagen des Fachs kennen, lernen selbstständig zu arbeiten und ihr Wissen zu erweitern sowie soziale Kompetenzen erwerben" − das sei vor dem Hintergrund der arbeitsteiligen Wissensgesellschaft wichtig. Insofern sei die Bachelorausbildung ein zentrales Element des gestuften Studiensystems. Es dürfe aber darauf nicht reduziert werden. Im Masterbereich, der vielfältige Möglichkeiten auch im Bereich der Forschungs- und Wissenschaftsausbildung bietet, könne das Studium fortgesetzt werden. Auch wenn man zunächst lieber einige Berufserfahrung sammeln möchte. 

"Eine bunte Tüte Gummibärchen"
Wie kann das zusammengehen? Kürzere Studienzeiten bei gleichzeitiger Ausdehnung des Wissens, Schnellstudium in einer Welt, in der sich die Menschen und Gruppen zunehmend verflechten und die daher zunehmend unübersichtlicher wird. Klar ist: In der Wissensgesellschaft kommt es mehr denn je auf Orientierungswissen an. Dem Germanisten Matthias Bickenbach an der Universität Köln zufolge fehlt dieser Überblick bei der Neugestaltung des Germanistikstudiums. Das neue Angebot komme ihm wie eine "bunte Tüte Gummibärchen" vor. Es gebe keinen "Masterplan", also kein übergreifendes Konzept, nach dem die Germanistik zu Bachelor- und Masterstudiengängen umgebaut wird. Das Bachelorstudium hält er für inhaltlich überladen. Auf den Druck, viel Stoff in weniger Zeit unterzubringen, reagiere der Dozent, indem er in Hauptseminaren ein Überblickswissen biete, ohne den durchgenommenen Stoff vertiefen zu können. Dabei entstehe die Gefahr, dass Auswendiglernen mit Wissen verwechselt werde. Um Zusammenhänge zu erfassen, brauche es mehr Zeit als drei Jahre. Er bedauert daher, dass die Regelstudienzeit für ein Bachelorstudium in Deutschland drei Jahre und, nicht wie etwa in den USA, vier Jahre dauert.

"Vollständige Erkenntnis in abstracto" ist ein hochgestecktes wissenschaftliches Ziel. Und es wird durch die Expansion des Wissens für die einzelnen Studierenden zunehmend schwierig, dieses Ziel zu erreichen, sei es dass sie einen Abschluss nach dem neuen Studiensystem machen oder nach dem alten. Bei der Studienreform im Bologna-Geiste geht es auch in erster Linie gar nicht so sehr um die Wissenschaftlichkeit. Es geht vielmehr darum, ein national und international akzeptiertes Studium zu entwickeln und die Zahl der Studienabbrecher zu verringern. 

In der Kürze der Zeit beim Bachelorstudium und durch ständig anstehenden Prüfungen bleibe den Lehrenden nichts anderes, als den Studierenden ein "Datengerüst" über das Feld der jeweiligen wissenschaftlichen Disziplin, sei es an der Hochschule oder im Beruf, mit auf den Weg zu geben, so Matthias Bickenbach. Die Studentinnen und Studenten sollten sich in diesem "Datengerüst" auch frei bewegen können. Geschichtliches und systematisch-theoretisches Hintergrundwissen ist wichtig, aber auch kritisch-reflexives. Um eine solide wissenschaftliche Grundbildung zu gewährleisten, soviel ist sicher, bedarf es eines besseren Betreuungsverhältnisses zwischen Studierenden und Lehrenden und neuer Betreuungsmodelle. Das sind die entscheidenden Voraussetzungen, damit die Möglichkeiten des neuen Systems nutzbar gemacht werden.

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 12.06.2006
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