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24. 04. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Damit die Berufswahl nicht zur Berufswahlfalle wird...

Der Berufswahlpass - für langfristige Orientierung in der Zeit des Übergangs von der Schule zum Beruf

Bild

Reisepass (Quelle: Photocase.com)

Ein Pass ist zwar nur ein Stück Papier. Immerhin kann man mit diesem Papier ganz gefahrlos Grenzen überschreiten. Bisweilen erscheinen geografische Grenzen allerdings leichter passierbar als die Schwelle von der Schule zum Beruf. Für Zehntausende Jugendliche jedenfalls ist der Weg zum Ausbildungsplatz steiniger als die Reise in einen fremden Kontinent; denn hier benötigen sie nur Geld und Pass, dort jedoch vorzeigbares Können und überzeugte Personalchefs.  

Nun soll der Berufswahlpass den "Verkehr", also den berufswahlbezogenen Kontakt zwischen Schule und Betrieb, Elternhaus, Arbeitsagentur, Betrieben, Gewerkschaften und den Orientierung suchenden Jugendlichen in Gang bringen. Schon seit dem Jahr 2000 wird der Berufswahlpass erprobt. Denn es kommt immer noch vor, dass es zwischen Schulen und Betrieb oder Eltern und Lehrkräften wenig Austausch über die Berufsorientierung der anvertrauten Jugendlichen gibt.  

Bundesweit verbreitet
Hinter dem Berufswahlpass steht ein umfangreiches Projekt, das in sieben Bundesländern im so genannten Nordverbund verankert ist. Vier westliche Länder (Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein) und Berlin sowie zwei östliche (Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern) sind beteiligt. Das Verbundprojekt entwickelt das Konzept des Berufswahlpasses in den verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Schwerpunkten weiter. Der Pass verbreitet sich immer mehr: Über die sieben Bundesländer hinaus setzen auch Hessen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Thüringen das Instrument der Berufsorientierung ein.  

Förderer sind das Bundesministerium für Bildung und Forschung, der Europäische Sozialfonds und das Programm "Schule, Wirtschaft/Arbeitsleben" (SWA). Die Berufswahlpässe bestellen Schulen aller Schulformen, allen voran die Hauptschulen, die etwa in Schleswig-Holstein lückenlos mit diesem Werkzeug der Berufsorientierung versorgt werden.  

Orientierung als Kompetenz
Was wollen die vielen Projektbeteiligten mit dem Berufswahlpass erreichen? Dreh- und Angelpunkt beim Berufswahlpass ist die "Orientierungskompetenz". Darunter versteht Alfred Lumpe, Projektleiter des Nordverbundes, die "selbst gesteuerte berufliche Orientierung der Schülerinnen und Schüler über die Klärung der Stärken und Interessen, die Entwicklung der Lernfähigkeit und die Auseinandersetzung mit der individuellen Leistungsbereitschaft bis hin zur Planung und Realisierung der beruflichen Erstausbildung". Die Berufslandschaft ist heutzutage derart zersplittert, neue Berufsbilder tauchen auf, neue Beschäftigungsformen fordern die Arbeitnehmer heraus, dass es für jeden Jugendlichen sinnvoll ist, einen individuellen Weg auf der Landkarte der Berufswahl zu zeichnen.  

So wie der Pass im Ausland früher einen Stempel erhielt, so ist der Stempel im Berufswahlpass das Dossier mit Zertifikaten, Urkunden, Bescheinigungen über Aktivitäten, die einen Bezug zur Berufswahl haben. Zahlreiche Qualifikationen erwerben die Schüler an der Schule, in Praktika, bei Betriebserkundungen und beim Engagement in Vereinen. All das bliebe Berufsberatern und Arbeitgebern verborgen, würde es nicht dokumentiert.  

Rettungsring im Bewerbungsgespräch
Der Berufswahlpass besteht aus einem Ringbuch mit Einlageblättern, das die Jugendlichen fortlaufend ergänzen. Sie erhalten ihn zu Beginn der siebten Klasssenstufe, das ist eine Besonderheit des Passes. Und er gehört nicht wie der Reisepass dem Staat, sondern den Jugendlichen. Der Pass ist ein ständiger Begleiter in der Orientierungsphase, die in den vergangenen Jahren für die Jugendlichen nicht übersichtlicher geworden ist. Der Berufswahlpass ist Anlass für die Schulen, das "schulinterne Berufsorientierungscurriculum zu formulieren". Der Einsatz des Berufswahlpasses führt dazu, dass "das Bewusstsein für Berufsorientierung an der Schule und bei Lehrkräften als fächerübergreifende und fächerverbindende Aufgabe an Bedeutung und Stellenwert gewinnt".  Er ist Anstoß für die Partnerbetriebe, den Schulen ihr Angebot vorzustellen und Futter bei Gesprächen mit dem Berufsberater.  

Drei Varianten des Berufswahlpasses werden ausgehändigt: Für schwächere Schülerinnen und Schüler kommt Typ 1 in Frage, der auch lernmethodische Anregungen und Hinweise zur Lebensführung (etwa den  Umgang mit Geld) enthält. Dieser Typ ist auch geeignet für bestimmte Jugendliche aus Migrantenfamilien, die Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben. Für Jugendliche, die nach der Sekundarstufe I einen Beruf erlangen wollen, gibt es Typ 2 und wer nach der Sekundarstufe I auf das Gymnasium geht oder sonst weiter lernt, der erhält Typ 3 des Passes. Anspruch ist es, die Typen auf die Bedürfnisse der unterschiedlichen Schülergruppen zuzuschneiden und je nachdem die Lebensplanung, die Berufswahl oder mehr die Berufsbildung zu akzentuieren. Indem der Berufswahlpass bereits an Siebtklässler ausgeteilt wird, setzt er seine Hebel lange vor der heißen Bewerbungszeit an. Da er auch ein Nachdenken der Jugendlichen über die Lebensplanung einschließt, ist er zudem auf Langfristigkeit angelegt.

Der Berufswahlpass in Schleswig-Holstein
Erzielt der Berufswahlpass tatsächlich die gewünschte Wirkung? Das Ministerium für Bildung und Frauen (MBF) in Schleswig-Holstein hat jüngst im Dezember 2005 einen Abschlussbericht "Flexibilisierungsbausteine und Berufswahlpass" über die Erfahrungen mit dem Pass im Lande veröffentlicht. Danach brachte Schleswig-Holstein 16.000 Pässe in den Umlauf. Bei rund 138.000 Jugendlichen an allgemein bildenden Schulen der Sekundarstufe I in Schleswig-Holstein macht das zwölf Prozent. Immerhin. In Klassen, in denen mit dem Berufswahlpass gearbeitet wird, sei das Interesse an der Berufsorientierung größer, so eines der Ergebnisse. Der Pass sei für Jugendliche ein "motivierendes Instrument". In Beratungs- oder Bewerbungsgesprächen sei er für die jungen Bewerber "etwas zum Festhalten".    

Auch in der Elternarbeit leistet der Berufswahlpass wertvolle Dienste, denn er wird zum "Gesprächsanlass" zwischen Eltern und ihren Kindern. Er wird zum "Türöffner für verstärkte Elternmitwirkung", schreibt Brigitte Döring vom MBF. So komme es vor, dass Eltern den Pass ins Gespräch bringen und ihn dann in die Schule der Kinder einführen. Den landesweiten Elternfachtag im Jahre 2005 hätten 100 Eltern besucht.   

Nachdenken über Berufsorientierung - Nachdenken über Zukunft
Und die Lehrkräfte? Schon in der Lehrerbildung hat Schleswig-Holstein 130 Referendare mit dem Berufswahlpass vertraut gemacht, die nun als Multiplikatoren wirken. Bei der Abschlussveranstaltung zum Berufswahlpass - die Förderung durch das Programm SWA ist seit Ende vergangenen Jahres abgelaufen - haben sich 150 Lehrkräfte eingefunden. An den Schulen, die mit dem Pass arbeiten, hätte es ein "Nachdenken" über die Berufsorientierung eingesetzt. Als hinderlich habe sich allerdings die Verharrung im "fachgebundenen Denken" erwiesen. Die Aufgabe von Lehrenden müsse es sein, die "individuelle Entwicklung von Kompetenzen der Schüler" voranzubringen, so Alfred Lumpe. 

Die Wirtschaft gibt sich aufgeschlossen: Der Verband Nordmetall wird mit dem Statement angeführt, der Berufswahlpass sei "eine früh beginnende, gut strukturierte, planvolle und mit breiter Unterstützung angelegte Berufsorientierung". Brigitte Döring gibt am Ende des Berichts sogar Empfehlungen, dem Pass zu mehr Durchschlagskraft zu verhelfen. So sei es aussichtsreich, wenn Lehrkräfte bereits in ihrer Ausbildung für die Berufsorientierung sensibilisiert würden. Die Adressatengruppen, Arbeitgeber, außerschulische Partner müssten "persönlich angesprochen" werden.   

Ausblick
Das Ende der offiziellen Förderung durch das Programm "Schule - Wirtschaft / Arbeitsleben" bedeutet keinen Stillstand für das Projekt Berufswahlpass. Der Nordverbund der sieben Länder wird sich zur "Bundesarbeitsgemeinschaft" zusammenschließen und die Erfahrungen in den vergangenen fünf Jahren auswerten. Der Pass wird ständig überarbeitet und neu aufgelegt.   

Eine Erfahrung lehrt: Die Jugendlichen arbeiten noch immer lieber mit Printmedien als mit digitalisierten Medien, zumindest was die Berufsorientierung anbelangt, so Alfred Lumpe. Das hinderte Hamburg nicht, mit 2.000 Schülerinnen und Schüler aus Hamburg eine elektronische Form des Passes zu entwickeln. Die Gründe dafür sind einleuchtend: Zunehmend verlangen Betriebe, dass sich Jugendliche auch über das Medium Internet bewerben. Wenn diese ihre Zertifikate und Dokumente auch in digitaler Form den Bewerbungen zufügen können, erleichtert das den Bewerbungsablauf. Für Schüler, die ihren Pass elektronisch abrufen wollen, gibt es daher die "Beobox", einen virtuellen Bewerbungsordner. Diese Jugendlichen schreiben unabhängig vom Ort ihre Bewerbungen an die Arbeitgeber, sei es von der Schule aus, der Arbeitsagentur oder von zu Hause. Auch die elektronische Form des Passes soll bundesweit verbreitet werden.   

In der Stärke des Vorhabens "Berufswahlpass" ist zugleich auch seine Schwäche begründet. Die Arbeit mit dem Pass steht und fällt in hohem Maße mit dem persönlichen Engagement der Jugendlichen. Mit der "großen Freiwilligkeit", so Alfred Lumpe, könne man aber bei den Risikogruppen nicht rechnen. Risikoschüler tauchten beim Berufsberater auf, verschwänden aber auch genauso unverbindlich wieder. Bei einem erneuten Beratungsgespräch müsse man immer wieder bei Null anfangen. Für diese Gruppe überlege man, bei dem Einsatz des Berufswahlpasse für mehr Verbindlichkeit zu sorgen: Etwa, indem bestimmte Teile des Ringbuches erst dann ausgehändigt würden, wenn die Jugendlichen vorherige Schritte erledigt hätten. Hier müsse man ein praktikables und einfaches Dokumentationssystem entwickeln, das die Mitarbeit dieser Gruppe absichere. 

Was wäre, wenn es den Berufswahlpass in Deutschland nicht gäbe? "Dann wird der Übergang von der Schule zum Berufs sicher viel problematischer", sagt Alfred Lumpe. Der Berufsbildungspass ist also nicht nur ein "Stück Papier", sondern könnte ein Stück Zukunft, für diejenigen werden, die mit ihm auf die Reise durchs Berufsleben gehen.


 

Autor(in): Arnd Zickgraf
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Datum: 24.04.2006
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