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09. 03. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Transitionen zwischen Familie, KiTa und Schule

Zur Bewältigung von Übergängen zwischen Familie und Bildungseinrichtungen und zwischen den Bildungseinrichtungen

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Renate Niesel, Wilfried Griebel

Renate Niesel , Wilfried Griebel

Zunehmende Erfahrungen von Brüchen, Veränderungen, Übergängen im Lebenslauf der jüngeren Generationen lassen verstärkte pädagogische Aufmerksamkeit auf die Bewältigung von Transitionen auch in der Bildungsbiographie richten. Ein theoriegeleitetes Konzept kann als ein wichtiges Instrument für die Entwicklung, Umsetzung und Überprüfung von pädagogischen Maßnahmen zur Begleitung von Übergängen dienen (Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen & Staatsinstitut für Frühpädagogik (2005).

Vom Alltagsbegriff Übergang zum Fachbegriff Transition
In der neueren Familienforschung werden Übergänge oder Transitionen in der Entwicklung der Familie beschrieben. Als Transitionen angeführt werden der Übergang von der Partnerschaft zur Elternschaft, wenn das erste Kind geboren wird, der Eintritt des Kindes in das Jugendlichenalter, der Eintritt ins Erwerbsleben, das Verlassen des Haushalts durch das jüngste Kind, der Eintritt ins Rentenalter sowie Trennung und Scheidung von Eltern, neue Partnerschaften und Gründung einer Stieffamilie. Psychologische Erkenntnisse zur Bewältigung von Übergängen sollen vermittelt und an die Stelle eines alltagssprachlichen Übergangsbegriffs ein Fachbegriff Übergang oder Transition gesetzt werden (Griebel & Niesel, 2004).

Theorie leitet das Verständnis
Ein umfassenderes theoretisches Konzept wurde am Staatsinstitut für Frühpädagogik in München entwickelt. Es thematisiert die Bewältigung von Diskontinuität und berücksichtigt - z.B. beim Übergang in die Schule - dass nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern diesen bewältigen müssen. Das Konzept stammt aus der Familienentwicklungspsychologie und ist auf unterschiedliche familiale Übergänge anwendbar.
Zur Formulierung des Transitionskonzepts haben mehrere theoretische Entwicklungen beigetragen. (a) Allgemeine Anwendung in der einschlägigen Forschung findet das Modell der Systemebenen von Bronfenbrenner, nach dem Entwicklung in der Auseinandersetzung mit der sozialen Umgebung stattfindet. (b) Die Stressforschung lieferte einen Rahmen für die Erklärung von Belastungsreaktionen. Danach sind Überlastungsreaktionen vermeidbar, wenn Veränderungen im Lebensumfeld des Kindes gering gehalten, wenn sie vorhersehbar und kontrollierbar gestaltet werden. Zudem ist die motivationale Ebene - Vorfreude oder Ängste in Bezug auf bevorstehende Veränderungen - mit zu berücksichtigen. (c) Veränderungen im Lebensumfeld des Kindes lassen sich im Zusammenhang mit der Entwicklung über die Lebensspanne als kritische Lebensereignisse betrachten. Dazu gehört z.B. auch der Übergang von der Familie in den Kindergarten und von diesem in die Schule. Außer Belastung kann ein kritisches Lebensereignis eine Entwicklung fördernde Herausforderung sein. Lern- und Entwicklungsprozesse werden in der Interaktion des Individuums mit dem Kontext als soziale Konstruktionen verstanden.

Den Übergang strukturieren: Entwicklungsaufgaben
Das Transitionskonzept bietet eine Struktur von Entwicklungsaufgaben, die zu bewältigen sind:
(a) auf der individuellen Ebene: Veränderung der Identität; Bewältigung starker Emotionen; Kompetenzerwerb,
(b) der interaktionalen Ebene: Aufnahme neuer Beziehungen; Veränderung bzw. Verlust bestehender Beziehungen; Rollenzuwachs und
(c) auf der kontextuellen Ebene: Integration zweier oder mehr Lebensumwelten; verändertes Curriculum; evtl. weitere familiale Übergänge.

Es handelt sich jeweils um Diskontinuitäten in den Erfahrungen. Die mit dem Übergang verbundenen Anforderungen werden als Entwicklungsaufgaben aufgefasst, um den motivationalen, herausfordernden Charakter stärker zu betonen. Orientierung an der Herausforderung leitet das pädagogische Handeln, während Überforderung ebenso wie Unterforderung vermieden wird. So kann eine Passung zwischen den jeweiligen Aufgabe und den individuellen Voraussetzungen gesucht werden.

Transition zwischen Familie und Bildungseinrichtungen
Das deutsche Bildungssystem ist von Übergängen zwischen Familie und Bildungseinrichtungen bzw. zwischen den Bildungseinrichtungen gekennzeichnet. Dazu zählen die Übergänge von der Familie in die Krippe, von der Krippe in den Kindergarten, von der Familie in den Kindergarten, vom Kindergarten in die Grundschule, vom Kindergarten in den Hort, von der Grundschule in die Typen der weiterführenden Schule. Der Eintritt in die außerfamiliale Betreuung, Erziehung und Bildung sowie der Übergang in die Schule haben hierbei besondere Bedeutung.

  • Übergang von der Familie in eine Kindertagesstätte
    Abhängig vom Alter des Kindes und vom Typ der Bildungseinrichtung kann es um die Aufnahme und Eingewöhnung eines unter-dreijährigen Kindes in eine Kinderkrippe oder in einen Kindergarten gehen, oder eines Kindes im Alter von drei oder mehr Jahren in den Kindergarten oder eines Kindes unterschiedlichen Alters in eine Gruppe mit erweiterter Altersmischung.
    Von der Bindungstheorie ausgehend, wird bei Kindern unter drei Jahren konzeptionell ein Beziehungsdreieck zwischen Kind, dessen vertrauter familialer Bezugsperson (Elternteil) und einer Fachkraft als zukünftiger Vertrauen gebender Bindungsperson zugrunde gelegt (Laewen et al., 2000). Für die Eingewöhnungszeit sollte diese Fachkraft konstant für das Kind verfügbar sein. Am Verhalten des Kindes und seinen Äußerungen von Zufriedenheit und Überforderung orientieren sich Aufnahme und Dauer von Kontakten. Der Eingewöhnungsprozess endet, wenn das Kind eine sichere Bindungsbeziehung zur Fachkraft aufgebaut hat, es sich bei Beunruhigung von ihr trösten lässt und sie ihm als sichere Basis für die Erkundung der neuen Umgebung und die Nutzung der vorhandenen Spiel- und Lernmöglichkeiten dienen kann.
    Nach dem Transitionskonzept verständigen sich alle Beteiligten darüber, was der Eintritt des Kindes in die Tageseinrichtung bedeutet und co-konstruieren damit diesen Übergang. Die Gestaltung des Übergangs als Prozess sieht die Vorbereitung der Eingewöhnung, die Begleitung des Kindes seitens der der primären Betreuungsperson, die sorgfältige Planung und Durchführung der ersten Trennungsphase und die Gewährleistung der emotionalen Sicherheit des Kindes durch vorhersehbare Bring- und Holzeiten, Rituale und Übergangsobjekte vor. Das Zusammenwirken aller Akteure aus Familie und Einrichtung berücksichtigt die Unterscheidung, dass Kind und Eltern den Übergang aktiv bewältigen, die Fachkraft jedoch den Übergang der Familie moderiert. Auch die Kinder der Gruppe werden hier als Akteure gesehen, die den Übergang des neuen Gruppenmitglieds beeinflussen.
    Zur Unterstützung der aktiven Auseinandersetzung von Kind, Elternteil und Fachkraft mit Stress, der über Bewältigung von Veränderungen entsteht, sollten Stress reduzierende Maßnahmen und Unterstützungssysteme für alle Beteiligten eingesetzt werden, also auch für die Eltern und die Fachkräfte. Für das Kind wird die Bedeutung der anderen Kinder in der Gruppe betont.

  • Schulkind und Eltern eines Schulkindes werden: ein Übergang für die Familie
    Die wichtigsten Ergebnisse internationaler Forschung lassen sich so umreißen: Unabhängig davon, wie unterschiedlich die vorschulischen Einrichtungen in den einzelnen Ländern organisiert sind, ist der Eintritt des Kindes in das formale Schulsystem ein bedeutender Entwicklungsabschnitt für das einzelne Kind und seine Familie. Der Übergang in die Schule ist für die Kinder in verschiedenen Bereichen stressbelastet. Diese Bereiche und die Anforderungen gilt es näher zu beschreiben. Dazu dient die oben beschriebene Struktur der Entwicklungsaufgaben.
    Ein besseres Verständnis von Transitionen kann die Kommunikation und Kooperation aller Beteiligten anregen. Pädagogische Vorgehensweisen zur Gestaltung von Übergängen lassen sich auf dieser Grundlage entwerfen. Die handelnden Personen - Kinder und ihre Eltern, Fachkräfte in Kindergärten, Grundschullehrkräfte und Mitarbeiter anderer helfender Dienste - können Wege der Umsetzung vor Ort selbst erarbeiten und eine Kultur der Gestaltung von Übergängen entwickeln. Dieser Prozess, der von Kommunikation und Partizipation getragen wird, wird als Co-Konstruktion bezeichnet. Er umfasst das soziale System, in dessen Mittelpunkt das Kind steht.
    Die Bedeutung der Eltern im Transitionsprozess wird insofern neu bewertet, als Eltern in einer Doppelfunktion gesehen werden: Sie sind nicht nur Unterstützer ihres werdenden Schulkindes, sondern sie bewältigen mit dessen Übergang in die Schule eine weitere Entwicklungsaufgabe im Erwachsenenalter. Sie werden Eltern eines Schulkindes, und das ist verbunden mit Anforderungen auf der individuellen, der interaktionalen und der kontextuellen Ebene.
    Das Kind ist dann ein kompetentes Schulkind geworden, wenn es sich in der Schule wohl fühlt, die gestellten Anforderungen bewältigt und die Bildungsangebote für sich optimal nutzt. Man kann davon ausgehen, dass ein gelungener Start in die Schule die weitere schulische Laufbahn in der Grundschule und dann darüber hinaus positiv beeinflusst. Ein besonderes Augenmerk auf den Übergang zum Schulkind ist daher gerechtfertigt und notwendig.

  • Schulfähigkeit nicht nur des Kindes: Übergangskompetenzen im sozialen System
    Basiskompetenzen wie kommunikative Fertigkeiten und schulnahe Vorläuferkompetenzen wie phonologische Bewusstheit und Zahlbegriffsentwicklung sind die Grundlage dafür, dass Kinder sich dem Übergang zum Schulkind erfolgreich stellen. Entwicklung und Förderung dieser Kompetenzen geschehen nicht nur durch das Elternhaus und den Kindergarten, sondern die Grundschule hat die Aufgabe, diese Kompetenzen weiter zu entwickeln und dafür zu sorgen, dass sie nicht verlernt oder gar entwertet werden. Das Kind wird erst in der Schule - d.h. mit schulspezifischen Erfahrungen - ein Schulkind.
    Ein verkürztes Konzept von "Schulfähigkeit" im Sinne einer abfragbaren Liste von Fertigkeiten als Voraussetzung für einen gelingenden Schulstart gilt es zu überwinden. Stattdessen gehören hierher die gesamte Schulvorbereitung des Kindes im Kindergarten sowie die wechselseitige Kooperation zwischen Familie, Kindergarten und Grundschule.
    Die Übergangskompetenz, d.h. die Fähigkeit und Bereitschaft, den Übergang erfolgreich zu bewältigen, hängen sehr stark ab von der Fähigkeit und Bereitschaft aller beteiligten Akteure aus Familie, Kindertagesstätte und Grundschule zu Kommunikation und Partizipation. Wirksam werden dabei die persönlichen Kompetenzen dieser Akteure wie berufliche Qualifikation sowie Merkmale der sozialen Systeme, in denen das Kind involviert ist: Passung von Konzeption der KiTa und Lehrplan der Schule, Strukturen von Zusammenarbeit und Erarbeiten von Transitionsprogrammen. Sie sind die Grundlage für pädagogisch optimal gestaltete und abgestimmte Übergänge. Besonders deutlich wird das bei jüngeren Kindern, die in die Schule kommen, oder bei Kindern mit besonderen Bedürfnissen.
    Schulfähigkeit wird im Transitionsansatz, wie national und international gefordert, zu einer Aufgabe für alle Beteiligten. Somit ist es die Kompetenz des sozialen Systems, die Erfolg oder Misserfolg der Übergangsbewältigung maßgeblich bestimmt.

Literatur
Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen & Staatsinstitut für Frühpädagogik (2005) Der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung. Weinheim: Beltz

Griebel, W. & Niesel, R. (2004). Transitionen. Weinheim: Beltz

Laewen, H.-J., Andres, B. & Hédervári, È. (2000). Ohne Eltern geht es nicht. Die Eingewöhnung von Kindern in Krippen und Tagespflegestellen. Weinheim: Beltz (3. Aufl.)


Renate Niesel, Diplom-Psychologin, ist wissenschaftliche Referentin am Staatsinstitut für Frühpädagogik, München.
Arbeitsschwerpunkte: Übergänge in der Familienentwicklung und im Bildungssystem, erweiterte Altersmischung, Kinder unter drei Jahren in Tageseinrichtungen, geschlechtergerechte Pädagogik. Zahlreiche Veröffentlichungen, u.a.: Transitionen. Beltz Verlag, 2004 (zusammen mit W. Griebel)

Wilfried Griebel, Jahrgang 1951, Dipl.-Psychologe ist wissenschaftlicher. Referent am Staatsinstitut für Frühpädagogik, München.
Arbeitsschwerpunkte: Kinder in Scheidungs-, Stief-, Pflege- und Adoptivfamilien, Übergänge im Bildungssystem, erweiterte Altersmischung und heterogen zusammengesetzte Gruppen, Gewalt in der Erziehung. Mitglied der European Early Childhood Education Research Association.

Autor(in): Ursula Münch
Kontakt zur Redaktion
Datum: 09.03.2006
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