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11. 01. 2001

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

" ...die Gefahr, abgehängt zu werden"

Matthias Berninger von Bündnis 90/Die Grünen über die Weiterbildung von morgen

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Forum Bildung: Wie wichtig ist Weiterbildung heute?

Berninger: Sehr wichtig. Ich glaube, dass diejenigen, die unter 35-40 Jahre sind, bereits von den Veränderungen der Arbeitswelt betroffen sein werden. Sie werden ohne eine intensive Weiterbildung große Schwierigkeiten bekommen. Voraussetzung für allen Wandel in der Arbeitswelt und wirtschaftlichen Erfolg ist eben die Tatsache, dass wir die Menschen weiterbilden. Der zweite wichtige Punkt ist die demographische Entwicklung: In 20 Jahren wird der Großteil aller Arbeitnehmer älter als 40 Jahre sein, ein Drittel älter als 50. Nicht vergessen darf man auch, dass in Deutschland Leute mit einem hohen Bildungsabschluss sehr viel mehr Weiterbildung nutzen als die mit einem niedrigen Bildungsabschluss. Deshalb sollten für Einkommensschwächere vernünftige Angebote gemacht werden.

Forum Bildung: Die auch finanziert sein wollen. Meinen Sie damit das Bildungssparen?

Berninger: Bildungssparen soll unserer Meinung nach den gleichen Stellenwert wie Bausparen und die Vermögenswirksamen Leistungen einnehmen. Das sind Vorsorgeleistungen für eine Einkommensgruppe bis 70.000 DM. Diese Gruppe zählt sowieso zu der bildungsfernen Bevölkerungsgruppe und läuft ebenfalls bei der Weiterbildung Gefahr, abgehängt zu werden.

Forum Bildung: Das Problem mit dem Bildungssparen ist, dass jede Partei scheinbar etwas anderes darunter versteht?

Berninger:
Ich kann ihnen konkret sagen, was die Grünen darunter verstehen. Bildungssparen ist auf einen Zeitraum von wenigen Jahren angelegt. Der Beitrag des Arbeitnehmers beläuft sich auf 780 DM, der des Arbeitgebers auf 624 DM pro Jahr und der Staat legt noch mal 30% auf die Gesamtsumme drauf. Im Grunde ist unser Vorschlag wie Bausparen, nur mit einer höheren staatlichen Zulage und einer kürzeren Laufzeit.

Forum Bildung: Kann ich als Bildungssparer selbst aussuchen, wofür ich mein Geld ausgebe?

Berninger: Ich wünsche mir einen Weiterbildungsmarkt, auf dem die Anbieter sich mit einem Zertifikat ausweisen, dass sie Gelder des Bildungssparens verwenden können.

Forum Bildung: ...und die Zertifikate kommen von der fiktiven "Stiftung Bildungstest"?

Berninger: Eine "Stiftung Bildungstest" hätte die Aufgabe, Qualitätskriterien für den Weiterbildungsmarkt insgesamt aufzustellen. Es muss natürlich auch festgelegt werden, welche Bildungsträger überhaupt Sinn machen - ob Töpfern oder ein Flugschein zum Beispiel als Weiterbildungsmaßnahme taugen. Am Ende sollte der Konsument relativ einfache Kriterien haben, wonach er aussuchen kann. Das Schöne am Bildungssparen ist ja auch, dass der Einzelne auch eine starke Verantwortung spürt, weil er oder sie selbst gespart hat. Den Spargedanken halte ich für sehr wichtig.

Forum Bildung: Die Grünen fordern auch, dass die Job-Rotation zur Regelmaßnahme gemacht wird. Was verbirgt sich denn dahinter?

Berninger: Mit der Job-Rotation erleichtert man es Betrieben auf Mitarbeiter zu verzichten, die längere Zeit eine Weiterbildung machen. Die staatliche Seite fördert Übergangsarbeitsplätze und ermöglicht den Ersatzleuten so ebenfalls eine Weiterbildung. Modellprojekte in Rheinland-Pfalz sind sehr erfolgreich.

Forum Bildung: Bei Spezialisten zum Beispiel in der IT-Branche dürfte es aber mit Ersatzleuten schwierig aussehen?

Berninger: Job-Rotation ist nicht für High Potentials sinnvoll, sondern nur für weniger Qualifizierte.

Forum Bildung: Werden künftig Job-Rotation und Weiterbildung Hand in Hand gehen oder gibt es noch andere Möglichkeiten?

Berninger: Job-Rotation wird nicht der alleinige Weg sein, denn realistisch gesehen werden die meisten Menschen ihren Job für eine Weiterbildung nicht verlassen können. Das Internet wird in diesem Kontext sehr bedeutungsvoll werden - denn damit sind Arbeitnehmer zeitlich und örtlich unabhängig.

Forum Bildung: Die Grünen scheinen sich ja neuerdings auch auf das Internet zu stürzen Virtuelle Parteitage und Vorsitzende wie Frau Künast, die oft vom Internet predigt. Dabei herrscht ja immer noch das Klischee vor, dass ihre Partei mit Technik nicht viel am Hut hat?

Berninger: Den Grünen haftet noch die Technikfeindlichkeit der frühen Jahre an. Wir nutzen die Technik aber sehr stark und kennen uns im Internet gut aus. Der Kurswechsel war schon länger abzusehen. Im Bildungsbereich ist das Potenzial des Internets noch lange nicht ausgeschöpft. Wir geben als Regierung ja auch viel Geld aus für Notebook-Unis und die Entwicklung neuer Lernsoftware aus. Das Internet wird das Schlüsselmedium für eine vernünftige Weiterbildung sein. Und ich freue mich, dass die Grünen hier ziemlich weit vorn sind anstatt hinterherzuhinken.

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 11.01.2001
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