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13. 02. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Exzellenzinitiative auf dem Vormarsch

Sieger der ersten Vorrunde bereits ermittelt

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LMU München - eine der Unis mit hervorragenden Aussichten

36 Universitäten dürfen weiterhin hoffen. Im Wettbewerb der Exzellenzen hat die Gemeinsame Kommission, die sich aus den Mitgliedern der Fachkommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Strategiekommission des Wissenschaftsrates zusammensetzt, am 20. Januar 2006 erste Entscheidungen getroffen. Danach wurden 36 der Universitäten, die sich mit ihren Antragsskizzen um die ausgeschriebenen Fördergelder beworben haben, zur Einreichung von Vollanträgen aufgefordert. Erst nach Prüfung dieser Anträge wird im Oktober dieses Jahres die endgültige Entscheidung über die Vergabe der Fördermittel fallen.

Entscheidungsgerangel um Exzellenzinitiative
Alles hatte so mühsam angefangen. Schon vor zwei Jahren schlug die damalige Bundesregierung die Exzellenzinitiative vor. Man wollte heraus aus der gefühlten Mittelmäßigkeit, Unterfinanzierung und Schwäche der Universitäten als Stätten der Forschung. Das Bild einer oder zweier Superunis schwebte der Regierung vor Augen, mit denen der Anschluss an die internationale Spitze gelingen sollte. Durch den von der damaligen Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn vorgeschlagenen Wettbewerb "Brain up! Deutschland sucht seine Spitzenuniversitäten" sollten diese ermittelt werden. Von solchen Überlegungen musste man sich schnell verabschieden. Bund und Länder einigten sich stattdessen auf eine Initiative, in der es drei projektorientierte Förderlinien geben sollte, in der höchstens die dritte, die Förderlinie für Universitäten mit "Zukunftskonzepten zur Spitzenforschung", noch einen Bezug zur Ursprungsidee Eliteunis hat. Aber davon soll es nun nicht nur eine, sondern gleich zehn geben.

Trotz dieser inhaltlichen Klärung ging es mit dem Programm "Exzellenzinitiative" nicht so recht weiter. Immer und immer wieder wurde eine Entscheidung darüber verschoben, zu sehr war sie mit der Frage der Föderalismusreform verknüpft, so Prof. Ernst-Ludwig Winnacker, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Erst nach ihrem Scheitern Ende 2004 und einem weiteren fehlgeschlagenen Versuch im April 2005 gelang es zum 23. Juni 2005 durch Bemühungen auf allen Seiten, doch noch eine Einigung zu erzielen, ergänzt er. Jetzt fiel der Startschuss zur Exzellenzinitiative, mit der Bund und Länder den Wissenschaftsstandort Deutschland nachhaltig stärken, seine internationale Wettbewerbsfähigkeit verbessern und auch Spitzen im Universitäts- und Wissenschaftsbereich sichtbarer machen wollen, so die DFG.

Die drei Förderlinien
Insgesamt geht es um viel Geld. Die Exzellenzinitiative ist mit 1,9 Milliarden Euro bis zum Jahr 2011 fest finanziert. Der Bund übernimmt 75 Prozent des Fördervolumens. Die Länder, in denen die ausgewählten Einrichtungen ihren Sitz haben werden, stellen die weiteren 25 Prozent der Förderung. Geplant ist, im Rahmen der Exzellenzinitiative in den nächsten fünf Jahren rund 40 Graduiertenschulen für die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses mit einer Millionen Euro pro Jahr und rund 30 Exzellenzcluster mit 6,5 Millionen Euro jährlich zu fördern. In den Exzellenzclustern soll die Forschung stärker vernetzt werden und international sichtbare Schwerpunkte bilden. In ihnen werden die herausragenden Forscherinnen und Forscher zusammengeführt. Zur Finanzierung der Förderlinie drei, der "Zukunftskonzepte zu universitärer Spitzenforschung", ist vorgesehen, rund 21 Millionen Euro im Jahr für jede Hochschule bereitzustellen, einschließlich der Mittel in den beiden ersten Förderlinien. Für eine Förderung in der dritten Programmlinie der Exzellenzinitiative müssen mindestens ein wissenschaftliches Exzellenz-Zentrum von internationalem Ruf, eine Graduiertenschule sowie eine schlüssige Gesamtstrategie zu einem weltweit anerkannten Institut nachgewiesen werden.

Zwei Ausschreibungsrunden geplant
Für die Auswahl der Hochschulen sind zwei Ausschreibungsrunden vorgesehen, die in jeweils zwei Stufen der Antragstellung gegliedert sind: Jede Hochschule reicht zunächst eine Antragsskizze ein und ist erst nach Auswahl durch die Kommission dazu aufgefordert, einen Vollantrag zu stellen. Auch die Beteiligung außeruniversitärer Einrichtungen ist ausdrücklich erwünscht. Bis zum 15. Oktober 2005 konnten die Hochschulen ihre Beiträge in der ersten Wettbewerbsrunde bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Wissenschaftsrat einreichen. Aus den eingegangenen 319 Skizzen von insgesamt 74 Universitäten hat die aus internationalen Wissenschaftlern zusammengesetzte Gemeinsame Kommission am 20. Januar 2006 die besten ausgewählt. Die Bewilligungen erfolgen voraussichtlich im Oktober dieses Jahres. Die Bewilligungen für die zweite Runde sind dann genau ein Jahr später im Herbst 2007 vorgesehen. Anmelden kann man sich für die zweite Runde ab April 2006.

Die Hochschulen reagieren mit viel Engagement auf die neue Aufmerksamkeit für Wissenschaft und Forschung und auf die in Aussicht stehenden Gelder. "Die Exzellenzinitiative hat eine vorher nicht gekannte Aufbruchstimmung und neuen Schwung in die Universitäten gebracht, das strategische Denken gestärkt und viele neue Ideen geboren. Sie wird entscheidend dazu beitragen, die Differenzierung der deutschen Hochschullandschaft nach Qualitätsgesichtspunkten voranzubringen", bestätigt DFG-Präsident Winnacker. Selbst Niederlagen werden positiv aufgenommen: "Dass wir im Wettbewerb um die besten Zukunftskonzepte und mit unserem geisteswissenschaftlichen Exzellenzcluster in dieser ersten Antragsrunde nicht erfolgreich waren, nehme ich als Ansporn und Herausforderung", so etwa Prof. Dr. Kurt von Figura, Präsident der Universität Göttingen, kämpferisch.

Die Sieger der Vorrunde
Noch schöner ist es natürlich, wenn sich das Engagement auch finanziell lohnt und das Geld in Forschung und Lehre gesteckt werden kann. Das gilt jetzt für die 36 Universitäten, die ihre ausgefeilten Anträge bis April einreichen dürfen. Dabei gibt es nicht nur unter den Kandidaten für die "Leuchttürme der Wissenschaft", sondern auch bei den "Graduiertenschulen" und "Exzellenzclustern" einige Überraschungen. Interessant ist ein Trend, der sich in allen drei Bereichen durchsetzt: Es gibt ein Ost-West- und ein Nord-Süd-Gefälle. Der Osten und der Norden gehen nahezu leer aus. So schafften es manche Favoriten wie die beiden Münchner Universitäten, Heidelberg oder Aachen tatsächlich mit Bravour, in die engere Auswahl der Förderlinie "Zukunftskonzepte" zu kommen, während andere wie die Berliner Humboldt-Uni, die Technischen Hochschulen Darmstadt und Dresden leer ausgingen. Auch bei den 39 Gewinnern der Vorrunde in der Förderlinie Graduiertenschulen sind die Hochschulen aus Nordrhein-Westfalen und Bayern sowie Baden-Württemberg sehr erfolgreich, beispielsweise die RWTH Aachen, die direkt mit vier Antragsskizzen punktete, aber auch die Universitäten Freiburg und München. Zu den 41 erfolgreichsten Exzellenzclustern gehören wiederum beide Münchner Universitäten, aber auch alle drei Berliner Universitäten, die Unis in Darmstadt, Kiel und Leipzig.

Technik und Naturwissenschaften deutlich vor Geisteswissenschaften
Die Projekte, mit denen sich die Universitäten bei dem Exzellenzwettbewerb für die nächste Runde qualifizierten, weisen insgesamt, wie vom Wettbewerbsausschreiber vorgesehen, einen hohen Grad der interdisziplinären Verflechtung auf. Einige bringen sogar gleich mehrere Fakultäten zusammen. Während in den Skizzen für die Graduiertenschulen die Bereiche Geistes- und Sozialwissenschaften, Lebens-, Natur- und Ingenieurwissenschaften noch fast gleichermaßen vertreten sind, überwiegen in den Exzellenzclustern die Projekte der medizinischen und lebenswissenschaftlichen sowie der natur- und ingenieurwissenschaftlichen Forschung deutlich. Hier konnten sich nur sehr wenige geistes- und sozialwissenschaftliche Projekte, wie beispielsweise das Konzept "Governance in a Globalized World" der FU Berlin oder "Kulturelle Grundlagen von Integration" der Universität Konstanz durchsetzen.

Wissenschaftsrat: Geisteswissenschaften sind nicht in der Krise
Die Ablehnung der meisten geisteswissenschaftlichen Forschungsvorhaben sei aber "keine Aussage über die Qualität der Wissenschaftler", betont der Historiker Ulrich Herbert, Mitglied der Kommission zu den Zukunftskonzepten. Vielmehr behauptet er: "Die Exzellenzinitiative ist nicht der Ort, an dem diese Stärken sichtbar werden. Bei den so genannten Exzellenzclustern zum Beispiel werden große Forschungsverbünde ausgezeichnet, die für viele unserer Disziplinen einfach zu groß sind. Unsere Forschungsprojekte sind in der Regel kleinteiliger, individueller und vor allem weniger arbeitsteilig organisiert. In der Exzellenzinitiative werden bis zu sieben Millionen Euro jährlich für ein Projekt verteilt. Die meisten Philosophen oder Sprachwissenschaftler können so viel Geld nicht auf vernünftige Weise ausgeben."

Von einer Krise der Geisteswissenschaften will Herbert, der auch Vorsitzender der Arbeitsgruppe "Geisteswissenschaften" beim Wissenschaftsrat ist, nichts wissen. Ganz im Gegenteil. "Die Geisteswissenschaften sind stark in der Forschung und setzen international auf vielen Feldern Maßstäbe. Der wissenschaftliche Nachwuchs ist so gut ausgebildet, dass er an den besten Universitäten der Welt unterkommt." Dies bestätigen die vom Wissenschaftsrat Ende Januar herausgegebenen "Empfehlungen zur Entwicklung und Förderung der Geisteswissenschaften in Deutschland". Danach wirken die Geisteswissenschaften "gleichermaßen an der kulturellen und politischen Selbstvergewisserung Deutschlands und an der ökonomischen Wertschöpfung mit". Problematisch sei vielmehr, dass sie im vergangenen Jahrzehnt mehr als andere Fakultäten von einem rapiden Anstieg der Studierendenzahlen betroffen seien und das Betreuungsverhältnis daher besonders schlecht sei: In den geisteswissenschaftlichen Studiengängen war 2003 durchschnittlich ein Professor für 93,7 Studenten zuständig. Vier Jahre zuvor waren es 75,3.

Vorbild für Geisteswissenschaften: Instituts for Advanced Study
Damit die Geisteswissenschaften in Zukunft bei nationalen Wettbewerben nicht leer ausgehen, empfiehlt der Wissenschaftsrat die Bewertungskriterien für diese Fächer zu ändern. Für Theologen oder Philosophen könne nicht nur die Zahl an Publikationen und Drittmitteln ausschlaggebend sein. Die Hochschulen sollten selbst einen stichhaltigen Katalog vorlegen. Darüber hinaus regt der Wissenschaftsrat die DFG an, ein neues Modell zur Förderung geisteswissenschaftlicher Spitzenforschung einzurichten, da die großen naturwissenschaftlichen Verbünde für sie nicht geeignet sind. Nach dem angelsächsischen Vorbild der Instituts for Advanced Study sollten bundesweit bis zu 20 Institute entstehen, an denen Professoren gemeinsam mit Nachwuchswissenschaftlern und hochkarätigen auswärtigen Gastwissenschaftlern forschen und Zeit haben, ihre Bücher zu schreiben.

Für die Zukunft der Geisteswissenschaften wäre es schön, wenn dieser Vorschlag an Konturen gewinnt.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 13.02.2006
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